Wer heilt, hat recht?

Teil 1: Die Gebetsmühle

“Wer heilt, hat recht” ist ein Standardargument aus der alternativen Medizin.

Das Argument scheint schlagend – aber korrekterweise sollte es heißen: „Wer dabei war, hat recht“. Die Frage, welche Therapie – wenn überhaupt – bei der „Heilung“ eine Rolle gespielt hat, ist ja gar nicht geklärt. Nun, der „Heiler“ war dabei und beansprucht jeglichen positiven Effekt einschließlich des Placebo-Effektes für sich, und deshalb soll er recht bekommen. Ein Schelm, wer dabei an Trittbrettfahren denkt. „Wer heilt, hat recht“ ist die Gebetsmühle, mit deren Hilfe Anbieter der alternativen Medizin – ob Dr. med. oder nicht – auf Beutejagd gehen, und es funktioniert!

Die Vorgehensweise ist einfach: Man werbe von der regulären Medizin enttäuschte Patienten, gebe ihnen ein gutes Gefühl, rede ihnen gut zu, rede ihnen Krankheiten ein, die sie gar nicht haben, und binde sie ideologisch. Welche Quacksalber-Methode man dabei nutzt, ist eigentlich egal. Homöopathie ist ein besonders guter Kandidat, weil für sie massive Medienkampagnen gelaufen sind und sie auch ihre akademischen Helfershelfer hat, die ihnen notfalls den Stempel „wissenschaftlich“ aufdrücken. Wer darauf nicht anspricht, dem kann man ja indische oder chinesische Medizin anbieten.

Nun kann nichts mehr schief gehen. Wenn doch, liegt es an der verteufelten „Schul“-Medizin. Möglicherweise hat ein Arzt, berechtigt oder unberechtigt, eine Therapie mit vielen Nebenwirkungen verordnet. Bereits durch das Absetzen dieser Behandlung fühlt sich der Patient besser – ob ihm dies langfristig dienlich ist, sei dahingestellt: Erfolg Nummer eins. Wenn es dem Betroffenen trotz Beginn der alternativen „Behandlung“ schlecht geht – aber nur dann! – liegt es an der „Erstverschlimmerung“. Geniale Ausreden für Misserfolge! Sind Krankheiten eingebildet oder eingeredet, kann man sie ohnehin mit dubiosen Messmethoden als „geheilt“ erklären und als Erfolg abhaken. Bei anderen Beschwerden warte man nur ab – geht es dem Patienten, aus welchen Gründen auch immer, besser, ist es ebenfalls ein Erfolg. Auch bei dem natürlichen Auf und Ab einer Krankheit kann man durch „Anpassen“ der Scheintherapie immer einen Erfolg buchen. Stirbt der Kranke, war die Vergiftung durch die „Schul“-Medizin schuld. Egal, was passiert, „der Heiler hat immer recht“, denn er ist dabei, und alle Erfolge (von wo auch immer) sind sein Verdienst, alle Misserfolge dagegen ein Problem der „Schul“-Medizin – oder Resultat einer „Erstverschlimmerung“.

Rechthaberei ist der Ausgangspunkt solcher Sprüche im Marketingprogramm der „alternativen“ Medizin, nicht Sorge um Patienten. Ein wenig Bescheidenheit und Selbstkritik wären angemessener.

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Skeptiker 3/10: Schädeldeutung & Co.

Über Prof. Uwe Kannings ebenso knackige wie fundierte Kritik an Psycho-Physiognomik, Graphologie und Ähnlichem haben wir ja hier schon öfter berichtet, so über seinen Vortrag auf der Essener GWUP-Konferenz im Mai und über sein gelungenes Buch zum Thema.

Im SKEPTIKER 3/10 stellt Kanning eine Reihe von unseriösen Verfahren der Psychodiagnostik vor. Vom Boom der Schädeldeuterei schreibt er ebenso wie von der scheinbar treffsicheren Deutung handgeschriebener Lebensläufe durch Graphologen.

Mit der es eine ganz schlichte Bewandtnis hat, so der Wirtschaftspsychologe Kanning:

„Die Kunst der graphologischen Personalauswahl besteht ausschließlich in einer laienhaften Deutung der Inhalte von Lebensläufen.“

Dann gibt es da noch die Namenspsychologie, die Kanning ebenfalls auseinandernimmt. Weil nicht etwa die Eltern, sondern höhere Mächte die Abfolge der Buchstaben unserer Vor- und Zunamen bestimmen, braucht man diese nur zu deuten und weiß Bescheid über den „Charakterkern“ und das „Lebensthema“ einer Person – so jedenfalls die Lehre.

Zumindest eines scheint die Methode ihren Konkurrenten voraus zu haben, vermutet Kanning, nämlich dass:

„man sie besonders leicht ohne jedes Wissen über die zu deutende Person vornehmen kann.“

 Das war’s dann aber auch schon auf der Vorteils-Seite.

 Denn was die Aussagekraft angeht, sieht es bei allen drei Verfahren mau aus, so Kannings Fazit:

„Weder Psycho-Physiognomik noch Graphologie oder Namenspsychologie liefern ihren Kunden eine diagnostisch wertvolle Aussage über verborgene Merkmale eines Menschen.“

SKEPTIKER 3/10 erscheint Anfang September. Wie immer mit vielen Berichten, aktuellen Meldungen und Lesetipps.  

Zum Weiterlesen: 

  • Rouven Schäfer (2009): Die Graphologie in der Personalauswahl – eine kritische Analyse. Skeptiker 1/2009, S. 36-39.
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Die Skeptiker und der Hi-Fi-Sound

Für den alten Trick, CDs zur Klangverbesserung mit dem Filzstift zu umranden, haben Kenner bestenfalls ein müdes Lächeln übrig. Kein Wunder – war ursprünglich ja auch als Aprilscherz gedacht. Und überhaupt: Wie sollen die aus Kunststoff und Aluminium bestehenden Silberlinge  dauerhaft (ent-)magnetisiert werden?

Nicht alle unsinnigen Tuning-Maßnahmen sind so leicht zu erkennen. Nicht jeder  Hi-Fi-Enthusiast weiß beispielsweise, was es mit Konstantin Meyls „neuer Physik“ auf sich hat. Genau die soll nämlich der Funktionsweise der „Twister-Stopps“ zugrunde liegen. Diese „informierten“ Glaslinsen sollen laut Hersteller „die Verwirbelung elektromagnetischer Wellen zu Potenzialwirbeln verhindern“ und auf diese Weise den Hörgenuss optimieren.

Physiker wie Dr. Philippe Leick werden bei diesen Stichworten skeptisch. Dass trotzdem Entwickler und Anwender aufrichtig von der Wirksamkeit der Twister-Stopps überzeugt sind, ist gar nicht unwahrscheinlich. Zu leicht hört man das, was man hören will.

Norbert Maurer, der Entwickler des Twister-Stopp, wollte es genau wissen und regte einen „blinden“ Hörtest an. Dabei sollten die Probanden, darunter Philippe Leick, erkennen, ob sie die Musik gerade mit oder ohne „informierte“ Twister-Stopps hörten. Das Ergebnis sei an dieser Stelle verraten:

Die Trefferquote entsprach recht exakt der Verteilung, die sich durch reines Raten ergeben sollte.

Mehr im  SKEPTIKER 3/2010, der Anfang September erscheint.

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Hildegard-Medizin: Da erschaudert der Teufel

“Posaune Gottes” ist ein Artikel im aktuellen Spiegel Geschichte über die Äbtissin Hildegard von Bingen überschrieben. In erster Linie gibt’s viel Biografie, erst gegen Ende einen kurzen Schwenk zur heutigen “Hildegard-Medizin”:

Beliebt ist indes heute noch die nach ihr benannte “Hildegard-Medizin”. Sie wurde 1970 von einem österreichischen Arzt erfolgreich herausgebracht; zumindest im Marketing stand der Mann der Namensgeberin nicht nach.
Der Würzburger Klostermediziner Mayer entdeckte allerdings frappante Widersprüche zum Original. Kurios sei etwa das propagierte ,Hildegard-Fasten’. Im ganzen Werk der Benediktinerin fand Mayer dazu nur einen Satz: ,Das Fasten sollst du nicht übertreiben.’”

In der Tat wäre es wohl angebrachter, von “Hertzka-Medizin” zu sprechen denn von “Hildegard-Medizin”. Gottfried Hertzka ist nämlich der Name jenes österreichischen Arztes, der gemeinsam mit dem deutschen Heilpraktiker Wighard Strehlow den Vertrieb eines Sammelsuriums an Pflanzenpräparaten, Edelsteinen, Nahrungsmittel, Kosmetika und sonstigen Bedarfsartikeln für “gesunde Lebensführung” unter dem Signet “Hildegard-Medizin” groß aufzog.

Mit den Schriften Hildegards hat dieser Versandhandel nur noch entfernt zu tun, desgleichen die Flut der Publikationen, die sich seit Mitte der 80er über den Buch´markt ergießt. Die Ratschläge und Rezepturen, die Hertzka und Strehlow in ihrer ,Großen Hildegard-Apotheke’ für sämtliche nur denkbaren Erkrankungen vorlegen, entbehren jedes seriösen Wirksamkeitsnachweises”,

warnt der Psychologe und Sachbuchautor Colin Goldner in seinem Buch “Die Psycho-Szene”. Weitere Kritik aus medizinischer und historischer Sicht zitiert die informative Wikipedia-Seite zum Thema. Auch das Stiftung-Warentest-Nachschlagewerk “Die andere Medizin – Alternative Heilmethoden für Sie bewertet” kommt zu dem Urteil:

Die Vermarktung des Namens Hildegard von Bingen und die Nutzung ihrer Schriften in einer Weise, die durch das Original kaum gedeckt ist, hat die wohl kenntnisreichsten Professoren dieser Materie zu einer öffentlichen Erklärung veranlasst: Die Versuche, eine durchaus berechtigte Naturheilkunde als ,Hildegard-Medizin’ in die ärztliche Praxis und den Bereich der Apotheke hineinzutragen, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Das gilt insbesondere für die Edelsteintherapie Hildegards, “die ihre Vorstellungen meist aus visionärer Schau bezog”, schrieb Bernd Friede im Skeptiker 1/2002:

Die dort postulierten Wirkungen religiöser Entitäten auf das physische Befinden spiegeln das mittelalterliche Konzept der Einheit von seelischem und körperlichem Zustand wider. So heißt es im vierte Buch ihres Werkes “Physica” (“Von den Steinen”): “Gott hat in die Edelsteine wunderbare Kräfte gelegt (…) All diese Kräfte finden ihre Existenz im Wissen Gottes (..) und stehen dem Menschen in seiner leiblichen wie geistigen Lebensnotwendigkeit bei. (…) Jeder Stein hat Feuer und Feuchtigkeit in sich (…) Sie dienen dem Menschen als Segen und Heilmittel (…) Daher werden die Edelsteine vom Teufel gemieden und es erschaudert ihn bei Tag und bei Nacht”.

Die Anwendung der Minerale ist bei Hildegard von Bingen mit alchimistischen Ritualen und Magie verknüpft: Achat, vor dem Zubettgehen in Kreuzform durch das Haus getragen, vertreibe Diebe. Über den Topas schreibt sie: “Wenn jemand Fieber hat, grabe er mit dem Topas drei kleinere Gruben in ein weiches Brot, gieße reinen Wein in dieselben (…) und betrachte sein Gesicht in dem Wein (…) und spreche: “‘Ich sehe mich an wie in dem Spiegel (…), auf dass Gott dieses Fieber von mir vertreibe”.”

Den GWUP-Themeneintrag zu “Edelsteintherapie – Kristallmedizin – Lithotherapie” finden Sie hier.

Zum Weiterlesen:

  • Werbung für Heilsteine unzulässig, wahrsagercheck.de am 3. April 2009
  • “Welchen Einfluss haben Steine, Minerale und Edelsteine auf den Menschen?” Vortrag von Klaus Olschewski bei der 12. GWUP-Konferenz in Berlin
  • Mineralmagie und schwingende Kristalle, Skeptiker 1/2002
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“Schillerndes Dunkel ” – Die Gothic-Szene

Aus aktuellem Anlass geben wir einfach mal eine Spiegel-Buchempfehlung ungefiltert weiter: “Schillerndes Dunkel”, ein “üppig ausgestatteter Prachtband”, der “Licht in die finstere Subkultur” der Gothics bringt.

Der entscheidende Satz in der Rezension:

Im Gegensatz zu anderen Jugendbewegungen wie Mods, Punks und Rock’n'Roller, bei denen immer halbwegs klar war, worum es ihren Mitstreitern ging, blieben die Intentionen jener nebelig, die sich gern wie Gespenster schminken und kostümieren, sich für das Jenseits begeistern und auch mal über Friedhöfe spazieren. Für zusätzliche Irritationen sorgten immer wieder Geschichten über Anhänger der Gothic-Kultur, die sich angeblich für Faschismus und Satanismus begeistern.”

Genau das ist der Grund, weshalb sich auch Skeptiker in ihren Veröffentlichungen hin und wieder mit dieser Szene beschäftigen – und wenn es auch nur darum geht, die genannten Vorurteile kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu widerlegen. Seltsam, dass allein die Erwähnung der Gothics in diesem Zusammenhang schon für erregte Debatten sorgt, ohne dass die Diskussionsteilnehmer die entsprechenden Publikationen überhaupt gelesen haben. So dieser Tage geschehen bei Astrodicticum simplex und auch hier im GWUP-Blog.

Und klar werde ich mir “Schillerndes Dunkel” zu Gemüte führen.

Zum Weiterlesen:

  • Geister, Gothics, Gabelbieger – 66 Antworten auf Fragwürdiges aus Esoterik und Okkultismus. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2005
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Die Großstadt-Krokodile: See you, Gator

Und es gibt sie doch! Alligatoren in New York. Nicht im Zoo, sondern … nein, auch nicht in der Kanalisation. Mitten auf der Straße ist die Schriftstellerin Joyce Hackett einem begegnet. Davon berichtet sie heute höchst belletristisch in der Welt:

In den Seitenstraßen von Queens suchte ich mir gerade meinen Weg nach Manhattan, als mir eine Traube von vielleicht dreißig Menschen auffiel, die um einen alten, marineblauen Datsun herumstanden. Ich kurbelte das Fenster runter und winkte der Polizistin. ,Was ist los?’ Sie verdrehte die Augen. ,Alligator’, sagte sie, als wolle sie eigentlich zum Ausdruck bringen, dass sie schon längst Feierabend habe.”

Und wirklich:

Da saß er, reglos auf dem nassen Asphalt. Kein Fünfzehn-Zentimeter-Baby-Alligator, der hier maß eher einen Dreiviertelmeter … Wie ein gefährliches Raubtier sah er nicht aus, eher wie ein ausgesetztes Kuscheltier, das in seiner Verlassenheit unter einem Auto Schutz gesucht hat und jetzt auf ein paar Tipps hofft, wie es sich verhalten soll. Ich fühlte mich an mich selbst erinnert, an jede einzelne Buchparty meiner ersten Jahre in New York.”

Der unerwartete Anblick des Schuppentiers im New Yorker Großstadtdschungel bringt die Künstlerin zu weiteren eigenwilligen Assoziationen, die unmittelbar an den Mythos von den Alligatoren in der Kanalisation anknüpfen:

Der Alligator sah jetzt wie ein Erstes-Stadium-New-Yorker aus, gerade angekommen und von den Lichtern der Stadt geblendet. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir ein glückliches Leben für ihn ausmalte, in den Strömen, die unterhalb der Keller einiger der ältesten Gebäude Manhattans immer noch fließen:
Ein armer kleiner Schoßalligator, allein im Untergrund, entkommt dachsgroßen Ratten, wohlmeinenden Wildtier-Bürokraten und einer Gang großer alter Kanalkrokodile, deren Anführer an meinen ersten New Yorker Vermieter erinnert, einen Typen, der nach einem Fall von Antennenkabel-Piraterie den Notausgang aufs Dach mit einer Kette verriegelte.
Am Ende planscht der kleine Alligator fröhlich in unseren unterirdischen Gewässern, und herzensgute Hausmeister füttern ihn. Ganz bestimmt wartete da ein Kinderbuch.”

Niedlich. Und doch keine Widerlegung der alten Urban Legends, wie Hackett selbst weiß:

Wir mögen die Idee, wir kramen sie liebend gern hervor – und besonders gerne bringen wir sie jungen New Yorkern nahe, die uns in der U-Bahn gerade ihr Kaugummi ins Haar geschnippt haben … Es spielt keine Rolle, dass niemand je ein Krokodil in New York gesehen hat. Und dass eine sündhaft teure neue Maschine zur Kanalreinigung unlängst alles mögliche ans Tageslicht brachte, nur keine Reptilien.”

Nun ja, ganz richtig ist das nicht. 

Fakt ist, dass die New York Times im Zeitraum von 1905 bis 1993 13-mal über Alligatoren, Krokodile oder Kaimane in und um New York berichtet hat. Aber nur eines dieser Tiere war direkt in der Kanalisation gesichtet worden. Im Sommer 2001 machte dann „Damon the Caiman“ Schlagzeilen, der von der New Yorker Polizei lebend aus einem See im Central Park gezogen wurde. Auch in Brooklyn entdeckte man vor vier Jahren einen Alligator in einem Wohngebiet.

In den 1930ern tummelten sich angeblich wirklich Alligatoren in New York. Der Superintendent der New Yorker Abwasserbehörde, Teddy May, habe die zahlreichen Gruselstorys seiner Arbeiter zunächst selbst nicht glauben wollen – bis er sich mit eigenen Augen von der Anwesenheit großer Schuppenechsen in der Kanalisation überzeugte.

Mit Rattengift und Gewehren sollen May und seine Leute den Reptilien zu Leibe gerückt sein, die recht zahlreich auch den Bronx River bevölkerten, aber um 1937 allesamt erlegt wurden. Das jedenfalls berichtete der Autor Robert Daley in seinem 1959 erschienenen Sachbuch „World Beneath The City“, für das er ein ausführliches Interview mit Teddy May führte.

Kleiner Schönheitsfehler: Der renommierte amerikanische Mythenforscher Jan Harold Brunvand fand heraus, dass Teddy May ein Aufschneider gewesen ist, der nie für die Abwasserbehörde der Stadt New York arbeitete.

Das für die Kanalisation zuständige „New York City Bureau of Sewers“ verneint Anfragen zu den legendären Gästen im Untergrund routinemäßig – vertreibt aber mit großem Erfolg T-Shirts mit entsprechenden Motiven. Irgendetwas an solchen Storys ist offenkundig publikumswirksam genug, um sie dauerhaft ins Reich der modernen Mythen zu überführen.

Dafür indes hat Joyce Hackett eine ganz gute Erklärung:

Denn New York ist eine Stadt, in der man das Unerwartete erwartet, eine Stadt, in der fremdartige Wesen Wurzeln schlagen, eine Stadt, deren Kanäle, Keller, Archive und Flüsse mehr Geschichten hochspülen, als sich all ihre Schriftsteller zusammen ausdenken können. Eine Stadt, die sich selber schreibt.”

Zum Weiterlesen:

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GWUP im SWR-Fernsehen BW

Na, das ist ja endlich mal eine präzise Angabe: Homöopathie ist also besonders gefragt

  • bei Frauen
  • in Baden-Württemberg
  • zwischen 30 und 44 Jahren.

Steht so ernsthaft im Ankündigungstext der Sendung “Zur Sache Baden-Württemberg!”, die am Donnerstag (26. August) um 20.15 Uhr im SWR Fernsehen BW ausgestrahlt wird. Thema: “Fauler Zauber? Politiker wollen Homöopathie auf Kassenrezept verbieten.”

Die ,homöopathischen Kügelchen’ sind unwirksam, belegen viele medizinische Studien. Deshalb fordert SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: Keine Homöopathie auf Kasse! Und das, obwohl diese Medizin besonders gefragt ist bei Frauen in Baden-Württemberg zwischen 30 und 44 Jahren.”

Aber wenigstens ist der GWUP-Vorsitzende Amardeo Sarma als kritische Stimme mit dabei.

Anschließend gibt’s eine Diskussion im Forum des Südwestrundfunks. Also: Sorgen wir doch dafür, dass

  • alle
  • in ganz Deutschland
  • jeden Alters

dort zum Ausdruck bringen, dass Homöopathie Humbug ist.

Zum Weiterlesen:

  • Ist die Homöopathie wirkungslos? Tagesanzeiger vom 26. August 2010
  • Die Sendung auf Video gibt’s hier.
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Vitamine und andere Wundermittel

Zugegeben: Vitamin C hat schon einmal eine entscheidende Rolle bei einer Verschwörung gespielt – an der womöglich nicht nur das Schicksal beteiligt war.
Wir reden vom Jahr 1954, genauer gesagt dem WM-Finale. Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sensationell gegen den haushohen Favoriten Ungarn obsiegte. Gleichwohl es in der Vorrunde gegen denselben Gegner eine 3:8-Niederlage gesetzt hatte.

Wie war diese unglaubliche Leistungssteigerung möglich? Konnte das noch mit rechten Dingen zugegangen sein?

Wer weiß. Und wenn die Fußball-Gemeinde erst mal eine Verschwörung wittert, macht sie vor nichts mehr Halt. Entscheidende Tore, Medienberichte, schlechte Schiris – fast jedes Spiel liefert mehr als genug Material für Leute, die überall Strippenzieher und Betrüger sehen. Umso mehr das sagenumwobene „Wunder von Bern“.
Doping, raunte vor ein paar Jahren ein TV-Magazin. Und wirklich: In der Halbzeitpause des Endspiels wurden Helmut Rahn, Fritz Walter und Kollegen Spritzen gesetzt. Nur Vitamin C, beteuerte der damalige Mannschaftsarzt Professor Franz Loogen. Sonst nichts.

Sonst nichts? Was soll das denn heißen?

Während die meisten Mediziner und Wissenschaftler schon froh wären, wenn ihnen der Nachweis gelänge, dass Vitaminpräparate schwere Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Krebs wenigstens um ein paar Jahre aufschieben können, gibt es einen, der solchen Produkten fast magische Wirkung zuschreibt. Inklusive eines Marketingkonzepts mit integrierter Böse-Mächte-Verschwörungstheorie.

Grund genug also für die Skeptiker, sich auch mit dem Thema “Nahrungsergänzungsmittel” zu beschäftigten. Dazu gibt’s einen neuen Themeneintrag von Lebensmittelchemiker und GWUP-Vorstandsmitglied Dr. Jochen Bergmann und Skeptiker-Chefredakteurin Inge Hüsgen.

Auch Stephen Barrett und Victor Herbert von der amerikanischen Verbraucherschutzorganisation Quackwatch haben sich mit den unseriösen Geschäftspraktiken einiger Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln und Vitaminen beschäftigt. Ihre Zusammenstellung finden Sie hier. Ein Auszug daraus:

1. Sie empfehlen ausnahmslos jedem, die Ernährung mit Nahrungsergänzungsmitteln “abzusichern”.

Die meisten Wundermittelverkäufer reden uns ein, dass Vitaminmangel allgemein verbreitet ist und deshalb zur Sicherheit Ergänzungsprodukte eingenommen werden sollten. Manche behaupten, dass es schwierig oder sogar unmöglich sei, den Vitaminbedarf allein über die Nahrung zu decken. Ihre Argumentation könnte man – auf ein anschauliches Beispiel übertragen – so zusammenfassen: „Ihr voll funktionsfähiger Ofen kann jederzeit explodieren, und deshalb sollten Sie ihn unbedingt durch ein neues Produkt ersetzen.” Quacksalber werden niemals sagen, wer ihre Produkte nicht braucht.”

Zum Weiterlesen:

  • Bernd Harder: Elvis lebt - Lexikon der unterdrückten Wahrheiten. Herder-Verlag, Freiburg 2010
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Wasser und Esoterik

“Nachdenkliches Heilwasser” überschreibt Dr. Werner Bartens heute seine Rubrik “Medizin und Wahnsinn” in der Süddeutschen Zeitung. Darin erfahren wir auf gewohnt launige Weise von einem – leider nicht näher bezeichneten – Versuch in Dresden, “der dazu angetan war, zu zeigen, was wirklich im Wasser” steckt:

Es ging darum, welche Auswirkungen positive wie negative Gedanken auf das Wasser haben. Unter den Augenzeugen des Experiments wurde als bekannt vorausgesetzt, dass Wasser durch verschiedene Einflüsse wie Musikschwingungen, Gebete und Meditationen Informationen und Energien aufnehmen kann.
Der Versuchsaufbau kann nur als ausgeklügelt bezeichnet werden. Auf den ersten Wasserbehälter konnten die Kongressbesucher positive Gedanken projizieren. Um methodische Zweifel zu zerstreuen, gab es einen zweiten Wasserbehälter, auf den die Kongressbesucher negative Gedanken projizieren sollten. Als Clou muss das dritte Gefäß gelten. In diesem Behälter befand sich zur Kontrolle ,,neutrales’ Wasser, auf das keinerlei Gedanken projiziert werden sollten.
Der Ausgang des Versuchs ist unklar, vermutlich hat ein Saboteur fiese Gedanken an das neutrale Wasser gerichtet. Trotzdem sollte der Ansatz weiter verfolgt werden. In Wasserwerken tun sich neue Berufsfelder auf, damit künftig nicht nur Warm und Kalt aus der Leitung strömt, sondern auch ein Hahn für positives und negatives Wasser geöffnet werden kann.”

Das erinnert mich sogleich an eine Anfrage, die vergangene Woche an die Skeptiker erging. Und zwar nach einer gewissen Dr. Enza Maria Ciccolo, die ein ominöses “Lichtwasser” propagiert und damit anscheinend eine sektenartige Anhängerschaft begeistert. Leider habe ich zu der Dame bislang nicht mehr kritische Infos als diesen italienischen Blog finden können. Tipps und Hinweise sind sehr willkommen!

Dafür ist der GWUP-Themenbereich auf unserer Homepage soeben um den Eintrag “Wasserbehandlung” erweitert worden. Darin heißt es unter anderem:

Esoterische Verfahren sind oft mit Namen verbunden, etwa Johann Grander (Granderwasser), Wilfried Hacheney (levitiertes Wasser), Roland Plocher (revitalisiertes Wasser) oder Masaru Emoto (Wasserkristallformen). Charakteristisch für derartige Verfahren und entsprechende Geräte ist die Behauptung, dass sie das Wasser durch Übertragung nicht näher spezifizierter Informationen, Schwingungen oder Energien verändern. Angeblich geschieht dies ohne chemische Zusätze, elektromagnetische Felder oder sonstige messbare Energiezufuhr.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das nicht nachvollziehbar. Wasser kann so nicht verändert werden und insbesondere keine Information aufnehmen, speichern oder abgeben.”

Zum Weiterlesen:

  • Das Gedächtnis des Wassers, Skeptiker 2/2008
  • Zaubertricks mit Wasser, diewahrheit am 8. Juni 2010
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Der Mond ist unschuldig

Ja, es gibt tatsächlich noch andere Reizthemen außer “Rückführungen/Wiedergeburt”.

Eins davon sticht heute Die Welt an:

Es ist bloß ein Mythos: In Wirklichkeit beeinflusst der Vollmond nicht unseren Schlaf. Das belegt auch eine Langzeituntersuchung.”

Oh weh. Wie ausgesprochen empfindlich manche Zeitgenossen auf solche Erkenntnisse reagieren, konnte ich zum Beispiel bei meiner “Weck up”-Sendung erleben, wo der Wünschel-Autor Pierre Franckh neben allerlei Quantenunfug auch seine Schlafstörungen bei Vollmond ausbreitete – und auf kritische Einwände mit vertrauter esoterischer Bezichtigungs-Rhetorik antwortete, die mir sinngemäß etwa so in Erinnerung geblieben ist: “Typisch Wissenschaftler! Ich habe das selbst erlebt – und er (gemeint war ich) sagt, dass es das nicht gibt!”

Überflüssig zu erwähnen, dass das so gar nicht stimmte. Warum sollte ich Herrn Franckhs Schlafprobleme anzweifeln? Die Frage ist nur, welche Ursache man der “Volkskrankheit Schlafstörungen” (Ärztezeitung) gibt. Und da spielt der Mond eben keine Rolle, was übrigens keine neue Erkenntnis ist.

Nichtsdestotrotz finden sich auch bei den Kommentaren zum aktuellen Welt-Artikel einige der immergleichen Einwürfe, zum Beispiel:

Der Mond hebt Meere an aber auf den Menschen hat er keinen Einfluß. Alles Klar!!”

Was soll man dazu sagen? Die Gezeiten entstehen keineswegs dadurch, dass der Mond wie ein Magnet das Wasser einfach nach oben zieht. Sondern die relativ kleinen Gezeitenkräfte regen Schwingungen in den großen Meeresbecken an. Das ist wie mit einer vollen Badewanne: Wenn man die Hand mit der richtigen Geschwindigkeit (nicht zu schnell, nicht zu langsam) hin und her bewegt, dann beginnt die gesamte Wassermasse zu schwingen. Mit erstaunlich wenig Kraftaufwand hält man so etwa 200 Liter Wasser in Bewegung. Außerdem sind die Sonne (zu etwa 30 Prozent) und darüber hinaus auch die Drehbewegung der Erde ebenfalls an den Gezeiten beteiligt.

Apropos Badewanne: In riesigen verbundenen Wassermassen wie den Ozeanen gibt es Gezeiten. Im Bodensee nur noch knapp an der Nachweisgrenze. In einem Olympia-Schwimmbecken gibt es gar keine Gezeiten, in der Badewanne auch nicht – und der Mensch ist schlicht viel zu klein, als dass die Gezeitenkräfte ihn auch nur im Mindesten beeinflussen könnten. Davon abgesehen sind wir schließlich keine Wassersäcke: Frei umherschwappen kann das Wasser im Körper nur innerhalb der winzigen Zellen, im Blutkreislauf und zwischen den Körpergeweben. Da ist nix mit “Gezeiten”.

Oder:

Vollmond = heller, man schläft nich so gut da nicht so dunkel (man bin ich ein kluger Experte).”

So so. Ein “Experte”, der anscheinend noch nie etwas von Jalousien oder Rollläden gehört hat.

Oder:

Es gibt biologische Wirkungen!

Klar gibt’s die – zahlreiche Tierarten richten ihr Verhalten nach den Mondphasen aus. Beispielsweise sind Fledermäuse bei Vollmond weniger nachtaktiv, weil sie bei hellem Mondlicht besser von Fressfeinden entdeckt werden können. 
“Mondphasen” sind also nur ein Spiel von Licht und Schatten, das heißt: Es ist lediglich eine Frage der Reflexion des Sonnenlichts, ob wir den Mond “voll” oder “halb” am Himmel sehen, ob er “abnimmt” oder “zunimmt”. Der Mond als Masse ist immer gleich, was man auch daran sieht, dass Ebbe und Flut nicht nur bei Vollmond kommen, sondern täglich, und dass sehr unterschiedliche Phasen (Vollmond, Neumond) zu sehr ähnlichen Gezeitenphänomenen führen.

 Und so weiter, und so fort. Manche leben eben nicht “mit dem Mond”. Sondern irgendwo hinterm Mond.

Zum Weiterlesen:

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Neu: SKEPTIKER 2/10

SKEPTIKER 2/10

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