Glyphosat – noch eine Sau durchs Dorf?

Ein Bericht der International Agency for Research on Cancer (IARC) der WHO zu Glyphosat schlägt Wellen. Gefährdet dieses Pflanzenschutzmittel unsere Gesundheit?

Die Reaktion von Experten erfolgte prompt – etwa von Dr. Oliver Jones von der RMIT Universität in Melbourne:

From a personal perspective, I am a vegetarian so I eat a lot of vegetables and I’m not worried by this report.”

Warum ist Jones “not worried”?

Weil die tägliche Dosis weit unter dem liegt, was problematisch werden könnte. Das wären je nach Empfehlung zwischen 0,2 mg und 1,75 mg pro kg Körpergewicht.

Wir liegen bei unserer Nahrung um Größenordnungen unter diesem Grenzwert.

Typisch hierfür ist die Einstufung durch das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) nach dem WHO-/IARC-Bericht:

Die Anhaltspunkte für ein genotoxisches Potential von Glyphosat können aus dem von der IARC veröffentlichten Kurzbericht nicht nachvollzogen werden, zumal auch hier Studien mit nicht näher spezifizierten Formulierungen in die Bewertung einbezogen wurden.”

Nebenbei ist dieser WHO-/IARC-Bericht wegen methodischer Mängel kritisiert worden. Vor allem sollen viele langjährige Untersuchungen nicht mit in die Bewertungen aufgenommen worden sein.

Dennoch kann es die Politik nicht lassen, hier Verwirrung zu stiften.

So haben die Grünen bei 16 (!) Müttern die Muttermilch auf Glyphosat testen zu lassen. Es kam heraus, dass der Wert zwischen 0,2 und 0,4 ng/ml lag.

Damit wären wir bei großzügig einem Liter pro Tag bei maximal 0,4 µg oder 0,0004 mg.

Bei einem Säugling von etwa vier Kilogram sind dies 0,0001 mg pro Kilogramm Körpergewicht gegenüber dem geringsten Grenzwert von 0,2 mg pro Kilogramm Körpergewicht – Faktor 2000 also mit diesen Annahmen.

Das BfR nimmt auch Stellung zur neuesten Untersuchung über Glyphosat in Muttermilch und Urin:

Damit liegt die berechnete Glyphosataufnahme eines Neugeborenen um einen Faktor von mehr als 4000 niedriger als der gesundheitlich abgeleitete Richtwert für eine unbedenkliche Aufnahme.”

In einem Interview erkkärt Roland Solecki vom BfR:

In der Muttermilch von 16 Frauen wurde vor einer Woche in Deutschland ebenfalls Glyphosat gefunden.

Ja, aber diese von den Grünen beauftragte Studie hat mehrere Schwachpunkte. So ist die Methode, die das Labor verwendete, für den Nachweis von Glyhposat in einer fetthaltigen Matrix weder geeignet noch für amtliche Prüfungen zugelassen. Wir nennen das validiert.

Der höchste dort angegeben Wert von 0,43 Nanogramm pro Liter – wobei ein Nanogramm ein Milliardstel Gramm ist – liegt unter der Nachweisgrenze, die mit den üblichen und dafür validierten Methoden überhaupt gemessen werden kann. Auch wissen wir nicht, wie diese 16 Frauen ausgewählt wurden – und die Zahl der Untersuchungen ist viel zu klein, um daraus wirklich aussagekräftige Schlüsse zu ziehen.

Aber wir gehen dieser Sache nach, haben mit vielen Labors und den zuständigen Landesuntersuchungsämtern Kontakt aufgenommen und werden notfalls eigene Untersuchungen initiieren.”

Und wenn die Angaben Studie stimmen?

Dann ist der höchste dort angeblich gemessene Wert so gering, dass wir beim Bundesinstitut für Risikobewertung gemeinsam mit der nationalen Stillkommission davon ausgehen, dass das gesundheitlich völlig unbedenklich ist.

Das heißt, ein sechs Kilo schwerer Säugling könnte über einen längeren Zeitraum täglich 1,8 Milligramm Glyphosat aufnehmen, ohne dass es zu einer gesundheitlichen Beeinträchtigung kommt.”

Dass dennoch kopflos reagiert wird, zeigt die Reaktion von Bärbel Höhn von Bündnis 90/Die Grünen:

Die Bundesregierung muss Glyphosat aus dem Verkehr ziehen, bis die Frage der krebsauslösenden Wirkung geklärt ist.”

Allerdings ohne die Frage zu stellen, welche Folgen diese Entscheidung haben könnte, einschließlich des Einsatzes von viel problematischeren Pflanzenschutzmitteln als Ersatz.

Nebenbei ist auch hier eine Taktik im Spiel, die man sonst bei Klimaleugnern findet: eine nicht vorhandene “wissenschaftliche Kontroverse” zu erfinden, um damit politischen Aktionismus zu rechtfertigen:

Bündnis 90/Die Grünen fordern angesichts der Einstufung durch die IARC einen Stopp des Verfahrens und eine Aussetzung der Zulassung, bis die wissenschaftliche Kontroverse um die krebserregende Wirkung von Glyphosat geklärt ist.”

Man wechsele nur die Akteure und nehme eine nicht repräsentative Studie zum Klima und fordere dann den Stopp aller Maßnahmen gegen die globale Erwärmung.

Zum Weiterlesen:

Verschwörungstheorien und die „Lügenpresse“ bei Skeptics in the Pub in Köln

Es ist ebenso skandalös wie unglaublich, was die “Lügenpresse” uns alles verschweigt.

Nehmen wir nur den Germanwings-A320-Absturz am 24. März:

Warum hat bislang nicht ein deutscher Journalist auf die Sicherheitsprobleme beim A320 in Zusammenhang mit kontaminierter Kabinenluft (TCP-/ Aerotoxisches Syndrom) hingewiesen? [...]

Warum schweigen unsere Medien dazu? Warum lassen sie nur Sicherheits- und Luftfahrtexperten zu Worte kommen, die ständig gebetsmühlenartig wiederholen, es gäbe keine Sicherheitsprobleme?”

wollte der Alternativ-Auflärer Udo Ulfkotte am 26. März bei Kopp-Online wissen.

Harte Frage. Gehen wir ihr doch mal auf den Grund.

Ganze 48 Stunden vor Ulfkottes konspirologischer Suada, noch am Unglückstag, schrieb Spiegel-Online:

Erneut in den Fokus geraten könnten nun aber die Zwischenfälle mit offenbar giftigen Kabinendämpfen. Das knapp verhinderte Unglück in Köln 2010 war der dramatischste Fall, aber auch danach wurden mehrfach Flüge wegen verdächtigen Geruchs abgebrochen – zuletzt im Mai 2014.”

Focus-Online spekulierte am 25. März:

Airbus-Absturz: Verloren die Piloten durch giftige Gase das Bewusstsein?”

Am selben Tag berichtete tagesschau.de:

Triebwerksausfall, giftige Dämpfe in der Kabine, Druckabfall? Luftfahrtexperte Spaeth schildert mögliche Ursachen für den Absturz von Flug 4U9525.”

Offenbar schreibt der Herr Ulfkotte seine “Lügenpresse”-Kritik aus der “Lügenpresse” ab und lügt dabei.

Weiteres Beispiel gefällig?

Warum verschweigen ausnahmslos alle deutschsprachigen Medien, dass auch schon eine Air France-Maschine an der gleichen Stelle mit 44 Passagieren am Berghang zerschellte?”

Äh, wer verschweigt da was?

Wiederum zwei Tage vor Ulfkottes Echauffiertheit stand bereits bei Welt-Online zu lesen:

Es ist nicht das erste Mal, dass die unwirtliche Bergregion bei Barcelonnette Schauplatz eine Flugzeugabsturzes wird. Am 1. September 1953 verunglückte dort eine Lockheed Constellation von Air France auf dem Weg von Paris nach Saigon in Vietnam.

42 Menschen kamen seinerzeit ums Leben, als die Maschine nachts am 3100 Meter hohen Mont Cimet zerschellte, darunter der Violinist Jacques Thibaud und der Komponist René Herbin.”

Und am 25. März bei n-tv:

Kein einmaliger Unglücksort – Bereits zweiter Absturz in der Alpen-Region.”

Oder nehmen wir Ken “Aluhut” Jebsen, der neuerdings vom Stapel lässt, die …

… amerikanische Regierungskaste hat den IS, den Islamischen Staat, erfunden.

Wenn ich das vor zwei Wochen hier offen gesagt hätte, dann hätten wieder die “richtigen” Leute gesagt: “Verschwörungstheorie”. Experten hätten gesagt: “Das ist ja jetzt nichts Neues.”

Aber jetzt kann ich das beweisen, und zwar aufgrund einer Organisation, die sich Judicial Watch nennt. Die hat nämlich die amerikanische Regierung gezwungen, geheime Papiere offenzulegen, und in diesen Papieren steht eben drin, dass die Vereinigten Staaten bewusst den IS gefördert haben, ihn erfunden haben gewissermaßen, um was zu tun? Um die syrische Opposition zu stärken, um Assad zu stürzen.”

Mitnichten.

Das besagte Dokument datiert von 2012 und beschreibt lediglich verschiedene Szenarien, wie sich der Konflikt entwickeln könnte – darunter auch ein mögliches Erstarken des IS, begünstigt “durch Heuchelei und Versagen der US-Regierung”, wie Spiegel-Online kommentiert.

Alles in allem ist es wahrlich nicht weit her mit den angeblichen “Alternativen” zur angeblichen “Lügenpresse”.

Die Schweizer Fachstelle “infosekta” merkt dazu an:

Verschwörungstheoretiker reagieren auf bestimmte Stichworte mit Herzklopfen und einer erwartungsvollen Erregung. Sie tauschen ihre Theorien im engen Kreis von Gleichgesinnten aus, kommen aber, was die Fakten ihrer Theorien angeht, nicht wirklich weiter. Ist ja auch klar warum: Die Verschwörer spielen mit verdeckten Karten.

Da sind Journalisten, die in jahrelanger Arbeit – mit viel Schweiss und ohne Herzklopfen – Quellen kontaktieren und Archive auswerten, im Vorteil. Sie werden nicht von einer grundlegenden Frustration der Welt gegenüber und einem Ohnmachtsgefühl angetrieben.

Sie wissen nichts von allmächtigen Vaterfiguren, die dafür verantwortlich wären, aber Einiges über banale Ungerechtigkeit, die nur mit Arbeit und Objektivität zu bekämpfen ist.”

Darüber spricht der Psychologe Dr. Sebastian Bartoschek am Dienstag (7. Juli) bei Skeptics in the Pub in Köln:

Sie sind wieder da. Oder waren sie immer da? Verschwörungstheorien. In der Mitte der Gesellschaft.

Egal ob es um die drohende Islamisierung Deutschlands oder antizionistische Kapitalismuskritik (a.k.a. Antisemitismus) geht: dank PEGIDA & Charlie Hebdo sind alte Ressentiments wieder neu in aller Munde. Nur die Presse soll angeblich zu allem lügen. Und deswegen gehört sie beschimpft, bedroht, beschränkt.

Sebastian Bartoschek kennt beide Seiten: die der Zahlen und Fakten zu Verschwörungstheorien und was man als Journalist einstecken muss, der gegen linke und rechte Trotteltheoretiker zu Felde zieht. Davon berichtet er.”

Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Herbrand’s.

Einen ähnlichen Vortrag hielt Bartoschek vor einigen Tagen in Münster:


Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

  • DIA-Dokument: Das Märchen vom US-Masterplan für den “Islamischen Staat”, Spiegel-Online am 29. Mai 2015
  • UFO-Nazis, „kriminelle Ausländer“ und BRD GmbH: Was schreibt die „Wahrheitspresse“? Vice am 22. Juni 2015
  • Verschwörung der Woche: Ist der IS eine Machenschaft von CIA und Mossad? Zeit-Online am 6. November 2014
  • Medienkritik, Paranoia und “Alternativ-Journalismus”, GWUP-Blog am 2. November 2014
  • Vor Ken Jebsen ziehen alle den Aluhut, GWUP-Blog am 1. Juni 2015
  • “Inszenierter Terror”: Die Geistesblitze des Ken Jebsen, GWUP-Blog am 11. Januar 2015
  • Beate Zschäpe hört U2 und Ken Jebsen kann nichts dagegen tun, GWUP-Blog am 11. Februar 2015
  • Viagra in Chemtrails und anderer Nonsens: Verschwörungsfans sind leichtgläubiger, GWUP-Blog am 4. Juni 2015
  • Sind Verschwörungstheoretiker “vernünftiger“? Natürlich nicht, GWUP-Blog am 18. Januar 2015
  • Haben wir eine “Systempresse”? Was ist das überhaupt? Kann man denn noch guten Gewissens Zeitung lesen? Indub.io am 3. November 2014
  • Die Wahrheit über die Lügen der Journalisten, Krautreporter am 24. Oktober 2014
  • Sebastian Bartoschek: Bekanntheit von und Zustimmung zu Verschwörungstheorien. JMB-Verlag, Hannover 2015
  • Sebastian Bartoschek – Verschwörungstheorien – eine empirische Grundlagenarbeit (Rezension), Natur des Glaubens am 9. Mai 2015

Erfolgreich und gebildet mit Statistik? Vermutlich nicht, sagt ein neues Buch

Wie werde ich erfolgreich?

Leg dir eine Glatze zu. Weil: Männer mit Glatze sind erfolgreicher. Ob das für Frauen auch zählt, wissen wir leider nicht.”

Wie werde ich reich?

Kein Fernsehen mehr. Auch nicht im internet. Aus der Spaß.”

Wie werde ich gebildet?

Sieh dir Sendungen mit Stefan Raab an. Solange es noch geht.”

Ganz spaßig ist er ja, der jetzt.de-Guide zum viel, viel besseren Leben” – ob die vorgeblichen statistischen Zusammenhänge korrekt sind, ist eine andere Frage.

Möglicherweise kann hier das neue Buch von GWUP-Wissenschaftsrat Prof. Walter Krämer weiterhelfen:

Statistik für alle: Die 101 wichtigsten Begriffe anschaulich erklärt”

Aus dem Verlagstext:

Die Statistik und ihre Anwendung in unserem Leben in 101 Stichwörtern kurz, prägnant und verständlich erklären kann nur Walter Krämer.

Ob es um die Zusammensetzung der Arbeitslosenquote geht, Aktienkurse, Wahlprognosen, Intelligenzquotient, polizeiliche Kriminalstatistik oder um Klinische Studien und Big Data: Der Leser erhält genau die Informationen, die er benötigt, um im täglichen Leben mit Statistik sinnvoll umgehen zu können.

Dazu muss man kein Rechen-As sein oder Mathematik studiert haben. Ein gesunder Menschenverstand und die Bereitschaft, den Tatsachen ohne Vorurteile ins Gesicht zu sehen reichen vollkommen aus, um die Kunst der Statistik schätzen zu lernen: den Schein vom Sein zu trennen und die Stecknadel im Heuhaufen zu finden.

Dieses Buch ist ein gleichermaßen verständlicher, faszinierender, amüsanter wie auch und hilfreicher als Ratgeber für unseren täglichen Umgang mit Statistik: denn nur wer versteht kann mitreden und entlarven.”

Zum Weiterlesen:

Lesenswert: Eine Ärztin denkt die Homöopathie neu

Für Prof. Edzard Ernst ist sie

A homeopath I respect”

Dr. Natalie Grams …

… führte eine erfolgreiche homöopathische Privatpraxis in Handschuhsheim. Sie wollte ein flammendes Plädoyer für die 200 Jahre alte Heilmethode von Samuel Hahnemann schreiben. Doch bei den Recherchen stellte sie fest, dass die meisten von Hahnemanns Ideen heute wissenschaftlich widerlegbar sind”,

berichtet die Rhein-Neckar-Zeitung:

Die junge Ärztin zog die Konsequenzen und gab ihre Praxis auf. Derzeit kümmert sie sich um ihre drei Kinder, aber sie plant, sich zur Fachärztin für Psychosomatik weiterzubilden – das, was in ihren Augen anstelle der Globuli das Erfolgsgeheimnis der Homöopathie ist.

Sie schrieb ihr Buch dann aus neuem Blickwinkel für Leser, die – wie sie selbst – an der Homöopathie hängen und sich dennoch nicht scheuen, sich mit skeptischen und kritischen Gedanken auseinanderzusetzen”.

Das vollständige RNZ-Interview mit Dr. Natalie Grams gibt es hier:

Eine Ärztin denkt um: “Homöopathie hat keine arzneiliche Wirkung”

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Für die Skeptiker hat Ute Parsch das Buch bei amazon ausführlich rezensiert.

Außerdem bloggt Natalie Grams unter Homöopathie neu gedacht.

Ihr jüngster Artikel:

Warum wissen die Homöopathen nicht, dass sie sich irren?”

Zum Weiterlesen:

  • Eine Ärztin denkt um: “Homöopathie hat keine arzneiliche Wirkung”, Rhein-Neckar-Zeitung am 2. Juni 2015
  • Homöopathie: „Neue Gedanken“ dazu von einem Kassenvertreter und einer Ärztin, GWUP-Blog am 19. Mai 2015
  • A homeopath I respect, edzardernst am 31. Mai 2015
  • Homöopathie: Reden hilft, Globuli nicht, DocCheck am 20. Dezember 2010
  • The war is over – homeopathy won, Ruhrbarone am 3. Juli 2015
  • Natalie Grams: Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft. Springer Spektrum, Wiesbaden 2015

Multi-Medium „Sananda“: Erst als Finanzmakler, jetzt als Geistheiler auf Bauernfang

Das Schweizer TV-Magazin “Kassensturz” fühlt einem Geistheiler auf den Zahn.

“Sananda” grüßt auf seiner Homepage als …

Indigo-Seele, Ur- und Schöpferseele, Medium, Heiler, Geistheiler, moderner Exorzist, Hellfühler, Hellseher, Bewusstseinstrainer, spirituellen Lehrer [...]

Genaugenommen bin ich 3652 X reinkarniert. Man sagte mir, ich wäre ein Lichtwesen und  freiwillig als Mensch auf diesem Läuterungsplaneten inkarniert, um den Menschen hier zu helfen.”

Aus Gründen, in die wir keinen Einblick haben, hat “Sananda” eine Inkarnation vergessen: die als windiger Finanzberater Oliver Brecht.

So heißt das Multitasking-Medium nämlich wirklich, und in dieser höchst erdverbundenen Wiederfleischwerdung ging er dereinst …

… mit Börsen-Roulette auf Bauernfang”,

wie “Kassensturz” berichtet.

Möglicherweise – wir wissen es nicht – bekam er dann aber eine Botschaft. Sei es von Gott, sei es von seinen Geprellten oder von den Ermittlungsbehörden.

Jedenfalls will Sananda mittlerweile 117 Menschen “nachweislich” geheilt haben, unlängst erst ein Kind von Epilepsie und einem Hirntumor.

Naheliegende Frage der “Kassensturz”-Mitarbeiter:

Glauben Sie an den Schwachsinn, den Sie da sagen?”

Die Fernsehjournalisten ersuchten Sananda um die Adresse des geheilten Jungen und um Röntgenbilder vor und nach der Heilung des Gehirntumors:

Sananda konnte weder Adresse noch Röntgenbilder liefern.”

Weiteres Zitat aus der Sendung:

Was auf den ersten Blick amüsant erscheint, ist beim genaueren Hinsehen äußerst heikel.

Denn verzweifelte Menschen, die aufgrund einer schweren Krankheit wie Krebs in einer Krise stecken, fühlen sich oft handlungsunfähig und hoffnungslos. “Dann kann es eine Versuchung sein, einen Heiler aufzusuchen», sagt Professor Thomas Cerny, Chefarzt Onkologie am Kantonsspital St. Gallen.

“Wir haben aber immer wieder erlebt, dass Leute dann relevante Zeit verlieren und ihre Chancen auf eine Heilung verpassen, weil sie nicht mehr im richtigen Moment zu uns kommen.”

Sananda, der Konversationskumpel der geistigen Welt, treibt sein Unwesen bei Schweiz 5, einer bezahlten Werbeplattform. Der Geschäftsleiter von Schweiz 5 hat auch schon auf die “Kassensturz”-Recherchen reagiert:

Man strahle die Sendungen nun vorsorglich als Werbesendung aus.”

Das “Kassensturz”-Video (zirka neun Minuten) gibt es hier.

Zum Weiterlesen:

  • Pseudo-Heiler am TV: Werbesendung für Scharlatan, SFR am 30. Juni 2015
  • Paranormalen-Tests bei “Kassensturz”: die Bilanz, GWUP-Blog am 4. Dezember 2012
  • Auch die Funk Uhr meint, “seriöse” und “unseriöse” Heiler unterscheiden zu können, GWUP-Blog am 15. Juni 2015
  • Gratis und umsonst: Skeptiker bekommt “Fernheilung”, GWUP-Blog am 7. Juni 2015

Zum Welt-Ufo-Tag: Skeptiker Werner Walter steigt wieder in die Aufklärung ein

Heute ist Welt-Ufo-Tag – und wir haben eine wirklich gute Nachricht:

Ufo-Skeptiker und GWUP-Gründungsmitglied Werner Walter ist wieder unter uns.

In einer Presseerklärung teilt der 57-Jährige mit, dass er sich nach einem Schlaganfall im März 2014 nunmehr wieder verstärkt der Ufo-Thematik widmen will.

Ausschlaggebend war eine Ufo-Sichtung im April dieses Jahres, die Walter für die Leipziger Volkszeitung als eine Fehlwahrnehmung des Planeten Jupiter aufklärte.

Eigentlich hatte sich der Amateur-Astronom bereits vor seiner Erkrankung aus der Szene zurückgezogen.

Im Skeptiker (3/2012) veröffentlichte er dazu den Artikel “Bekenntnisse und Fazit eines Außenseiters in der Ufo-Forschung” und im MDR fasste er seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Ufo-Phänomen zusammen:


Direktlink zum Video auf Youtube

Das Wiedererwachen des alten Interesses erklärt Walter gegenüber unserem Blog mit einer Art “Hassliebe” zum Ufo-Phänomen. Wie sein weiteres Engagement konkret aussehen wird, hat der CENAP-Mitbegründer noch nicht entschieden.

Die legendäre “Ufo-Hotline” betreibt er jedenfalls nicht weiter – nach eigener Aussage bringt Walter seinen Schlaganfall unmittelbar mit Stress und Aufregung infolge eines erregten Telefonats zu nachtschlafender Zeit in Zusammenhang.

Das digitale CENAP-Report-Archiv bei ufo-information.de ist mittlerweile bei Nr. 138 (1987) angelangt.

Daneben gibt es den CENAP-Blog (mit Schwerpunkt Raumfahrt und Astronomie) und den Blog der Ufo-Meldestelle.

Walters Ausblick:

UFO-Hysterien gehen auch in Zukunft nie aus. Man entsinne sich der IFO-Drohne von Bremen Anfang des letzten Jahres.

Neumodische UFOs werden das alte Fieber wieder anstacheln. Unter anderem werden Modellflugzeuge und Quadrocopter als Lichter in der Nacht als Himmelsphänomene für künftige UFO-Schlagzeilen sorgen.

Die Arbeit eines IFO-Experten und UFO-Aufklärers geht also ehrenamtlich mit seinem CENAP-Team zum Sommeranfang 2015 in die nächste Runde.”

Zum Weiterlesen:

  • Klingelt’s? Die “Ufo-Hotline”, Skeptiker 1/2005
  • Mannheimer betreibt Ufo-Hotline, Stern-Online am 6. November 2010
  • Interview mit Werner Walter : Ufo-Forscher hat die Faxen dicke, shz am 7. Januar 2014
  • Bremen-Ufo ein Multicopter? GWUP-Blog am 22. Januar 2014
  • Vom Ufo zum IFO: Sky-Diver und lebende Meteore, GWUP-Blog am 23. November 2012
  • Ufos sind tot, es leben IFOS, GWUP-Blog am 17. November 2012
  • Die “Roswell-Dias” zeigen eine Mumie, GWUP-Blog am 11. Mai 2015
  • Gericht entscheidet: Bundestag muss “Ufo-Akten” freigeben, GWUP-Blog am 25. Juni 2015
  • Interview mit Werner Walter zum Welt-Ufo-Tag, GWUP-Blog am 6. Juli 2013

Xavier Naidoo: „Heldenverklärung statt kritischem Journalismus“

Statt eines durchaus angebrachten “Xavier Naidoo Bullshit Bingo” strahlte VOX am 20. Juni die vierstündige Jubel-Doku “Bei meiner Seele – 20 Jahre Xavier Naidoo” aus.

Derselbe Sender, der mit Naidoos Show “Sing meinen Song” gerade “traumhafte Einschaltquoten” feiert.

Klar, wenn VOX schon im Vorfeld des neuen Formats nichts vom rechtskonspirologischen Geschwafel des Gastgebers wissen wollte – warum sollte man Naidoos wirre Ansichten dann in der aufwändigen Begleit-Biografie thematisieren?

Aus Sicht des RTL-Ablegers irgendwie verständlich. Aber ein bemerkenswertes “journalistisches Versagen”.

Darauf hat gestern Abend das Medienmagazin ZAPP hingewiesen, das VOX unter anderem vorwirft, Naidoos Auftritte vor Rechtspopulisten zu verharmlosen (hier geht es zum Video).

Zugleich schreibt Welt-Online, dass VOX

… fein säuberlich alle Hinweise gelöscht [hat], die einen dunklen Schatten auf seinen Hoffnungsträger Naidoo werfen.

Die Strafanzeigen gegen einen vulgären Songtext gegen Kinderschänder zum Beispiel oder auch die Tatsache, dass sich Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz inzwischen öffentlich von dem Mann distanziert hat, der seine Band mal mit dem Ziel aufgebaut hatte, das Image der ehemaligen Industriestadt aufzupolieren.

Naidoo vertrete “antistaatliche Positionen, mit denen sich die Stadt in keiner Weise identifizieren könne”, sagt Kurz.

Bei Vox stellt sich das anders dar. In der Doku über die Söhne Mannheims sieht man, wie sich die Stadtväter bei Naidoo und seinem Mitstreiter Michael Herberger in einer Feierstunde für ihr Engagement bedanken.

Bleibt die Frage, wie lange der Sender diesen Spagat noch mitmacht.”

Das ist leicht zu beantworten:

So lange, wie der Goldenes-Brett-Preisträger für den Kölner Privatsender Quote macht.

Zum Weiterlesen:

  • Naidoo beißt sich auf die Lippen beim Thema Politik, Welt-Online am 1. Juli 2015
  • Xavier Naidoo erklärt sich – und doch: „Ein religiöser Esoteriker bleibt ein religiöser Esoteriker“, GWUP-Blog am 16. März 2015
  • Naidoo darf wieder für VOX johlen, Ruhrbarone am 19. Mai 2015
  • Xavier Naidoo spricht bei den „Reichsbürgern“ in Berlin, GWUP-Blog am 4. Oktober 2014
  • Deutschland ist ein souveräner Staat, sagt sogar Gregor Gysi, GWUP-Blog am 23. Mai 2105
  • Xavier Naidoo liefert Quote trotz kruder Verschwörungstheorien, Berliner Zeitung am 1. Juni 2015
  • Naidoos Weg in die rechte Ecke, Frankfurter Rundschau am 1. Juni 2015
  • Die Prinzen und Xavier Naidoo: Wo bleibt die Abgrenzung? taz am 4. Juni 2015
  • Lieber Xavier Naidoo, du redest Unsinn, Huffington Post am 23. Juni 2015
  • Xavier Naidoo, Reichsbürger und Verschwörungen, GWUP-Blog am 24. August 2014
  • Die Eso-Oscars 2014: And the Winner is …, GWUP-Blog am 26. November 2014

Homöopathie an Mainzer Klinik und „Spirits“ spuken durch die TU München

 Wer Visionen hat, sollte zum Homöopathen gehen”,

möchte man der Ersten Vorsitzenden der Mainzer Fördergemeinschaft “Homöopathie im Krankenhaus” fröhlich zurufen, die “weiter daran festhält”, eine homöopathische Klinik zu eröffnen, wie die Allgemeine Zeitung berichtet.

“Im Hörsaal der Chirurgie der Universitätsklinik” feierte der Verein jetzt sein 25-jähriges Jubiläum.

An Aufschneidern gab es demzufolge keinen Mangel, anscheinend wurde den Gästen so ziemlich jede homöopathische Realitätsverdünnung verabreicht – vom “Kostendämpfer Homöopathie” über die angebliche Zugehörigkeit zur “Naturheilmedizin” bis hin zur unbedingten Wirksamkeit des Nonsens-Verfahrens.

Immerhin hat es die örtliche Schüttler-Lobby zu einer “homöopathischen Ambulanz” gebracht, die dem Katholischen Klinikum Mainz angegliedert ist.

Der zuständige “Konsiliararzt für Homöopathie” gab bei der Feier denn auch das Bonmot zum Besten, dass die Homöopathie …

… heute längst nicht mehr als „Heilkunde mit Kügelchen“ belächelt”

werde.

Stimmt.

Denn Homöopathie ist weder “Heilkunde” (sondern eine “irre Glaubenslehre”) noch wird sie “belächelt” – sondern ausgelacht.

Merkwürdig, dass selbst Universitäts- und sonstige Kliniken den akademischen Forschungsstand in Sachen Homöopathie nicht kennen:

Es konnte nicht gezeigt werden, dass homöopathische Arzneimittel besser wirken als Placebo.”

Apropos Universitäten:

Der Schamanen-Tanzkurs “Weltkongress der Ganzheitsmedizin”, den die LMU München vor die Tür gesetzt hat, freut sich über eine neue Schwitzhütte. Im Oktober nimmt nunmehr die TU München die Ethno-Zausel und Voodoopuppen-Häkler auf.

Das ist nur konsequent, denn auch andere Eso-Veranstaltungen wie etwa die „Konferenz für Bewusstsein und menschliche Evolution“ finden dort mühelos Obdach.

Wir sind gespannt auf die Morgenzeremonie “Der Fluss lebendiger Energien” eines gewissen Don Martin (der Mad-Zeichner?):

Wir [sprechen] die Namen der Spirits laut aus, während er gleichzeitig im Stile der Anden einen heiligen Raum schafft, indem er Apus und Ñustas ruft, die Spirits der Berge seiner Heimat.

Den Abschluss des Rituals bildet ein despacho, eine Art „Gebet der Anden“, in die alle Teilnehmer mit ihrer Energie eingebunden werden und dadurch helfen, die Energie des Universums in Harmonie fließen zu lassen.”

Schlurch! Shtoink! Fla-Datsch!

Wunderbar.

Da spürt man doch gleich das internationale Flair “einer der drei ersten Exzellenz-Universitäten Deutschlands”.

Zum Weiterlesen:

  • Claudia Witt: Homöopathie ist unspannend und nicht wirksamer als Placebo, GWUP-Blog am 28. Juni 2015
  • Das Märchen vom “Kostendämpfer” Homöopathie, GWUP-Blog am 13. November 2012
  • Homöopathie ist nicht Naturheilkunde, GWUP-Blog am 16. Juli 2010
  • Ein „Bund“ zwischen Ärzten und Heilpraktikern? Das freut nur die Pseudomediziner, GWUP-Blog am 21. Juni 2015
  • Ein neues Angebot zum Master of Science in Homöopathie, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 17. Juni 2015
  • Homöopathie auf Hochschulniveau – Schlussbetrachtung, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 25. Mai 2014
  • Homöopathie wirkt doch – nicht, GWUP-Blog am 30. Mai 2015
  • Homöopathie, Aufstelllungen: Universitäten lehren Quatsch, GWUP-Blog am 15. April 2015
  • Hochschulen mit pseudowissenschaftlichen Lehr- und Forschungsinhalten bei Psiram
  • Keine Schamanentänze mehr an der LMU München, GWUP-Blog am 6. Oktober 2014
  • Elf Fragen an Homöopathie-Fans, GWUP-Blog am 18. Juli 2010
  • Darüber lachen und vergessen? Homöopathie und Scientabilität, GWUP-Blog am 8. Januar 2014

What’s The Harm: Neue Opfer von Impfgegnern, Virenleugnern und Heilpraktikern

Impfgegner, Virenleugner und Heilpraktiker fordern erneut Todesopfer:

In Spanien ist ein Sechsjähriger an Diphterie gestorben.

Seine Eltern hatten auf eine Anti-Impf-Gruppe gehört, die behauptete, eine Impfung gegen die präventable Erkrankung sei unnötig.

Der Junge ist der erste Diphtherie-Tote in Spanien seit fast dreißig Jahren, einen Impfstoff gegen die Immunerkrankung gibt es schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts.”

Eine Mitwirkende des Aids-Leugner-Films “I won’t go quietly” ist mit Mitte 40 gestorben.

Barbara Seebald ist tot. Und tatsächlich trifft der etwas seltsame Filmtitel zu: Sie ist „nicht leise gestorben“, im hohen Alter, nach einem langen, erfüllten Leben aus der Welt geschieden.

Vielmehr ist sie einen wohl vermeidbaren Tod gestorben, nach einem kurzen, tragischen Leben.

Barbara Seebald war mit HIV infiziert und litt wohl an AIDS, glaubte aber nicht an die Existenz dieser Krankheit, die ihrer Meinung nach eine Erfindung der Pharmaindustrie sei. Daher lehnte Barbara Seebald auch eine medizinische Behandlung ab.”

In den USA ist ein 18 Monate altes Mädchen an einer Mittelohrentzündung gestorben.

Criminal investigators were told by a registered nurse on staff that the victim’s mother, Christine Delozier, and aunt, Rebecca Delozier, arrived at the hospital shortly after the victim. The nurse said that the victim’s parents made it clear they were against antibiotics and other chemicals associated with modern medicine.

While emergency room staff worked on the toddler, who was not breathing, the nurse said she overheard Christine Delozier making statements such as, “You’re putting holes in her” and, “You’re putting chemicals in her.”

Die krebskranke Susanne Reichardt (55) schildert im Ratgeber-News-Blog, wie sie von ihrem Heilpraktiker-Ehemann fast zu Tode behandelt wurde.

Er hat mit meiner Gesundheit ein ganz ganz böses Spiel betrieben und ist sich auch jetzt immer noch keiner Schuld bewusst. Er hat nie eingesehen, dass sein ,Fachwissen’ nicht ausreicht, um mir helfen zu können.

Er hätte mir freiwillig nie erlaubt, mich schulmedizinisch behandeln zu lassen, obwohl ein Heilpraktiker schwer kranke Patienten zum Arzt schicken muss [...]

Mein letzter Wunsch ist (ich bin im Endstadium), dass dieser Mensch nie mehr einen Hilfesuchenden ,behandeln’ darf.”

Eine aktuelle Auflistung von Gerichtsurteilen, Anklagen und Ermittlungsverfahren in Sachen Pseudomedizin und Esoterik gibt’s bei Psiram.

Zum Weiterlesen:

  • Eltern glaubten Impfgegnern: Spanischer Junge stirbt an Diphtherie, Huffington Post am 1. Juli 2015
  • Diphterie-kranker Junge stirbt in Spanien, Badische Zeitung am 29. Juni 2015
  • Diphterie-Fall in Spanien, Frankfurter Rundschau am 9. Juni 2015
  • Spanish Boy Dies Of Diphtheria Thanks To Anti-Vaxxers, IFLScience am 29. Juni 2015
  • Kalifornien will strikte Impfpflicht einführen, Frankfurter Neue Presse am 26. Juni 2015
  • Barbara Seebald – I won’t go quietly, Psiram am 21. Juni 2015
  • Wenn Heilpraktiker ihr Unwesen treiben – Ein Horror-Erlebnisbericht einer Krebspatientin, Ratgeber-News-Blog am 29. Juni 2015
  • „Ich könnte kotzen“: Krebs- Betroffene kritisiert Quackseite “Zentrum der Gesundheit”, GWUP-Blog am 23. Juni 2015
  • Alternativmedizin und der Krebstod der “Wellness Warrior”, GWUP-Blog am 10. März 2015
  • Zynisch, schwachsinnig, tödlich: Germanische Neue Medizin, GWUP-Blog am 15. April 2015
  • Aids-Leugner im Kino: “Die sind verrückt”, GWUP-Blog am 21. Juli 2012
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Claudia Witt: Homöopathie ist unspannend und nicht wirksamer als Placebo

Seit Anfang 2014 belegt Claudia Witt den Lehrstuhl für komplementäre und integrative Medizin der Universität Zürich.

Um ihre Berufung hatte es einigen Wirbel gegeben– so sprach sich zum Beispiel Edzard Ernst als Mitglied der Berufungskommission dagegen aus und zog sich schließlich sogar unter Protest aus dem Gremium zurück.

Jetzt ist im Züricher Tagesanzeiger ein Interview mit Witt erschienen, in dem sie unter anderem ihre Haltung zur Homöopathie erläutert:

In Berlin haben Sie früher viel Homöopathieforschung betrieben. In Zürich ist dieses Thema komplett abwesend. Was ist passiert?

Ich habe zwar mehr Akupunkturforschung betrieben, aber auch zur Homöopathie geforscht.

Wir haben eine placebokontrollierte Studie mit homö­o­pathischen Arzneimitteln durchgeführt und die Arzt-Patienten-Interaktion in homöopathischen Praxen untersucht. Hinzu kamen eine große Beobachtungsstudie und gesundheitsökonomische Analysen.

Ich wüsste im Moment nicht, wo ich sinnvollerweise weitermachen sollte in der Homöopathieforschung. Meines Erachtens gibt es aktuell spannendere Forschungsfragen in der Komplementärmedizin.”

Ihre Professur in Berlin wurde einige Jahre von einer Stiftung finanziert, welche sich unter ­anderem die Förderung der  Homöopathieforschung auf die Fahne geschrieben hat. Stand bei Ihnen der Bereich deshalb mehr im Vordergrund?

Meine Forschungsinhalte waren immer vollkommen frei, die Stiftung machte bezüglich der Professur keine Vorgaben. Zudem stammten die Stiftungsgelder aus Mitgliedsbeiträgen von Zehntausenden von Bürgern, die an unterschiedlichen Themen der Komplementärmedizin interessiert sind.

In der Zeit der Stiftungsprofessur habe ich breit geforscht, unter anderem zu Akupunktur, Qigong und Homöopathie. Die Freiheit von Forschung und Lehre ist für mich ein ausschlaggebender Aspekt, weshalb ich gerne an einer Universität tätig bin.”

Der profilierte Alternativmedizin-Kritiker Edzard Ernst sagt, dass Homöopathie nach so vielen Jahren ergebnisloser Forschung als ­wirkungslos bezeichnet werden muss. Sind Sie auch an diesem Punkt?

Bei der Diskussion geht es primär um die hochverdünnten homöopathischen Arzneimittel.

Seit über fünf Jahren finden Sie von mir eine offizielle Stellungnahme zur Homöopathie im Internet. Meine Aussage – dass nicht belegt ist, dass homöopathische Arzneimittel mehr als ein Placebo sind – gilt auch heute noch. Die Studienergebnisse zur Wirksamkeit sind uneinheitlich, und meine Einschätzung basiert auf der zumeist schlechten Qualität der Studien.

Man kann aber nicht einfach sagen, Homöopathie sei wirkungslos. Erstens ist Homöopathie mehr als die Gabe von Arzneimitteln.

Zweitens ist es methodisch nicht korrekt, einfach den Umkehrschluss zu ziehen, im Sinne von: Nun liege der Beweis vor, homöopathische Arzneimittel seien ein Placebo. Das lässt auch die Qualität der Studien nicht zu.

Prinzipiell ist dies aber eher eine akademische Diskussion, die wichtige versorgungsrelevante Information ist: Es konnte nicht gezeigt werden, dass homöopathische Arzneimittel besser wirken als Placebo.”

Sie reden bewusst nur von ­homöopathischen Arzneimitteln.

Wir haben in einer großen Beobachtungsstudie die gesamte homöopathische Behandlung mit Arztgespräch und Diagnosestellung untersucht und bei chronisch kranken Patienten große ­Effekte gefunden.

Bringe ich das zusammen mit der bereits geschilderten Evidenzlage, wird klar: Da muss was anderes wirken als die Arzneimittel.

Die Homöopathie hat eine besondere Arzt-Patienten-Interaktion. Daraus könnte man interessante Anregungen für die Medizin insgesamt übernehmen.”

Tatsächlich ist die besagte Stellungnahme von Frau Witt seit langem bekannt, worauf etwa Prof. Martin Lambeck vom GWUP-Wissenschaftsrat bei seinen Vorträgen verweist.

Andererseits komme die Sozialmedizinerin und Epidemiologin nach Edzard Ernsts Auffassung regelmäßig zu Schlussfolgerungen, die die Homöopathie in einem guten Licht erscheinen lassen, aber durch die Daten nicht gestützt würden.

Wir werden sehen, wie es in Zürich weitergeht.

Immerhin scheint Frau Witt in Sachen Homöopathie nicht die Nonsens-Forderung nach “mehr Forschung” zu vertreten.

Zum Weiterlesen:

  • Interview mit Claudia Witt, Tagesanzeiger am 25. Juni 2015
  • Die Homöopathie und die Versorgungsforschung, GWUP-Blog am 9. November 2012
  • Versorgungsforschung: Die “dogmatischen” Skeptiker, GWUP-Blog am 2. Juni 2012
  • Homöopathie im BR: Peinlichkeit kennt keine Grenzen, GWUP-Blog am 24. April 2013
  • Quo vadis, Homöopathie-Forschung? GWUP-Blog am 2. November 2012
  • Alternative Heilverfahren an Hochschulen: Wissenschaft in homöopathischen Dosen, Süddeutsche am 31. Oktober 2012
  • Anklage: Nestbeschmutzer, Weltwoche 45/2012
  • Naturheilkunde an der Universität Zürich: Wissenschaft unerwünscht? Skeptiker Schweiz 10/2012
  • The real world demonstrates: homeopathic remedies are placebos, edzardernst am 12. Februar 2013
  • Homöopathie: Brauchen wir “mehr Forschung”? GWUP-Blog am 8. August 2010
  • Homöopathie: „Neue Gedanken“ dazu von einem Kassenvertreter und einer Ärztin, GWUP-Blog am 19. Mai 2015
  • Homöopathie: Nicht Globuli sind entscheidend, sondern ärztliche Zuwendung, GWUP-Blog am 18. Juli 2014




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