Udo Endruscheit beschäftigt sich in einem Gastbeitrag für Wissenschaftskommunikation.de mit folgender Schieflage:
- Die Wissenschaft formuliert prinzipiell vorläufig, weil sie weiß, dass Erkenntnis nie absolut ist.
- Die Öffentlichkeit erwartet eindeutige Urteile, weil sie Orientierung sucht.
- Und die Medien übersetzen oft vorsichtige Aussagen in scheinbare Offenheit – aus dramaturgischen, nicht erkenntnistheoretischen Gründen.
Diese Lücke wird allzu gern von Pseudowissenschaften ausgenutzt, wie Udo in seinem Text darlegt.
Am Beispiel der Homöopathie zeigt er, wie das konkret aussieht:
In der Diskussion mit Vertreter*innen der Homöopathie ist es alltäglich, dass die Aussage, es gebe keine belastbaren Belege, umgedeutet wird – etwa in „noch nicht belegt“ oder „bislang nicht widerlegt“. Studienergebnisse zählen dort nur, wenn sie für die Homöopathie zu sprechen scheinen; methodische Einwände werden überhört. Wo Studien keinen Wirkungsnachweis zeigen (und das trifft auf alle methodisch einwandfrei durchgeführten zu), muss im Zweifel die „individuelle Erfahrung“ herhalten.
Diese Sprachverschiebungen führen sogar so weit, dass nach Negativbeweisen für die Unwirksamkeit von Homöopathie gefragt wird:
Dabei ist genau das ein kategorialer Fehlschluss:
Wissenschaft kann keine Negativbeweise führen. Sie kann nicht beweisen, dass etwas nicht wirkt – sie kann nur zeigen, dass es keinen belastbaren Hinweis auf eine spezifische Wirkung gibt. Wer dennoch – implizit oder explizit – nach einem „Beweis des Gegenteils“ verlangt, stellt eine epistemologisch unlösbare Forderung – und instrumentalisiert die Offenheit der Wissenschaft, um den Anschein von Legitimität zu erzeugen, wo längst Klarheit herrscht.
Und das passiert nicht zufällig:
Diese Strategie ist keine Naivität, sondern gezielte Wissenschaftsmimikry: Sie ahmt die Sprache der Wissenschaft nach, um den Anschein von Seriosität zu erzeugen, wo es keine epistemologisch gesicherte Basis gibt.
Wo die Wissenschaftskommunikation laut Udo also ansetzen muss:
Sie muss die epistemische Struktur sichtbar machen, ohne sie zu glätten. Sie muss erklären, warum „kein Beleg“ nicht „unsicher“ heißt, sondern „nicht haltbar“. Und sie muss die semantische Architektur der Wissenschaft nicht nur übersetzen, sondern verteidigen.
Die Spannung zwischen epistemologischer Vorsicht und semantischer Eindeutigkeit ist kein Widerspruch, sondern ein Prüfstein für verantwortliche Wissenschaftskommunikation. Sie erinnert uns daran, dass sprachliche Präzision kommunikativ riskant sein kann – gerade dann, wenn sie auf populäre Deutungsmuster trifft. Und sie fordert zu Recht, dass Wissenschaft sich ihrer Wirkung im öffentlichen Raum bewusst bleibt, ohne sich zwischen erkenntnistheoretischer Redlichkeit und alltagssprachlicher Anschlussfähigkeit entscheiden zu müssen.
Die Lösung liegt nicht in dogmatischer Festlegung – sondern in semantischer Aufklärung. Denn wer Wissenschaft ernst nimmt, muss auch ihre Sprache ernst nehmen. Und wer sie öffentlich vermittelt, muss das epistemische Scharnier nicht überbrücken, sondern sichtbar machen.
Zum Volltext.
Zum Thema:
- Artikel: INH: Ist die Zulassung von Homöopathika ein Beleg für ihre Wirksamkeit?, GWUP-Blog vom 18.06.2025
- Artikel: Homöopathische Arzneimittel: Zugelassen trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenz – Wo sind die rechtlichen Schlupflöcher?, GWUP-Blog vom 12.06.2025
- Artikel: Alternativmedizin, Skeptizismus und Relativismus: Neue Texte von Udo Endruscheit, GWUP-Blog vom 15.04.2025
- Artikel: Lesetipp: Natur- ‚vs.‘ Geisteswissenschaften, GWUP-Blog vom 22.01.2025
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