Verschwörungstheorien: Wenn einem die Worte fehlen

Interessanter Erfahrungsbericht im Jugendportal der Zeit:

Was tun?

Für meine nächste Begegnung dieser Art weiß ich: Es gibt rechte Verschwörungstheoretiker*innen, es gibt sie überall, sogar im Urlaub. Das ist nervig, aber erst mal nicht bedrohlich. Ich kann also weiteratmen.

Möglichst unbeeindruckt nachfragen und seine Theorie auf Schwachstellen untersuchen. Und die Schwachstellen entlarven. Nach außen sind Verschwörungstheorien imposant, nach innen oft porös […]

Ich werde es vielleicht nicht schaffen, eine*n Verschwörungstheoretiker*in zu bekehren, aber ich kann eine weitere Person sein, die er nicht mit seinem Quatsch überzeugt hat – und vielleicht sogar die anderen Mitreisenden.

Es ist ein bescheidener Triumph. Aber einer, mit dem es sich entspannt weiterurlauben lässt.”

Im Webportal The Conversation fasst ein Experte für Wissenschaftskommunikation den aktuellen Erkenntnisstand zu diesem Thema zusammen:

  • Versuchen Sie eine gemeinsame Basis des Verstehens zu finden.
  • Sprechen Sie den Mythos gar nicht mehr an.
  • Konzentrieren Sie sich stattdessen ausschließlich auf die Fakten, die dagegen sprechen.
  • Denken Sie daran, dass Verschwörungstheorien Identität schaffen. Finden Sie Argumente, die mit der Weltanschauung Ihres Gegenübers kompatibel sind. Konservative Klimawandelleugner etwa sind eher bereit, ihren Standpunkt zu überdenken, wenn ihnen zugleich Klimaschutzmaßnahmen als Impuls für Investitionen und neue Geschäftsmöglichkeiten nahegebracht werden.
  • Verpacken Sie die Fakten in eingängige Geschichten.
  • Verlangen Sie Beweise und genaue Erklärungen.

Zum Weiterlesen:

  • Wie ich im Hostel-Urlaub einem rechten Verschwörungstheoretiker begegnete, ze.tt am 20. August 2017
  • Why people believe in conspiracy theories – and how to change their minds, The Conversation am 18. August 2017
  • Broschüre zum Umgang mit antisemitischen Verschwörungstheorien, Amadeu-Antonio-Stiftung
  • Critical thinking skills are more important than IQ for making good decisions in life, Research Digest am 21. Juli 2017
  • Skepsis vs. “Leugnismus”, GWUP-Blog am 13. August 2017
  • Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt: eine Analyse, GWUP-Blog am 8. August 2017
  • Kindersklaven auf dem Mars? Was passieren muss, damit Konspirologen zweifeln, GWUP-Blog am 3. Juli 2017
  • Neuerscheinung: Am Anfang war die Verschwörungstheorie, GWUP-Blog am 4. Juni 2017
  • Die zehn besten Antworten auf Verschwörungstheorien, Technology Review am 21. April 2008
  • Das kann doch nicht wahr sein, tagesspiegel am 29. November 2013

Breitbart-Chef ist „zurück an den Waffen“: Lukas Podolski flüchtet per Jet-Ski aus Marokko

Wunderbares (unfreiwilliges) Statement zum Thema Fake News:

Das rechtspopulistische bis rechtsextreme (taz) US-Portal Breitbart, das andere Medien gerne der “Lüge” bezichtigt, illustriert einen Artikel über ein Jet-Ski-Schleppernetzwerk im Mittelmeer mit einem Urlaubsfoto von Lukas Podolski:

Jetzt wissen wir wenigstens, was Breitbart-Chef Stephen Bannon konkret gemeint hat, als er nach seinem Rauswurf aus dem Weißen Haus am Freitag verkündete, er habe seine “Hände zurück an den Waffen”:

Zum Weiterlesen:

Wie man mit fünf Euro am Tag „Reichsbürger“ trollt

Unter anderem wegen “illegaler Geschäfte mit einer Art eigener Krankenkasse” ist der “König von Deutschland” Peter Fitzek zu einer weiteren Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden.

Das ganze absurde Theater des letzten Verhandlungstages kann man beim Goldenen Aluhut nachlesen.

Bezeichnend für diese seltsame Szene ist, dass Fitzeks “Geschäftsmodell” (mit dem er 360 000 Euro eingenommen hat) trotzdem Nachahmer findet:

Auf ihrer Internetseite bietet die Deutsche Gesundheitskasse (Degeka) Arzt-, Zahnarzt- und Krankenhausbehandlungen an. Im Katalog sind auch Leistungen für Behandlungen durch Heilpraktiker sowie die Erstattung der Kosten von Naturheilverfahren und medizinischen Aufwendungen bei Auslandsreisen enthalten. In der Degeka-Satzung wird das Geschäftsgebiet als “ganz Deutschland in seinen Außengrenzen, wie diese am 31. Juli 1914 bestanden”.

Vice hat einen “Reichsbürger” names Erhard Lorenz als Gründer der angeblichen “Gesundheitskasse” ausfindig gemacht:

Auch wenn die Versicherung sich auf das deutsche Kaiserreich beruft, akzeptiert die “DeGeKa” ihre Monatsbeiträge nur in der “jeweils gültige[n] Währung in Deutschland”, heißt es auf einem Dokument mit der Übersicht der Leistungen.

Beim Geld sind die Reichsbürger dann doch auf dem Boden der Realität angekommen.”

Da ist wohl was dran – denn das Innenministerium von Schleswig-Holstein hat einen simplen Weg gefunden, Reichsheinis den Spaß zu verderben.

“Reichsbürger”, die ihren Ausweis bei den Behörden abgeben wollen, um damit ihre Verweigerungshaltung zu dokumentieren, müssen jetzt eine Verwahrgebühr von fünf Euro pro Tag bezahlen:

Nach Auskunft des Ministeriums nehmen seit der Gebühreneinführung knapp 70 Prozent der „Abgabewilligen“ ihre Papiere nach dem Behördengang wieder mit nach Hause.”

Zum Weiterlesen:

  • Weitere Haftstrafe für Peter Fitzek, mdr am 10. August 2017
  • König gegen Staatsanwalt – Das Urteil, Der Goldene Aluhut am 17. August 2017
  • Wir haben mit dem “Reichsbürger” gesprochen, der eine eigene Krankenkasse gegründet hat, vice am 18. August 2017
  • Finanzaufsicht warnt vor “Reichsbürger”-Krankenkassen, mdr am 18. August 2017
  • Schleswig-Holstein trollt Reichsbürger mit Verwahrgebühr, justillon am 13. August 2017
  • Warum es “die Reichsbürger” gar nicht gibt, belltower.news am 10. August 2017
  • 2 Jahre und 6 Monate Haft für Peter Fitzek … und warum das gar nicht schlimm ist, reichsdeppenrundschau am 11. August 2017
  • Neonazis haben schreckliche Angst, geoutet zu werden, broadly am 18. August 2017
  • Zehn Dinge, die man über die Identitären lernt, wenn man ihr Lexikon liest, vice am 18. August 2017
  • Wie geht’s wirklich unter Reichsbürgern zu? perspective daily am 31. Mai 2017
  • In was für einem Land leben wir eigentlich? Mit Reichsbürgerideen durch Absurdistan, Skeptiker 2/2017
  • Jetzt als Video: “Reichsbürger” und die BRD-GmbH bei “Skeptics in the Pub Köln”, GWUP-Blog am 7. Juni 2017

Video: Und sie ist doch flach!

Ein Video, das sehr anschaulich zeigt, wie beim Thema “Flache Erde” Satire und postfaktische Realität kaum noch unterscheidbar sind:

(Spoiler: Es ist Satire.)

Zum Weiterlesen:

  • Glaube an Scheibenwelt: Flachwitz, SPON am 13. August 2017
  • Video: So erklären “Flat Earther” die flache Erde, GWUP-Blog am 1. Juli 2017
  • Der ärgerliche Mythos des Glaubens an die flache Erde, Psiram am 4. August 2017

Wahlprüfsteine: Was sagen die Parteien zu Themen aus dem Bereich Forschung und Bildung?

Interessant:

Mehrere naturwissenschaftliche Fachgesellschaften haben sich zusammengetan und die Parteien in Deutschland rund einen Monat vor der Bundestagswahl zu ihren wissenschaftspolitischen Einstellungen befragt.

Dazu legten sie CDU, SPD und Co einen Fragebogen vor, der unter anderem auf die Themen Bildung, Gleichberechtigung, Klimaschutz und Energiewende eingeht.”

Die Antworten gibt’s im Blog der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV).

Auch ganz nett:

Misslungene Formulierungen und abwegige Forderungen”

in den Wahlprogrammen der Parteien, zum Beispiel:

Die Steinzeit endete, obwohl es noch unzählige Steine gab – und das fossile Zeitalter muss enden, obwohl es noch jede Menge Kohle, Gas und Öl im Boden gibt.“

Zum Weiterlesen:

  • Bundestagswahl 2017: Wie stehen die Parteien zur Wissenschaft? spektrum.de am 18. August 2017
  • Parteiprogramme im Faktencheck, spektrum.de am 17. August 2017
  • Wissenschaft, Erkenntnis und ihre Grenzen, Spektrum der Wissenschaft 8/2017
  • Wissenschaft im Zeitalter der (Post)Moderne, salonkolumnisten am 18. August 2017
  • Fakten? Egal! salonkolumnisten am 6. August 2017
  • Koordinierungsrat säkularer Organisationen KORSO verschickt Wahlprüfsteine, hpd am 9. August 2017
  • Sie lesen keine Wahlprogramme? Sie verpassen was, Welt-Online am 12. August 2017

Podcast: Das glückliche Händchen und andere kognitive Verzerrungen

Die Schweizer Skeptiker haben den zweiten Teil der neuen Podcast-Serie “Kognitive Verzerrungen” veröffentlicht:

Wir alle denken, tagein, tagaus. Meistens denken wir dabei automatisiert und schnell. Das macht vielfach Sinn, aber es ist auch ein Problem, denn unser automatisiertes Denken beruht auf kognitiven Verzerrungen.

Wir müssen, um rational zu sein, diese Cognitive Biases kennenlernen: Erst, wenn wir uns unserer Denkfehler bewusst sind, können wir rationaler werden.

In Folge 60 von skeptisCH geht es um vier kognitive Verzerrungen, die alle mit Wahrscheinlichkeiten zu tun haben: Die Conjunction Fallacy, die Base Rate Fallacy, die Gambler’s Fallacy und die Hot Hand Fallacy.”

Zum Weiterlesen:

  • skeptisCH – Folge 60: Kognitive Verzerrungen, Teil 2, skeptiker.ch am 16. August 2017
  • Neue “skeptisCH”-Serie: Kognitive Verzerrungen, GWUP-Blog am 4. August 2017
  • Kognitive Verzerrung: Warum sich Menschen gerne überschätzen, spektrum.de am 10. August 2017
  • Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt, spektrum.de am 7. August 2017

Zwangsprostitution, Voodoo- Zauber und das Strafrecht

Die Ärztezeitung und der Stern (34/2017) berichten heute über ein Thema, um das es auch im Skeptiker 4/2016 ging:

Wir sprachen damals mit der Rechtswissenschaftlerin Dr. Verena J. Dorn-Haag von der Universität Augsburg über die juristischen Aspekte von Strafdelikten im Bereich der Esoterik.

Aus aktuellem Anlass hier das vollständige Interview:

Skeptiker: Das Amtsgericht in Hamburg-St.-Georg hat gerade eine Hellseherin zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung und finanzieller Wiedergutmachung verurteilt.

Die Dame hatte von einer Klientin aus der Schweiz 322 000 Euro kassiert, weil sie über ein spirituelles Energiefeld Kontakt zum damaligen Lebensgefährten der Kundin herstellen und ihn so dazu zu bewegen könne, die Frau aus Bern zu heiraten. Hat aber nicht funktioniert.

Es ist also schwierig, aber nicht unmöglich, im Bereich Hexerei und Magie eine strafrechtliche Verurteilung zu erreichen?

Verena J. Dorn-Haag: Unmöglich – nein. Schwierig – ja. Und zwar deshalb, weil der Tatbestand des Betrugs Vorsatz erfordert. Wenn eine Hellseherin davon überzeugt ist, dass sie eine sogenannte unmögliche Leistung wirklich erbringen kann, ist sie dem Gesetz nach keine Betrügerin.”

Ist das nicht ziemlich absurd?

Vor einigen Jahren haben vereinzelte Stimmen vorgeschlagen, fahrlässigen Betrug unter Strafe zu stellen. Dann hätte schon ausgereicht, dass eine Hellseherin selbst erkennen müsste, dass sie die behaupteten Fähigkeiten nicht besitzt und nichts bewirken kann.

Aber letztendlich wäre dieser Nachweis genauso schwierig zu führen gewesen.

Andere haben vorgeschlagen, die finanzielle Ausnutzung des Aberglaubens unabhängig von einer Täuschungsabsicht der vorgeblichen Hexe oder des Magiers in speziellen Strafnormen zu sanktionieren.”

Heute ist es praktisch so, dass eine Hellseherin vor Gericht selbst zugeben müsste, dass sie eine Betrügerin ist, um verurteilt zu werden. Dass das nie passieren wird, sollte doch auch dem Gesetzgeber klar sein, oder?

Das Einzige, was das Gericht machen kann, ist, über Indizien zu gehen. Also zu fragen: Was spricht denn möglicherweise für Vorsatz?

Wesentliche Kriterien dafür sind, ob zum Beispiel eine Hellseherin oder Astrologin sich an den anerkannten Verfahrensweisen ihrer Zunft orientiert – also etwa an astrologischen Regelwerken, unabhängig davon, wie untauglich diese auch sein mögen. Wenn sie das nicht getan hat, sondern eine willkürliche Fantasiemethode praktiziert, könnte das ein Indiz dafür sein, dass sie selbst gar nicht an solche Praktiken glaubt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das finanzielle Interesse. Wechseln, wie bei dem Fall in Hamburg, 322 000 Euro den Besitzer, spricht das durchaus für eine Betrugsabsicht. Insbesondere dann, wenn das Opfer immer wieder zu Zahlungen aufgefordert wird.”

Bei dem Prozess in St. Georg war zudem von Manipulation und Abhängigkeit die Rede. Die Hellseherin soll ihrer Klientin gedroht haben: Wenn sie das Geld bis Mitternacht nicht bekommt, dann ist die spirituelle Beeinflussung weg und der gewünschte Lebenspartner auch.

Genau, ein Abhängigkeitsverhältnis spielt bei solchen Verfahren ebenfalls eine große Rolle. Aber immerhin lässt unsere Rechtsprechung die Vorspiegelung einer Partnerzusammenführung mit übernatürlichen Mitteln als justiziable Tatsachenbehauptung zu.

In der Rechtswissenschaft gibt es Stimmen, die genau das verneinen und gar nicht erst von Betrug reden wollen, wenn jemand Geld für eine objektiv unmögliche Leistung bezahlt.”

Wer den Schmarrn glaubt, ist selber schuld?

So ungefähr. Viele Kolleginnen und Kollegen meinen, dass jemand, der sich nicht an den geltenden Rationalitätsstandards orientiert, den Schutz des Staates durch das Strafrecht nicht verdient.

Ich finde das aber nicht richtig, da es an der Realität vorbeigeht. Der Täter spiegelt dem Opfer aktiv falsche Tatsachen vor. Er nutzt den hieraus resultierenden Irrtum des Opfers erfolgreich für seine finanziellen Zwecke aus. Warum sollte der Aberglaube des Opfers den Täter entlasten, wenn dieser doch gerade den Aberglauben des Opfers bewusst ausnutzt?

Das Opfer hat daher aus meiner Sicht nicht die Pflicht, sich gegen den sogenannten Okkulttäter zu schützen.”

Was möchten Sie denn mit Ihrer Arbeit konkret bewirken?

Dass auch die Rechtswissenschaft sich mit dem Thema beschäftigt. Wie schon gesagt sind die Gerichte bei Betrugsprozessen in Sachen Hexerei und Magie meist auf Indizien angewiesen.

Deshalb finde ich es wichtig, dass Juristen davon Kenntnis haben, wie solche Delikte überhaupt passieren, wie Täter und Opfer ticken, in welchem Milieu sich das Ganze abspielt. Das könnte helfen, um sachgerecht beurteilen zu können, was nun Vorsatz ist und was nicht.”

In Ihrem Buch findet sich das Zitat, es sei „unmöglich, etwas Irrationales in die dürre Gedankenwelt von Juristen zu bringen“.

Damit wollte ich zum Ausdruck bringen, dass man ganz oft an seine Grenzen stößt, wenn man versucht, Sachverhalte, die völlig irrational sind, unter trockene Deliktsvoraussetzungen zu fassen. Wenn etwa eine Frau vor Gericht erklärt, sie sei eine Hexe – ist das dann rein juristisch als Tatsachenbehauptung zu werten? Oder als Täuschung?”

Die FAZ hat das in einer Rezension Ihrer Arbeit schön zusammengefasst:

„Ist der Versuch eines Verbrechens strafbar, wenn dazu Mittel eingesetzt werden, die einem rational denkenden Menschen als abwegig oder untauglich erscheinen? Darf jemand zur Notwehr oder Nothilfe greifen, wenn er subjektiv eine Gefahr annimmt, über den man objektiv bestenfalls den Kopf schütteln kann? Wird man betrogen, wenn man ein Vermögen für eine Leistung opfert, deren Erbringung ein verständiger Mensch von vorneherein nur in der Fabelwelt erwartet hätte?

Wird man genötigt, wenn man mit einem Zauber bedroht wird, obschon das in Aussicht gestellte Übel allenfalls deshalb Angst einflößt, weil es kulturelle Vorprägungen gibt, die dem Normalsterblichen Gott oder Vernunft sei Dank erspart geblieben sind?“

Exakt solche Fragen sind mit dem juristischen Handwerkszeug sehr schwierig zu erfassen. Das ist auch der Grund, weshalb die Jurisprudenz überwiegend davor zurückschreckt, das Thema wissenschaftlich anzugehen. Dabei ist die Praxisrelevanz mehr als evident, zum Beispiel bei den sogenannten Voodoo-Prozessen, die zunehmend Schlagzeilen machen.

Dabei geht es darum, dass Menschenhändler Frauen aus Afrika hier in Deutschland mit Voodoo-Flüchen und Zauberei zur Prostitution zwingen. Das Erschreckende ist, dass dieser Hokuspokus tatsächlich besser wirkt als die Androhung von Schlägen und ähnlichem.

Hier kommen wir also definitiv nicht weiter, wenn wir den Opfern nur dann eine Schutzwürdigkeit zubilligen, wenn sie sich nach unseren Maßstäben rational verhalten.”

Warum führt man nicht einfach den alten Gaukeleiparagraphen wieder ein?

Der Gaukeleiparagraph hat in einigen landesrechtlichen Polizeistrafgesetzbüchern recht lange existiert. In Baden-Württemberg wurde der Gaukeleitatbestand erst 1970 abgeschafft. Bis dahin war es in der Tat möglich, einen Täter zu verurteilen, auch wenn dieser lediglich subjektiv auf die Erlangung eines Entgelts beziehungsweise Vorteils abzielte, ohne dass tatsächlich ein Vermögensschaden beim Opfer entstand. Es spielte keine Rolle, ob der Täter selbst daran glaubte oder nicht, und die Justiz musste daher keine Täuschungsabsicht nachweisen.

Damals hätte man zum Beispiel eine Astro-TV-Beraterin umstandslos vor Gericht bringen können – auch unabhängig vom Leistungsinhalt, egal, ob sie nun ganz konkret eine Partnerrückführung verspricht oder nur vage die Sterne zu den Chancen einer Versöhnung befragen will.

Dann kam man aber zu der Überzeugung, dass es zu weit geht, jegliches Verhalten, das Allgemeinbelange gefährdet, mit repressiven Mitteln zu bekämpfen. Das kann ich auch nachvollziehen.”

Inwiefern?

Ich plädiere nicht für eine Ausweitung des Strafrechts. Ich denke nicht, dass der Staat alle Lebenssachverhalte mit den Mitteln des Strafrechts regeln muss. Mein Ziel ist es, Wissenschaft und Praxis für die rechtlichen Probleme im Umgang mit dem Übersinnlichen zu sensibilisieren.

Mein Appell geht an die Rechtswissenschaft, dabei die Rechtswirklichkeit im Blick zu behalten und sich zu fragen, ob es wirklich immer sachgerecht ist, im Bereich der Hexerei und Magie primär auf rein objektive Realitätserwartungen abzustellen und so eine Bestrafung des fraglichen Verhaltens abzuschneiden.”

Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?

In einer Rezension für die jurablogs hat eine Richterin geschrieben, mein Buch solle in keiner staatsanwaltlichen und gerichtlichen Bibliothek fehlen. Das Weitere bleibt abzuwarten.”

Zum Weiterlesen:

  • Verena J. Dorn-Haag: Hexerei und Magie im Strafrecht. Mohr Siebeck, 474 Seiten, 99 €
  • Voodoozauber und Gaukelei, Skeptiker 4/2016
  • Herausforderung für unsere Rechtsordnung: Voodoo-Flüche und magische Eheanbahnung, GWUP-Blog am 13. Dezember 2016
  • Wie Menschenhändler mit Voodoo Frauen unterdrücken, Ärzte Zeitung online am 17. August 2017
  • Frauen auf dem Weg nach Europa: Die nächste Hölle wartet schon, n-tv am 13. August 2017
  • Minderjährige mit Voodoo-Ritual zur Prostitution gezwungen, diepresse am 10. August 2017

CSICON-Video: „A Conversation with James Randi”

Noch ein Gespräch mit James Randi, diesmal bei der CSICON in Las Vegas:

In a “fireside chat” with Skeptical Inquirer editor Kendrick Frazier, James Randi recalls how he had been approached as a possible leader of a group that would later become CSI and CFI.

The 88-year old mentalist also shares his thoughts on Isaac Asimov, Johnny Carson, Carl Sagan, and other influential figures in the skeptic movement.”

Zum Weiterlesen:

  • TED Talk mit James Randi, GWUP-Blog am 15. August 2017
  • Interview mit James Randi: “Der Don Quixote des Rationalismus”, GWUP-Blog am 10. Juli 2017
  • “Ein bisschen Show”: Interview mit James Randi im Skeptiker, GWUP-Blog am 17. März 2017

„Absurde Gegenwehr“? Plusminus befeuert weiter die große Methadon-Verschwörung

plusminus (heute Abend, 21.45 Uhr, ARD) gefällt sich anscheinend noch immer in konspirologischem Geraune:

Dabei ist mittlerweile klar, dass bloße Pharma-Schelte in diesem Fall zu kurz greift – unter anderem die Deutsche Schmerzgesellschaft sowie die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie warnen vor “unrealistischen Erwartungen” und “falschen Hoffnungen”, was den Einsatz von Methadon in der Krebstherapie angeht.

Wenn gesagt wird, dass die pharmazeutische Industrie ein Projekt nicht unterstützt, weil es kein Geld bringt, dann ist das ein Klischee, das sicherlich häufiger mal zutrifft, aber nicht generell zutrifft”,

erklärte auch Wolfang Becker-Brüser, Herausgeber und Chefredakteur des industrieunabhängigen arznei-telegramm und Mitbegründer von Gute Pillen – schlechte Pillenim BR.

Die FAZ schreibt dazu in der gedruckten Ausgabe vom 2. August (online nur bei FAZ+):

In Deutschland gibt es klare Regeln für die Verordnung eines Wirkstoffs. Wirksamkeit und Unbedenklichkeit müssen für die entsprechende Anwendung geprüft worden sein.

Eine solche Prüfung gibt es für die potentielle Anti-Tumor-Wirkung des Methadons nicht, und niemand kann vorhersehen, wie sie ausgehen würde, wenn es entsprechende Studien gäbe.

Eine Verordnung ohne Zulassung, ohne klaren, evidenzbasierten Beleg für die Wirksamkeit eines Medikaments in dieser Indikation und ohne Einbindung in eine klinische Studie macht Patienten zu Versuchskaninchen. Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften lassen auch keinen Zweifel daran, dass die derzeitige Datenlage nicht ausreicht, um damit individuelle Heilversuche außerhalb der bestehenden Zulassung für Methadon zu rechtfertigen.”

Der Arbeitskreis Tumorschmerz der Deutschen Schmerzgesellschaft verweise darüber hinaus auf das schwere Nebenwirkungspotenzial von Methadon, zu dem eine Unterdrückung der Atmung und lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen zählen.

Allerdings habe die öffentliche Debatte dafür gesorgt, dass bei der Deutschen Krebshilfe eine klinische Phase-I/II-Therapiestudie beantragt worden ist. Das Begutachtungsverfahren sei eingeleitet worden, schreibt die Deutsche Krebshilfe in einer Erklärung.

Es bleibe abzuwarten, ob die Studie gefördert werde oder nicht. Das hänge vom Votum der Gutachter und der Entscheidung der Deutschen Krebshilfe ab.

In der Süddeutschen Zeitung vom 8. August (online nur bei SZplus) konstatiert Dr. Werner Bartens, dass “die aufgeheizte Debatte nur Verlierer kennt”.

Bartens kritisiert in dem Artikel auch die Vorgehensweise der plusminus-Redaktion:

Versuche wie jene von Friesen werden im Labor jedes Jahr tausendfach angestellt, um neue Krebsmittel aufzuspüren. Fast 99 Prozent dieser frühen Studien schaffen es aber nicht einmal in die klinische Erprobung oder scheitern dann kläglich – weil sich die Befunde aus dem Labor eben nur selten auf das Leben von Kranken übertragen lassen.

Es ist die Regel, nicht die Ausnahme: Die Substanz, die im Mäuseversuch oder im Reagenzglas so vielversprechende Ergebnisse liefert, zeigt bei Patienten dann keinerlei Wirkung oder schadet sogar.

Nur lässt sich diese ernüchternde Bilanz nicht so gut als Fernsehbericht verkaufen. Die Geschichte vom unterdrückten Heilmittel, für das eine unbeugsame Forscherin gegen den Willen von Pharmaindustrie und Ärzten zum Wohle der Kranken kämpft, ist da schon attraktiver.”

Bartens erinnert daran, dass der Erkenntnisweg in der Medizin, ob etwas hilft und wirksam ist, Zeit und Mühe braucht. Abkürzungen seien von zweifelhaftem Nutzen:

In den 1990er-Jahren haben Aids-Aktivisten darauf gedrängt, noch nicht ausreichend getestete Medikamente früher für die Behandlung zuzulassen. In den 2000er-Jahren hat die Industrie Brustkrebs-Selbsthilfegruppen unterstützt, die seinerzeit vehement neue Medikamente und das flächendeckende Mammografie-Screening gefordert haben.

Ein Gewinn für die Patienten lässt sich auch im Nachhinein nicht eindeutig belegen.”

Der Medizinredakteur bedauert insbesondere den Riss zwischen Ärzten und Patienten, der …

… einen beachtlichen Misstrauensvorschuss gegenüber den Medizinern ans Licht bringt, statt sie als Verbündete im Kampf um die Heilung zu sehen. Viele Laien und Patienten sehen in der Ankündigung der Studie nur eine Verzögerungstaktik auf Kosten der Kranken.

Und viele Ärzte sind bei dem bereits verfügbaren Wissen über Methadon skeptisch, dass jemals ein Heilmittel für Krebspatienten daraus wird.”

Solche nüchternen Einwände denunziert plusminus allen Ernstes als “absurde Gegenwehr”.

Absurd.

Zum Weiterlesen:

  • Methadon: Unterdrückt die Pharmaindustrie ein günstiges, wirksames Krebsmedikament? GWUP-Blog am 20. Juni 2017
  • Kann Methadon Krebszellen besiegen? Bayern 2 am 24. Juli 2017
  • Kann Methadon Krebspatienten helfen? Volle Kanne (ZDF) am 26. Juli 2017
  • Methadon: Wundermittel gegen Krebs? Süddeutsche am 24. Juli 2017
  • Gute Medikamente, böse Pharma, NZZ am 18. Juli 2017
  • Nein zu Methadon in der Krebstherapie, orf.at am 17. Juli 2017
  • Onkologen: Methadon-Euphorie unbegründet, apotheke-adhoc am 15. Juli 2017
  • Mediziner lehnt Methadon in der Krebstherapie ab, Deutschlandfunk Kultur am 23. Juni 2017
  • Diskussion um potenzielle Anti-Tumor-Wirkung von Methadon, aerzteblatt am 24. Mai 2017

Gedanken lesen, die Zukunft voraussagen: „Die Tricks der Wahrsager“ bei Stern TV

Heute Abend bei Stern-TV (RTL, 22.15 Uhr):

Wahrsager versuchen nur, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, indem sie behaupten, sie könnten ihnen Antworten auf Lebensfragen geben oder Kontakt mit Toten aufnehmen”, sagt Mentalmagier Christoph Kuch.

Und er weiß genau, wie sie das machen. Kuch ist für seine Show-Tricks weltberühmt, er nutzt psychologische Eigenheiten der Menschen und mathematischen Erkenntnisse, um zu verblüffen. Er möchte damit unterhalten, andere Magier nennen sich Medium, Wahrsager oder Lebensberater, schauen in Glaskugeln oder legen Karten – und nehmen für ihre “Dienstleistungen” nicht selten dreistellige Beträge.

stern TV hat solche selbsternannten Hellseher zusammen mit Christoph Kuch besucht und sie mit versteckter Kamera entlarvt. Die haarsträubenden Wahrheiten erfahren Sie in der Sendung am Mittwochabend.”

Zum Weiterlesen:

  • “Mein Horoskop stimmt immer!” – Ja und? (Mit vielen Links zum Thema Wahrsagen/Cold Reading), GWUP-Blog am 4. Mai 2013
  • Erstaunlich, was Hellseher so alles über eine Person wissen, die gar nicht existiert, GWUP-Blog am 9. Juni 2015
  • Hellsehen mit Twitter und Co., GWUP-Blog am 21. November 2013




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