2012-Tagung: kein Weltuntergang

Vor zwei Wochen haben wir hier die Fachtagung der Uni Bonn über den Maya-Kalender angekündigt – nun wollen wir auch kurz auf die Ergebnisse verweisen.

GWUP-Mitglied Daniel Fischer war dabei und berichtet in seinem Skyweek-Blog über die Veranstaltung:

2012 in Bonn: Was die Maya wirklich dachten”

Einen ausführlichen Bericht gibt’s darüber hinaus bei Astrodicticum simplex:

Maya-Forscher erklären, warum die Welt 2012 nicht untergeht”

Von den großen Publikumsmedien hat der Focus sich vor Ort umgehört und schreibt unter anderem:

Nikolai Grube ist kein Esoteriker, er ist Professor für Altamerikanistik und Ethnologie an der Universität Bonn. Und er plant auch über das Jahr 2012 hinaus, denn: „Für die Maya geht am 21. Dezember die Zeit nicht zu Ende, sondern es geht weiter“, sagt Grube am Rande einer Tagung für Mesoamerikanistik, der Wissenschaft über zentralamerikanische Hochkulturen.

Sogar aus Australien sind Wissenschaftler am Wochenende nach Bonn gekommen, um sich insbesondere über den „Mythos 2012“ auszutauschen. Drei Tage werden am Rhein etwa neue Interpretationen mexikanischer Steintafeln und die Zeitvorstellung der Maya diskutiert.

Grube vergleicht das Maya-Ereignis mit den Ängsten vor dem 1. Januar 2000: „Viele Leute dachten, der Jahrtausendwechsel bringe uns das Ende des Universums. Aber es war eben nur das Ende einer Periode, auf die eine weitere Jahrtausendperiode folgt.”

Ganz ähnlich ende am 21. Dezember ein 400-Jahre-Zyklus in der Maya-Zeitrechnung, gefolgt vom nächsten.”

Und auch Welt-Online schließt sich an:

Maya-Kalender: Die guten Seiten des Hypes um den Weltuntergang”

Zum Weiterlesen:

  • Dr. Florian Freistetter: 2012 – Keine Panik, Leseprobe hier
  • Bernd Harder: 2012 – Leitfaden für Endzeitliebhaber. Herder-Verlag

 

 

Skeptiker vs. Klimaskeptiker – die nächste Runde

“Die kalte Sonne – Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet” heißt das Buch von Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning, das bereits vor Erscheinen das Interesse der Medien auf sich zog. In Blogs und Foren wird das Thema heiß diskutiert. Torald Staud nimmt sich des Themas in der ZEIT  an, wo er auf diverse wissenschaftliche Mängel hinweist. Florian Freistetter zeigt auf, dass die Thesen von Svensmark, einem Kronzeugen von Vahrenholt und Lüning, inzwischen als widerlegt gelten.

Überhaupt scheint das Buch kaum ein Argument zu enthalten, das nicht schon durch diverse Klimaforscher widerlegt wurde, zum Beispiel bei Skeptical Science, Real Climate und inzwischen bei Klimafakten.de, wo ein mit Klimaforschern besetzter wissenschaftlicher Beirat über die Qualität der Inhalte wacht. Dort findet man zum Beispiel Informationen über den Forschungsstand bezüglich der zehn häufigsten Klimamythen. Die Top-Fünf finden sich übrigens alle im Buch von Vahrenholdt und Lüning wieder. Auch die Website ProClim der Schweizer Akademie der Naturwissenschaften ist  eine gute und zuverlässige Quelle zu diesem Thema.  Empfehlenswert sind auch die Informationen der NASA zur globalen Erwärmung (in englischer Sprache). Last but not least ist die deutsche IPCC Koordinierungsstelle zu nennen, die ebenfalls auf häufig gestellte Fragen eingeht.

Eine zentrale These Vahrenholts besagt, dass die globale Erwärmung seit 1998 zum Stillstand gekommen sei. Sehen wir uns dazu die folgende Grafik an, die bei Skeptical Science und Klimafakten.de zu finden ist:

Nun wird Klima nicht über derart kurze Zeiträume definiert, wie auch Staud in der ZEIT moniert. Doch dies ist ein harmloser Patzer im Vergleich zu der klaren Datenselektion, die Vahrenholt und Lüning hier betreiben. Besonders problematisch ist die Wahl des Jahres 1998 als Startpunkt. Man nimmt einen  Ausreißer nach oben und sucht sich eine relativ kurze Periode geringeren Anstiegs danach.  So eine plumpe Datenselektion hätte vermutlich kein Parapsychologe gewagt – die haben übrigens inzwischen methodisch viel dazugelernt. Nicht so Vahrenholt und Co.

Eine weitere Strategie: Um den Einfluss der Treibhausgase klein zu reden, werden im Buch alle anderen Faktoren hochgespielt. Die Autoren werfen beispielsweise dem IPCC vor, dass seine Berechnungen angeblich den Einfluss der Sonne zu wenig berücksichtigen. In Wahrheit wird dieser Effekt selbstverständlich mit einbezogen und für den Anfang des 20. Jahrhunderts auch angenommen.

Während Vahrenholt und Lüning die globale Erwärmung vorwiegend als Ergebnis solarer Aktivitäten betrachten, geht die Mehrheit der Klimawissenschafter davon aus, dass der Einfluss der Sonne in den letzten Jahrzehnten gering war und sich eher abkühlend ausgewirkt hat. Wenn man die Erwärmung der letzten Jahrzehnte betrachtet spricht ein wichtiges Argument für Treibhausgase und nicht für die Sonnenaktivität als die wesentliche Ursache. Die NASA schreibt hierzu (meine Übersetzung):

Wäre eine aktivere Sonne Ursache der Erwärmung, würden Wissenschaftler wärmere Temperaturen in allen Schichten der Atmosphäre erwarten. Stattdessen beobachtet man eine Kühlung in der oberen Atmosphäre, während sich die unteren Teile der Atmosphäre erwärmt haben. Das kommt daher, dass Treibhausgase die Wärme in der unteren Atmosphäre gefangen halten.

Natürlich lebt Wissenschaft davon, dass der jeweilige Forschungsstand herausgefordert wird. Das geschieht in aller Regel durch Publikation in Fachzeitschriften mit peer-review, und so werden Kontroversen innerhalb der Wissenschaft ausgetragen. Wer stattdessen aber als Außenseiter-Autor ein Buch gegen den Stand der Forschung schreibt, muss sich vorwerfen lassen, dass hier um die Wissenschaft herum politischer Druck aufgebaut werden soll. Es geht nicht um die Verbesserung von wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung an der Wissenschaft vorbei.

Zu diesem Zweck wird bei Vahrenholt und Lüning ein falscher Eindruck von dem vermittelt, was viele zitierten Forscher wirklich sagen und meinen. So berufen sich die beiden Klima-”Skeptiker” beispielsweise auf Michael Lockwood, der über den Zusammenhang zwischen kalten Wintern in Großbritannien und der Sonnenaktivität geforscht hat. Das stimmt zwar, betrifft jedoch regionale Besonderheiten und nicht das globale Klima. Lockwood betont dies sogar ausdrücklich:

But they added that the phenomenon only affected a limited region and would not alter the overall global warming trend.

An anderer Stelle schreibt Lockwood:

It is shown that the contribution of solar variability to the temperature trend since 1987 is small and downward

und

The best estimate is that the anthropogenic factors contribute 75% of the rise since 1987, with an uncertainty range (set by the 2σ confidence level using an AR(1) noise model) of 49–160%; thus, the uncertainty is large, but we can state that at least half of the temperature trend comes from the linear term and that this term could explain the entire rise. The results are consistent with the intergovernmental panel on climate change (IPCC) estimates of the changes in radiative forcing (given for 1961–1995) ….

Um ihre Außenseiterposition zu verteidigen, greifen Vahrenholt und Lüning auch auf das – zumindest bei echten Skeptikern abgelutschte – Beispiel von Alfred Wegener und der Kontinentaldrift zurück. Womit wir bei den klassischen Themen der GWUP sind. Ein Schmankerl finden Skeptiker im Sinne der GWUP vor allem im Gastbeitrag von Nicola Scafetta, der allen Ernstes die Position der Planeten für Klimaschwankungen verantwortlich macht. Wenn Jupiter und Saturn in einer Reihe stehen (große Konjunktion), soll dies die Temperatur der Erde in einem 60-jährigen Rhythmus beeinflussen. Tatsächlich findet die Konjunktion alle 20 Jahre statt und alle 60 Jahre an fast der gleichen Stelle des Sternenhimmels. Laut Scafetta allerdings soll die gebündelte Gravitation der beiden größten Gasplaneten des Sonnensystems die Sonne in diesem 60-jährigen Rhythmus beeinflussen. Seine Thesen werden unter anderem von dem Portal conscious resonance wohlwollend aufgegriffen. Hier ist der wenig überraschende Hinweis angebracht, dass all dies von den Klimaforschen nicht sehr ernst genommen wird.

Das Ziel des Buches wird im letzten Kapitel klar. Dort heißt es, wir hätten genug Zeit, um in aller Ruhe auf erneuerbare Energien umzusteigen. Damit dies glaubhaft klingt, darf der Beitrag der Treibhausgase nicht zu hoch angesetzt werden, auch wenn die Autoren einen gewissen Anteil nicht ganz leugnen. Also gehen Vahrenholt und Lüning von einem Anstieg von 0,75 °C bis 1,25 °C bis zum Jahr 2100 aus, mit dem Hinweis (Literaturquelle 163 in Kapitel 7) auf ein noch im Druck befindliches Buch von S. Ziskin und N.J. Shaviv. Dabei schreiben gerade Ziskin und Shaviv  in der Zusammenfassung ihres Beitrags “Quantifying the role of solar radiative forcing over the 20th century“:

However, we also find that the largest contribution to the 20th century warming comes from anthropogenic sources, with ΔTman = 0.42 ± 0.11 °C.

und verwerfen, wie viele andere “Kronzeugen”, zentrale Thesen des Buches.

Aber vielleicht lohnt sich das Buch doch. Gelernt habe ich einiges, und zwar durch die Recherche zum Thema und beim Durcharbeiten der zahlreichen Referenzen. Man kann Vahrenholt und Lüning zumindest zugute halten, dass sie nicht, wie andere Autoren von Büchern, die mir beim Kauf meines Exemplars mitangeboten wurden, hinter der Klimawissenschaft eine großen Weltverschwörung zur Errichtung einer sozialistischen Weltregierung sehen. Neue Argumente gegen den menschengemachten Klimawandel sucht man allerdings  in der “kalten Sonne” vergebens. Klimaforscher und skeptische Wissenschaftler brauchen ihre Informationen zu den Mythen von “Klima-Skeptikern” jedenfalls nicht  umzuschreiben.

Nachtrag 14.02.2012: Die Klima-Diskussion ist auch Thema bei der Welt-Skeptikerkonferenz vom 18. bis 20. Mai diesen Jahres in Berlin. Der Wissenschafts- und Politikjournalist Chris Mooney spricht dort am Sonntag, 20. Mai, über politisch motivierte Realitätsleugnung am Beispiel der Debatte um die globale Erwärmung.  

Literatur

IPCC, 2007. Häufig gestellten Fragen und Antworten. In: Solomon, S., Qin, D., Manning, M., Chen, Z., Marquis, M., Averyt, K. B., Tignor, M., & Miller, H. L. (eds.). Klimaänderung 2007: Wissenschaftliche Grundlagen, Beitrag der Arbeitsgruppe I zum Vierten Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC). Cambridge University Press: Cambridge, UK and New York, NY, USA. 36.  http://www.de-ipcc.de/_media/IPCC_FAQ_2007_D.pdf   (Ip052)

Mammut gefilmt?

Ein pittoreskes Filmchen, das angeblich ein lebendes Wollhaarmammut beim Durchqueren eines Flusses in Sibirien zeigt, sorgt derzeit für Aufregung in der Netzgemeinde:


Direktlink zum Video auf Youtube

Nun ja.

Unsere Freunde von grenzwissenschaft-aktuell tippen eher auf einen “Bären [...], der einen großen Fisch oder Ast in seinem Maul durch das Wasser trägt.”

Geograffitico stimmt dem zu und macht zugleich darauf aufmerksam, dass …

… die schemenhafte Gestalt im Video eher dem flachen Profil eines afrikanischen Elefanten ähnelt.”

So sieht’s wohl aus.

Bild-Online nimmt das Ganze zum Anlass, um gleich fünf “unglaubliche Geschichten” zu präsentieren, darunter auch eine “Marienerscheinung in Bayern”:

Entscheiden Sie selbst, was man ernst nehmen kann und was nicht.”

Immerhin: Ganz nettes Material für Vorträge, Unterrichtsstunden, Publikumstage bei GWUP-Konferenzen etc.

 

Presseschau: Pseudomedizin und Klimawandel

Zum Wochenende noch eine kleine, aber feine Presseschau der letzten Tage:

  • Bei Kritisch gedacht schreibt ein Insider sehr ausführlich und sehr interessant über die Praxis der “Alternativmedizin”:

Dr. Hans-Werner Bertelsen ist ein kritischer Zahnmediziner aus Bremen, der sich intensiv mit pseudomedizinische Therapien in der Medizin und insbesondere in der Zahnheilkunde auseinandergesetzt hat. Wie es um die Praxis der sogenannten Alternativmedizin bestellt ist, darum weiß er aus eigener Erfahrung. In jüngeren Jahren war er Mitarbeiter in einer Einrichtung, die die “ganzheitliche” Form der Abzocke praktizierte. Bis hin zum Tod.

Hier ist sein Erfahrungsbericht.”

  • Passend dazu gibt’s bei Zeit-Online ein kurzes Video mit Professor Edzard Ernst, der über homöopathische Therapien spricht.
  • Die Ausrufer berichten von dem “Projekt: Homöopathie und ich”. Dahinter verbirgt sich eine amüsante “kleine Reise”, die …

… dem Leser die Möglichkeit bietet, nachzuvollziehen, warum mich das Thema Homöopathie beschäftigt. Wir beginnen im Wurzelchakra und werden im Kronenchakra ankommen, wobei es im Laufe der Reise immer anstrengender werden wird, mir zu folgen.”

Am Ende von Teil 1 steht das Fazit:

Homöopathie ist gar keine Pflanzenheilkunde, Homöopathie ist esoterischer Unsinn. Ich hatte mich geirrt. Mal wieder. Und im nächsten Teil wird es um das Ausmaß dieses Irrtums gehen.”

Auch dieser besagte zweite Teil ist bereits online.

  •  Ganz anderes Thema: die Thesen des Klimaskeptikers Fritz Vahrenholt, die quer durch die Medienlandschaft für Ausehen sorgen.

Warum eigentlich, ist nicht recht ersichtlich, denn Vahrenholts Buch “Die Kalte Sonne” ist wenig mehr als ein …

… Mix aus Verschwörungstheorie, Propaganda und falsch verstandenen bzw. interpretierten wissenschaftlichen Ergebnissen”,

erklärt Dr. Florian Freistetter bei Astrodicticum simplex.

  • Dazu noch ein Linktipp zum “Mainstream” der Klimaforschung: klimafakten.de

Zum Weiterlesen:

  • Ich bin jetzt Quantenheilungs-Skeptiker! Hier wohnen Drachen am 5. Februar 2012
  • Der Hochschul-Esoterik “vehement, laut und vernehmlich Einhalt gebieten”, Geograffitico am 3. Februar 2012
  • Wissenschaftler und ihr Interesse am Geld, Geograffitico am 9. Februar 2012
  • Die große Treppenverschwörung, Geograffitico am 8. Februar 2012

 

Zombie? Nein, vorbestrafter Taxifahrer

Zombies sind heute schwer angesagt – im originären wie im übertragenen Sinne.

Focus berichtet über die “Zombies” der Finanzwelt – nämlich Problembanken:

Sie sind stets pleitegefährdet, müssen immer wieder vom Staat gestützt werden und könnten trotzdem bei der kleinsten Wirtschaftsflaute umkippen.

Noch schlimmer: Die „Zombies“ selbst können einen Konjunktur-Crash auslösen. Weil sie kein Geld mehr haben, um der echten Wirtschaft Kredite zu geben. Und weil sie im Falle ihres Kollapses andere Finanzinstitute – und wohl auch weite Teile der realen Ökonomie – mit sich reißen würden.”

In der Welt geht es dagegen um einen vermeintlich echten Zombie.

Die kuriose Geschichte rankt sich um einen Hochstapler, der von sich behauptet hatte, Khulekani Kwakhe „Mgqumeni“ Khumalo zu sein.

Kleines Problem: Dieser sehr populäre südafrikanische Musiker ist schon lange tot:

Vor zehn Tagen aber meldete sich ein junger Mann bei Khumalos Familie. Er sei der Sänger, in dem Grab liege ein Fremder. Seine Ehefrau glaubte ihn zu erkennen, einige Verwandte ebenfalls, obwohl Khumalo anders als dieser Mann weder tiefe Narben im Gesicht noch Goldkronen auf den Zähnen hatte.

„Er ist es wirklich“, sagte seine Großmutter Zintombi Mseleku mit Tränen in den Augen, „er schaut ein bisschen mitgenommen aus, und seine Wangen sind etwas eingefallen, aber er ist es.“

Auch eine Tochter sagte gegenüber Journalisten, ihr Vater habe sie sofort erkannt und beim Namen genannt.”

Gut, von einer “Zombifizierung” war zwar keine Rede (der Mann gab lediglich vor, in Johannesburg eingesperrt gewesen zu sein) – nichtsdestotrotz titelte das deutsche Magazin:

Der große Zombie-Bluff um einen Zulu-Superstar.”

Ausländische Medien kamen auf dieselbe Idee:

South African man escapes zombies but not police.”

Nun ja.

Klar, der Typ war bloß ein habgieriger Betrüger.

Und außerdem sollte sich doch mittlerweile herumgesprochen haben, dass das “faszinierende Phänomen der Untoten”, die mit einem geheimnisvollen Gift-Pulver “zombifiziert werden, ein lupenreiner Mythos ist (auch wenn Wunderwelt Wissen noch im vergangenen Jahr einen ernsthaften Artikel darüber brachte).

Natürlich hat das schon mal im Skeptiker gestanden.

Aber auch im Laborjournal kann man einen launigen Beitrag dazu lesen.

Einige Auszüge:

Auf Haiti grassiert der Glaube, daß Voodoo-Priester, sogenannte Bokors, Menschen mit Hilfe eines Pulvers in einen totenähnlichen Zustand versetzen, die Betäubten begraben, kurz vor ihrem endgültigen Ableben wieder ausgraben, ihnen eine zweite Mixtur einflößen und sie dann als willenlose Sklaven in die Zuckerplantagen verkaufen.

Dieser Glaube ist auf Haiti zwar weit verbreitet, es ist aber lange niemandem gelungen, die Existenz eines Zombies nachzuweisen. Zahllose Haitianer kennen jemanden, der einen Zombie kennt, aber kein Haitianer hat je selber einen gesehen. Ein fataler Zustand. Noch unklarer war, wie Zombies hergestellt werden. Die Zombie-Forschungen war gewissermaßen selber zombisiert. [...]

Das sollte sich, wie oft in der Forschung, durch einen Doktoranden ändern. Der Doktorand hieß Wade Davis, ein Ethnobotaniker der Harvard Universität. Seinem Doktorvater, Nathan Kline, war es zuvor – in 30 Jahren Feldforschung auf Haiti – gelungen einen Zombie aufzuspüren, beziehungsweise jemanden, den er dafür hielt. Es handelte sich um einen gewissen Clairvius Narcisse.

Dessen Tod sei 1962 im Albert Schweitzer Hospital von Port au Prince medizinisch festgestellt und die Leiche begraben worden. Dennoch sei Narcisse 1980 wieder aufgetaucht. Narcisse behauptete, zu einem Zombie gemacht worden zu sein, es sei ihm aber gelungen aus der Sklaverei zu entkommen. Kline glaubte ihm das. Schwer nachzuvollziehen, angesichts der bestimmt nicht preußischen Zustände im Albert Schweitzer Hospital.

Aber lachen Sie nicht: Suchen Sie mal 30 Jahre lang nach einem Phantom. Dann klammern Sie sich auch an jeden Strohhalm.

Kline jedenfalls, bestätigt in seinem Zombie-Glauben, überredete den Doktoranden Davis, nach Haiti zu fliegen und sich Proben des geheimnisvollen Zombie-Pulvers zu verschaffen. Also jenes Pulvers, das vor dem Begrabenwerden verabreicht wird und eine totengleiche Lähmung auslöst.

Davis tat dies. Es gelang ihm, mit Voodoo-Priestern Freundschaft zu schließen und zu beobachten, daß das Pulver aus menschlichen Leichenteilen, giftigen Kröten und Teilen des Pufferfisches hergestellt wurde. Davis brachte acht Proben mit. [...]

Davis hielt Tetrodotoxin für jenen Bestandteil des Zombie-Pulvers, der die totengleiche Starre der Opfer auslöst. Nebenbei: Bei der Mixtur, die nach dem Ausgraben eingeflößt wird, soll es sich um einen Hyoscyamin- und Scopolamin-haltigen Extrakt aus Stechapfel (Datura) handeln.

Da Davis von Analytik nichts verstand, gab er 1982 Proben der Voodoo-Pulver an den Pathologen Leo Roizin, einem Freund von Kline. Was bei dieser Untersuchung herauskam ist unklar. Davis behauptete in einem 1983 erschienenen Paper, dass das Pulver in Ratten und Affen eine Paralyse ausgelöst hätte.

Daten zeigte er keine. Roizin, der die Experimente gemacht hatte, wollte die Behauptung von Davis nicht kommentieren. Er wiederholte das Experiment nicht, er publizierte es nicht und lehnte danach jeden Kontakt mit Davis ab. Später äußerte Roizin den Verdacht, dass die Proben “präpariert” worden seien.

1984 ließ Davis den Test von John Hartung vom Downstate Medical Center in Brooklyn wiederholen. Hartung setzte Ratten als Versuchstiere ein. Das Ergebnis: Die Voodoo-Pulver haben keinerlei Wirkung.

Diesen zweiten Test verschwieg Davis in seiner 1986 erschienenen Dissertation, nicht aber den ersten angeblich erfolgreichen von Roizin. Es ist möglich, daß der häufige Umgang mit dem Pulver bei Davis eine gewisse Vergeßlichkeit induziert hat. Zombies sollen sich ja ganz schlecht erinnern können.”

Zum Weiterlesen:

 

 

“World Skeptics Congress” jetzt online

Der 6. Weltskeptikerkongress vom 18. bis 20 Mai in Berlin hat nun eine eigene Fanpage bei Facebook, und zwar hier.

Der offizielle Twitter-Hashtag lautet #6WSC12.

Außerdem ist die Webseite komplett überarbeitet worden und erstrahlt in neuem Glanze. Im “Presse”-Bereich finden sich übrigens verschiedene Banner zum Download, die zwanglos in Blogs oder Internetseiten eingebunden werden können.

Also denn:

 Please check it out, share it and meet the world leading skeptics in Berlin!”

Deutschland auf Nymphenjagd

Ein Gastkommentar von Andreas Dietz:

Kanzlerin Angela Merkel hat im Internet zu einem “Zukunftsdialog” eingeladen.

Der Begriff Zukunft verweist auf Fortschritt, Mut und Aufbruch. Doch wir Deutschen haben im Allgemeinen große Angst vor der Zukunft. Am liebsten igeln wir uns ein und schwelgen in der Gewissheit, dass früher alles besser war. Die Zukunft deuten wir apokalyptisch: Wir haben Angst davor, dass der Wald stirbt, dass schwere Erdbeben unsere Atommeiler erschüttern, dass die Nordsee einst bis Hannover reichen wird, und dass “Gene im Essen” Übelkeit verursachen könnten.

Das hat Auswirkungen.

Seit Jahren leidet Deutschland unter schmerzlichem Fachkräftemangel. Uns fehlen bundesweit  40 000 Ingenieure, während in China und Indien jedes Jahr 700 000 ausgebildet werden. Unsere eigenen Wissenschaftler aber emigrieren, weil sie mit ihrer Forschungsarbeit in anderen Teilen der Welt auf mehr Akzeptanz stoßen.

Im Januar hat BASF kapituliert. Das Unternehmen erklärte, es werde seine Gentechnik-Sparte in die Vereinigten Staaten verlagern. Zukunft – das ist eine Angelegenheit von Amerikanern und Asiaten. In Deutschland erlauben wir uns stattdessen Jahrhunderte alten Aberglauben und staatlich geförderten Hokuspokus. Wir meiden das rationale Denken wie einen stinkenden Pilz.

Von Joachim Huessner stammt einer der ersten Vorschläge auf Merkels Online-Forum. Er schreibt als Betroffener:

Meine Frau hat sich über einen längeren Zeitraum nach und nach in esoterische Angebote verstrickt. Fing es zu Beginn noch ganz harmlos mit alternativer Medizin, die sie an unseren 3 Kindern ausprobierte, an, ging es weiter über Heilsteine, Wahrsagerbesuche, Familienaufstellungen, Reiki, Kartenlegen, Meditationen bis hin zu Seminarbesuchen.

Am Ende ist sie in der Annahme, eine berufliche Weiterbildung zu machen, in einer Sekte gelandet, von der sie sich nicht mehr lösen konnte. Sie verließ die Familie und nahm sich etwa ein Jahr später aus Verzweiflung das Leben.”

Huessner wünscht sich von Kanzlerin Merkel einen besseren Verbraucherschutz vor esoterischen Angeboten. Die Sekten-Expertin Ursula Caberta hat den Vorschlag kommentiert:

Es wird höchste Zeit, dass es einen Verbraucherschutz auch für den esoterischen Markt gibt. Es gibt schon viel zu viele Menschen, die auf diese Scharlatane hereinfallen sind und es tagtäglich tun. Es wird immer so dargestellt, als wären es Einzelfälle. Eine Darstellung, um politisch nicht tätig werden zu müssen?

Hilfreich wäre sicherlich, die Empfehlungen der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu den so genannten Sekten und Psychogruppen (1998) sich mal wieder anzusehen. Nichts ist damals passiert. Die Szene – insbesondere die so genannte alternative Heilerszene – konnte sich fröhlich weiter entwickeln – zum Schaden von vielen Menschen.”

Politisch kann man zum Thema Verbraucherschutz ganz unterschiedliche Standpunkte einnehmen. Ist es Aufgabe des Staates, erwachsene Menschen davor in Schutz zu nehmen, sich selbst zu schaden, indem sie sich irrationalen Heilslehren anschließen? Oder sollte jeder – eine solide schulische Bildung vorausgesetzt – in eigener Verantwortung über seine persönlichen und geschäftlichen Beziehungen zu Gurus, Quacksalbern und Betrügern entscheiden dürfen?

Ganz gleich, welche Sichtweise man teilt – es stößt übel auf, dass der Staat gegenwärtig nicht einmal in der Lage ist, sich selbst und die eigenen Bildungs- und Forschungseinrichtungen vor “alternativen Heilern” zu schützen. Sie unterwandern die Hochschulen, um ihren esoterischen Humbug wissenschaftlich hoffähig zu machen.

 So wurde an der Berliner Charité 2008 der bundesweit erste Lehrstuhl für “Komplementärmedizin” eingerichtet. Erforscht werden “alternative” Heilmethoden wie Homöopathie, Akupunktur und Qigong. Ebenso gut könnte man sich mit dem Liebesleben von Elfen und Kobolden beschäftigen. An der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ist das der Fall:

Bei der geomantischen Begehung und Analyse im Projektteam erkannten wir die Präsenz von Nymphen auf dem Grundstück. Daher empfiehlt es sich, das Neubaugebiet in Bauabschnitten zu erschließen, um ausreichende Rückzugsmöglichkeiten für die Naturwesen zu ermöglichen.”

 Über das Wandeln mit Wünschelruten kann man sogar Diplomarbeiten schreiben.

Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) unterhält ein ganzes Institut für “transkulturelle Gesundheitswissenschaften”, wo man sich in Projekten zum Beispiel mit “generalisierter Quantentheorie”, buddhistischen “Achtsamkeitsübungen” im Schulalltag, “Bewusstseinswandel” und “Ganzheitlichkeit” befasst. Lehrstühle für so genannte Naturheilverfahren bzw. Komplementärmedizin gibt es auch an den Universitäten Rostock, München und Duisburg-Essen.

An der Universität Witten/Herdecke bemüht man sich auch um anthroposophische Medizin, die in der Tradition des Okkultisten und Rassentheoretikers Rudolf Steiner steht.  An Großbritanniens Universitäten sind derartige Angebote bereits wieder auf dem Rückzug.  Bei uns gedeihen sie wie Unkraut.

Wenn bald alle nur noch “ganzheitlich” denken, aber niemand mehr in der Lage ist, ingenieurtechnische Leistungen zu vollbringen, muss man um den Zukunftsstandort Deutschland trauern. Es heißt, Wissen sei unsere einzige Ressource.

Wir aber gründen Sekten, jagen Nymphen und fabulieren über die Gedächtnisfähigkeit von Wasser.

 Zum Weiterlesen

Was hält Anton Zeilinger von Homöopathie?

Seltsamerweise hat dem österreichischen Quantenphysiker diese Frage noch nie jemand gestellt – obwohl sich zahlreiche Pseudo- und Parawissenschaftler auf Zeilingers Erkenntnisse berufen.

Die Süddeutsche Zeitung hat das nun nachgeholt – und folgende Antwort von dem 67-Jährigen bekommen:

Dass ein Bezug zwischen meiner Arbeit und der Homöopathie hergestellt wird, ist wissenschaftlich unbegründet. Ich bedaure es sehr, dass mein Name damit in Verbindung gebracht wird.”

Und weiter im Text:

Dafür, dass ein Wirkstoff Informationen in einer Lösung hinterlässt, in der er selbst nicht mehr enthalten ist, gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise”, erklärt der Physiker. “Homöopathie ist in meinen Augen ein reiner Placeboeffekt.” Auch von der sogenannten Quantenmedizin hält er nichts. “Das ist ein schwammiger, spekulativer Begriff, nicht die Bezeichnung eines wissenschaftlichen Gebietes.”

Der Autor des SZ-Beitrags, Markus C. Schulte von Drach, hat darüber hinaus mit weiteren angeblichen Homöopathie-Verfechtern gesprochen – und bekam ähnliche Statements zu hören und/oder zu lesen. Sogar von Szene-Protagonisten wie Rainer Lüdtke oder Claudia Witt.

Zum Weiterlesen:

e-book zu “2012″ von Dr. Florian Freistetter

Noch kurz eine Terminvorschau in Sachen “Weltuntergang 2012″:

Am 11. Februar beleuchtet die Universität Bonn die “wissenschaftlichen Fakten zum Maya-Kalender”.

Aus der Ankündigung:

Eine rätselhafte Inschrift in einer Steintafel der Ausgrabungsstätte Tortuguero am Golf von Mexiko und der Maya-Kalender sollen angeblich Hinweise auf das Weltuntergangsdatum 21. Dezember 2012 geben. Wissenschaftler widersprechen dieser Darstellung.

Der Maya-Forscher Prof. Dr. Nikolai Grube von der Universität Bonn führt am Samstag, 11. Februar, ab 9.30 Uhr im Akademischen Kunstmuseum, Am Hofgarten 21,  in das Themenpanel „Mythos 2012“ ein. Wissenschaftler aus Melbourne (Australien), von der Technischen Universität Berlin sowie den Universitäten Bonn und Hamburg unterziehen gängige Interpretationen einer kritischen Betrachtung.”

Über das “Monument 6″ von Tortuguero hat auch der Astronom Dr. Florian Freistetter bei Astrodicticum simplex schon geschrieben – und über zahlreiche weitere Aspekte des nicht stattfindenden Weltuntergangs 2012.

2012: Keine Panik”

ist nun nach eigenen Angaben eine “DeLuxe-Version der Blog-Einträge” und kann entweder als pdf oder als e-book für unschlagbar günstige 2,99 Euro bezogen werden.

Dafür gibt’s als Dreingabe ein exklusives Vorwort von den Science Busters.

Alle Infos zu “2012: Keine Panik” inklusive Bestellmöglichkeiten etc. kann man bei Astrodicticum simplex nachlesen.

Dr. Freistetter wird übrigens auch beim “Publikumstag” der World Skeptics Conference am 17. Mai in Berlin auftreten. Das Thema (wer hätte das gedacht?):

Weltuntergang 2012″

Zum Weiterlesen:

  • Dr. Florian Freistetter: 2012 – Keine Panik, Leseprobe hier
  • Der Weltuntergang 2012 beschäftigt 16 Prozent der Österreicher, Astrodicticum simplex am 29. Januar 2012 
  • Bernd Harder: 2012 – Leitfaden für Endzeitliebhaber. Herder-Verlag

 

“Unklare” Bachblüten und “negative” Labortests

Eben habe ich mir den neuen “IGeL-Monitor” des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS) angeschaut, wovon auch schon auf unserer Facebook-Seite die Rede war.

“IGeL”, das sind all diese “fragwürdigen”, “sinnlosen”, “umstrittenen” etc.pp. Zusatzleistungen beim Arzt, die man aus eigener Tasche bezahlen muss.

Warum sich nun ausgerechnet die GKV hier als eine Art Anwalt der gesetzlich Versicherten geriert, erschließt sich mir nicht so ganz. Das Finanzamt ist doch schließlich auch kein Anwalt unserer steuerlichen Interessen, oder?

Wie auch immer: Spaßeshalber habe ich nur mal zwei Bewertungen miteinander verglichen: Bach-Blütentherapie und Toxoplasmose-Test bei Schwangeren.

Zu Dr. Bachs blühendem (aber natürlich “intuitivem”) Unsinn schreiben die MDS-Experten völlig richtig:

Sie ist nicht Bestandteil der naturwissenschaftlich fundierten Medizin, da ihr mehrere Annahmen zugrunde liegen, die nicht nur spekulativ sind, sondern den gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen.”

Klingt nach einem vernichtenden Urteil, oder?

Weit gefehlt: Der Quatsch erhält beim “IGeL-Monitor” die schmeichelhafte Bewertung “unklar”.

Nützt nix – schadet nix?

Von wegen: „Ein Arzt in Sonthofen setzt die Bach-Blütentherapie auch bei Krebspatienten ein, und zwar, um ihre seelischen Probleme zu beheben, die seiner Ansicht nach für die Krebsentstehung sowie das Krebswachstum verantwortlich sind“, führen die Prüfer in ihrem Bericht explizit aus.

Klarer kann man Quacksalberei kaum benennen – und dennoch ist eine „Glaubenslehre, die quasireligiöse Züge trägt“ (Zitat MDS), also lediglich als „unklar“ einzustufen.

Dagegen pappt am Toxoplasmose-Suchttest in der Schwangeren-Vorsorge das Ramsch-Etikett “negativ“ – was der schlechtesten von fünf möglichen Kategorisierungen entspricht.

Wie ist das möglich?

Wir lesen weiter: „Insgesamt ist die Studienlage unbefriedigend. Die komplexe Testsituation, die wenig aussagekräftigen Studien sowie die widersprüchlichen Ergebnisse der von uns gefundenen Studien ergeben insgesamt keine ausreichenden Hinweise auf einen Nutzen.“

Natürlich, es gibt kaum einen Test, der mit 100-prozentiger Sicherheit zwischen Gesunden und Erkrankten unterscheiden kann.

Allerdings hat erst Ende November die Wiener Universitätsdozentin Dr. Julia Walochnik bei einer Expertenrunde in Berlin dargelegt, dass die Einführung eines gesetzlichen Toxoplasmose-Screenings in Österreich 5000 Kindern Leben und Gesundheit gerettet habe.

Auch das deutsche Nationale Konsiliarlabor Toxoplasma hat mittlerweile auf einen Spiegel-Bericht (“Ärzte machen mit Unsinn Kasse”) zum IGeL-Monitor reagiert und die Sinnhaftigkeit des Suchtests auf Toxoplasma gondii während der Schwangerschaft unterstrichen.

Mag sein, dass das Ganze ein Expertenstreit um komplizierte Studien und Nutzenbewertungen ist, der in allen seinen Verästelungen für Laien nur schwer nachvollziehbar ist.

Aber wer die Bach-Blütentherapie höher bewertet als einen modernen Labortest, der ist eigentlich auch nicht so richtig ernst zu nehmen.

Zum Weiterlesen:

  • Scharlatane kriegen Orden, Forscher wandern aus, Welt-Online am 26. Januar 2012




World Skeptics Congress 2012

World Skeptics Congress

NEU: Skeptiker 4/2011

SKEPTIKER 4/2011