gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

25. Februar 2020
von Bernd Harder
1 Kommentar

Verschwörungstheorien als „geistige Brandsätze“ und Radikalisierungsbeschleuniger – auch in Hanau

Im Mai 2019 verschickte die amerikanische Bundespolizei FBI ein internes Dokument, in dem Verschwörungstheorien erstmals als Motivation für inländische terroristische Bedrohungen eingestuft werden:

In der Analyse werden eine Reihe von Straftaten und versuchten Straftaten aufgezählt, bei denen die Täter beziehungsweise die Verdächtigen Verschwörungstheorien als Begründung angegeben hatten […] Die Autoren des Berichts halten es für „logisch“, dass Verschwörungstheorien in Zeiten des Internets mehr empfängliche Menschen erreichen und diese dann kriminelle oder gewalttätige Aktionen durchführen – auch wenn sie insgesamt nicht neu seien.

Drei Monate später tötete ein Rechtsextremist in El Paso 22 Menschen. In einem vierseitigen „Manifest“ knüpfte der Täter an die Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“ an – wie schon im März 2019 der Attentäter von Christchurch (Neuseeland).

Ausschnitt aus dem „Manifest“ des Attentäters von Christchurch

In Deutschland erschien im April 2019 die Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Darin benennen die Psychologen Pia Lamberty und Jonas Rees Verschwörungsmythen als „Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ und zeigen einen Zusammenhang auf zwischen Verschwörungsmentalität (in der Tabelle als „Zustimmung“ zu verschiedenen Verschwörungstheorien) und Demokratiemisstrauen, Gewaltbilligung sowie Gewaltbereitschaft.

Auch der Spiegel warnte im September 2019 vor Verschwörungsdenken als einer Art „Herumfackeln mit dem Ausnahmezustand“:

Wer darauf aus ist, kann eine Verschwörungstheorie als Lizenz zur Gewalttat verstehen. Sie malt das Bild einer derart unfassbaren Übermacht, dass gegen sie jedes Mittel der Notwehr gerechtfertigt wäre […] Konspirologische Szenarien wie etwa „Der große Austausch“, Chemtrails, Big Pharma oder die Illuminaten-Weltregierung bieten möglichen Tätern auch moralische Deckung.

Im Oktober 2019 ereignete sich dann der antisemitische Anschlag von Halle.

Und jetzt Hanau.

Die Psychiaterin Nahlah Saimeh sieht bei dem Täter Tobias R. Hinweise auf eine schwere psychotische Erkrankung, „wahrscheinlich eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie“. Die Kriminologin Britta Bannenberg spricht ebenfalls von einer „paranoiden Schizophrenie“ – was erst einmal nichts mit Verschwörungsglauben zu tun hat.

Das Forschungsprojekt

How paranoid are conspiracy believers?

von Pia Lamberty und Roland Imhoff zeigte:

Allerdings ist es durchaus möglich,

… schwer psychisch krank zu sein und rechtsextrem und rassistisch,

sagt Prof. Bannenberg von der Uni Gießen weiter. Der Psychologe Dr. Sebastian Bartoschek erklärt im MDR, der Attentäter von Hanau sei

… ein verschwörungstheoretischer Nazi und psychisch krank

gewesen.

Zumindest war die Tat keine unüberlegte Handlung, sondern sie folgte im Ablauf, in der Rhetorik und in der Verbreitung eines Videos und eines „Manifests“ dem Muster rechtsextrem-konspirologischer Terroranschläge der letzten Jahre.

Die Publizistin Simone Rafael analysiert für Belltower News, dass Tobias R.

… ein geschlossenes rechtsextremes, rassistisches und verschwörungsideologisches Weltbild [hatte] – und offenkundig auch psychische Probleme. Das eine schließt das andere nicht aus (vgl. BTN), sondern in diesem Fall scheinen sich die Komponenten eher gegenseitig zu verstärken, weil die paranoide, apokalyptische Rhetorik der rechtsextremen Szene wahnhafte Weltbilder, wie sie R. in seiner Schrift und den Videos vertritt, bedient und befeuert.

Sein hauptsächlicher Text, auf den jetzt als „Manifest“ Bezug genommen wird und den R. offensichtlich mit Blick auf seine Tat und seinen Tod als Nachlass formuliert und vor rund einer Woche ins Internet gestellt hat, ist ein “Skript” mit Illustrationen, das offenbar wie die Vorlage einer Verfilmung gedacht ist – im Text nimmt R. auch mehrfach auf Hollywoodfilme Bezug.

Ausschnitt aus dem „Manifest“ von Tobias R.

Es ist allerdings auch korrekt, dass das „Manifest“ des Täters von Hanau eher „Versatzstücke von Verschwörungstheorien“ enthält, wie der Kulturwissenschaftler Prof. Michael Butter bei Zeit-Online ausführt:

Er verwendet zum Beispiel nicht den Terminus vom Großen Austausch, der bei rassistisch motivierten Attentätern in den vergangenen Jahren fast zum Standard geworden ist […] Man könnte von einer Art privaten Verschwörungstheorie sprechen, wenn Tobias R. von dem angeblichen Geheimdienst berichtet, der seine Gedanken abhöre.

Ausschnitt aus dem „Manifest“ von Tobias R.

Dennoch war Tobias R. für Butter eindeutig ein Verschwörungstheoretiker:

Und zwar deshalb […], weil das, was man da an Versatzstücken und privater Theorie findet, funktional äquivalent ist mit dem, was normalerweise Verschwörungstheorien leisten. Ganz klassisch ist in den Schriftstücken von Tobias R. etwa die Entlastungsfunktion: Man muss die Schuld nicht bei sich suchen, wenn andere schuldig sind, also die ominösen Verschwörer. Die Position der eigenen Schwäche wird so in eine der Stärke umgewandelt.

Einen weiteren interessanten Aspekt bringt die Journalistin Susannen Kaiser ein: Frauenhass.

Dahinter steht folgende Idee: Durch den Feminismus können Frauen heute selbst entscheiden, mit wem sie zusammen sein und wie sie ihr Leben führen wollen. Sie entscheiden sich aus Sicht der Attentäter aber falsch, nämlich für die Karriere und gegen Kinder und außerdem nicht für sie, die „weißen“ Jungs.

Dadurch sinken die Geburtenraten des „weißen Volks“, während „Nichtweiße“ viel Nachwuchs hätten, so die krude These. Das führe dazu, dass Deutschland (oder je nachdem Norwegen, Neuseeland, USA, der Westen) im Jahr 2050 eine muslimische Mehrheitsbevölkerung haben werde.

Ausschnitt aus dem „Manifest“ von Tobias R.

Auf der deutschen misogynen Seite Wikimannia zum Beispiel findet man unter dem Stichwort „Frau“ als erstes ein Foto, auf dem eine große Gruppe schwarz verhüllter Musliminnen zu sehen ist, darunter die Bildunterschrift: „Deutsche Frauen im Jahr 2050 (Symbolbild)“.

Die Bevölkerung ist also ausgetauscht. Rechtsextreme nennen das den weißen Genozid. Dahinter steckt in den meisten Varianten der Erzählung das Weltjudentum, das die Regierungen manipuliert hat, damit sie Bürgerkriege anzetteln, um anschließend eine Vielzahl von Flüchtlingen aufnehmen zu können […]

Auch der mutmaßliche Hanau-Attentäter Tobias R. hatte sich eine Welt aus Verschwörungstheorien gebaut, in der „Menschen germanischer Abstammung“ durch muslimische „Volksgruppen, Rassen oder Kulturen“ und deren höhere Geburtenraten in Bedrängnis geraten.

Somit findet sich auch bei Tobias R. jene soziologisch-psychologische Variable, die in mehreren Studien einen starken Zusammenhang mit dem Glauben an Verschwörungstheorien zeigt, nämlich „Entfremdung“ – definiert als die subjektive Empfindung von Isolation, Machtlosigkeit und Kontrollverlust in einer unübersichtlichen Welt. Der Glaube an Verschwörungsmythen dient in dieser Situation vor allem der Komplexitätsreduktion, der Selbstaufwertung und der Entlastung durch Externalisierung.

Doch dabei bleibt es eben nicht immer. Natürlich ist es per se noch nicht wahnhaft, an eine Weltverschwörung ominöser Schattenmächte zu glauben. Aber zum einen

… sind Verschwörungserzählungen der Klebstoff, der weite Teile der rechtsextremen Szene zusammenhält. Sie erfüllen eine wichtige Funktion für die innere Stabilität von Gruppen: Wer glaubt, die Regierung würde von bösen Mächten gesteuert werden, der zieht sich aus dem politischen Prozess zurück. Damit wird ein “Gut-Böse“-Schema konstruiert. Auf der einen Seite stehen dabei diejenigen, die die angebliche “Wahrheit“ kennen, auf der anderen die “Unwissenden und Verschwörer“. Ein solches Weltbild macht immun gegen jede Form der Kritik.

Zum anderen sind Verschwörungstheorien gefährliche „geistige Brandsätze“, weil …

… sie zu Handlungen animieren. Der Verschwörungstheoretiker bleibt nicht auf der gedanklichen Ebene „Ich werde bedroht und belogen“. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt bis zu „Ich muss etwas tun“ oder „Ich muss mich wehren.

Das sehen wir bei Impf-Verschwörungstheorien, die erwiesenermaßen die Impfbereitschaft senken. Genauso sehen wir es bei „Lügenpresse!“ rufenden Pegida-Demonstrierenden, die Journalisten angreifen. Und eben bei Anhängern der Umvolkungs- oder Islamisierungsverschwörungtheorie, deren bekanntester Vertreter Anders Breivik heißt,

schreibt der Philosoph Jan Skudlarek bei Vice.

Und das hat nicht erst mit Halle oder Hanau begonnen – sondern darauf weisen wir schon seit Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder hin:

Aus einem Impfgegner-Forum
Dehumanisierung mit der „Reptiloiden“-Verschwörungstheorie
Aus einer „Chemtrail“-Gruppe

Der Politikwissenschaftler und Extremismusexperte Armin Pfahl-Traughber erklärt, Tobias R. habe „erkennbar auf eine politische Klimaverschiebung im Land“ reagiert. Dazu gehört auch eine anwachsende Verschwörungsmentalität (die laut einer aktuellen Studie bei AfD-Anhängern am meisten verbreitet ist).

Langsam erst setzt sich die Erkenntnis durch, dass Verschwörungstheorien keine „harmlosen Spinnereien“ sind.

Was können wir dagegen tun?

Unverändert gilt zum Beispiel das, was wir 2014 hier von der SPON-Kolumnistin Sibylle Berg übernommen haben:

Was tun wir mit der Einsicht, dass Argumente fast niemanden erreichen, und dass Aggression jedes Problem nur zuspitzt?

Vielleicht denken Sie sich: Wenn ich die Gegner meiner Weltsicht nicht überzeugen kann, bleibe ich einfach zu Hause, poliere Porzellan und warte auf mein Ende.

Das Problem: So angenehm sich dieser Gedanke anfühlen mag, er führt nicht zu einer Verbesserung der Welt oder was auch immer Sie dafür halten – nicht einmal im Kleinen. Denn dieser Gedanke beraubt Sie der Chance, wenigstens die aufgeschlossenen zwei Prozent zu erreichen.

Es hilft also nichts, man muss sich empören, man muss gegen das halten, was man für falsch erachtet. Man muss versuchen, Argumente zu finden, die möglichst viele andere auf die vermeintlich gute Seite bringen […]

Wer sich nicht mehr wehrt, wer nicht mehr für die Welt kämpft, in der er leben will, ist schon tot. Und das passiert früh genug.“

Als „Anleitung“ dafür haben wir in jüngster Zeit auf die Bücher von Franzi von Kempis oder Steven Novella oder Holm Hümmler hingewiesen. Denn es ist schlicht gesagt

… keine Kleinigkeit, wenn Hip-Hopper, Kabarettisten, Politiker, Befindlichkeitsbarden, A, B oder C-Promis, Latte-Macchiato-Muttis aus Haidhausen oder der Linksaußen in der Thekenmannschaft von der Impf-Verschwörung oder Chemtrails raunen.

Von der „Szene“ selbst ist auch nach Hanau keinerlei Innehalten oder gar Umdenken zu erwarten – im Gegenteil:

Natürlich wittern viele verblendete Realitätsverweigerer auch hinter diesem Terroranschlag eine Verschwörung. So wird – wie gefühlt bei jedem Terroranschlag – fast einstimmig von einer Inszenierung gesprochen: das Ganze sei angeblich eine Ablenkung oder eine sogenannte False-Flag-Aktion, um Menschen mit ähnlichen Ansichten wie Tobias R. zu kriminalisieren.

Also müssen wir weiterkämpfen, mit „Gegenrede, Argumenten und Aufklärung“, so wie Sascha Lobo letztes Jahr in diesem Video appellierte:

Jede und jeder Einzelne von uns. Im Netz, auf der Straße und an der Wahlurne.

Zum Weiterlesen:

  • Nach Hanau: Wie Verschwörungstheorien rechte Gewalt befeuern, Braunschweiger Zeitung am 22. Februar 2020
  • Verschwörungstheorien: „Alles ist so, wie du denkst“, Zeit-Online am 23. Februar 2020
  • Michael Butter: „Fast jeder Zweite in Deutschland glaubt an Verschwörungstheorien“, Deutschlandfunk am 25. Februar 2020
  • Terroranschlag in Hanau: Der Aluhut glüht, Professor Schwurbelstein am 22. Februar 2020
  • Attentat in Hanau: Der perfekte Verschwörungstheoretiker, netzpolitik am 24. Februar 2020
  • Verschwörungstheorien sind keine harmlosen Spinnereien – und es wird Zeit, dass wir sie bekämpfen, br am 21. Februar 2020
  • AfD-Wähler glauben laut Studie häufiger an Verschwörungstheorien, Zeit-Online am 25. Februar 2020
  • Das Terrornetz des Einzeltäters, Spiegel-Online am 23. Februar 2020
  • Der Täter und seine Schuld, Süddeutsche am 21. Februar 2020
  • „Tobias R. reagierte auf eine politische Klimaverschiebung im Land“, hpd am 25. Februar 2020
  • Im Internet kursieren erschreckend viele antisemitische Verschwörungstheorien, NZZ am 25. Februar 2020
  • Antisemitische Verschwörungstheorien, blz.bayern am 14. Februar 2020
  • Zur Ideologie des rechtsextremen Attentäters von Hanau, belltower news am 20. Februar 2020
  • Warum der Terrorist von Hanau kein „verwirrter Einzeltäter“war, Vice am 21. Februar 2020
  • Hass und Fake News nach Attentaten, FAZ am 25. Februar 2020
  • Halle: „Antisemiten glauben an eine Weltverschwörung aus Juden und Nichtjuden“, GWUP-Blog am 12. Oktober 2019
  • ZDF-Video: „Radikalisiert durch Verschwörungstheorien“ mit Sascha Lobo, GWUP-Blog am 26. Oktober 2020
  • Wir dürfen die Welt nicht unseren Feinden überlassen, SPON am 3. Mai 2014
  • Interview mit Lydia Benecke: Wenn Wahn und Rassismus zu Verbrechen führen, watson am 25. Februar 2020
  • Interview mit Lydia Benecke: „Vieles zusammengekommen“, der westen am 22. Februar 2020
  • Welch Ehre: GWUP, hpd und Co. auf der „Feindesliste“ der OCG, GWUP-Blog am 22. Februar 2020

24. Februar 2020
von Bernd Harder
1 Kommentar

Podcast: Amardeo Sarma über Skeptizismus, Zuckerkügelchen und globale Erwärmung

GWUP-Vorsitzender Amardeo Sarma war zu Gast beim „Kluge Freunde“-Podcast:

Er und Guido Bellberg sprechen über Skeptizismus, Skeptiker in Indien und Deutschland, die GWUP, Waldorf-Kindergärten, Zuckerkügelchen, NLP, globale Erwärmung, Wünschelruten und vieles mehr. Was heißt wissenschaftliches Denken und warum tun sich so viele Menschen heutzutage so schwer damit?

Zum Weiterlesen:

  • Video: Wer muss sich eigentlich von Verschwörungstheorien bedroht fühlen? GWUP-Blog am 1. Januar 2020

23. Februar 2020
von Bernd Harder
2 Kommentare

Hilft es oder wirkt es? Natalie Grams im Deutschlandfunk

Dr. Natalie Grams heute bei Deutschlandfunk Nova:

Die Ärztin Natalie Grams hat sich in ihrem neuen Buch mit alternativen Heilmethoden auseinandergesetzt und ihre Wirkung geprüft. Sie kommt zum Ergebnis: Es gibt kaum wissenschaftlich valide Daten zu ihrer Wirkung. Sowohl Schüßler-Salze als auch die Bachblütentherapie nimmt sie auseinander. Lediglich Yoga und der Meditation, in Teilen auch der Akupunktur, spricht sie eine messbare Wirkung zu.

Hier geht’s zum Podcast (zirka 12 Minuten).

Dazu an diesem Wochenende in verschiedenen gedruckten Medien:

Zum Weiterlesen:

  • Ab heute im Buchhandel: „Was wirklich wirkt“ von Natalie Grams, GWUP-Blog am 18. Februar 2020
  • Homöopathie-Kritikerin Natalie Grams im Interview: „Ich will die Homöopathie ja niemandem wegnehmen“, focus-online am 18. Februar 2020
  • Natalie Grams in der FAS: „Nur wer wirklich aufgeklärt ist, kann frei entscheiden“, GWUP-Blog am 16. Februar 2020
  • Buchrezension: Was wirklich wirkt, kinderdoc am 18. Februar 2020

23. Februar 2020
von Bernd Harder
Keine Kommentare

Video von Skeptics in the Pub Köln: „Astrobiologie“

Die Geowissenschaftlerin Lydia Baumann hat in Köln bei Skeptics in the Pub über

Die Suche nach dem Ursprung und der Verbreitung des Lebens im Universum

gesprochen.

Die Astrobiologie ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit Fragen beschäftigt wie der Entstehung des Lebens auf der Erde, seiner frühen Entwicklung und wo es sonst noch Leben im Universum geben könnte.

Dabei nutzen Astrobiolog*innen sowohl Erkenntnisse über unser Sonnensystem, über Exoplaneten, organische Verbindungen im Weltraum, die Frühzeit der Erde und die Lebensweise heutiger Mikroorganismen, die unter extremsten Bedingungen überleben können.

Am 26. Mai referiert Baumann in Nürnberg zum Thema:

Der Polsprung und seine Folgen: Von Weltuntergangsprophezeiungen zur Geowissenschaft

Zum Weiterlesen:

  • Jetzt im Skeptiker: Keine Panik – Nostradamus, Rose Stern und der Polsprung 2019, GWUP-Blog am 2. Oktober 2019
  • Nostradamus und der Polsprung 2019 – Die düsteren Prophezeiungen der Rose Stern, analysiert aus geowissenschaftlicher Perspektive, Skeptiker 3/2019
  • SkepKon-Video: Nostradamus, Rose Stern und der Polsprung, GWUP-Blog am 2. Juli 2019
  • Nachgefragt-Podcast mit Lydia Baumann: „Polumkehrungen des Erdmagnetfelds“ vom 10. Juli 2019

23. Februar 2020
von Bernd Harder
1 Kommentar

Stellungnahme vom Netzwerk Evidenzbasierte Medizin: „Homöopathie ist ein Irrweg“

Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin hat eine Stellungnahme zum Thema Homöopathie publiziert.

Der Erste Vorsitzende Prof. Dr. Andreas Sönnichsen (MedUni Wien) bezeichnet darin die Homöopathie als „Irrweg“. Es sei „doch sehr eindeutig erwiesen, dass homöopathische Potenzen keine physiologischen Einflüsse ausüben können, weder in vitro noch in vivo“.

Alle vermeintlichen Wirknachweise homöopathischer Mittel in bisher publizierten klinischen Studien sind nach heutiger Erkenntnis wissenschaftlich nicht überzeugend und „Zufallstreffern“ oder Qualitätsmängeln zuzuschreiben.

Selbst wenn überhaupt kein Unterschied zwischen untersuchten Behandlungen besteht, kommt rein statistisch bei einem zugelassenen Alphafehler von 0,05 (p-Wert < 0.05) bei jedem 20. Test ein signifikantes Ergebnis heraus. Bei fehlender Registrierung und Nicht-Festlegung eines primären Endpunkts a priori können solche Zufallsbefunde fälschlich schnell zu „Nachweisen“ erklärt werden.

Sorgfältige Untersuchungen in systematischen Übersichtsarbeiten konnten weder für eine individualisierte noch für eine nichtindividualisierte homöopathische Behandlung konsistente Behandlungseffekte nachweisen, die über eine Placebowirkung hinausgehen.

Die partielle Erstattung homöopathischer Behandlungen durch die gesetzlichen Krankenkassen widerspreche eindeutig dem Wirtschaftlichkeitsgebot einer solidarisch finanzierten Gesundheitsversorgung.

Das EbM-Netzwerk ist keine offizielle ärztliche Fachgesellschaft, gilt aber als die Institution, die die Verankerung der evidenzbasierten Medizin in Theorie und Praxis vorantreibt, und ist als solche nicht ohne Einfluss.

Zum Weiterlesen:

22. Februar 2020
von Bernd Harder
11 Kommentare

Welch Ehre: GWUP, hpd und Co. auf der „Feindesliste“ der OCG

Endlich habe ich es auf die „Feind“-Liste der Organischen Christus Generation (OCG) geschafft. Warum mir das 2014 mit den vielen Blog-Beiträgen über „Jugend-TV“ noch nicht gelungen ist – keine Ahnung.

Aber jetzt ist es endlich soweit:

Allerdings beschleicht mich irgendwie der Verdacht, dass die rechte Fundamentalisten-Sekte doch nicht so akribisch recherchiert hat, wie sie behauptet. Jedenfalls habe ich keinen blassen Schimmer, wer „Daniel Tietze“ ist beziehungsweise was er mit dem Skeptiker 2/2019 zu tun haben soll.

Auch eine Zeitung mit dem Titel „Das Skeptical“ gibt es nicht. Und was in den geschwärzten „Bemerkungen“ über mich steht, will ich gar nicht erst wissen.

Überhaupt ist das neue Video von Klagemauer-TV

Sasek schockt den Landtag – OCG legt gefürchtete „Freund-Feind-Liste“ offen

ein bizarrer Höhepunkt der Sasek’schen Weltumdeutung.

Nachdem die bayerische Staatsregierung sich künftig näher mit der OCG und Klagemauer-TV beschäftigen will (wir berichteten), hat die neureligiöse extrem-evangelikale Sekte offenbar eine kopflose Flucht nach vorn angetreten und verfängt sich in einem wirren Rechtfertigungsschauspiel.

In dem 14-minütigen Filmchen erklärt die adrette Moderationsmarionette zunächst einmal, dass sich hinter der Empörung und dem Befremden der Landtags-Abgeordneten über die OCG-Aktivitäten in Wahrheit wohl …

… Angst vor überführendem Licht

und …

… vor peinlichen Bloßlegungen und sich daraus entflammenden Staatsskandalen

verberge.

Die (in einem vorangegangenen BR-Beitrag auszugsweise dokumentierte) Predigt von Sekten-Guru Ivo Sasek über das Ausforschen von Journalisten zum Beispiel nach „Rasse, Abkunft, Abstammung und sexueller Orientierung“ („Ist der für Gender, ist der homosexuell, ist der pädophil, Sodomist?“) habe in Wahrheit lediglich „den kriminellen Schattenmächten hinter den Mainstream-Medien“ gegolten.

Bester Satz: Die OCG übe selbst „keinerlei Feindschaft“ aus.

Tja – dummerweise schwadroniert Saseks Bauchrednerpuppe aber davor und danach über …

…. die Söhne des Verderbens, Kriegstreiber, Gauner, Zuchtlose, Gesetzeslose, Frühsexualisierer, Pädophile und dergleichen […] Eugeniker, die unsere Weltbevölkerung um sechs Milliarden verringern wollen. Menschliche Widersacher, die seit 40 Jahren systematisch all unsere Werke zerstören.

Das klingt natürlich alles total liebevoll, und so kann auch die Darlegung aus dem kla.TV-Studio Karlsruhe nicht mehr überraschen, was es mit der sogenannten „Freund-Feind-Liste“ tatsächlich auf sich habe.

Es ging bei dieser Namens- und Datensammlung um nichts weiter als um …

… eine Grundlagenarbeit für die Staatsanwaltschaft zwecks Strafanzeige.

Und der Moderationstextableser scheint ernsthaft indigniert zu sein, dass „Politiker und Staatsanwaltschaften“ bis heute so gar kein Interesse daran zeigen – wo es sich doch um Hunderte Personen handelt, die …

… sowohl Ivo Sasek als auch OCG, AZK, Klagemauer-TV und weitere Dienstbereiche in unnachgiebiger Feindschaft verleumden und verfolgen. Sie zerstören seit Jahrzehnten all unsere ehrenamtlichen Dienste […] Fortgesetzt zerstören sie in allem verleumderisch unseren Ruf, verfolgen und verhindern alle unsere geschäftlichen Verbindungen.

Man könnte über diesen ganzen kindischen Unsinn einfach nur amüsiert den Kopf schütteln. Doch eigentlich gibt es darüber nichts mehr zu lachen:

Wir [sollten] uns klarmachen, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, eben nicht nur durchgeknallte Spinner sind, über die man sich so herrlich beömmeln kann.

Und wenn mal wieder eine große Halle ausverkauft ist, weil dort jemand zwei Stunden lang erklärt, warum 9/11 ein Inside-Job war, wenn mal wieder Bücher des Kopp-Verlags auf den Bestellerlisten landen oder wenn mal wieder ein Schwurbelvideo zum Corona-Virus auf Youtube hunderte Klicks einheimst, dann sollten wir uns schon auch mal fragen, wer eigentlich die Profiteure sind dieser Verschwörungsindustrie.

Ob Alex Jones in den USA, Daniele Ganser aus der Schweiz oder David Icke aus England – sie alle füllen größere Hallen, wenn sie auf Verschwörungstour sind. Das Verschwörungsbusiness boomt – oft stellen die Profiteure die Frage „Cui bono“, also wem nützen die vermeindlichen Verschwörungen?

Es wird Zeit, dass wir die gleiche Frage stellen: Wem nützt die Verschwörungstheorie am meisten? Wir können Verschwörungstheorien nicht aus der Welt schaffen. Aber wir können damit aufhören, sie als harmlose Spinnereien abzutun. Denn in Wirklichkeit ist meistens gar nicht die Wahrheit irgendwo da draußen, sondern nur der Wahn.

Womit wir eindeutig bei Ivo Sasek und Klagemauer-TV sind.

Update: Mittlerweile hat sich die Frage nach „Daniel Tietze“ geklärt – er twitterte vom Skeptical 2019 ein Foto von einem Vortrag, in dem kla.TV erwähnt wurde. Das zeigt entweder, dass die OCG-Akteure noch verpeilter sind, als ohnehin vermutet. Oder es ist ein Indiz dafür, dass die gezeigte „Liste“ nicht die echte ist, sondern nur ein zusammengestückelter Abklatsch.

Zum Weiterlesen:

  • Zur Ideologie des rechtsextremen Attentäters von Hanau, belltower news am 20. Februar 2020
  • Verschwörungstheorien sind keine harmlosen Spinnereien – und es wird Zeit, dass wir sie bekämpfen, br am 21. Februar 2020
  • „Kontrovers“: Bayerische Staatsregierung soll sich mit Klagemauer-TV befassen, GWUP-Blog am 13. Februar 2020
  • Video: „Kontrovers“ über die OCG und Klagemauer-TV, GWUP-Blog am 29. Januar 2020
  • Skeptiker-Interview: Hinter der Klagemauer – welche Ziele verfolgt das „alternative Medienportal“? GWUP-Blog am 24. Juni 2019
  • „Klagemauer-TV“: Angst und Verunsicherung schüren, Vertrauen erschüttern, GWUP-Blog am 26. Juli 2019
  • Antisemitische Verschwörungstheorien, blz am 14. Februar 2020
  • Terroranschlag in Hanau: Der Aluhut glüht, Professor Schwurbelstein am 21. Februar 2020
  • Schweizer Sekte sammelt Daten von deutschen Politikern, infosperber am 19. Februar 2020

21. Februar 2020
von Bernd Harder
3 Kommentare

Professor Martin Lambeck ist tot

Sein „psycho-physikalischer Hauptsatz“, den er als Replik auf Dr. Dr. Walter von Lucadou formulierte, blieb zeit seines Lebens unwiderlegt:

Kein Mensch kann allein durch Denken (mental) Wirkungen außerhalb des eigenen Körpers hervorbringen oder Informationen aus der Umwelt aufnehmen.

Auch keiner der 75 Nobelpreise, die Martin Lambeck vom Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften – kurz IntraG – an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder erwartete („wenn sich all das, was dort behauptet wird, als wissenschaftlich haltbar erweist“), wurde je verliehen.

Und auch ein selbst ernannter „Alternativheiler“, der sich auf Lambecks Herausforderung in einem Zeit-Essay („Harter Test für sanfte Heiler“) meldete, konnte ihn im Blindversuch nicht überzeugen.

Der Physiker Martin Lambeck (Jahrgang 1934, bis 1997 Professor an der TU Berlin) verkörperte den modernen Skeptizismus der Skeptikerbewegung in geradezu idealtypischer Weise: nichts vorschnell verwerfen, alles prüfen. Nach diesem Grundsatz führte er seine Debatten mit Parapsychologen, Heilern und Homöopathen:

Meine These ist eine „Unmöglichkeitsaussage“ und damit die wissenschaftlichste Form einer Behauptung, weil man sie durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegen kann.

Falls meine These falsch wäre, würde diese Einsicht radikale Erweiterungen der Physik und Medizin erzwingen. Kurzum, sie wäre die Grundlage für mehrere Nobelpreise.

Wenn meine These richtig ist, sollte man die Anhänger der esoterischen Medizin deshalb nicht lächerlich machen. Die Schulmedizin sollte ernsthaft erforschen, woher ihre scheinbaren und tatsächlichen Erfolge stammen,

schrieb er 2006 in der Zeit.

Gleichwohl Lambeck sich erklärtermaßen als „Vertreter der Lehrbuchphysik“ sah, schlug er auch der Parapsychologie verschiedene Experimente „im Sinne einer konstruktiven Kritik“ vor. Sein Buch

Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik

ist ein Standardwerk des heutigen Skeptizismus.

Sein trockener Berliner Humor brach auch heftigen Auseinandersetzungen die Spitze. So erklärte er einer Zeitung die Widersprüche in Lucadous Modell für parapsychologische Effekte:

Wenn es möglich ist, dass ein Hund durchs Zimmer fliegt, dann sollten viel kleinere Gegenstände wie etwa Büroklammern alle Nase lang durch die Gegend hüpfen, was augenscheinlich nicht geschieht. Ansonsten wäre die gesamte moderne Physik hinfällig.

Unaufgeregt, pragmatisch und gesprächsbereit war Lambeck auch gern gesehener Gast in zahlreichen TV-Produktionen wie „Maischberger“ oder „Dimension PSI“.

Martin Lambeck starb am 4. Februar und wurde in aller Stille und im kleinsten Kreis beigesetzt. Dr. Rainer Rosenzweig, Koordinator des GWUP-Wissenschaftsrats, schreibt:

Ich erinnere mich an Martin Lambeck als einen der Männer der ersten Stunde in der GWUP. Unvergesslich bleiben für mich seine Vorträge und Skeptiker-Beiträge, in denen er diverse Fehldeutungen in der Physik durch Parawissenschaftler anschaulich machte. Ein engagierter Physiker, ein kluger Wissenschaftler, der es verstand, seine und unsere Themen mit Geist und Witz zu vermitteln. Er wird uns sehr fehlen.

Zum Weiterlesen:

  • „Dimension PSI“: Total paranormal? Ein Gespräch mit Martin Lambeck und Andreas Hergovich, Skeptiker 1/2004
  • GWUP-Thema: „Irrt die Physik?“
  • Harter Test für sanfte Heiler, Zeit-Online am 11. Januar 2006
  • Der Heiler mit dem sechsten Sinn, Zeit-Online am 13. Juni 2006
  • GWUP-Thema: Können Paraphänomene durch die Quantenphysik erklärt werden?
  • Naturforschung in der Geisterwelt, neues deutschland am 30. November 2002
  • „Wir irren uns empor“: Interview mit Martin Lambeck in der NZZ am Sonntag vom 27. März 2005

19. Februar 2020
von Bernd Harder
Keine Kommentare

Video: Impfgegner im „Roast der Woche“ von André Herrmann

In seinem „Roast der Woche“ befasst sich der „Autor, Vorleser, Comedian, Endgegner“ André Herrmann mit den Impfgegnern:

„Ja, aber unser Arzt hat uns vom Impfen abgeraten!“

Euer Arzt legt euch Tarot-Karten, um herauszufinden, ob ihr Fieber habt, euer Arzt misst eure Aura und nicht eure Temperatur, der Typ ist kein Arzt, sondern ein Schamane. 200 Jahre die krassesten Krankheiten eingedämmt, nur damit jetzt irgendwelche Fraukes und Frerics glauben, dass Fakten zum Fühlen da sind.

Zum Weiterlesen:

  • „Vaxxed 2“ im Kino: Jetzt mit noch mehr Lügen, GWUP-Blog am 17. Februar 2020
  • Waldorfpädagogik und Impfungen, Anthroposophie-blog am 12. Februar 2020
  • Vaxxed 2 kommt in deutsche Kinos – wo sind wir hier eigentlich? Keine Ahnung von Garnix am 1. Februar 2020
  • Impfpflicht zu Masern, politik mv am 13. Februar 2020

19. Februar 2020
von Bernd Harder
4 Kommentare

Interessenskonflikte – wie geht es mit dem Rechtsgutachten in Sachen Heilpraktiker weiter?

Vor einer Woche hat das Bundesgesundheitsministerium den Fachanwalt Prof. Christof Stock (Aachen) mit dem angekündigten Rechtsgutachten zum Heilpraktikerrecht beauftragt:

Das Gutachten soll das Heilpraktikerrecht und die dazu ergangene Rechtsprechung umfassend aufarbeiten und klären, ob und welchen Gestaltungsspielraum der Gesetzgeber im Falle einer Reform hätte.

MedWatch meldet indes Zweifel an der Neutralität des Gutachters an.

Wie das Online-Magazin heute berichtet, habe Stock 2007 im Auftrag der „Gesellschaft für Biodynamische Psychologie/Körperpsychotherapie“ einen Ratgeber „Heilpraktiker – Werbung“ geschrieben. In dieser Gesellschaft seien viele Heilpraktiker vertreten, die eine begrenzte (sektorale) Zulassung als Heilpraktiker für Psychotherapie besitzen.

Stock reagierte auf die Anfragen von MedWatch bislang nicht – und ließ die Frage offen, welche Interessenskonflikte er hat. Im Vergabeverfahren sei von den Bietern im Rahmen einer abzugebenden Eigenerklärung zu erklären, dass kein Interessenskonflikt besteht, erklärt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums.

Zum Weiterlesen:

  • Gutachten des Gesundheitsministeriums: Heilpraktiker-Experte mit Interessenskonflikten, medwatch am 19. Februar 2020
  • Heilpraktiker-Gutachten mit Interessenskonflikten? daserste am 19. Februar 2020
  • Heilpaktiker weiter „in Alarmstimmung“ – sonst nichts, GWUP-Blog am 20. Januar 2020

19. Februar 2020
von Bernd Harder
Keine Kommentare

„Die Gegenseite kann meine Argumente nicht entkräften“: Natalie Grams bei Focus-Online

Heute hat Dr. Natalie Grams beim Deutschen Krebskongress 2020 in Berlin gesprochen:

Und bei Focus-Online gibt’s ein ausführliches Interview:

Focus: Haben Sie den Eindruck, dass Homöopathie-Anhänger zur Sekte geworden sind?

Grams: Ja, tatsächlich, finde ich, erkennt man sektiererische Züge. Das zeigt auch an dem Umgang mit mir. Ich werde verfolgt wie eine Apostatin. Bei jedem meiner Vorträge gibt es vorher riesige Proteste. Homöopathie-Anhänger versuchen zu verhindern, dass ich überhaupt spreche. Das ist nicht nur ideologisch, sondern auch demokratiefeindlich.

Denn niemand muss mir zustimmen, aber meine Position sollte ich schon klarmachen dürfen. Und neues, besseres Wissen so vehement abzulehnen, wie manche Homöopathie-Befürworter oder auch Anthroposophen es tun, scheint mir ein Anzeichen dafür zu sein, dass es sich um geschlossene Glaubenssysteme handelt.

Aktuell versucht die Hahnemann-Gesellschaft, einen Ihrer Homöopathie-kritischen Vorträge zu verhindern. Ihre Vertreter werden dabei sehr persönlich. Wie schlimm ist das für Sie?

In diesem Fall ist es besonders tragisch, weil die Apothekerkammer in Niedersachsen mich von sich aus gebeten hat, einen Vortrag zu halten – sie wünschten sich den kritischen Blick. Ich glaube die Angriffe sind so persönlich, weil die Gegenseite meine Argumente nicht entkräften kann. Oft macht man mich nur lächerlich, aber manchmal wird mir auch Gewalt angedroht. Morddrohungen gegen mich und meine Kinder waren das Schlimmste.

Wo glauben Sie werden wir in fünf Jahren in der Diskussion um Homöopathie stehen?

Ich bin sehr optimistisch, dass in fünf bis zehn Jahren jeder sagen wird: „Ich habe an die Homöopathie ja nie geglaubt. Mir war immer klar, dass das nur Placebo ist.“ Ich denke, es wird einen totalen Paradigmenwechsel geben, so wie es beim Rauchen der Fall war. Vor gar nicht allzu langer Zeit galt Rauchen als ungefährlich und cool, man hat es in Kneipen akzeptiert. Heute kann man sich das fast nicht mehr vorstellen.

Zum Weiterlesen:

  • Homöopathie-Kritikerin Natalie Grams im Interview: „Ich will die Homöopathie ja niemandem wegnehmen“, focus-online am 18. Februar 2020
  • Hochschule für umstrittene Homöopathie-Studie gesucht, br am 18. Februar 2020
  • Homöopathisches Urteil in Darmstadt: Urteil ohne Wirkstoff, hpd am 19. Februar 2020
  • Gelesen: Grams, Natalie: Was wirklich hilft, Onkel Michael am 17. Februar 2020