gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

9. Dezember 2025
von Felix Pfannstiel
Keine Kommentare

Dunkle Symbole und krude Weltbilder: Neuer Skeptitalk zur Mystik der SS

Anknüpfend an das Thema vor zwei Wochen nimmt uns Onkel Michael in der neuen Skeptitalk-Folge wieder mit in die okkulte Gedankenwelt der NS-Zeit. Diese Woche bringt er uns die Mystik der SS näher. Zu diesem Thema hat er bereits zwei Artikel (hier und hier) beim hpd veröffentlicht.

Inhalt:

  • Heutiges Thema: Schwarzer Orden und die Mystik der SS [ab 0:50 min]
  • Schutzstaffel (SS) [ab 2:00 min]
  • Heinrich Himmler und die SS-Mystik [ab 5:30 min]
  • Runen [ab 7:30 min]
  • Umbau der Wewelsburg [ab 9:00 min]
  • Karl Maria Wiligut [ab 11:10 min]
  • die Schwarze Sonne [ab 13:00 min]
  • Wilhelm Landigs Thule-Romane [ab 15:20 min]
  • Rituale der SS / Ahnenerbe [ab 18:40 min]
  • Fazit [ab 23:00 min]

Fragen, Anmerkungen, Themenvorschläge oder Beschimpfungen gerne an skeptitalk@gwup.org

Neben Transistor.fm ist der Podcast auch auf weiteren Plattformen verfügbar: Apple PodcastSpotifyOvercastPocket CastsAmazon MusicYouTubeCastroGoodpodsMetacastCastboxPodcast AddictPlayer FMDeezer.

Zum Thema:

  • Artikel: Okkulte Nazis, Heß‘ Friedensmission und die Abteilung „Siderisches Pendel“ in der neuen Skeptitalk-Folge, GWUP-Blog vom 25.11.2025
  • Artikel: Skeptitalk mit Stefan Uttenthaler: „Beweist ein Artikel die Existenz von Alien-Sonden?“, GWUP-Blog vom 10.11.2025
  • Artikel: Kaspar Hauser im Skeptitalk: Rätsel, Theorien und homöopathische Experimente, GWUP-Blog vom 28.10.2025
  • Artikel: GWUP-Podcast Skeptitalk: Von den Pocken bis Corona – „Impfgegner gestern und heute“, GWUP-Blog vom 13.10.2025
  • Artikel: Skeptitalk: Der neue GWUP-Podcast ist da! Erste Folge mit dem Vorsitzenden André Sebastiani, GWUP-Blog vom 30.09.2025
  • Artikel: Im Schatten der Runen. Das SS-Ahnenerbe und der lange Atem der Pseudowissenschaft, Michael Scholz via hpd vom 17.07.2025
  • Artikel: Die wahre Geschichte der „Schwarzen Sonne“, Michael Scholz via hpd vom 15.08.2024

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

8. Dezember 2025
von Felix Pfannstiel
3 Kommentare

Gastbeitrag: Argumente zählen, Wahrheiten nicht

ein Gastbeitrag von Timm Grams


Argumente zählen, Wahrheiten nicht

Die deutsche Skeptikerbewegung durchlebte in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufruhr. Anfangs sah es nach einer Selbstzerlegung aus. Dann setzte ein Läuterungsprozess ein, in dessen Verlauf es zur Aufspaltung kam. Ich will aufschreiben, warum ich meine, dass dadurch ein tief liegendes Problem der deutschen Skeptikerbewegung gelöst und ein stabiles und starkes Ergebnis erzielt worden ist.

Gerhard Vollmer (2003) beschreibt das zentrale Glaubensbekenntnis der Naturalisten und Realisten, nämlich dass »das Objekt unserer Erkenntnis, die Welt, einmalig und eindeutig bestimmt sei« und dass wir diese Welt erkennen können. Ein weiterer Baustein dieser Weltanschauung ist die  Korrespondenztheorie: Eine Aussage ist wahr, wenn die Welt so ist, wie die Aussage behauptet.

Der Naturalismus, insbesondere der Realismus, und der Glaube daran, die Wahrheit erkennen zu können, bildeten bis in jüngste Zeit die Basis der Skeptikerbewegung, die in Deutschland seit 1987 als GWUP firmiert.

Die Fragwürdigkeit dieser zu Überheblichkeit verleitenden Wahrheitsansprüche wurde immer wieder angemerkt, unter anderem im Aufsatz »Das fünfte Welträtsel: Bewusstsein« und in der dadurch provozierten Diskussionslawine (Scilogs 2021).

Hans Albert (1991) hat anhand des Münchhausen-Trilemmas erklärt, was unter einem Dogma zu verstehen ist. Der Realismus ist eine nicht zur hinterfragende Begründung und wird so zum Dogma. Daraus folgt ein innerer Widerspruch der Skeptikerbewegung: Der Skeptiker folgt einem Dogma, das er aus prinzipiellen Gründen ablehnen muss.

Vorsichtige Philosophen sprechen nicht von Wahrheit, sondern von relativer Wahrheitsnähe und nennen die Annäherung an die Wahrheit ein »regulatives Prinzip« (Karl Popper) oder gar nur eine »regulative Idee« (Hans Albert).  Für mich ist das Dogmatismus light. Er ermöglicht den Naturalisten/Realisten, von Wahrheiten zu sprechen, ohne einen Nachweis erbringen zu müssen.

Ein weiterer Mangel der bisherigen Skeptikerbewegung war der Anspruch auf universelle Geltung ihrer Grundsätze. Sie wurden über die Naturwissenschaften hinaus ausgedehnt. Ihre Wahrheiten sollten auch für Gesellschaftswissenschaften, also Volkswirtschaftslehre und Soziologie, für Psychologie und sogar die Religion bestimmend sein.

Dieser Universalitätsanspruch der GWUP musste scheitern. Darum geht es mir jetzt.

Erste Anzeichen eines inneren Konfliks der Skeptikerbewegung war für mich Martin Mahners Buchbesprechung »Zynische Theorien« von 2021. Martin Mahner verweist darin auf gute Argumente gegen die Critical Theories, aber auch auf ein paar schwache.

»Radikaler Skeptizismus hinsichtlich objektiven Wissens oder objektiver Wahrheit sowie ein Bekenntnis zum kulturellen Konstruktivismus« ist für ihn der grundsätzliche Mangel der Kritischen Theorie.

So denkt der Naturwissenschaftler. Wenn wir sehen wollen, ob dieses Denken universell ist, müssen wir uns Denkstil und Denkrahmen des Naturwissenschaftlers noch etwas genauer anschauen.

Lassen wir das widerspruchsvolle Konzept des Realismus einmal beiseite. Auch ohne dieses können wir sagen, was wir unter Naturwissenschaft verstehen wollen.

In der Naturwissenschaft geht es um Gesetzmäßigkeiten, die immer und überall gültig sind. Die Reichweite dieses Postulats definiert die »Welt« des Naturwissenschaftlers.

Absicht der Naturwissenschaften ist es, Gesetze zu finden, die zu den Beobachtungen passen. Wissensfortschritt entsteht dadurch, dass besser passende Gesetze die schwächeren widerlegen und ersetzen. Das ist der Kerngedanke von Karl Raimund Poppers Logik der Forschung.

Wenn wir die Welt durch unsere Beobachtungen definieren und nicht die Beobachtungen durch die fiktive Welt erklären, verliert der Begriff der »Wahrheit« den Sinn. Das macht aber nichts. Denn: Der Wissenschaftler strebt nach Erkenntnis, nicht nach Wahrheit. In der Wissenschaft regiert der Relativismus; er kommt darin zum Ausdruck, dass unter konkurrierenden Theorien immer die besser bestätigte gewinnt (Grams 2022).

Der zu den Naturwissenschaften passende Menschenrechtsbegriff ist Freiheit: Hypothesenbildung muss einschränkungslos möglich sein, erst bei der Prüfung auf Passgenauigkeit geht es streng zu.

Wir werden sehen, dass der Universalitätsanspruch den Gesellschaftswissenschaften nicht angemessen ist.

Ich habe mir sagen lassen, dass der Kulturkampf erst mit Erscheinen des Artikels über Applied Behavioral Analysis (ABA) voll ausgebrochen sei (skeptiker 4/2022). In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass nicht nur das Gesellschaftliche, sondern auch das rein Menschliche dem naturwissenschaftlichen Denken kaum zugänglich ist. Das zeigte auch die Diskussion über »Das fünfte Welträtsel: Bewusstsein« (Scilogs 2021).

Die Spannungen im Verein fanden Ausdruck in zwei Briefen: Erstens im Austrittsschreiben von Florian Aigner, er klagt: »Innerhalb der GWUP gab es die Forderung, den gesamten Bereich der »Critical Studies« (ein weites Feld, von Gender-Studies bis hin zu Critical Race Theory) als Pseudowissenschaft zu deklarieren und den Einsatz dagegen als Teil der Vereinsarbeit zu sehen«.

Aigner findet »aber nicht, dass ein Verein wie die GWUP der richtige Ort dafür ist. In der Skeptikerbewegung geht es um Rationalität und Aufklärung, um Fragen, die man mit naturwissenschaftlichen Methoden klar beantworten kann.«

Ulrich Berger hält dagegen  (10. April 2024 ): »Nein, es ging niemals nur um solche Fragen. Das wäre eine radikale, willkürliche und unnötige Einschränkung. Vor 15 Jahren schon gab es z.B. im skeptiker eine Diskussion darüber, ob die Volkswirtschaftslehre eine Pseudowissenschaft sei.«

Den hochinteressanten Disput zwischen Ulrich Berger und Mario Bunge finden wir im skeptiker 2/2009.

Natur-  und Gesellschaftswissenschaften zanken sich schon lange. Ein Höhepunkt in jüngerer Zeit war der Positivismusstreit in den 60er Jahren. 

Bereits in den 30er Jahren hatten Karl Popper und Max Horkheimer die konträren Sichtweisen und Denkrahmen in den maßgebenden Schriften niedergelegt. Poppers Logik der Forschung von 1934 legt den Kern der Naturwissenschaften bloß – später nennt er seine Lehre kritischer Rationalismus. Max Horkheimer widmet sein Werk von 1937 den Triebkräften der Gesellschaft, der Kritischen Theorie.

Beide Sichtweisen sollte kennen, wer Putsch und Befriedung der GWUP in den Jahren 2023 bis 2025 verstehen will.

Was unterscheidet die Welt der Gesellschaftswissenschaften so grundsätzlich von derjenigen der Naturwissenschaften? Erstere ist wesentlich konstant: Gesetze gelten immer und überall. Die Welt des Gesellschaftswissenschaftlers ist in ständigem Wandel und der Wissenschaftler selbst ist Akteur. Der Naturwissenschaftler beschreibt seine Welt, der Gesellschaftswissenschaftler will seine, nämlich die Gesellschaft, besser machen. Lassen wir Max Horkheimer selbst zu Wort kommen: »Die kritische Theorie hat … keine spezifische Instanz für sich als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts. Diese negative Formulierung ist … der materialistische Inhalt des idealistischen Begriffs der Vernunft.« (Horkheimer, 1937, 2020) 

Die Kritische Theorie dient der Gestaltung der Praxis und verweist, so Horkheimer weiter, »auf geschichtliche Veränderung, die Herstellung eines gerechten Zustands unter den Menschen.«

Was sind die Triebkräfte, die übergeordneten Leitgedanken der Wissenschaft? Bei den Naturwissenschaften haben wir die Freiheit ausgemacht, ohne die es nicht geht.

Ein Leitgedanke der Gesellschaftswissenschaften ist Gleichheit, oder besser noch: Gerechtigkeit. Damit sagen die Gesellschaftswissenschaftler, was sie sich unter einer besseren Welt vorstellen. Wissenschaft wird so zu einer wertbasierten Veranstaltung.

Für den Naturwissenschaftler ist so etwas ein Graus. Für ihn ist die Wertfreiheit der Wissenschaft ein hohes Gut.

Da die Kritische Theorie, anders als der kritische Rationalismus, nicht auf die Entdeckung von überall und ewig Vorhandenem aus ist, sondern auf Gestaltung, Reformationen oder gar Revolution der Gesellschaft, sind an sie ganz andere Maßstäbe anzulegen als an die Naturwissenschaften.

Natur- und Gesellschaftswissenschaft haben jede für sich ein Existenzrecht. Sie haben jeweils eigene Kulturen. So gesehen war es nahezu zwangsläufig, dass sich die Skeptikerbewegung, die Ulrich Berger zutreffend beschreibt, zerlegt hat.

Die Aufspaltung der Skeptikerbewegung in Deutschland kündigte sich im Podcast vom 5.12.2023 an, in dem Sebastian Bartoschek mit drei weiteren GWUP-Mitgliedern, die sich selbst als Wokies bezeichnen, über die Wokeness-Bestrebungen im Verein sprach. Angesprochen wurde, dass es Themen gebe, die nicht in die GWUP gehörten und die Frage ob es Wissenschaft ist oder nicht, schwer zu beantworten sei. Das gelte beispielsweise für manche Critical Studies. Die drei bildeten später zusammen mit anderen den neuen Skeptiker-Verein Skeptix.

Mitte November 2024 wurde die Gründung des Vereins bekanntgegeben. Darin finden sich, soweit ich sehen kann, diejenigen wieder, die mit Wokeness und Kritischer Theorie keine Probleme haben und die gewisse Themen der Kritik des Naturwissenschaftlers entziehen wollen.

Wissenschaft findet nicht in einem wertfreien Raum statt. Der Forscher ist hoffentlich ein guter Mensch mit hohen ethischen Werten.

Zum Wertfreiheitspostular sagt Hans Albert Folgendes (1968/1991, S. 75): »Würde man es als normatives Prinzip formulieren und ihm gleichzeitig unbeschränkte Geltung zusprechen, so müsste es unter sein eigenes Verdikt fallen und daher zu einem Selbstwiderspruch führen.« 

Damit bin ich einverstanden und dennoch neige ich dazu, das Wertfreiheitspostulat für die Naturwissenschaften in Anspruch zu nehmen. Dies nehme ich zum Anlass für einen kleinen Exkurs über die Wahrheitsansprüche von Diskussionsbeiträgen, auch meinen. 

Für die Kommunikation brauchen wir Klassifizierungen. Diese beruhen auf Analogien und diese sind gemeinhin unscharf. Bei etwas gutem Willen verstehen wir uns trotzdem ziemlich gut. Dabei hilft, dass wir Widersprüche nicht immer allzu ernst nehmen, jedenfalls dann nicht, wenn wir das Feld der Mathematik und der Naturwissenschaften verlassen haben. 

Ich bringe ein Beispiel aus der Denkwelt des Skeptikers. Der Realismus beruht auf der metaphysischen Annahme, dass es nur eine Welt gibt, dass diese unerschaffen ist und von Gesetzmäßigkeiten regiert wird. Diese Welt – die Realität – ist »in ihrer Existenz und ihren Eigenschaften unabhängig von unserem Bewusstsein«, meint Gerhard Vollmer (Scilogs, 2021). So etwas geht dem naturwissenschaftlich Gebildeten runter wie Öl, es scheint vernünftig zu sein. Aber es ist paradox: Das Bewusstsein soll von der Welt unabhängig sein und gleichzeitig Bestandteil der einen Welt? 

Mich beschleicht das Gefühl, dass wir bei tiefliegenden Fragen mit paradoxen Antworten rechnen müssen. Ich bediene mich beim Hegel-Mediator Karl Raimund Popper (1958/1980, S. 50): »Der Irrtum Kants bestand [aus Hegels Sicht] nur darin, daß ihn die Antinomien beunruhigten. Es liegt eben in der Natur der Vernunft, dass sie sich widersprechen muss.« 

Als ich daran ging, eine Klassifizierung der Denkfallen zu erstellen, war es immer eine Quelle des Unbehagens, dass die Begriffe nicht so trennscharf sind, wie ich es aus der technischen Welt gewohnt war. Der Dunning-Kruger-Effekt ist eine solche Denkfalle: »Inkompetente Leute sind stolz auf Fähigkeiten, die sie gar nicht haben.« Der Effekt ist bei Weitem nicht so deutlich, wie der Skeptiker das gerne unterstellt. Für die Entdecker dieses Effekts gab es den Ig-Nobelpreis 2000. 

Zusammengefasst: Die Entscheidung wahr oder falsch ist oft zu viel verlangt. Argumente zählen.

Unbeantwortet ist die Frage, was die aktuell diskutierten Critical Studies mit der Kritischen Theorie der 30er und der 60er Jahre zu tun haben. Vermutlich gibt es eine ideengeschichtliche Verbindung, aber das spielt hier keine Rolle. Relevant ist die innere Verwandtschaft von CS und KT.

Das Gemeinsame ist, dass der Forscher nicht von außen auf das Objekt seines Interesses schaut. Er hat die Binnensicht. Das stellt den Forscher vor besondere Schwierigkeiten. Er muss zu dem was er sieht, erlebt und was er gewohnt ist eine kritische Distanz aufbauen.

Robin DiAngelo beschreibt in ihrem Buch »White Fragility«(2018), das sich den CS zuordnen lässt,  durchweg eigene Befindlichkeiten und die anderer. Die Binnensicht ist unvermeidbar, denn die Rassismusforscher leben in der durch Rassismus geprägten Welt und manche sind selbst weiß und privilegiert. DiAngelo schreibt auf  Seite 9: »We make sense of perceptions and experiences through our particular cultural lens. This lens is neither universal nor objective, and without it, a person could not function in any human society.« 

Auch der Kapitalismuskritiker hat die Binnensicht. Sein Leben und Denken ist durch den Kapitalismus geprägt. Theodor W. Adorno schreibt in »Soziologie und empirische Forschung« (1957, 1969): Theorie »muss die Begriffe, die sie gleichsam von außen mitbringt, umsetzen in jene, welche die Sache von sich selber hat, in das, was die Sache von sich aus sein möchte, und es konfrontieren mit dem, was sie ist.«

Bei der KT geht es um die Verfasstheit des gesellschaftlichen Ganzen, um Machtgefüge und Klassen, und um die inneren Widersprüche.

Anders liegt die Sache bei der Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal«: Die Forscher kamen von außen und sie haben die Binnensicht bewusst angestrebt. Zentrales Element soziologischer Studien ist die Befragung der Mitglieder einer untersuchten Gruppe zur Erfassung subjektiver Einstellungen, Meinungen oder Einschätzungen (Beispiel: Likert-Skala). Bekannte Beispiele sind die Gallup Polls. In der Marienthal-Studie lieferten teilnehmende Beobachtung und Befragungen die empirische Basis. Die Studie gilt als beispielhaft und mustergültig.

In den Naturwissenschaften gibt es so etwas nicht: Pendel und Moleküle werden nicht zu ihren Befindlichkeiten befragt.

Zwei Fragen aus einer GWUP-internen Diskussion: Die Forschungsarbeit einer Meeresbiologin ist »prüfbar, widerlegbar, kritisierbar und deskriptiv. Warum sollte dies bei Gesellschaftswissenschaften anders sein, wenn sie sich als Wissenschaften verstehen? Gehört es zur Redlichkeit von gesellschaftswissenschaftlicher Forschung, dass sie „der Gerechtigkeit“ dient?«

Meine Antwort: Kritisierbar ist jede Feststellung und »deskriptiv« bietet auch nichts Differenzierendes. Redlichkeit sollte man von jedermann, also auch von jedem Forscher, erwarten dürfen.

Die Attribute »prüfbar« und »widerlegbar« jedoch machen erhebliche Unterschiede offensichtlich. Die Wiederholbarkeit eines Experiments, die Reproduzierbarkeit, ist in den Naturwissenschaften Standard, die zu prüfenden Gesetze gelten voraussetzungsgemäß immer und überall.

Man könnte sagen, dass auch die soziologische Marienthal-Studie ein allgemeines Gesetz offenbart hat, nämlich dass Arbeitslosigkeit nicht die Lust auf Revolution steigert, sondern zu Resignation und Apathie führt. Diese Verallgemeinerung ist jedoch unzulässig, denn die Beobachtungen hängen von nicht reproduzierbaren Umständen ab. Eigentlich wurde nur gezeigt, dass Arbeitslosigkeit nicht immer und überall die Lust auf Revolution steigert.

Spielfeld ist die Kritische Theorie. Sie will aussondern, was nicht funktioniert. Dafür passt der Begriff Negativismus. Gegenpol ist der kritische Rationalismus Poppers, der dem Positivismus zuzuordnen ist (nicht im Sinne des Wiener Kreises!).

Positivismus hier, Negativismus dort: das macht den Unterschied aus zwischen den verschiedenen Denkweisen von Naturwissenschaft einerseits und Gesellschaftswissenschaften andererseits.

Nun zur zweiten Frage. Soweit ich die Schriften von Adorno und Horkheimer verstanden habe, ist es tatsächlich ein Auftrag »gesellschaftswissenschaftlicher Forschung, dass sie „der Gerechtigkeit“ dient«.

Der kritische Rationalismus, und die Kritische Theorie stehen nicht in Feindschaft zueinander. Es sind verschiedene Denkrahmen für unterschiedliche Denkzwecke.

Die Aufspaltung der Skeptikerbewegung hat etwas Gutes. Die unterschiedlichen Denkrahmen und Denkstile weiten das Feld.

Die Blickfelderweiterung kann gelingen, wenn in der Kommunikation zwischen den Gruppierungen gilt: Das bessere Argument möge gewinnen. Gruppenmeinungen und Wahrheitsansprüche stehen dem entgegen, denn sie führen nur zu endlosen und zirkulären Debatten.

Die GWUP strebt, soweit ich sehe kann, genau diese Blickfelderweiterung an. Ihr Vorsitzender André Sebastiani und Nikil Mukerji vom Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken setzen den Ton und berichten von der Beschlusslage: »Freie Debatte statt Vereinsmeinung« (hpd 17.10.2025). 

Offenheit und den respektvollen Dialog über Meinungsverschiedenheiten benennen sie als Grundwerte. Es gehe darum, »Argumente auszutauschen – untereinander und mit der Öffentlichkeit«. Das geschehe »herzlich im Ton, aber unnachgiebig, wenn unsere Argumente nicht widerlegt werden«. Jedes Mitglied sei nur für eigene Äußerungen verantwortlich.

Das Individuum wird über die Gruppe gestellt. Schon seit langem sage ich es so: Der Skeptiker ist kein Rudeltier.

Diese  programmatische Ausrichtung der GWUP hat Vorbilder in der Antike und in der Neuzeit: Moses Maimonides (1183-1204) und René Descartes (1596-1650).

Zentral für die skeptische Methode des Moses Maimonides ist die Toleranz. Maimonides zitiert Aristoteles (Buch 2, Kapitel 15): »Es zeichnet denjenigen aus, der gemäß der Wahrheit entscheidet, dass er seinen Gegnern gegenüber keineswegs feindlich gesonnen ist, sondern ihnen freundlich und gerecht begegnet, und sie so wie sich selbst behandelt, und zwar gemäß der Richtigkeit der Begründung; des Weiteren, dass er ihnen gleichermaßen zugesteht, dass ihre Begründungen ebenso richtig sein können wie die eigenen.«

In Buch 2, Kapitel 23 seines Wegweisers für die Verwirrten schreibt er über abgewogene Zweifel: »Du sollst wissen, dass wenn du die Zweifel, die mit einer gewissen Ansicht notwendig verbunden sind, mit denjenigen vergleichst, die mit der entgegengesetzten Ansicht verbunden sind, und du dich entscheiden willst, welche von beiden weniger Zweifel hervorruft, dann solltest du weniger die Anzahl der Zweifel in Erwägung ziehen als vielmehr die Tatsache, wie gewaltig ihre Absurdität ist und inwieweit die Realität ihr widerspricht. Denn manchmal kann ein einzelner Zweifel gewaltiger sein als tausend andere Zweifel.«

Mehr zum Thema Skeptizismus in unserer Zeit: Mein Buch »Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System«, zweite Auflage, 2020.

Adorno, T. W.; Albert, H.; Dahrendorf, R.; Habermas, J.; Pilot, H.; Popper, K. R.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. (1969, 1989)

Aigner, Florian: Die GWUP: Zwischen Wissenschaft und Ideologie. April 2024

[https://florianaigner.at/gwup.htm]

Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, 1991

Bartoschek, Sebastian: Wieder GWUP: Wie man den Wokies das Feld überlässt. Podcast, 2023

[https://youtu.be/L-tWKV0VKJs?si=W60rreKcZzW7RetX]

Berger, Ulrich: GWUP zwischen Wissenschaft und Ideologie? Ein offener Brief. scienceblogs 10.4.2024

[https://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2024/04/10/gwup-zwischen-wissenschaft-und-ideologie-ein-offener-brief/]

Descartes, René: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs. Reclam 1961/1963

DiAngelo, Robin: White Fragility. 2018

Grams, Timm: Realist oder Wahrheitssucher. Homepage HS Fulda. 25. Juli 2022

[https://www.hs-fulda.de/fileadmin/user_upload/FB_ET/Beschaeftigte/Ehemaligen/Grams/ZeitenwendeHoppla_.PDF]

GWUP: Freie Debatte statt Vereinsmeinung. hpd 17.10.2025

[https://hpd.de/artikel/freie-debatte-statt-vereinsmeinung-23481]

Horkheimer, Max: Traditionelle und kritische Theorie. 1937/2020

Mahner, Martin: »Zynische Theorien« Wie Identitätsideologie die Geistes- und Sozialwissenschaften beschädigt. skeptiker 1/2021, S. 18-24

[https://blog.gwup.net/2022/09/05/gastbeitrag-zynische-theorien-wie-identitaetsideologie-die-geistes-und-sozialwissenschaften-beschaedigt/]

Maimonides, Moses: Wegweiser für die Verwirrten. Eine Textauswahl zur Schöpfungsfrage mit einer Einleitung von Frederek Musall und Yossef Schwartz. Herder, Freiburg 2009

Popper, Karl Raimund: Logik der Forschung. 1934/1982

Popper, Karl Raimund: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2, 1958/1980

Scilogs 2021: Das fünfte Welträtsel: Bewusstsein. 

[https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-fuenfte-weltraetsel-bewusstsein/]

Vollmer, Gerhard: Wieso können wir die Welt erkennen? 2003

Vyse, Stuart: Applied Behavior Analysis (ABA): Eine missbräuchliche Praktik? Skeptiker 4/2022, S. 158-162

Wolff, Maurice: Einleitung zu »Acht Kapitel – Eine Abhandlung zur jüdischen Ethik und Gotteserkenntnis« von Moses Maimonides. 1992

Peng!

6. Dezember 2025
von Felix Pfannstiel
Keine Kommentare

Gastbeitrag: Bericht zur Konferenz „FAKE 2025“: Über Des-Emotion, digitale Diskussionskultur und kritisches Denken.

ein Gastbeitrag von Folker Bredow


Bericht zur Konferenz „FAKE 2025“: Über Des-Emotion, digitale Diskussionskultur und kritisches Denken.

Unter den Schlagworten „Fakten, Austausch, Kompetenz, Engagement“ kamen am 29. November rund 70 Interessierte und Engagierte aus unterschiedlichen Verbänden und Initiativen im Deutschen Hygienemuseum in Dresden zusammen, um sich über Herausforderungen und Vorgehensweisen im Umgang mit Falschnachrichten und Verschwörungserzählungen auszutauschen. Die GWUP sowie der Verein selbst-kritisch-vegan stellten zwei der insgesamt zehn Stände auf der Veranstaltung.

Der Vormittag stand im Zeichen spannender Kurzvorträge, welche die Bandbreite der Ansätze und Konzepte gegen Desinformation widerspiegelten. Philine Schlick von der Initiative SPREUWEIZEN hob die Bedeutung von Emotionen bei der Rezeption von Mitteilungen hervor und regte an, den Blick von Desinformation auf „Des-Emotionen“ zu weiten und sich der Gefahr von Humor als Trojanisches Pferd bewusst zu sein, durch das demokratiegefährdende Ideologien widerstandslos Einzug in unsere Gedankenwelt erhalten können. Über die Erfahrungen und mögliche Strategien im Umgang mit Rechtsextremismus im Netz berichtete Marie-Theres Ueberlein von der Aktion Zivilcourage e.V. und rief zu besserer Prävention und konsequenter Gegenrede auf. Ellen Forke von artably nahm die Barrieren für Menschen mit Behinderung beim Zugang und beim Verständnis von Informationen in den Blick. Um Medienkompetenz inklusiv zu denken, solle man sich stets die Frage stellen, was die Betroffenen konkret brauchen.

Mit den Strukturen digitaler Netzwerke beschäftigten sich zwei weitere Vorträge: Dr. Franziska Martini vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena stellte Forschungsergebnisse zu Community Notes auf X als Konzept für crowdbasiertes Fact-Checkings vor – mit dem gemischten Zwischenfazit, dass diese Tools noch zu wenig präsent sind, um als effektive Maßnahme gegen Desinformation angesehen zu werden. Carsten Knoll vertrat die Initiative Konstruktive digitale Diskussionskultur und stellte einen technischen Ansatz vor, der die Authentizität und Rückverfolgbarkeit von Beiträgen garantiert, sodass Aussagen weder unbemerkt verfälscht noch aus dem Zusammenhang gerissen werden können.

Die Vermittlung von kritischem und wissenschaftlichem Denken war Thema der Vorträge von André Sebastiani und Stefanie Weig von der GWUP. In Vertretung für den erkrankten Sebastian Schnelle stellten sie das Format „Skeptics in the Pub“ als niederschwellige, kurzweilige und gesellige, und dennoch auf hohes Niveau bedachte Möglichkeit vor, Pseudowissenschaften und Falschbehauptungen zu begegnen. Anschließend gab André Sebastiani einen Überblick über die Herausforderungen bei der Vermittlung kritischen Denkens an Schulen. Da kritisches Denken in der Anwendung stets kontextabhängig sei, sollen Lehrkräfte durch ein neues Fortbildungsprogramm, das auf dem Buch „Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands“ von Nikil Mukerji basiert, befähigt werden, diese Kernkompetenz des 21ten Jahrhunderts in allen Fächern an Schülerinnen und Schüler zu vermitteln.

Derart inspiriert gingen die Teilnehmenden während des Mittagessens in den angeregten Austausch. Die anschließenden Workshops boten die Möglichkeit der konzentrierten Beschäftigung mit unterschiedlichen Schwerpunkten: von der differenzierten Begriffsklärung über die Vorstellung konkreter Workshop-Konzepte und Herangehensweisen bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen und Diskussionen. Angesichts dessen dürften sich viele der Anwesenden gewünscht haben, die Fähigkeit der Fernwahrnehmung zu besitzen, um mehreren Workshops gleichzeitig beiwohnen zu können. Darüber hinaus bot die technisch und organisatorisch exzellent ausgeführte Konferenz ausreichend Raum und Zeit zum Netzwerken und Diskutieren. Das anschließende informelle Social Event in einem Dresdner Lokal komplettierte den Tag mit weiteren gesellschaftspolitischen und philosophischen Gesprächen.

Der Verein „Break the Fake“ hat mit der FAKEʻ25 eine hervorragende Veranstaltung auf die Beine gestellt, die hoffentlich ihre Fortsetzung findet. Das Potenzial ist da, dass sich die FAKE-Konferenz zu einer bundesweiten Institution für den Austausch von Erfahrungen und für die gemeinsame Entwicklung von Ansätzen und Strategien im Kampf gegen Desinformation entwickeln kann.

4. Dezember 2025
von Felix Pfannstiel
Keine Kommentare

KI-bedingte Irrtümer in der Populärwissenschaft und ein zweistündiger Crashkurs in die Kulturgeschichte der Riesen – Leif Inselmann mit Blogbeitrag und Podcastauftritt

KIs neigen gerne dazu, fehlende Informationen durch Zusammengereimtes zu ersetzen. Wie problematisch solche Halluzinationen für den (populär-)wissenschaftlichen Diskurs werden können, zeichnet uns Leif Inselmann in seinem Blog anhand eines heimatkundlichen Falls anschaulich nach. Außerdem ist er erneut im Podcast Alle Zeit der Welt zu hören. Diesmal mit einer zweistündigen Folge über das Kulturphänomen Riesen. Gab es sie wirklich und liegen uns materielle Überreste vor?


Eisenzeitliche Barock-Särge in Flensburg? Eine Lektion in Heimatkunde und KI

Leif Inselmann vom 26.11.2025

In seiner Wunderkammer der Kulturgeschichte greift Leif ein lokales Thema auf:

Der Museumsberg im schleswig-holsteinischen Flensburg beherbergt ein ganzes Ensemble von Kulturdenkmälern: […] Zu den hierhin verbrachten Kunstdenkmälern zählen auch drei steinerne, kunstvoll verzierte Sarkophage, die ohne weitere Erklärung vor dem Heinrich-Sauermann-Haus stehen.

Das Besondere an den Särgen, wie Willi Schewski auf Schlesweig-Holstein24.com schreibt:

Die drei Steinsärge auf dem Museumsberg in Flensburg sind ein bedeutendes archäologisches Fundstück. Die Särge stammen aus der Eisenzeit und sind etwa 2.500 Jahre alt. Sie wurden 1952 bei Ausgrabungen in Flensburg entdeckt und sind heute Teil der Dauerausstellung im Museum auf dem Museumsberg.

Die genaue Bedeutung und Funktion der Steinsärge ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass sie sowohl als Gräber als auch als repräsentative Monumente dienten. Aufgrund ihrer kunstvollen Gestaltung und der hochwertigen Verarbeitung werden sie als bedeutende Zeugnisse der damaligen Kultur angesehen.

An diesen Ausführungen ist etwas faul. Leif merkt an:

Verzierte Steinsarkophage aus der Vorrömischen Eisenzeit in Schleswig-Holstein? Das wäre eine archäologische Sensation, für einen solchen Fund gäbe es in ganz Nordeuropa nicht die geringste Parallele.

Doch die ganze Geschichte ist offensichtlicher Unsinn. So erkennt man auf den ersten Blick, dass die Särge keine 2500 Jahre alt sein können: Alle drei Sarkophage sind voller christlicher Symbolik, auf jedem Sargdeckel prangt unübersehbar der gekreuzigte Jesus – und das fünfhundert Jahre vor Christus? Die Form der Särge und ihre ganze Ikonografie mit Wappen, Putten usw. verweisen in die Kunstepoche des Barock, d. h. das 17. bis 18. Jahrhundert n. Chr.    

Woher die Särge wirklich stammen:

Bei den Sarkophagen handelt es sich, wie unter anderem aus dem Katalog der sakralen Kunst des Städtischen Museums Flensburg (Barfod 1986) hervorgeht, um die Ruhestätten des schleswig-holsteinischen Adelsgeschlechts von Ahlefeldt.  Deren Wappen ‒ zweiteilig mit einem Flug (Flügel) auf der einen und zwei roten Balken auf der anderen Seite ‒ ist bis heute gut auf allen drei Särgen zu erkennen.

Nun stellt sich jedoch die Frage, wie diese offensichtlichen Falschinformationen in Umlauf kamen:

Die Details der Ausgrabung, so absurd auch ihre Implikationen, klingen auf den ersten Blick allzu spezifisch, um einfach erfunden zu sein. Das gilt auch für das angebliche Entdeckungsjahr 1952, welches zumindest annähernd mit dem Zeitpunkt der Öffnung der Siesebyer Gruft (1950), welche zur Umbettung der Sarkophage nach Flensburg führte, zusammenfällt.

Leif hat einen Übeltäter in Verdacht:

Ein direkter Beweis dafür ist kaum zu erbringen, doch mittlerweile bin ich mir allzu sicher, dass der ursprüngliche Text einer KI entsprungen ist.

Und KIs halluzinieren:

Angefragt nach Informationen über die drei wenig bekannten Monumente, sucht eine KI (vmtl. ChatGPT) im Internet bzw. ihrem bereits verarbeiteten Wissen nach Sarkophagen in Flensburg. Dabei findet sie nichts zu den drei wenig bekannten Ahlefeldt-Sarkophagen – dafür aber umso mehr über die benachbarte Mumiengrotte. So vermischt sie also – ganz im eifrigen Bemühen, ihrem Meister eine kompetent klingende Antwort zu geben – die drei Särge mit dem nächstbesten Sarkophag auf dem Flensburger Museumsberg, den sie findet, um daraus eine völlig neue Fundgeschichte zu generieren.

Leif zum Problem des KI-Fabulierens:

Nicht böswillige Täuschung, sondern vielmehr das Missverständnis eines Bots führte zu einer solch erstaunlichen Beschreibung. Sie zeigt jedoch exemplarisch, wie durch KI falsche Informationen entstehen und schließlich ein Eigenleben entwickeln können, wenn sie sogar von regulären Autoren aufgegriffen werden. In einem weniger offensichtlichen Fall wäre dieser Irrtum wahrscheinlich nicht aufgefallen ‒ und spätestens nach wenigen Jahren des Weiterzitierens hätte sich ein moderner Mythos etabliert, dessen Ursprung niemand mehr zurückzuverfolgen vermag. Wir können uns sicher sein, dass zahlreicher solcher Mythen in diesem Moment entstehen oder schon längst im Umlauf sind.

Der komplette Text:


Nephilim, Zyklopen, Zeitungsriesen: Die Geschichte der Riesen

Alle Zeit der Welt vom 21.011.2025

Auch im Podcast Alle Zeit der Welt war Stammgast Leif wieder dabei:

Diese Episode taucht tief ein in die lange Geschichte der Riesen. Von den Nephilim des Alten Testaments über antike und mittelalterliche Überlieferungen bis hin zu spektakulären Funden der frühen Neuzeit reicht der historische Stoff. Dazu kommen die Zeitungsriesen des 19. Jahrhunderts, die später die pseudoarchäologische Literatur des 20. Jahrhunderts beeinflussten und in modernen Verschwörungstheorien wieder auftauchen.


Zum Thema:

  • Artikel: Mythen und Missverständnisse – Ulrich Magins Präastronautik-Serie im Blog „Wunderkammer der Kulturgeschichte“, GWUP-Blog vom 17.09.2025
  • Artikel: Zellteilung auf altägyptischem Totenpapyrus abgebildet? – Gastbeitrag bei Leif Inselmanns Blog & Teil 2 der Untoten-Reihe im Podcast „Alle Zeit der Welt“, GWUP-Blog vom 27.08.2025
  • Artikel: Leif Inselmann im Blog und Podcast: Gilgamesch-Epos und sumerische Untote, GWUP-Blog vom 05.08.2025
  • Artikel: Leif Inselmann zeigt: Was Tolkien vom Alten Orient übernahm., GWUP-Blog vom 02.07.2025
  • Artikel: Moorleichen und Quellenfälschung: Leif Inselmann arbeitet den Fall Alfred Dieck auf., GWUP-Blog vom 15.06.2025
  • Artikel: Narrative der Urgeschichte: Zwischen Mythos und Wissenschaft | Wunderkammer der Kulturgeschichte, GWUP-Blog vom 07.05.2025
  • Artikel: Leif Inselmann über eine Oster-Kontroverse in der altorientalistischen Forschung: „Glaubten die Babylonier an Tod und Wiederauferstehung des Gottes Marduk?“, GWUP-Blog vom 22.04.2025

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

2. Dezember 2025
von Felix Pfannstiel
Keine Kommentare

Gastbeitrag: Die Wiederkehr eines widerlegten Konzepts: Was hinter der modernen „Telegonie-Löschung“ steckt

Gastbeitrag von einem anonymisierten Verfasser

Der nachfolgende Gastbeitrag wird zum Schutz des Autors anonym publiziert. Das Umfeld von „Telegonie-Löschung“ hat laut Einschätzung unabhängiger Fachstellen ein Gleitpotenzial in kritikintolerante Subszenen. Darüber hinaus ist das Thema Telegonie durch seinen historischen Missbrauch in völkisch-biologistischen und rechtsesoterischen Kontexten so stark negativ aufgeladen, sodass der Verfasser damit nicht mit Klarnamen in Verbindung gebracht werden möchte. Der Name des Verfassers ist der Redaktion bekannt.


Die Wiederkehr eines widerlegten Konzepts:

Am 25. Oktober 2025 wurde in der Wiener Stadthalle wieder der jährliche Negativpreis „Das Goldene Brett vorm Kopf“ der Skeptiker Wien für den größten unwissenschaftlichen Unsinn des Jahres verliehen. Unter den zahlreichen Nominierten befand sich auch ein Format, das schon lange als biologischer Irrtum gilt und heute primär in rechtsesoterischen Milieus wieder auftaucht: die sogenannte „Telegonie-Löschung.1 Doch wie konnte ein längst widerlegtes Konzept erneut gesellschaftliche Sichtbarkeit erlangen?

Der Begriff Telegonie (Griechisch „Fernzeugung“) bezeichnet die vor allem im 19. Jahrhundert diskutierte Vorstellung, frühere Sexualpartner einer Frau könnten spätere Kinder beeinflussen. Die Darwinisten August Weismann und Francis Galton, letzterer ein Cousin des berühmten Evolutionsbiologen, erwähnten dieses Konzept im Rahmen ihrer Überlegungen zur Vererbung – allerdings wurde es bereits wenige Jahrzehnte später durch die moderne Genetik vollständig widerlegt.

Schon zuvor galt Telegonie vielen Forschern als fragwürdig. Der schottische Zoologe James Cossar Ewart zeigte 1899 anhand von Kreuzungsexperimenten eindeutig, dass frühere Paarungspartner von Säugetieren keinen phänotypischen Einfluss auf spätere Nachkommen haben.2 Damit widerlegte er auch die von zahlreichen Vertretern der Telegonie zitierte Tierzüchteranekdote von „Lord Morton’s Mare“.

Mit dem Aufkommen der Mendelschen Regeln, der Chromosomentheorie und der modernen Molekulargenetik war die wissenschaftliche Frage nach der Übertragung erbrelevanter Merkmale endgültig geklärt: Die genetische Ausstattung eines Kindes stammt ausschließlich von den Eltern, nicht von deren früheren Partnern.3

Die moderne Biologie kennt eine ganze Reihe historischer Irrtümer über Genetik – etwa die Präformationstheorie, die im 17. Jahrhundert annahm, die Gestalt des Kindes sei bereits vollständig im Spermium „vorgebildet“. Oder Lamarcks Vorstellung, erworbene Eigenschaften würden vererbt. Telegonie gehört wissenschaftshistorisch in die Kategorie elegant klingender Theorien, die durch moderne experimentelle Genetik, Keimzellentheorie und schließlich die Mendelschen Regeln widerlegt wurden.

Besonders bemerkenswert ist, dass der antike Arzt Soranos von Ephesos bereits im 1.–2. Jahrhundert n. Chr. die Vorstellung telegonischer Einflüsse ausdrücklich als Aberglauben zurückweist. In seiner Abhandlung „Gynäkologie“ stellt Soranos fest, dass frühere Sexualpartner keine bleibenden Eindrücke im Körper einer Frau hinterlassen, die spätere Nachkommen beeinflussen könnten.4 Wer heute Soranos als angebliche Quelle der Telegonie anführt, zitiert also gegen seinen eigenen Wortlaut.

Auch der griechische Philosoph Aristoteles hat Telegonie nicht legitimiert – auch wenn er diesbezüglich manchmal falsch zitiert wird. Aristoteles beschreibt in seiner Schrift zur Vererbung „De generatione animalium“ zwar tatsächlich ein spekulatives Modell, in dem der männliche Samen die Form und die weibliche Substanz die Materie liefert, doch er spricht weder von einer prägenden Wirkung früherer Sexualpartner, noch enthält sein Werk ein Konzept der Mehrfachvererbung über Partner hinweg.5

Trotz der bereits antiken Ablehnung und neuzeitlich-experimentellen Widerlegung der Telegonie taucht sie in einem Kontext des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wieder auf – im sogenannten Kontagionismus (Lateinisch „Ansteckungslehre“).6  Ursprünglich eine Erforschung der Krankheitsübertragung durch Erreger, wurde der Kontagionismus in völkisch-biologistischen Ideologien schon bald metaphorisch zu einer „rassischen Ansteckung“ umgedeutet. Die NS-Rassenpolitik behauptete, sexuelle Kontakte mit als „fremdrassig“ definierten Personen führten zu einer langfristigen moralisch wie auch biologisch verstandenen „Verunreinigung“ des eigenen Körpers oder der „Volksgemeinschaft“. Dieses ideologische Motiv findet sich in der Begründungslogik der Nürnberger Rassegesetze von 1935 wieder, die zwar keine expliziten genetischen Fachbegriffe verwenden, aber strukturell auf einem völkisch-biologistischen Kontagionismus aufbauen.7

Im Jahr 2018 sah sich die Redaktion von Correctiv Faktencheck veranlasst, die im digitalen Raum erneut verbreitete Behauptung, der „erste Mann“ präge dauerhaft die Genetik einer Frau, öffentlich einzuordnen. Correctiv nannte Telegonie „frei erfunden“ und verwies darauf, dass derartige Behauptungen weder in der modernen Genetik noch in der Medizin irgendeine empirische Grundlage besitzen. Die Redaktion zitierte die Standardwerke aktueller Vererbungslehre und betonte: „Nein, der Samenabdruck des ersten Mannes bleibt nicht für immer.“8 Den einzigen wissenschaftlichen Beweis für Fernzeugung sah Correctiv in einer australischen Studie – über Stubenfliegen (Telostylinus angusticollis).9

Warum kehrt ein so klar widerlegtes Konzept zurück – und wo?

Digitale Räume ändern sich: Die Bundesstelle für Sektenfragen sagt aus, dass sie zunehmend „frauenfeindliche, queerfeindliche und verschwörungstheoretische Inhalte“ in wenig regulierten Subszenen beobachten kann.10 Solche angstbasierten Einstellungen überschneiden sich heute mit Alt-Right-, Red-Pill- und Manosphere-Milieus, die auf Social Media Kanälen ultrakonservative Gesellschafts- und Frauenbilder propagieren: Heterosexualität als Norm, tradierte Geschlechterrollen und massive Abgrenzungsreflexe. Die Behauptung der Telegonie vom angeblich prägenden Einfluss der Genetik des ersten Sexualpartners „für immer“ ergänzt hier misogyne Zuschreibungen weiblicher Schuld und männlicher Macht.  

Rechtsesoterik mystifiziert rechtes Denken. Völkisch-biologistische Konzepte dienen hier als fließender Übergang: Die in digitalen Filterblasen hochgezogenen „Slawisch-Arischen Weden“ und „Rita-Gesetze“ mit ihrem Fokus auf dem „heiligen Clan“ wollen die Telegonie zum Garanten der weiblichen Gesundheit und Familienharmonie erklären. Die Authentizität beider Quellen ist jedoch umstritten, und ihre Aussagen sind weder medizinisch noch historisch belastbar. Forscher vermuten, dass es sich bei den „Slawisch-Arischen Weden“ tatsächlich um Neuschöpfungen aus dem 20. Jahrhundert handelt – einen Teil des slawischen Neopaganismus („Rodnoverie“), der an ethnonationalistische Interessen und rassistische Reflexe grenzt.11

Auch die Anastasia-Bewegung, die oft im Umfeld von Rechtsesoterik beobachtet wird, greift die Fernzeugung in ihren Aussagen zur „Verunreinigung“ weiblicher Körper durch wechselnde Sexualpartner, Blutlinienreinheit und Generationen übergreifender „energetischer“ Erbschuld auf.12 Sie basiert primär auf den sozialutopischen Romanen des russischen Autors Wladimir Megre. Wie wenig sie mit einer offenen Gesellschaft vereinbar ist, beweist neue Forschung über antisemitische Narrative in der Gegenwart. Der Historiker Jakob Gruber belegt in seiner Diplomarbeit, wie Megres Sozialutopie strukturell an die Konzepte von Kontagionismus und Eugenik anknüpft – und Telegonie als moralisch-biologisches Reinheitsideal einführt.13

In der Region DACH ist die Fernzeugung aktuell nicht nur ein digital wiederbelebter Mythos, sondern auch ein Markt. Sie findet als „energetisch-spirituelle“ Dienstleistung Erwähnung in Teilen der Esoterik-, Humanenergetik- und Energy Coaching-Szenen. Diesen drei Milieus gemeinsam ist, dass sie sich teilweise überlappen, wenig kontrolliert und niedrigschwellig sind und die Gesetzeslage ihnen keine akademische oder anerkannte Fachausbildung vorschreibt, wie die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen kritisiert.14 Einige Dienstleister dieser Szenen behaupten suggestiv, Sexualkontakte hinterließen negative „Energien“ oder „Informationen“ im menschlichen Körper, die für ein Entgelt „gelöscht“ werden müssten. Telegonie wird auf manchen Websites, Youtube-Kanälen und Vorträgen auf Esoterikmessen sogar als Ursache von Familienkonflikten, Trennungen und Scheidungen gedeutet. Einheitliche Werbetexte und Preisstrukturen bei vielen Anbietern zeigen eine auffällige Homogenisierung. Mehrere Dienstleister erfüllen ihre gesetzliche Impressumspflicht nicht; Kundenkontakte werden häufig über Telegram-Cluster kommuniziert.

Zahlreiche Anbieter im deutschsprachigen Raum werben mit:

  • „energetischer DNA-Reinigung“
  • „Befreiung von fremden Partner-Energien“
  • „Telegonie-Löschung über 12 Generationen“

Preise zur „Auflösung“ reichen meist von 150 bis 450 Euro, wobei manchmal auch Zusatzangebote wie „Herzkammeröffnung“ und „Zirbeldrüsenreinigung“ buchbar sind. Die selbstbewusste Preispolitik in Relation zur Leistung war bereits 2023 Gegenstand von kritischen Pressereflexionen.15 Wer geht trotz dieser Diskrepanz zum Telegonie-Löschen und warum? Esoterische Dienstleistungen reduzieren Komplexität und bieten einfache Lösungen – das ist das Allgemeine, ob Tarot oder Telegonie. Doch Werbung, die Sexualität systematisch mit Schuld verknüpft und eine Befreiung („DNA-Reset“) verspricht, lockt prinzipiell eher vulnerable Zielgruppen, die ein Ritual der Orientierung suchen. Markt- und Konsumpsychologie kennen viele zentrale Mechanismen, die bei pseudomedizinischen und spirituellen Angeboten vorkommen: vom „authority bias“ bis zum „scarcity effect“.16 Wo der Kunde sich irren kann, darf der Anbieter jedoch nicht täuschen – etwa mit falschen Titeln oder Heilversprechen. Manche Angebote zur Telegonie-Löschung gerieten bereits in den Blick von Fachstellen, die irreführende und wissenschaftlich unhaltbare Gesundheitsversprechen oder rechtsesoterische Szenen beobachten. Fachleuten fielen auch strukturelle Ähnlichkeiten der Telegonie-Löschung mit dem Konzept „Germanische Neue Medizin“ (GNM)17 auf.

Fazit: Die moderne „Telegonie-Löschung“ ist kein isoliertes Kuriosum, sondern Teil eines Marktes, in dem pseudowissenschaftliche Narrative, ideologische Konzepte und kommerzielle Interessen ineinandergreifen. Dass die Skeptiker bei der Preisverleihung zum Goldenen Brett in Wien 2025 ein solches Angebot nominierten, zeigt eindeutig: Der alte Irrweg der Telegonie lebt aktuell in neuer, digitaler und kommerzieller Form weiter – und verdient weiterhin kritische Aufmerksamkeit.


Fußnoten:

  1. https://www.skeptiker.at/veranstaltungen/das-goldene-brett-vorm-kopf-2025/ ↩︎
  2. James Cossar Ewart (1899): The Penycuik Experiments. Adam and Charles Black, London 1899 archive.org doi:10.5962/bhl.title.25674 doi:10.5962/bhl.title.57340 ↩︎
  3. https://www.openscience.or.at/de/wissen/genetik-und-zellbiologie/2022-05-25-gregor-mendel-die-drei-mendelschen-regeln-grundlage-der-genetik/ ↩︎
  4. Gynaikeia I.39–40  ↩︎
  5. De Generatione Animalium I.730b–731a ↩︎
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Kontagionisten_(Antisemitismus) ↩︎
  7. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/501380/vor-85-jahren-nuernberger-gesetze-erlassen/ ↩︎
  8. https://correctiv.org/fakten-check/2018/02/07/nein-der-samenabdruck-des-ersten-mannes-bleibt-nicht-fuer-immer/ ↩︎
  9. Vgl. Angela Crean et al. (2014): Revisiting telegony: offspring inherit an acquired characteristic of their mother´s previous mate. University of New South Wales. Wiley-Blackwell, London 2014. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/ele.12373. Hinweis zur Repräsentativität der Studie: Experimentell bei vereinzelten Insektenarten gewonnene Erkenntnisse sind nicht übertragbar auf die menschliche Biologie. Neue seriöse Forschung zur Humangenetik befasst sich mit anderen Phänomenen (Epigenetik, Mikrochimärismus) – nicht mit Fernzeugung.  ↩︎
  10. https://www.bmi.gv.at/magazin/2025_09_10/08_Bundesstelle_fuer_Sektenfragen.aspx ↩︎
  11. Vgl. Kaarina Aitamurto (2016): Paganism, Traditionalism, Nationalism: Narratives of Russian Rodnoverie. Routledge, London/New York. ↩︎
  12. https://bundesstelle-sektenfragen.at/wp-content/uploads/Taetigkeitsbericht-2022.pdf, S. 10ff. ↩︎
  13. Jakob Gruber (2021): Von „kodierten Juden“ und „natürlicher Familie“. Ideologien der Ungleichheit bei der Anastasia-Bewegung. Universität Graz, Diplomarbeit 2021. https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/6286461 ↩︎
  14. https://www.ezw-berlin.de/publikationen/artikel/spirituelles-coaching/ ↩︎
  15. https://www.falter.at/zeitung/20231107/ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst ↩︎
  16. Vgl. Robert Cialdini (2007): Influence: The Psychology of Persuasion. Harper Collins, New York. Revised Edition. ↩︎
  17. https://www.psiram.com/de/index.php/Germanische_Neue_Medizin ↩︎

1. Dezember 2025
von Felix Pfannstiel
Keine Kommentare

Neu von der SkepKon 2025: Vortrag von Ilse Jacobsen zum biologischen Geschlecht – jetzt als Video

Prof. Dr. Ilse Jacobsens Vortrag auf der SkepKon 2025:

In der aktuellen Diskussion rund um den Geschlechtsbegriff taucht wiederholt die Annahme auf, dass das biologische Geschlecht ein Spektrum sei. Als Belege dafür werden einerseits Personen mit Abweichungen der Geschlechtsentwicklung angeführt; andererseits wird darauf hingewiesen, dass es „das“ biologische Geschlecht gar nicht gäbe, sondern ein chromosomales, hormonelles und genitales/anatomisches Geschlecht unterschieden werden müsse.

Tatsächlich finden sich in einigen Lehrbüchern zur Physiologie für Humanmediziner die Begriffe chromosomales, hormonelles und genitales/anatomisches Geschlecht, in der Regel ohne weitere Erläuterungen dazu, ob und inwiefern es sich dabei um voneinander unabhängige Merkmalsausprägungen handelt und wie diese mit dem biologischen Geschlechtsbegriff in Verbindung stehen.

Neben einer Begriffsklärung und Erläuterungen zum Ablauf der Geschlechtsdifferenzierung und den kausalen und funktionalen Verbindungen von Chromosomen/Hormone/Anatomie geht Prof. Dr. Ilse Jacobsen darauf ein, warum es insbesondere im medizinischen Kontext problematisch oder sogar gefährlich sein kann, Chromosomen/Hormone/Anatomie als voneinander getrennte Ebenen zu betrachten und wie das Konzept von biologischem Geschlecht als Spektrum zur Abwertung von Personengruppen benutzt wird.

Männlich. Weiblich. Sonst nix!? – Ist das biologische Geschlecht ein Spektrum? | Ilse Jacobsen

Inhalt:

  • Einleitung [ab 0:00 min]
  • Wieso dieses Thema? [ab 0:30 min]
  • Geschlecht als Spektrum [ab 3:20 min]
  • Definition: biologisches Geschlecht [ab 7:10 min]
  • Geschlechtsentwicklung bei Säugetieren [ab 14:20 min]
  • Intersex [ab 21:00 min]

Das nächste SkepKon-Video folgt in 2 Wochen.

Zum Thema:

  • Artikel: Video zur SkepKon 2025: Ein skeptischer Blick auf die Finanzwelt – Panel mit Gerd Kommer und Holger Kreymeier, GWUP-Blog vom 18.11.2025
  • Artikel: Dr. Gerd Kommer auf der SkepKon 2025: Warum Finanzjournalismus oft zur „Finanzpornografie“ wird, GWUP-Blog vom 03.11.2025
  • Artikel: SkepKon-Video #6: Ganz natürlich und ohne Chemie? – Prof. Dr. Sascha Skorupka entlarvt die Mythen alternativer Reinigungsmittel, GWUP-Blog vom 20.10.2025
  • Artikel: Video #5 der SkepKon 2025 mit Ali Hackalife: „Hack me if you can! – Betrug entdecken und verstehen“, GWUP-Blog vom 06.10.2025
  • Artikel: SkepKon-Video Nr. 4: Cornelius Courts entkräftet den Mythos vom DNA-Geruchssinn bei Hunden, GWUP-Blog vom 22.09.2025
  • Artikel: SkepKon-Video #3: „Der pathologisierte Andere: Trump und seine Wählerschaft“ von Prof. Dr. Claudia Franziska Brühwiler, GWUP-Blog vom 08.09.2025
  • Artikel: Zweites SkepKon-Video: Panel „Dialog oder Distanz – Mit wem sollten Skeptiker sprechen?“ zu Varnans Auftritt bei Jasmin Kosubek, GWUP-Blog vom 25.08.2025
  • Artikel: Es geht los: Das erste Video der SkepKon 2025 ist online! – Panel-Diskussion „Hexenjagd 2.0“ mit Marie-Luise Vollbrecht, GWUP-Blog vom 11.08.2025

  • Video: Talk: über Geschlecht, Biologie, gwup etc. mit Prof. Dr. Ilse Jacobsen, imipimpimp vom 20.04.2024

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

29. November 2025
von Felix Pfannstiel
Keine Kommentare

Ankündigung: Vortrag „Polarlichter – Mythen und Fakten“ von Georg Henneges für den Düsseldorfer Aufklärungsdienst

Nächste Woche Mittwoch beim Düsseldorfer Aufklärungsdienst:
Der Diplom-Physiker Georg Henneges zeigt, welche mythischen Erklärungen Menschen im Laufe der Geschichte für das Phänomen Polarlichter gefunden haben und wie die farbigen Himmelslichter aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich entstehen.

Wann und Wo?

03/12/2025

19 Uhr

Salon des Amateurs | Bar in der Kunsthalle
Grabbeplatz 4 | 40213 Düsseldorf

Eintritt frei / Spende erwünscht

Zum Inhalt und Referenten:

Mehr Licht! Polarlichter – Mythen und Fakten
Polarlichter haben die Menschheit seit jeher fasziniert und inspiriert. Viele nordische Kulturen haben ihre eigenen Erklärungen und Mythen entwickelt, um dieses beeindruckende Naturphänomen zu deuten. Diese Geschichten spiegeln oft die Weltanschauung, die Spiritualität und die Umwelt der jeweiligen Völker wider. Sie zeigen, wie Menschen versucht haben, dieses faszinierende Naturphänomen zu erklären und ihm eine Bedeutung zu geben. Ob sie nun als Geister, Götter, Krieger oder Unheil gesehen wurden, ob als Übergang und Brücke in die Welt unserer Vorfahren – die Polarlichter haben in den Erzählungen dieser Kulturen stets eine besondere Rolle gespielt. Ihre mystische Erscheinung regt auch heute noch die Fantasie an und verbindet uns mit den alten Überlieferungen der Welt.
Die Naturwissenschaft lehrt uns: Polarlichter entstehen durch die Wechselwirkung von Sonnenwind, Erdmagnetfeld und unserer Atmosphäre. Sie sind nicht nur schön anzusehen, sie können auch gefährlich sein. Und sie geben Einblick in die komplexen Prozesse zwischen der Erde und dem sie umgebenden Kosmos. Der Vortrag gibt einen Überblick zum Stand der heutigen Forschung.

Georg Henneges ist Diplom-Physiker. Nach seinem Studium in Mainz arbeitete er am Karlsruhe Institute of Technology (KIT) sowie in den National Labs in Los Alamos. Seit nunmehr vierzig Jahren leitet er die „Kraichgau-Sternwarte Gondelsheim“, an der vor allem Astrofotografie, Sonnenbeobachtung und Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. Als Dozent zu Themen der astronomischen Forschung ist er auch bei Presse, Funk und Fernsehen oft gefragt.

Eventeintrag im Skeptischen Netzwerk.

Zum Thema:

  • Video: Astrologie – Alternative Wissenschaft mit alternativen Fakten?, Georg Henneges beim Düsseldorfer Aufklärungsdienst vom 01.03.2023

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

28. November 2025
von Felix Pfannstiel
1 Kommentar

Udo Endruscheit bei Wissenschaftskommunikation.de: Wie Pseudowissenschaften die „semantische Lücke“ zwischen Wissenschaft und Medien für sich nutzen

Udo Endruscheit beschäftigt sich in einem Gastbeitrag für Wissenschaftskommunikation.de mit folgender Schieflage:

  • Die Wissenschaft formuliert prinzipiell vorläufig, weil sie weiß, dass Erkenntnis nie absolut ist.
  • Die Öffentlichkeit erwartet eindeutige Urteile, weil sie Orientierung sucht.
  • Und die Medien übersetzen oft vorsichtige Aussagen in scheinbare Offenheit – aus dramaturgischen, nicht erkenntnistheoretischen Gründen.

Diese Lücke wird allzu gern von Pseudowissenschaften ausgenutzt, wie Udo in seinem Text darlegt.

Am Beispiel der Homöopathie zeigt er, wie das konkret aussieht:

In der Diskussion mit Vertreter*innen der Homöopathie ist es alltäglich, dass die Aussage, es gebe keine belastbaren Belege, umgedeutet wird – etwa in „noch nicht belegt“ oder „bislang nicht widerlegt“. Studienergebnisse zählen dort nur, wenn sie für die Homöopathie zu sprechen scheinen; methodische Einwände werden überhört. Wo Studien keinen Wirkungsnachweis zeigen (und das trifft auf alle methodisch einwandfrei durchgeführten zu), muss im Zweifel die „individuelle Erfahrung“ herhalten.

Diese Sprachverschiebungen führen sogar so weit, dass nach Negativbeweisen für die Unwirksamkeit von Homöopathie gefragt wird:

Dabei ist genau das ein kategorialer Fehlschluss:
Wissenschaft kann keine Negativbeweise führen. Sie kann nicht beweisen, dass etwas nicht wirkt – sie kann nur zeigen, dass es keinen belastbaren Hinweis auf eine spezifische Wirkung gibt. Wer dennoch – implizit oder explizit – nach einem „Beweis des Gegenteils“ verlangt, stellt eine epistemologisch unlösbare Forderung – und instrumentalisiert die Offenheit der Wissenschaft, um den Anschein von Legitimität zu erzeugen, wo längst Klarheit herrscht.

Und das passiert nicht zufällig:

Diese Strategie ist keine Naivität, sondern gezielte Wissenschaftsmimikry: Sie ahmt die Sprache der Wissenschaft nach, um den Anschein von Seriosität zu erzeugen, wo es keine epistemologisch gesicherte Basis gibt.

Wo die Wissenschaftskommunikation laut Udo also ansetzen muss:

Sie muss die epistemische Struktur sichtbar machen, ohne sie zu glätten. Sie muss erklären, warum „kein Beleg“ nicht „unsicher“ heißt, sondern „nicht haltbar“. Und sie muss die semantische Architektur der Wissenschaft nicht nur übersetzen, sondern verteidigen.

Die Spannung zwischen epistemologischer Vorsicht und semantischer Eindeutigkeit ist kein Widerspruch, sondern ein Prüfstein für verantwortliche Wissenschaftskommunikation. Sie erinnert uns daran, dass sprachliche Präzision kommunikativ riskant sein kann – gerade dann, wenn sie auf populäre Deutungsmuster trifft. Und sie fordert zu Recht, dass Wissenschaft sich ihrer Wirkung im öffentlichen Raum bewusst bleibt, ohne sich zwischen erkenntnistheoretischer Redlichkeit und alltagssprachlicher Anschlussfähigkeit entscheiden zu müssen.

Die Lösung liegt nicht in dogmatischer Festlegung – sondern in semantischer Aufklärung. Denn wer Wissenschaft ernst nimmt, muss auch ihre Sprache ernst nehmen. Und wer sie öffentlich vermittelt, muss das epistemische Scharnier nicht überbrücken, sondern sichtbar machen.

Zum Volltext.

Zum Thema:

  • Artikel: INH: Ist die Zulassung von Homöopathika ein Beleg für ihre Wirksamkeit?, GWUP-Blog vom 18.06.2025
  • Artikel: Homöopathische Arzneimittel: Zugelassen trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenz – Wo sind die rechtlichen Schlupflöcher?, GWUP-Blog vom 12.06.2025
  • Artikel: Alternativmedizin, Skeptizismus und Relativismus: Neue Texte von Udo Endruscheit, GWUP-Blog vom 15.04.2025
  • Artikel: Lesetipp: Natur- ‚vs.‘ Geisteswissenschaften, GWUP-Blog vom 22.01.2025

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

27. November 2025
von Felix Pfannstiel
Keine Kommentare

Call for Papers für die SkepKon 2026 in Regensburg!

Vom 14. bis 16. Mai 2026 lädt die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) erneut zur SkepKon nach Regensburg ins Marinaforum (Johanna-Dachs-Straße 46, 93055 Regensburg) ein.

Hierfür können bis zum 14. Dezember Vortragsvorschläge an die Mail skepkon@gwup.org eingereicht werden!

Zum Rahmen:

  • Vorschläge für 25-minütige Fachvorträge (plus 10 Minuten Diskussion) können ab sofort eingereicht werden.
  • Beiträge sollten praxisrelevant sein und das breite Spektrum skeptischen Engagements abdecken.
  • Willkommen sind auch Vorschläge für Paneldiskussionen und interaktive Formate, die eine Diskussion und Vernetzung fördern.

Die SkepKon 2026 findet unter dem Motto

Fakten – Mythen – Kontroversen

statt. Entsprechend freuen wir uns über Vorschläge aus dem gesamten skeptischen Themenspektrum.

Sowohl zu unseren klassischen Themen im Bereich der Pseudo- und Parawissenschaft, z. B.:

  • Alternativmedizin & -diagnostik (z. B. Homöopathie, Anthroposophie, TCM/Akupunktur, Kinesiologie, Bioresonanz, Iris-/Dunkelfelddiagnostik)
  • Astrologie & Divination (Astrologie, Numerologie, Tarot, Human Design, Handlesen)
  • Esoterik & „Energielehren“ (Reiki, Chakrenlehre, Wünschelrute/Radiästhesie, Feng Shui, Wasserbelebung/„strukturiertes Wasser“)
  • Parapsychologie & Psi (Ganzfeld-Experimente, Remote Viewing, Spukforschung)
  • UFOs/UAP & Prä-Astronautik (Ancient Aliens, Kornkreise)
  • Kryptozoologie (Nessie, Bigfoot, Chupacabra)
  • Pseudophysik & Tech-Claims („Freie Energie“, Skalarwellen, Perpetuum mobile)

als auch zu offenen, kontroversen Debatten, z. B.:

  • Künstliche Intelligenz und Digitalisierung: KI-Risiken & das Alignment Problem, kritische Reflexion von KI in der Gesellschaft, Automatisierung und deren gesellschaftlichen Auswirkungen, Fehlannahmen und Mythen rund um KI sowie ethische Dilemmata
  • Digitale Desinformation und Fake News: Strategien zur Erkennung und Aufklärung von Desinformation, Social Media als Treiber von Mythen und Ideologien
  • Verschwörungstheorien: Neue Entwicklungen und psychologische Mechanismen, Medien und Politik im Umgang mit Verschwörungsglauben
  • Rechte und linke Identitätsideologie (“Wokeness”) und ihre akademischen Grundlagen (“Critical Studies”)
  • Verbraucherschutz: insbesondere aktuelle Scams (in den sozialen Medien)
  • Polarisierung und Meinungsfreiheit: Wissenschaft und Ideologie, freie Debatte an Hochschulen, Angriff auf den offenen Diskurs
  • Wissenschaft und Gesellschaft: Methoden- und Wissenschaftsleugnung, Wissenschaftskommunikation in polarisierten Zeiten, Vertrauen in Forschung
  • Philosophie und Praxis des Skeptizismus: Geisteswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Perspektiven des kritischen Denkens und deren gesellschaftliche Bedeutung
  • Geschlechtergerechtigkeit und Paradoxien: Neue Forschungen und kontroverse Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften, etwa zum „Gender Equality Paradox“
  • Kritisches Denken im Bildungssystem: Ansätze zur Förderung eines skeptischen Mindsets schon bei Jugendlichen, Schülern und Studenten

Alle weiteren Informationen finden Sie auf unserer Website.

Zum Thema:

  • Artikel: Von der 32. GWUP-Tagung (Skepkon) in Regensburg, Cornelius Courts (Scienceblogs) vom 29.06.2025
  • Artikel: So viel SkepKon wie nie zuvor, Inge Hüsgen (hpd) vom 11.06.2025

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

26. November 2025
von Felix Pfannstiel
10 Kommentare

Nach Jahren der Kritik: „The Oncologist“ zieht die Homöopathie-Studie von Michael Frass offiziell zurück!

Endlich.

Fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung ist die vielkritisierte Studie von Michael Frass zur homöopathischen Komplementärmedizin von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs nun offiziell zurückgezogen worden. Seit dem 24.11.2025 trägt die Website von The Oncologist den entsprechenden Hinweis.

In den vergangenen Wochen verdichteten sich die Anzeichen für diesen Schritt bereits.

Das INH skizziert den Weg bis zur Zurücknahme:

Nach der Veröffentlichung 2020 führte eine Arbeitsgruppe aus INH (Informationsnetzwerk Homöopathie) und IWM (Initiative für Wissenschaftliche Medizin) eine gründliche Kritik der Studie durch. Daraufhin prüfte die MedUni Wien gemeinsam mit der ÖAWI (Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität) die Arbeit und konnte die Kritikpunkte weiter untermauern.

Das herausgebende Journal The Oncologist zeigte sich weniger kooperativ, wie das INH schreibt:

Dass es dennoch zur Retraktion kam, ist kein Verdienst des Journals, sondern ausschließlich der Beharrlichkeit und Kompetenz von MedUni Wien, ÖAWI und der INH/IWM-Arbeitsgruppe. Diese Beteiligten hatten auch COPE (Committee on Publication Ethics), eingebunden, die eigene Integritätsstelle der medizinischen Fachjournale.

Die Bedeutung der Retraction für die homöopathische Szene:

Mit dem Rückzug der Studie entfällt die wichtigste klinische Publikation der homöopathischen Szene seit Jahrzehnten. Sie galt lange Zeit als „Leuchtturm“ der Homöopathie und wurde trotz der Kritik bis zuletzt in Vorträgen und Medien als ultimativer Wirksamkeitsnachweis präsentiert.

Die Faktenlage ist nun eindeutig:

  • Die Studie ist wissenschaftlich nicht haltbar.
  • Die behaupteten Effekte sind nicht belegt.
  • Die Publikation darf nicht länger zitiert werden.
  • Sie ist nicht Bestandteil wissenschaftlicher Evidenz.

Damit verliert die Homöopathie ihr wohl wichtigstes modernes klinisches Aushängeschild.

Auf der Website des INH gibt es eine Kategorie, die alle eigenen Beiträge zur Frass-Studie zusammenfasst. Die IWM stellt zudem eine Chronologie der Geschehnisse bereit.

Zum Thema:

  • Artikel: Zusammenfassung der Kritik an der Frass-Studie im Laborjournal, GWUP-Blog vom 09.05.2025
  • Artikel: Dass doch sein darf, was nicht sein kann. oder: Durchmarsch auf homöopathisch, Udo Endruscheit (skeptiker 4/2024)
  • Artikel: Video: Janos Hegedüs und Udo Endruscheit über den Globuli-Skandal im „Oncologist“, GWUP-Blog vom 28.11.2024
  • Artikel: Video: Janos Hegedüs und Norbert Aust über Krebs und Homöopathie im „Oncologist“, GWUP-Blogvom 15.11.2024
  • Artikel: Und wieder die homöopathische Lungenkrebsstudie: Ein paar „Korrekturen“ ändern nichts an der massiven Kritik daran, GWUP-Blog vom 27.09.2024
  • Artikel: Komplementärmedizin: Leitlinie für die Behandlung von Krebspatienten – „Je mehr Wallawalla, desto großzügiger“, GWUP-Blog vom 13.07.2024
  • Artikel: Gute Absicht, schlechte Medizin: Edzard Ernst über die Studie zu Homöopathie bei Lungenkrebs, GWUP-Blog vom 27.05.2024
  • Artikel: Homeopathy Research Hits New Low, Norbert Aust and Viktor Weisshäupl (Skeptical Inquirer Vol. 47, No. 3) Mai/June 2023
  • Artikel: Unzulässige Werbung für homöopathische Meditonsin-Tropfen: Urteil jetzt rechtskräftig, GWUP-Blogvom 05.05.2023
  • Artikel: Ein neuer Tiefpunkt in der Homöopathieforschung, Norbert Aust, Viktor Weisshäupl (skeptiker 4/2022, S. 177–184) 
  • Artikel: Homöopathie bei Krebspatienten: Fast zu schön, um wahr zu sein, profil vom 28.10.2022
  • Artikel: Eine weitere Vorzeigestudie der Homöopathen endet als Desaster, GWUP-Blog vom 26.10.2022
  • Artikel: A thorough analysis of Prof M. Frass’ recent homeopathy trial casts serious doubts on its reliability, Norbert Aust u. Viktor Weisshäupl (Gastbeitrag bei Edzard Ernst) vom 11.06.2021
  • Artikel: Die neue Vorzeige-Studie der Homöopathen: nachträgliche Anpassung der Ergebnisse?, GWUP-Blog vom 09.06.2021
  • Artikel: Homeopathy prolongs survival of lung cancer patients … Can it be true?, Edzard Ernst vom 07.10.2020

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen: