Was bedeutet Wahrheit in einer Zeit von „alternativen Fakten“ und „I speak my truth“? Mit dieser Frage (und weiteren) beschäftigt sich Udo Endruscheit in seinem neuen Buch Vom Zweifel zur Haltung – Eine Reise durch die Geschichte der Erkenntnis, das vor wenigen Wochen im Alibri-Verlag erschienen ist.
Im Skeptitalk hat er mit Onkel Michael bereits über das Buch gesprochen. Nachdem ich es nun selbst gelesen habe, wollte ich ihm noch einige weiterführende Fragen stellen.
von Udo Endruscheit
GWUP-Blog: Hallo Udo! Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung Deines Buchs „Vom Zweifel zur Haltung – Eine Reise durch die Geschichte der Erkenntnis“, das seit Ende Mai beim Alibri-Verlag erhältlich ist. Du zeichnest darin die Entwicklung des Wahrheitsbegriffs von den Anfängen der antiken Philosophie bis hin zu aktuellen Debatten (Stichwort “alternative Fakten” und “I speak MY truth.”) nach. Damit schlägst Du den Bogen über mehr als zwei Jahrtausende Philosophiegeschichte. Im Buch vermittelst Du nicht nur einen historischen Überblick, sondern gibst den Lesern mit den Literaturhinweisen, dem Personenverzeichnis und dem Glossar auch etliche Möglichkeiten zur eigenen Vertiefung. Was hat Dich dazu bewogen, gerade diese historische Perspektive einzunehmen, statt Dich nur auf die aktuellen Debatten über Wahrheit und Wissenschaft zu konzentrieren?
UE: Die historische Perspektive war für mich kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit. In den aktuellen Debatten über Wahrheit, Wissenschaft und „alternative Fakten“ wird oft so getan, als seien diese Phänomene neu. Tatsächlich ist die historische Linie der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis vielfach gewunden – und vieles ist heute auch nicht neu. Wer verstehen will, warum Wahrheit heute als „perspektivisch“ oder „relativ“ gilt, muss sehen, wie sich der Wahrheitsbegriff von der Antike über die Aufklärung bis zur Postmoderne verschoben hat. Die Historie ist ja auch nicht der alleinige Inhalt des Buches – sie führt in der zweiten Hälfte hin zu den Auseinandersetzungen der Gegenwart und will diesen Verständnistiefe geben.
Ein Auslöser für das Buch war eine Einsicht, die ich in der skeptischen Arbeit der letzten Jahrzehnte immer deutlicher gespürt habe: Moderner Skeptizismus muss epistemisch nachrüsten. Wir argumentieren oft sehr gut auf der Faktenebene – aber wir unterschätzen, wie sehr irrationale Grundüberzeugungen aus kulturellen Weltbildern entstehen. Die Pseudomedizin hat epistemisch längst aufgerüstet, auch mit dem Arsenal der Postmoderne, und Homöopathie ist dafür ein gutes Beispiel: Die fachlichen Argumente dagegen sind seit Jahrzehnten klar, aber sie stoßen auf die Grenzen epistemischer Verzerrungen. Diese gilt es zu verstehen.
Deshalb wollte ich nicht nur die Geschichte des Wahrheitsbegriffs erzählen, sondern zeigen, warum wir überhaupt eine gemeinsame Vorstellung von Wahrheit brauchen, um sinnvoll miteinander sprechen zu können – und warum Skeptizismus heute nicht nur Fakten verteidigen muss, sondern auch die Bedingungen, unter denen Fakten überhaupt zählen.
GWUP-Blog: Beim Lesen fällt auf, dass Du die einzelnen Philosophen nicht einfach chronologisch vorstellst, sondern ihre Positionen immer wieder mit dem skeptischen Erkenntnisideal in Beziehung setzt. So erscheint z. B. David Hume mit seinem Induktionsproblem bei Dir als jemand, der auf die Grenzen unseres Wissens aufmerksam macht, ohne jedoch den Wahrheitsbegriff aufzugeben. Ähnlich differenzierst Du auch beim Historismus gegenüber späteren postmodernen Positionen. War es Dir wichtig, die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem Skeptizismus und relativistischen Positionen stets sichtbar zu halten?
UE: Ja, diese Unterscheidung war mir sehr wichtig. Der historische Teil des Buches ist ja kein Selbstzweck, sondern der notwendige Vorlauf für die zweite Hälfte, in der ich die gegenwärtigen Debatten epistemisch einordne. Skeptizismus ist für mich kein bloßes „Zweifeln“, sondern eine Haltung, die Wahrheit ernst nimmt, gerade weil sie weiß, wie schwierig sie zu erreichen ist. Deshalb wollte ich zeigen, dass Skepsis nicht automatisch in den Relativismus führt.
Viele Positionen der Philosophiegeschichte – Hume ist ein gutes Beispiel – markieren die Grenzen unseres Wissens, ohne den Wahrheitsbegriff aufzugeben. Das unterscheidet sie deutlich von späteren Strömungen, in denen Wahrheit als Perspektive oder als Ausdruck von Identität verstanden wird. Diese Differenz ist für die Debatten der Gegenwart zentral.
Der historische Teil des Buches sollte daher nicht nur zeigen, was gedacht wurde, sondern warum bestimmte epistemische Linien zu den heutigen Konflikten geführt haben. Die zweite Hälfte des Buches entwickelt sich genau aus dieser Genealogie: Sie versucht zu erklären, weshalb wir heute zwischen wissenschaftlichem Skeptizismus und relativistischen Positionen so klar unterscheiden müssen – und weshalb moderner Skeptizismus ein epistemisches Fundament braucht, das über reine Faktenargumentation hinausgeht.
GWUP-Blog: Obwohl Du die erkenntnistheoretischen Konsequenzen der Postmoderne kritisch beurteilst, setzt Du Dich mit ihren Vertretern differenziert auseinander. Auch in Deiner Blogreihe zum Erkenntnisrelativismus betonst Du etwa, dass Denker wie Lyotard Dein eigenes Weltbild durchaus beeinflusst haben. Welche Einsichten der Postmoderne sollten Skeptiker und Aufklärer aus Deiner Sicht ernst nehmen und wo beginnt für Dich der Punkt, an dem sie problematisch werden?
UE: Die Postmoderne hat wichtige Einsichten geliefert, die man nicht einfach abtun sollte. Sie hat uns gelehrt, wie sehr Wissen situiert ist, wie stark Machtstrukturen unsere Wahrnehmung prägen und wie vorsichtig wir mit großen vermeintlich sinnstiftenden Erzählungen sein müssen. Diese Impulse haben auch mein eigenes Denken beeinflusst. Sie schärfen den Blick dafür, dass Erkenntnis nie völlig voraussetzungslos ist und dass jede Form von Wissenschaft in gesellschaftliche Kontexte eingebettet bleibt.
Problematisch wird die Postmoderne aber dort, wo aus der berechtigten Kritik an Wahrheitsansprüchen die Ablehnung von Wahrheit als solcher wird. Wenn jede Perspektive als gleich gültig erscheint, verlieren wir die gemeinsame Welt, in der Gründe zählen. Dann wird Skepsis nicht mehr zur Methode, sondern zur Haltung der Beliebigkeit. Genau an diesem Punkt kippt erkenntniskritische Vorsicht in epistemische Unverbindlichkeit.
Für Skeptiker und Aufklärer ist diese Grenze entscheidend. Wir können die Einsichten der Postmoderne ernst nehmen – etwa die Sensibilität für Prägung durch Macht, Sprache und Kontext –, ohne den Wahrheitsbegriff preiszugeben. Skeptizismus braucht ein epistemisches Fundament, das erklärt, warum wir überhaupt zwischen begründeten Urteilen und bloßen Behauptungen unterscheiden können. Die Postmoderne zeigt uns, wo Wahrheit kompliziert wird; sie darf uns aber nicht dazu verleiten, Wahrheit für verzichtbar zu halten.
GWUP-Blog: Auf Seite 92 deutest Du an, dass die Rezeption dekonstruktivistischer Ansätze in Teilen der Sozial- und Geisteswissenschaften zu Entwicklungen beigetragen haben könnten, die schließlich in der Replikationskrise mündeten. Möchtest Du diesen Zusammenhang noch näher erläutern?
UE: Ich wollte mit dieser Bemerkung keinen Kausalzusammenhang behaupten. Die Replikationskrise ist ein komplexes Phänomen, das viele methodische und strukturelle Ursachen hat – von kleinen Stichproben über p-Hacking bis hin zu Publikationsdruck. Aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man auch eine epistemische Hintergrundkorrelation, die man nicht übersehen sollte.
In Teilen der Sozial- und Geisteswissenschaften hat sich seit den 1980er-Jahren ein Klima etabliert, in dem Interpretation oft höher bewertet wurde als Überprüfbarkeit. Objektivität galt als Machtinstrument, Methode als kulturelle Praxis, und Erkenntnis wurde zunehmend als Narrativ verstanden. Das sind einerseits legitime theoretische Impulse, aber gleichzeitig auch postmodern infiltriertes „Grundwasser“, wie ich es im Buch nenne. Dies hat in der Breite dazu geführt, dass die normative Kraft epistemischer Strenge geschwächt wurde. Wenn Forschung primär als Interpretation gilt, verliert die Frage nach Replizierbarkeit und Robustheit ihren verpflichtenden Charakter.
Die „Bruchlandung“ von Daryl Bem, die die Replikationskrise auslöste, war in diesem Sinne kein Ausreißer, sondern ein Symptom. Er arbeitete bereits innerhalb eines Systems, das narrative Überzeugung belohnte und methodische Schwächen zunehmend weniger als Problem erkannte. Dass die Replikationskrise genau in diesen Feldern besonders stark auftrat, ist daher kein Zufall – nicht als Kausalität, aber als Ausdruck des „epistemischen Grundwassers“, das sich über Jahrzehnte verändert hatte.
Die Gegenmaßnahmen – Präregistrierung, Open Data, robuste Statistik – sind deshalb mehr als technische Korrekturen. Sie markieren eine Rückkehr zur epistemischen Verantwortung. In diesem Sinne kann man die Replikationskrise durchaus als Wendepunkt sehen: Sie zeigt, dass wir die Einsichten der Postmoderne ernst nehmen können, ohne die Bedingungen aufzugeben, unter denen wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt möglich ist.
GWUP-Blog: Im Epilog erwähnst Du die Beobachtung, dass die Philosophie die Postmoderne allmählich hinter sich lässt. Wie könnte so eine “Post-Postmoderne” aussehen? Welche Rollen werden Wahrheit, Wissenschaft und Skeptizismus Deiner Einschätzung nach dabei spielen?
UE: Am Schluss des Buches gehe ich ja darauf ein. Es gibt deutliche Marker dafür, dass die Philosophie die Postmoderne hinter sich lässt, ohne ihre Einsichten zu vergessen. Eine „Post-Postmoderne“ wäre keine Rückkehr zu alten Gewissheiten, sondern eine epistemische Neuorientierung, die zwei Dinge gleichzeitig ernst nimmt: die Situiertheit von Wissen und die Notwendigkeit eines verbindlichen Wahrheitsbegriffs.
Man kann diese Bewegung bereits bei Denkern wie Jürgen Habermas und Vittorio Hösle beobachten. Beide stehen für sehr unterschiedliche Traditionen, aber sie markieren denselben Übergang: Sie nehmen die kritischen Impulse der Postmoderne ernst, ohne den Wahrheitsbegriff preiszugeben. Bei Habermas geschieht das über die Idee einer kommunikativen Rationalität, bei Hösle über eine erneuerte Form normativer Objektivität im Sinne einer ethischen Qualität. Das wäre in etwa die „Haltung“ einer epistemischen Redlichkeit, wie sie im Buchtitel schon benannt ist. In beiden Fällen wird deutlich, dass Wahrheit wieder als regulative Idee verstanden wird – nicht absolut, aber verbindlich.
Wissenschaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist die Praxis, in der wir diese regulative Idee operationalisieren – durch überprüfbare Methoden, transparente Verfahren und die Bereitschaft, Irrtümer zu korrigieren.
Skeptizismus wird in einer solchen Post-Postmoderne nicht nur als Faktenprüfung verstanden, sondern als Haltung, die die Bedingungen der Erkenntnis reflektiert. Er muss erklären können, warum wir Fakten brauchen und warum bestimmte epistemische Standards unverzichtbar sind. In diesem Sinne ist Skeptizismus ein Teil der Lösung: Er verbindet die kritische Sensibilität der Postmoderne mit der normativen Kraft eines aufgeklärten Wahrheitsbegriffs.
Aus dem Klappentext:
Dieses Buch rekonstruiert die Entwicklung des Wahrheitsbegriffs von der antiken Philosophie über die Aufklärung bis zu den postmodernen Infragestellungen des 20. Jahrhunderts. Es zeigt, wie diese Denkbewegungen bis heute in unsere öffentlichen Debatten hineinwirken: in der Gleichsetzung von Meinung und Wissen, der Berufung auf persönliche Erfahrung statt auf überprüfbare Begründung und der moralischen Aufladung von Diskursen.
Wahrheit ist kein abstrakter Begriff, sondern eine kulturelle Praxis – und sie hat eine Geschichte. Wer heute über Wissenschaft, Öffentlichkeit oder Wirklichkeit spricht, muss diese Geschichte kennen, um die Dynamiken unserer öffentlichen Debatten zu verstehen. Dieses Buch legt die verschütteten Zusammenhänge frei und bietet Orientierung in einer Zeit, in der Wahrheit zugleich bestritten, relativiert und dringend gebraucht wird.
Zum Thema:
- Artikel: Neues Buch: Udo Endruscheit fragt nach Wahrheit und Erkenntnis (Interview im Skeptitalk), GWUP-Blog am 26.05.2026
- Artikel: Erkenntnisrelativismus und seine Folgen – eine Artikelreihe, Udo Endruscheit (Science and Sense) am 19.06.2025
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