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… denken kritisch seit 1987.

26. November 2022
von Bernd Harder
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Hexenglaube richtet in vielen Ländern der Erde Schaden an – Medien in Deutschland sind dagegen von Hexen fasziniert

Im August berichteten wir darüber, dass aktuell in 43 Ländern der Erde Frauen als Hexen verfolgt werden. Das rief hier und da Unglauben hervor, auch weil diese Erhebung von dem katholischen Hilfswerk „missio“ stammt.

Jetzt hat der amerikanische Entwicklungsökonom Boris Gershman eine Studie vorgelegt, nach der 43 Prozent der Bevölkerung in 95 Ländern davon überzeugt sind, dass es Hexen gibt, die mit übernatürlichen Fähigkeiten anderen Schaden zufügen können.

Die Spanne reicht von neun Prozent in Schweden bis zu 90 Prozent in Tunesien. Hohe Werte zeigten sich auch in Marokko, Tansania und Kamerun. In Deutschland sind es 13 Prozent.

Der Glaube an Hexerei sei besonders stark in Ländern mit schwachen Institutionen, geringem sozialem Vertrauen und geringer Innovationskraft verbreitet, schreibt Gershman. Der Deutschen Presse-Agentur sagte der Forscher:

Unser neuer Datensatz macht deutlich, dass erstens der Glaube an Hexerei ein globales zeitgenössisches Phänomen ist, das nicht auf einige wenige ausgewählte Gebiete beschränkt ist, und dass zweitens die Prävalenz sowohl zwischen als auch innerhalb von Weltregionen erheblich variiert.

Religiöse Menschen glauben laut der Studie erheblich häufiger an Hexen als Atheisten. Der Umfrageschwerpunkt lag auf Ländern mit überwiegend christlicher und muslimischer Bevölkerung. Informationen aus China und Indien liegen dagegen keine vor, aus Ost- und Südostasien nur wenige.

Die Folgen des Hexenglaubens seien fatal. Er zwinge die Menschen dazu, sich den lokalen Normen anzupassen, weil jede Abweichung zu einer Anklage führen kann. Diese Art der erzwungenen Konformität aus Angst führe zu Unbeweglichkeit und behindere die Schaffung von Wohlstand und die Durchsetzung von Innovationen.

Darüber hinaus droht den vermeintlichen „Hexen“ und „Hexern“ reale Gefahr für Leib und Leben:

Dies eingedenk, plus die eigentlich unglaublichen 13 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, die an Hexen glaubt, würden wir uns vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritischere Beiträge zu diesem Thema wünschen als zum Beispiel die „engel fragt“-Folge im Oktober:

Fazit von Moderatorin Julia Tzschätzsch:

Einige Sachen haben mich total fasziniert. An andere werde ich wohl niemals glauben. Ich habe aber auch gelernt, dass Magie viel mit Intuition und Feingefühl zu tun hat.

Für mich war diesmal echt ein Spagat, zwischen eine glaubwürdige Sendung machen und trotzdem der Faszination für Hexen und Schamanen natürlich eine Chance geben. Und ich muss sagen, es hat mich schon ein bisschen gepackt.

Denn egal mit welchen Hilfsmitteln das jetzt genau gemacht wird, im Grunde läuft doch alles auf diese eine Sache hinaus: dass wir uns wieder mehr auf uns selbst besinnen, dass wir wieder zu unserer Mitte zurückfinden. Und dass wir auch die Natur wieder mehr respektieren. Und das ist doch eine gute Sache.

Uns packt es auch gleich, ob so viel Naivität.

Im Standard-Video kommt immerhin Ulrike Schiesser zu Wort, die vor der Gesundheitsscharlatanerie und dem Psychodilettantismus selbsternannter „Hexen“ warnt.

Nicht einmal dazu sind ÖRR-Formate in Deutschland, wie etwa Die Frage („So lebe ich als moderne Hexe“) oder Y-Kollektiv („Was machen eigentlich moderne Hexen?“), in der Lage.

Zum Weiterlesen:

  • Witchcraft beliefs around the world: An exploratory analysis, Plos One am 23. November 2022
  • Weit verbreiteter Glaube an Hexerei bremst Entwicklung aus, Zeit-Online am 23. November 2022
  • Viele Menschen glauben weiterhin an die Existenz von Hexen, FAZ am 24. November 2022
  • Glaube an Hexerei weit verbreitet, mdr am 24. November 2022
  • Glaube an Hexerei global weit verbreitet, Welt-Online am 24. November 2022
  • Tödliche Hexenjagden – und der Kampf der Skeptiker, GWUP-Blog am 4. April 2013
  • „Witch Hunting“ als globale Herausforderung, GWUP-Blog am 26. Dezember 2019
  • Wer an Gott glaubt, glaubt häufig auch an Hexerei, NZZ am 25. November 2022
  • Eva-Maria Schnurr: Das Zeitalter der Hexenverfolgung. Penguin 2022, 304 Seiten, 12 €
  • In 43 Ländern der Erde werden Frauen als Hexen verfolgt, GWUP-Blog am 20. August 2022

26. November 2022
von Bernd Harder
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Debunking Lothar Hirneise, Teil 3: Video von Janos Hegedüs

Debunking Lothar Hirneise Teil 3:

Ich drehe langsam durch… Mein Gehirn und meine Geduld schmelzen dahin… aber wir ziehen es trotzdem durch! Seid ihr noch dabei?

Lothar Hirneise verbreitet unzählige Lügen und Irrtümer bezüglich der modernen Krebstherapie. In dieser Videoserie schaue ich mir sein Video mit dem Titel „Die 10 größten Mythen der Onkologie“ an und stelle seine Thesen und Behauptungen auf den Prüfstand.

Im dritten Teil sprechen wir über Angebote der Alternativmedizin. Ich stelle euch kuriose Heilmethoden wie die Immuno-Augmentative Therapie, VG-1000 und Antineoplaston-Therapie vor und wir klären, ob man Wahrheit wirklich nur in Moskau auf Russisch finden kann.

Wir sprechen außerdem über den Apotheker-Skandal in Bottrop.

Zum Weiterlesen:

  • Video: Janos Hegedüs über den „Krebsflüsterer“ Lothar Hirneise, GWUP-Blog am 14. November 2022
  • Debunking Lothar Hirneise, Teil 2: Video von Janos Hegedüs, GWUP-Blog am 18. November 2022

26. November 2022
von Bernd Harder
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„Horror-Clowns“ bei Hoaxilla

Neu bei Hoaxilla:

Eventuell erinnern sich noch einige Hörer*innen an die Horror-Clown-Welle des Jahres 2016, in der weltweit gruselige und zum Teil aggressive Clownssichtungen beschrieben wurden. Sogar vor der Entführung von Kindern durch diese Horror-Clowns wurde seinerzeit gewarnt.

Doch was ist dran an der Horror-Clown-Welle? Sind Horror-Clowns eine reale Gefahr und wenn ja, warum ist es aktuell so still um dieses Phänomen in den Medien?

Zum Weiterlesen:

  • „Verängstigungsbullshit“: Die Grusel- und Killerclowns, GWUP-Blog am 24. Oktober 2016
  • Phantome, Killer und obskure Gestalten: US-Skeptiker schreibt Buch über „Bad Clowns“, GWUP-Blog am 8. März 2016
  • Mit den Clowns kam das Grauen, GWUP-Blog am 9. März 2010
  • „horror clown sichtungen 2022 in deutschland“ bei TikTok
  • Hoaxilla #307: „Horror Clowns?“ am 21. November 2022

24. November 2022
von Bernd Harder
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Unfassbar: Drei Suizide von Patientinnen an psychiatrischer Klinik wegen „Satanic Panic“?

Wir haben es seit der SkepKon 2018 immer wieder vorausgesagt:

Wenn man nur einmal in die Filterbubble der „Satanic Panic“ hineinsticht, platzt das ganze Konstrukt der Verschwörungsideologie vom „satanistisch-rituellen Missbrauch“ wie eine faule Frucht.

In der Schweiz jagt eine Enthüllung die nächste – in Deutschland wird das Narrativ umso vehementer bei diversen „Fachtagungen“ vertreten.

Jüngster Bericht aus unserem Nachbarland:

Das Gesundheitsamt des Kantons Bern hatte im Mai 2022 eine Untersuchung im Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) angeordnet. Anlass waren Medienberichte über systematischen Zwangsmaßnahmen in der Einrichtung.

Außerdem wurde publik, dass dort mehrere Psychiaterinnen arbeiten, die der sektenähnlichen Kirschblütengemeinschaft angehörten. Der Ärztliche Direktor der Klinik wurde daraufhin im Sommer dieses Jahres entlassen.

Die aktuellen Untersuchungsergebnisse zeigen indes, dass im PZM noch einiges mehr im Argen liegt:

Eine Sekte – die Kirschblütengemeinschaft – sei verjagt worden, in deren Windschatten habe sich aber eine andere, möglicherweise noch gefährlichere Sekte breitmachen können,

berichtet die NZZ.

Gemeint sei damit ein Phänomen,

… das unter dem Begriff „Satanic Panic“ immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hat. Es handelt sich um Patientinnen, die überzeugt sind, Opfer satanistischer Rituale geworden zu sein – und darin von manchen Therapeuten noch bestärkt werden. Das war auch in Münsingen der Fall.

Bei einer auffallend hohen Anzahl von Patientinnen wurde eine „dissoziative Identitätsstörung“ festgestellt, also ein Zustand, in dem zwei oder mehrere Identitäten in derselben Person alternieren sollen. Es ist eine der umstrittensten Diagnosen der Psychiatrie.

Und manche Betroffene haben vermeintliche Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse, die plötzlich wieder hochkommen.

In dem 46-seitigen Bericht der Gesundheitsbehörde heißt es:

Noch einmal die NZZ:

Zwar tauchen die Begriffe „Satanismus“ oder „ritueller Missbrauch“ in den Münsinger Patientenakten nicht auf. Aber immer wieder ist von „Tätern“ die Rede, welche die Frauen entführt, vergewaltigt oder in sadistischen Handlungen missbraucht hätten und sie weiterhin permanent überwachen würden.

Diese Täter würden so raffiniert vorgehen, dass sie keine Spuren hinterliessen. Die Patientinnen seien ihnen wegen emotionaler Abhängigkeit oder manipulativer Techniken ausgeliefert und müssten vor ihnen geschützt werden, so die Überzeugung mancher Therapeuten.

Und das ist schlicht gesagt der Hammer, denn:

Kann man diese Liste auf Seite 25 des Berichts anders interpretieren, als dass es drei Suizide von Patientinnen gab, die von ihren Therapeuten wegen angeblicher „Täterkontakte“ isoliert worden waren?

So direkt formuliert der Gutachter das nicht.

Aber er schreibt:

Therapeutinnen der DID-Intensivpatientinnen glauben, dass die Patientinnen von Tätern und Tätergruppen über lange Zeit ihres Lebens intensiv verfolgt, bedroht, überwacht und misshandelt werden […] Die Patientinnen seien diesen Tätern wegen emotionaler Abhängigkeit, Erpressungen oder wegen manipulativen Techniken (mind control) ausgeliefert.

Die Aufgabe der Therapeutinnen bestehe darin, die Patientinnen vor diesen Tätern zu schützen, z.B. indem sie an sichere Orte gebracht werden. Bei dieser Überzeugung handelt es sich um Vorstellungen, die nach meinem Eindruck wesentlich stärker bei den Therapeutinnen ausgeprägt sind als bei den Patientinnen selbst.

Dass das ein unglaublicher Skandal ist, der weit über die Schweiz hinaus bekannt werden muss, scheint weder dem Gutachter noch den Berichterstattern wirklich klar zu sein.

Zum Weiterlesen:

  • Satanic Panic, Nötigung und überlange Isolation – haarsträubende Zustände an einer der grössten psychiatrischen Kliniken des Landes, NZZ am 22. November 2022
  • Mangelhafte Führung im Psychiatriezentrum Münsingen, srf am 18. November 2022
  • The woman who believed her family was part of a satanic cult, BBC am 29. September 2017
  • Video: „Psycholyse und die Kirschblütengemeinschaft“ im Bayerischen Fernsehen, GWUP-Blog am 18. Oktober 2017
  • „Der Fall Nathalie“: Wie sich ein angeblicher ritueller Missbrauch als Satanic Panic herausstellte, GWUP-Blog am 12. November 2022
  • Wie die DIS-Historie verfälscht wird, dissoziationen.de am 15. November 2022

24. November 2022
von Bernd Harder
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„Transhumanismus“ als neue Verschwörungsideologie

Hin und wieder stoßen wir darauf, dass „die Weltanschauungsgemeinde“ der Skeptiker „gruselige Zukunftsvisionen“ habe, die mit dem „freundlich klingenden“ Wort „Transhumanismus“ umschrieben würden.

Auch Christian Drosten wurde als „Transhumanist“ beschimpft, und bei einer „Querdenker“-Demo in Nürnberg erklärte eine Rednerin, dass „Zionisten, Satanisten, Transhumanisten und die Pharmamafia durch Sterilisation und Mord per Todesspritze […] die absolute Kontrolle jedes Einzelnen und die Auslöschung weiterer Teile der Bevölkerung“ herbeizuführen gedächten.

Nun ja, was „Transhumanismus“ ist, kann man zum Beispiel in der MIZ 4/2021 nachlesen oder beim Ferngespräch nachhören.

Der Psychologe Sebastian Bartoschek wird vom „Faktenfinder“ der tagesschau so zitiert:

„Diese Gedanken sind vielgestaltig und breit gefächert. Allerdings bleibt im öffentlichen Diskurs, zumal in den sozialen Medien, meist nur übrig, dass Transhumanisten gewissermaßen den ‚jetzigen Menschen‘ überwinden wollen.“ Das sei mit Blick auf die Mehrheit der Transhumanisten aber nicht der Fall.

Was Transhumanismus nicht ist, was aber Verschwörungsideologen daraus machen, sieht man hin und wieder bei Auf1.TV, etwa am vorvergangenen Sonntag.

Es geht also mal wieder um den „geheimen Plan“ der „Globalisten“, mithin also um eine lupenreine Verschwörungstheorie, die davon ausgeht, dass eine kleine Gruppe mit bösartigen Zielen sich gegen die Gesellschaft verschworen hat und sich dabei eines umfassenden Machtapparats bedient.

Das CeMAS hat einen Twitter-Thread veröffentlicht, der die Thematik kurz zusammenfasst:

Im September hatte der Politikwissenschaftler Markus Linden in der Zeit und in anderen Medien Transhumanismus als neuen „ideologischen Kitt für die Querfront“ erklärt.

Heißt:

Unter dem Deckmantel der Menschlichkeitsbewahrung werde Transhumanismus von den Putins, Dugins und Co. dieser Welt als Angriff auf ihr geschlossenes Kollektivitätsideal mit reaktionärer Ausrichtung gedeutet – mithin als eine Art Genozid:

Es geht um die Schaffung eines kampftauglichen Abgrenzungsnarrativs – was sich anbietet, denn der Begriff „Humanismus“ besitzt eine positive Konnotation.

Der russische Ultranationalist Alexander Dugin begreife zum Beispiel Cyborgs, Netzwerke der künstlichen Intelligenz und Produkte der Gentechnologie als Teil einer „posthumanistisch-identitätszersetzenden“ Agenda, die darauf abziele, „die Menschen zu ersetzen“, mindestens aber die Auflösung der menschlichen Werte und Normen und die Vernichtung aller ganzheitlichen sozialen Einheiten zu betreiben.

„Trans­hu­ma­nis­mus“ in diesem Sinne ist also eine „diffuse Sam­mel­be­zeich­nung für alle mög­li­chen Arten einer unter­stell­ten tech­nisch-auto­ri­ta­tiv vor­an­ge­trie­be­nen Ent­mensch­li­chung, durch­ge­setzt von glo­ba­len Eliten“.

Darunter fassen kann man so ziemlich alles, von „Bevölkerungsreduktion und Gedankenkontrolle, Genmanipulation, Genderpolitik, technischen Implantaten“ bis hin zum „Diktat der von einer Elite kontrollierten künstlichen Intelligenz“.

Anfällig für diese neue Verschwörungstheorie um die Schaffung einer „Post-Menschheit“ ist laut Linden ein ideologisch disparates Feld radikaler Antigruppen, darunter christliche Fundamentalisten, aber auch

… eine illustre Querfront-Schar aus rechtsradikalen Ideologen, von links kommenden Überwachungskritikern, libertären Freiheitsfetischisten oder friedensbewegten Anthroposophen.

Der „Faktenfinder“ erweitert diese Aufzählung um „Impfgegner, LGBTIQ-Feinde, Technologieskeptiker, Esoteriker, Klimawandelleugner oder Kapitalismuskritiker“.

Als Beispiel für dieses Zerrbild von Transhumanismus mag dieser Tweet von Stefan Homburg dienen:

Mit der eigentlichen Idee des Transhumanismus hingegen beschäftigen sich die Protagonisten dabei kaum – oder bestenfalls mit besonders extremen Vertretern.

Lindens Fazit:

Eine an sich legi­time und not­wen­dige Debatte über die Folgen der Ver­än­de­rung von Körpern und wach­sen­den tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten wird in „Alter­na­tiv­me­dien“ und in anti­de­mo­kra­ti­schen Ideo­lo­gien durch macht­dis­kur­sive Begriffs­ar­beit zum Kampf­in­stru­ment umfunk­tio­niert.

Und damit sind wir wieder bei unseren Globuli- und anderen Freunden.

Nein, wir Skeptiker betrachten den Menschen weder als „zu reparierende Maschine“ noch meinen wir, „der Mensch als solcher habe sich überlebt und müsse jetzt durch Cyborgs abgelöst werden“.

Wie man auf so einen Quatsch kommt, ist uns rätselhaft. Vermutlich fällt Euch sonst nichts mehr ein.

Zum Weiterlesen:

  • Transhumanismus: Das nächste Ende der Menschheit, tagesschau.de am 24. November 2022
  • Transhumanismus: Ideologischer Kitt für die Querfront, zeit.de am 11. September 2022
  • „Transhumanismus“ als Verschwörungserzählung, gegneranalyse.de im August 2022
  • „Transhumanismus“, christlicher Fundamentalismus und Verschwörungstheorien, forumdialog.eu am 3. August 2022
  • Sina Klaß/Sebastian Bartoschek: Verschwörungsdenken an der Schnittstelle von Transhumanismus und Gesundheitswissenschaften. In: Bessere Menschen? Technische und ethische Fragen in der transhumanistischen Zukunft, Springer 2020
  • WildMics Special #11: „Supermensch“ am 5. Juli 2020
  • Verbesserte Menschen: Die vielleicht gefährlichste Idee der Welt, Süddeutsche am 8. Juni 2013
  • Transhumanismus: Die Cyborgisierung des Menschen, zukunftsinstitut.de
  • Visionen von „besseren Menschen“, Humanistische Vereinigung am 15. Oktober 2019
  • MIZ 4/21 erschienen: Transhumanismus, hpd am 7. Februar 2022

24. November 2022
von Bernd Harder
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Querdenker vor Gericht: Der Staat schlägt zurück ­ „wie ein Blinder, ziellos“

In der Zeit am Wochenende (47/2022) ist eine Reportage von Philipp Daum zum Thema „Querdenker vor Gericht“ erschienen:

Der Staat schlägt zurück

Daum schildert zunächst verschiedene Prozessszenen und unterlegt diese mit Sachinformationen, zum Beispiel:

Seit Monaten laufen Hunderte Verfahren gegen Querdenker. Oft kriegt die Öffentlichkeit nichts davon mit, weil die Angeklagten Strafbefehle akzeptieren und es nie zu einer Hauptverhandlung kommt. Woche für Woche arbeitet die Justiz auf, was die Pandemie ihr hinterlassen hat.

Genaue Zahlen zu den Prozessen gibt es nicht, denn die Justiz führt ihre Statistik nicht nach dem politischen Hintergrund der Angeklagten. Doch allein in Bayern wurden seit Beginn der Pandemie mehrere Hundert Verfahren gegen Querdenker geführt.

Außerdem besucht Daum die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internet- und Computerkriminalität (ZIT) in Frankfurt und spricht dort mit dem stellvertretenden Leiter, Oberstaatsanwalt Benjamin Krause.

Jeder Internetnutzer kann der Meldestelle Hessen gegen Hetze Inhalte melden, die er für strafbar hält. Diese sortiert vor und leitet die Fälle weiter an Krause und die ZIT. Krause muss dann entscheiden, ob eine Aussage strafbar sein könnte.

Die Aufklärungsquote der ZIT liege bei 30 Prozent und schwanke je nach sozialem Netzwerk. Bei Facebook liege sie bei mehr als 70 Prozent, bei Telegram bei weniger als zehn.

Was Online-Delikte angeht („Beleidigungen, üble Nachrede, Verleumdung, Volksverhetzung, Billigung von Straftaten und noch ein gutes Dutzend anderer Straftatbestände, die man landläufig unter einem Begriff zusammenfasst: Hatespeech“) zieht der Zeit-Autor denn auch ein pessimistisches Fazit.

Die Aussage von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht – „Wer hetzt und droht, muss mit Anklagen und Verurteilungen rechnen“ – sei schlicht gesagt falsch:

Auch wenn es um Ladendiebstähle geht, oder Körperverletzung – die Justiz wird nie alle Täter erwischen. Das ist strafrechtlicher Alltag.

Bei der Aufarbeitung der Pandemie aber scheint es, als gäbe es den Staat in mehreren Versionen: einen wehrhaften Staat, der das, was er kennt, hart bestraft. Und einen überforderten Staat, für den das Internet noch immer Neuland ist.

Der Staat schlägt zurück, wie ein Blinder, mal hart, mal weich, ziellos.

Schließlich geht Daum drei Stunden lang mit Anwalt Jun spazieren, der einige Vorschläge unterbreitet, wie etwa ein Ordnungswidrigkeitenrecht im Internet zu etablieren:

Man könnte eine Bußgeldbehörde eröffnen. Und einen Bußgeldkatalog für mildere Delikte, die nicht mit Strafrecht verfolgt werden müssen. In schwierigen Fällen könnten Staatsanwälte bei der Grundrechtsabwägung helfen […]

Bei Beleidigungen im Netz soll der Haupttäter nach wie vor strafrechtlich verfolgt werden. Aber einer, der die Beleidigung teilt, also weiterverbreitet? Solche Delikte kommen häufig vor und für sie hat die Justiz momentan kein sanfteres Mittel als das Strafrecht. Das bedeutet: sehr viel Aufwand. Also ignorieren Behörden solche Delikte oft.

Mit Juns Vorschlag würde jemand, der eine Beleidigung teilt, ein Bußgeld bekommen. Fertig.

Abschließend besucht Philipp Daum den Prozess gegen den Passauer Arzt Roland Weikl, der zahlreiche Masken-Befreiungsatteste ausgestellt hatte. Das Verfahren ging Mitte November mit einer einjährigen Gefängnisstrafe auf Bewährung zuende – ohne Berufsverbot und Geldstrafen:

Das ist die Sache mit den Querdenkern und der Justiz: Für den Schaden, den sie angerichtet haben, werden sie nicht verurteilt. Das Verbreiten von Falschinformationen, das in der Pandemie Menschenleben gekostet hat, ist per se nicht strafbar,

kommentiert Daum.

Weikl verlor den Prozess, weil er ärztliche Standards nicht einhielt und Atteste „ins Blaue hinein“ ausstellte. Michael Ballweg sitzt wegen des Verdachts des versuchten gewerbsmäßigen Betruges und der Geldwäsche in Untersuchungshaft – „nicht weil er gutgläubige Menschen in den Kaninchenbau gelockt hat“.

Der Artikel endet mit Fragen, statt mit Antworten, etwa:

Wie können wir die Grenze zwischen Hatespeech und Polemik so ziehen, dass nicht alles, was unliebsam ist, zu Hass erklärt wird?

Und mit einer lapidaren Feststellung:

Unsere gesellschaftlichen Probleme löst die Justiz nicht.

Weiterlesen:

  • Querdenker: Der Staat schlägt zurück, Zeit+ am 19. November 2022
  • In Telegram-Gruppe von „Querdenkern“: Todesdrohung gegen Ministerpräsidentin Schwesig – Strafbefehl erlassen, spiegel.de am 23. November 2022
  • Mehr Verfahren gegen Querdenker und Reichsbürger, swr am 18. November 2022
  • Querdenker-Urteile der Woche (KW 46), volksverpetzer am 20. November 2022
  • Querdenker-Urteile der Woche (KW 45), volksverpetzer am 13. November 2022
  • Lehrer aus Querdenker-Umfeld verliert Prozess gegen Schüler, welt.de am 7. November 2022
  • „Querdenken“-Gründer Ballweg muss weiter in Untersuchungshaft bleiben, swr am 14. November 2022
  • Generalstaatsanwaltschaft klagt Bhakdi wegen Verdachts der Volksverhetzung an, GWUP-Blog am 12. Mai 2022
  • Staatsanwaltschaft Heidelberg klagt Bodo Schiffmann an, GWUP-Blog am 13. April 2022
  • „In den Tod gehasst“: Der Spiegel zum Fall Lisa-Maria Kellermayr, GWUP-Blog am 10. Oktober 2022
  • Die Lieblingsvokabel des „Liebe, Glück und Frieden“-Heilers ist „Dreckspack“ – wenn es um impfende Kinderärzte geht, GWUP-Blog am 24. November 2022

24. November 2022
von Bernd Harder
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Die Lieblingsvokabel des „Liebe, Glück und Frieden“-Heilers ist „Dreckspack“ – wenn es um impfende Kinderärzte geht

Immer wieder erstaunlich (aber nach unserer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Esoterik nicht wirklich überraschend), wie selbsternannte „Heiler“, die auf ihren Web-Präsenzen „Frieden, Glück und Liebe“ predigen, mit übelster Hetze hervortreten.

Nach dem Volksverpetzer und stern.de berichtet jetzt auch Welt+ über eine Kinderarztpraxis bei Hamburg, die ins Visier von fanatischen Impfgegnern geraten ist – insbesondere eines „spirituellen Lehrers“ und „Trainers für Quantenheilung“ …

… der in Gewaltphantasien schwelgt:

Darüber hinaus hat sich die Autorin Anne Klesse noch weiter in Hamburg und Schleswig-Holstein umgehört:

Was diese Ärzte erlebt haben, ist im Norden kein Einzelfall. Seit Pandemiebeginn sehen sich Ärztinnen und Ärzte immer öfter bedroht. So sei in einem Kinderimpfzentrum kein einziger Tag vergangen, an dem sie nicht beschimpft worden sei, oft hätten sie deshalb Security-Mitarbeiter hinein und wieder hinaus begleitet, erzählt eine damals dort Beschäftigte.

Die Landesvorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Hamburg erklärt:

Das Aggressionslevel, mit dem man unseren Teams in den Arztpraxen seit einiger Zeit teilweise begegnet, ist besorgniserregend.

Wenig überraschend: Der Präsident der Ärztekammer Hamburg, Dr. Pedram Emami, berichtet von „ermüdenden Diskussionen“, auch mit den wenigen anthroposophischen Ärzten in der Stadt, die aber zum Teil sehr missionarisch seien.

Die kürzlich betroffene Kinderarztpraxis habe den inkriminierten Satz auf der Homepage, wonach „Impfungen der Kinder, beginnend spätestens im 6. Lebensmonat, die Voraussetzung für die Behandlung in unserer Praxis und für die ärztliche Begleitung“ sei, mittlerweile dahingehend geändert, dass sich die Praxis entsprechende Impfungen „wünsche“:

Der Sturm hat sich mittlerweile gelegt, doch die Einsicht, wie schnell ein solcher alles auf den Kopf stellen kann, bleibt.

Was auch bleibt, ist die Hilflosigkeit im Umgang mit Hass-Posts, dazu auch unser Artikel „Querdenker vor Gericht“.

Zum Weiterlesen:

  • Wenn Kinderärzte ins Visier von Impfgegnern und Querdenkern geraten, Welt+ am 20. November 2022
  • Praxis wollte nur noch geimpfte Kinder behandeln – und wird zur Zielscheibe von Impfgegnern, stern.de am 27. Oktober 2022
  • Shitstorm, Terror & Morddrohungen: Kinderarztpraxis Ziel von Querdenkern, volksverpetzer am 26. Oktober 2022
  • Corona-Impfaktion bringt Kinderärzten in Lübeck Morddrohungen ein, ÄrzteZeitung am 12. August 2021
  • Drohungen, üble Nachrede: Der Hass gegen Ärztinnen und Ärzte im Netz tobt weiter, GWUP-Blog am 24. Januar 2022
  • „In den Tod gehasst“: Der Spiegel zum Fall Lisa-Maria Kellermayr, GWUP-Blog am 10. Oktober 2022

23. November 2022
von Bernd Harder
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„Schlechtes Karma“: Warum Waldorfeinrichtungen höchst problematisch sein können

Natürlich greint die Anthro-Postille info3 von einer „konzertierten Aktion gegen Rudolf Steiner und die Waldorfpädagogik“ – was bleibt ihr auch anderes übrig?

Offenbar verstehen die Kolleginnen und Kollegen nicht, dass auch ganz ohne „konzertierte Aktion“ plötzlich etwas ins Rollen kommt, wenn auch nur ein Journalist ein bestimmtes Thema mal gegen den Strich bürstet. Und alle anderen Medien plötzlich gewahr werden, dass da etwas schwer im Argen liegt, was jahre- und jahrzehntelang unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit flog.

Auch wenn Boris Palmer meint, es handele sich um „olle Kamellen“ und die Kritikpunkte seien schon lange bekannt – dann bleibt trotzdem die Frage, die immer wieder aufs Neue gestellt werden muss: Warum ändert sich nichts?

Da ist es natürlich einfacher, wirre Artikel über angebliche „skeptische Netzwerke“ und „konzertierte Aktionen“ in die Welt hinauszublasen – die aber nicht so wirklich verfangen:

Und immer mehr Redaktionen werden darauf aufmerksam.

Heute schreibt die Autorin Nora Imlau (Gast in der ersten Ausgabe des „Waldorfsalat“-Podcasts) bei Zeit-Online über „Esoterik an Waldorfschulen“:

Mit ihrer ganz eigenen Architektur und Ästhetik erscheinen Waldorfschulen oft wie heimelige und verwunschene Sehnsuchtsorte, in denen Kinder so geborgen wie beschützt heranwachsen können. „Bullerbü-Komplex“ nannte der Psychologe Lars Mandelkow einmal etwas despektierlich diesen tief in vielen Eltern verwurzelten Wunsch nach einer heilen Welt.

Ein Wunsch, der viele Eltern darüber hinwegsehen lässt, dass hinter der Waldorfpädagogik ein in sich geschlossenes und esoterisches Weltbild steht, das noch immer zu einer okkulten Praxis führt.

Einige Auszüge:

Wo Waldorf draufsteht, ist auch Waldorf drin. Es gibt keine Waldorfeinrichtungen, die nicht anthroposophisch sind, Anthroposophie und Steiners Lehre gehören untrennbar zusammen.

Die Zahl ehemaliger Waldorfschülerinnen und -schüler wächst, die sich insbesondere in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #exwaldi kritisch mit ihren eigenen anthroposophischen Prägungen auseinandersetzen und Missstände anprangern.

Die freien Waldorfeinrichtungen verstehen sich eben nicht nur als Kindergärten und Schulen mit einem speziellen Bildungsangebot, sondern als Orte, an denen Kinder „Seelenbildung“ erfahren sollen – und zwar entsprechend ihrem Karma und ihrer Inkarnationsstufe.

Für Kinder, denen aus welchen Gründen auch immer in einer Waldorfeinrichtung ein schlechtes Karma oder eine problematische Aura attestiert wird, kann dadurch ein Leidensweg beginnen – insbesondere, weil es in Waldorfschulen üblich ist, dass ein und dieselbe Lehrkraft ihre Klasse über viele Jahre hinweg begleitet, sodass ein Kind sehr lange keine Chance auf einen frischen Blick bekommt.

Ein weiteres Problem ist, dass in vielen Waldorfeinrichtungen handfeste medizinische Diagnosen nicht anerkannt und stattdessen spirituelle Gründe für gesundheitliche Probleme gesucht werden.

So kommt es, dass Kindern mit Legasthenie oder Dyskalkulie oder ADHS jahrelang eine fachgerechte therapeutische Begleitung verwehrt wird, Kinder mit Autismus oft jahrelang zur Heileurythmie verdonnert werden, statt eine fundierte Diagnostik zu bekommen, und Kindern mit Asthma, Neurodermitis oder Allergien Probleme mit ihrem Karma attestiert werden.

Vor allem diesen Punkt sollten sich all jene Eltern vor Augen führen, die eine Waldorfschule als „letzten Strohhalm“ für „Problemkinder“ betrachten – und das häufig auch hier im Kommentarbereich als Pro-Waldorf-Rechtfertigung anzubringen versuchen.

Und zur Erinnerung: Heute Abend (23. November, 22.45 Uhr) läuft bei ZDFzoom die Doku

Anthroposophie – gut oder gefährlich?

Zum Weiterlesen:

  • Esoterik an Waldorfschulen: Falscher Filz, Zeit+ am 23. November 2022
  • Die „Fakteninquisition“: Jan Böhmermann nimmt sich im ZDF Magazin Royale Anthroposophie und Waldorf-Pädagogik vor, GWUP-Blog am 18. November 2022
  • Anthroposophie – gut oder gefährlich?“ bei ZDFzoom, GWUP-Blog am 18. November 2022
  • Anthroposophen decken die „skeptischen Netzwerke“ auf – zur Belohnung gibt es denen neuen Podcast Waldorfsalat, GWUP-Blog am 3. November 2022
  • „Waldorfsalat“: Erste Folge des neuen Podcasts mit der Autorin und Journalistin Nora Imlau, GWUP-Blog am 11. November 2022

23. November 2022
von Bernd Harder
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Wider die These vom „Besten beider Welten“: Das neue Münsteraner Memorandum zum Thema Integrative Medizin

Der Münsteraner Kreis hat ein neues Memorandum publiziert.

Es beschäftigt sich mit der sogenannten Integrativen Medizin. Als Autoren zeichnen Prof. Edzard Ernst, Prof. Hans-Georg Hofer und Dr. Claudia Nowack.

In der Einführung heißt es:

Die Zusammenführung von Alternativmedizin und konventioneller Heilkunde wird seit den 1990er Jahren zunehmend als Integrative Medizin (IM) bezeichnet und hat andere Termini dieses Bereichs weitgehend abgelöst. Heute ist IM in Deutschland auf allen Ebenen vertreten.

Die IM wird oft mit der These von dem „Besten beider Welten“ charakterisiert. Eine allgemein anerkannte Definition der IM existiert jedoch nicht. Gängige Beschreibungen der IM betonen: 

  • die Kombination von konventionellen und komplementären Verfahren
  • die Ganzheitlichkeit im Verständnis der Heilkunde
  • die hohe Bedeutung der Arzt-Patienten Beziehung
  • die Hoffnung auf einen optimalen Therapieerfolg
  • die Fokussierung auf den Patienten
  • den hohen Stellenwert des Erfahrungswissens

Die These vom ‚Besten beider Welten‘ beeindruckt viele. Was jedoch unter dem ‚Besten‘ zu verstehen ist, bleibt für IM unklar. Viele ihrer Ansprüche sind elementare Bestandteile jeder guten Medizin und können somit nicht zu ihren charakterisierenden Eigenschaften gezählt werden.

Schließlich ist kaum zu übersehen, dass die Anhänger von IM diese als Vorwand benutzen, um unbewiesene oder widerlegte Verfahren in die konventionelle Medizin einzubringen. Entgegen anderslautenden Versprechungen hat IM kein erkennbares Potential zur Verbesserung der Medizin.

Sie stiftet vielmehr Verwirrung und bringt Gefahren mit sich. 

Vor diesem Hintergrund sei zu fordern, dass „Integrative Medizin“ auf allen Ebenen kritisch hinterfragt wird.

Die Medical Tribune schreibt dazu:

Wichtig sei es […], die ärztlichen Zusatzbezeichnungen für nicht evidenzbasierte Verfahren seitens aller Ärztekammern abzuschaffen – ebenso wie alle Zusatzhonorare für Verfahren ohne wissenschaftlichen Nutzennachweis.

Außerdem müsse der Sonderstatus der „besonderen Therapierichtungen“ im Arzneimittelrecht beendet werden, der u.a. auch die Homöopathie seit 1978 von der Notwendigkeit objektiver wissenschaftlicher Wirkungsnachweise freistellt. Stattdessen müsse man angemessene Honorare für Anamnese, Recherche und Patientengespräche im Rahmen der wissenschaftsorientierten Medizin fordern.

Charakteristika, die von Patienten gewünscht und gebraucht würden, wie eine gute Arzt-Patienten-Beziehung, Ganzheitlichkeit, Erfahrungswissen, wissenschaftliche Evidenz und Hoffnung auf optimalen Therapieerfolg bei minimalen Nebenwirkungen, seien Bestandteile jeder guten Medizin.

Sie würden aber fälschlicherweise oft speziell der IM zugeschrieben – „und implizit werden sie damit jeder anderen Medizin abgesprochen“, so Dr. Nowack

In dem 20-seitigen Dokument appelliert der Münsteraner Kreis

  • an Universitäten und Medizinische Fakultäten, die kritische Auseinandersetzung mit der IM und ihren irreführenden Versprechen zu fördern, ihrer Verbreitung nicht weiter tatenlos zuzusehen sowie IM-Initiativen sorgfältiger und mit mehr Mut zur Demarkation zu prüfen
  • an Journalisten, Medien und Verlage, der IM und ihrer vermeintlichen Attraktivität mit informierter Skepsis zu begegnen, direkte und indirekte Gefahren zu benennen und damit zu einer verantwortungsvollen Risikokommunikation beizutragen
  • an Entscheidungsträger in Medizin und Gesundheitswesen, der mit der IM offenkundig einhergehenden Gefahr des Einschleusens unbelegter oder widerlegter alternativer Verfahren konsequent entgegenzuwirken; keine ineffektiven und gefährlichen Parallelstrukturen in wissenschaftsorientierter Medizin und Gesundheitsversorgung zu befördern.

Das „Münsteraner Memorandum Integrative Medizin“ gibt es hier als pdf-Download.

Zum Weiterlesen:

  • Münsteraner Kreis: Neues Memorandum zur „Integrativen Medizin“
  • Münsteraner Memorandum „Integrative Medizin“, publikum.net am 23. Oktober 2022
  • Integrative Medizin: Warum eine Hausärztin sie als pseudomedizinischen Unsinn sieht, medical-tribune am 18. November 2022
  • Ein „Bund“ zwischen Ärzten und Heilpraktikern? Das freut nur die Pseudomediziner, GWUP-Blog am 21. Juni 2015
  • Grams‘ Sprechstunde: Müssen „Schulmedizin“ und „Alternativmedizin“ miteinander versöhnt werden? spektrum am 8. Februar 2019

22. November 2022
von Bernd Harder
3 Kommentare

Im Ferngespräch: „Corona ist vorbei“ – oder auch nicht

Heute im #ferngespräch:

Mit dabei ist Martin Moder.

Los geht’s um 20 Uhr.

Zum Weiterlesen:

  • Was aus dem Ende der Corona-Isolationspflicht folgen muss, Zeit-Online am 19. November 2022
  • „Dass Corona vorbei ist, ist sicherlich ein Mythos“, Deutschlandfunk am 19. November 2022
  • Ist die Pandemie 2023 vorbei? mdr am 22. November 2022
  • Ist Corona nun endemisch? tagesschau.de am 28. Oktober 2022
  • Pandemie endlich vorbei? Kommt auf die Definition an, zdf.de am 29. Oktober 2022
  • Immunologe Sander im Interview: „Wir werden wohl nie vor die Welle kommen“, n-tv am 20. November 2022
  • Drosten sieht Ende der Pandemie nahen, spiegel.de am 23. November 2022
  • Christian Drosten: „Die Lage für das Virus ist prekär“, zeit.de am 23. November 2022