gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

3. Juli 2022
von Bernd Harder
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Podcast mit Martin Moder: „Was soll das mit den Affenpocken?“

Martin Moder zu Gast bei der Krankenschwester Franziska Böhler und dem NDR-Nachrichtenmoderator Daniel Bröckerhoff:

Die Covid-Pandemie ist immer noch Dauergast – da kommt schon das nächste Virus und will sich ein Zimmer nehmen, um es sich für länger gemütlich zu machen. Die Affenpocken haben zwar einen lustigen Namen, aber sonst ist die Krankheit wenig entertaining.

Wo kommt die eigentlich jetzt schon wieder her? Woran erkenne ich sie und was zur Hölle ist ein Pockenpimmel? Böhler & Bröckerhoff fragen den Wiener Molekular Biologen und Wissenschaftskabarettisten Martin Moder Löcher ins Hirn.

Zum Weiterlesen:

  • WildMics Special #89: „Und jetzt auch noch die Affenpocken“ vom 30. Mai 2022
  • Affenpocken und der große Plan, GWUP-Blog am 28. Mai 2022
  • MEGA-Video: Martin Moder über Omikron und Affenpocken, GWUP-Blog am 5. Juni 2022
  • Eindämmung der Affenpocken kann noch Wochen dauern, tagesspiegel am 2. Juli 2022
  • Deutschland erhält Affenpocken-Impfstoff, spiegel.de am 2. Juli 2022
  • Affenpocken in Deutschland: Nichts dazugelernt, taz am 3. Juli 2022

3. Juli 2022
von Bernd Harder
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Die Unwahrsagerin: Zwei Medien und ein Geschäftsmodell

Hurra – Herzogin Kate und Prinz William werden zum vierten Mal Eltern!

Jedenfalls weiß das Echo der Frau – und dann muss es ja stimmen. Denn die Quelle für diese sensationelle Nachricht ist niemand anderes als die „Star-Hellseherin“ Soraya.

Das war im Februar. Und offenkundig trug Kate beim 70. Thronjubiläum der Queen im vorigen Monat mitnichten die erwarteten Zwillinge „schon auf dem Arm“, wie das Blatt damals in einer Titelgeschichte angekündigt hatte.

Man könnte das natürlich als belanglosen Unsinn abtun.

Andererseits ist es durchaus erfreulich, dass der Deutsche Presserat diesen Quatsch jetzt öffentlich gerügt hat:

Beschwerdeführer waren die Klatschkritiker von Topf voll Gold beziehungsweise Übermedien, die den ganzen Vorgang ausführlich nachzeichnen:

Demzufolge pflegt Echo der Frau seit zwei Jahrzehnten eine rätselhafte Kooperation mit jener „Star-Hellseherin“, die ihrerseits als Referenz lediglich auf Echo der Frau rückverweist (außer nebulösen „Fernsehauftritten“).

Rätselhaft deswegen, weil Soraya „immer wieder spektakulär danebenliegt“, wie ein Blick ins Archiv zeigt. Das jedoch

… hält die Funke-Mediengruppe nicht davon ab, sie auch heute noch immer wieder als Quelle heranzuziehen und ihre falschen Vorhersagen als echte Nachrichten zu verkaufen.

Besonders sauer stößt den Klatschkritikern auf, dass die Yellow-Zeitschrift auch Telefonaktionen mit der „Hellseherin“ veranstaltet, bei der

… das Medium in Ihre persönlichen Sterne und in magische Karten blickt.

Übermedien:

Das ist zwar kostenlos, allerdings nur für einen Zeitraum von ein paar Stunden. Ruft man davor oder danach an, muss man zahlen. Und wie „Echo der Frau“ erklärt, ist die Telefonleitung im Kostenlos-Zeitraum „oft belegt“. Darum weist die Redaktion freundlich darauf hin, dass man auch „sehr gerne“ die kostenpflichtige Nummer anrufen kann.

Zu Recht weist der Autor Mats Schönauer auf die Gefahr der Esoteriksucht hin, die Betroffene an den Rand des Ruins bringen kann.

Und was sagt die Funke-Mediengruppe dazu? In etwa das Gleiche wie der ORF in Österreich, wenn es um die dortige Haus-Astrologin Gerda Rogers geht – alles nur Fun, alles reine Unterhaltung:

Zugegeben, die Erfolgsbilanz von Soraya ist durchwachsen. Ihre schillernde Persönlichkeit und ihre Deutungen der Zukunft sind allerdings immer für die eine oder andere Geschichte gut. Nehmen Sie sie einfach etwas lockerer und verstehen Sie sie als das, was sie ist: eine gute Entertainerin.

Ob die ratsuchenden Menschen, die kostenpflichtig bei Soraya anrufen, das auch so verstehen? Wohl kaum.

Fazit:

Zum Weiterlesen:

  • Dank Soraya: Niemand kann so gut schlecht in die Zukunft sehen wie „Echo der Frau“, uebermedien am 27. Juni 2022
  • Nein, astrologische Ratgebersendungen sind keine Unterhaltung, lieber ORF, GWUP-Blog am 5. Juni 2017
  • Eine kritische Auseinandersetzung mit den „Ö3-Sternstunden’“ von Gerda Rogers, Vice am 28. Mai 2017
  • Video: MaiThink X über Astrologie, Scharlatane und die Psychologie der Täuschung, GWUP-Blog am 11. April 2022
  • Prognosen: Wenn Astrologen gar nichts mehr einfällt, kommt eben die Zombie-Apokalypse, GWUP-Blog am 15. Dezember 2021
  • Astrologie: „Es gibt eine Esoteriksucht“, Zeit-Online am 30. Dezember 2020
  • Wenn Wahrsagerei süchtig macht, Welt-Online am 20. September 2007

3. Juli 2022
von Bernd Harder
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Sinans Woche: Bodo Schiffmann empfiehlt jetzt Chlorbleiche

Neben peinlichen Ballweg-Solidaritätsbekundungen ist Bodo Schiffmann in der vergangenen Woche als CDL-Promoter in Erscheinung getreten – sowohl sich selbst als auch seine Tochter will er mit dem Desinfektionsmittel erfolgreich behandelt haben, der „verrückt gewordene Arzt“, wie Sinan ihn unverblümt bezeichnet:

Eine solche Empfehlung eines ehemaligen Arztes ist natürlich brandgefährlich. Ich kann immer nur hoffen, dass mehr und mehr Menschen erkennen, dass Bodo Schiffmann einen gesunden Geisteszustand schon vor langer Zeit verlassen hat […] Chlorbleiche saufen: richtig dumme Idee!

Daneben befasst sich Sinans Woche mit einigen weiteren „Schwurbelköpfen“:

Naomi Seibt reitet ihre Corona-Masche zu Tode. Oliver Janich glaubt, das Covid-19-Virus sei in Wahrheit ein „Schlangengift“, welches über das Trinkwasser verbreitet wurde.

Und Heiko Schrang stampft sein „SchrangTV ein (allerdings nur, um nach der Sommerpause auf „Spirit Videos“ umzuschwenken):

Und warum ist das so? Na ja, mit dieser Truther-Kacke lässt sich kein Geld mehr verdienen. Ich vermute mal, dass die freiwilligen Zuwendungen seiner Zuschauer extrem abgenommen haben, und der liebe Heiko ist eben ein knallharter Geschäftsmann. Wenn’s keine Kohle mehr bringt, dann macht er eben was anderes.

SPIRIT-Videos also – das heißt, wir bekommen die volle Dröhnung Esoterik-Müll.

Oh weia.

Zum Weiterlesen:

  • Staatsanwaltschaft Heidelberg klagt Bodo Schiffmann an, GWUP-Blog am 13. April 2022
  • MedWatch: Darum geht es bei Chlordioxid und MMS, GWUP-Blog am 17. November 2021
  • Die Ideologie hinter CDL und MMS, Belltower News am 2. Dezember 2021
  • „Das hat sie auch wieder nicht verstanden“: Skeptic Punk über Naomi Seibt und Corona, GWUP-Blog am 10. Juni 2021
  • Oliver Janich – QAnon-Desinformationen auf allen Kanälen, Belltower News am 16. Oktober 2020
  • Wie Heiko Schrang sich als „friedlicher Kämpfer“ der rechten Esoterik inszeniert, Belltower News am 5. August 2020
  • Heiko Schrang bei Psiram

2. Juli 2022
von Bernd Harder
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„Erhöhen mRNA-Impfstoffe die Gesamtsterblichkeit?“ – Video mit Dr. Janos Hegedüs

Neues Video von Dr. Janos Hegedüs:

Volker Schmiedel, ehemaliger Chefarzt der Habichtswaldklinik für ganzheitliche Medizin in Kassel, betreibt einen YouTube-Kanal, auf dem unter anderem Fehlinformationen und Irrtümer verbreitet werden.

Ich habe mir sein Video über die inzwischen berühmt gewordene Lancet-Studie angeschaut. Herr Schmiedel sprach von „sensationellen, dramatischen und erschreckenden“ Studienergebnissen… Aber stimmt das wirklich? Was haben die Studienautoren genau herausgefunden?

Ist wirklich etwas dran an der erhöhten Gesamtmortalität, oder haben wir es hier (wieder) mit einem Schwurbler zu tun?

Zum Weiterlesen:

  • Skeptiker-Interview mit Dr. Janos Hegedüs: „Der Unwissenschaftlichkeit etwas entgegensetzen“, GWUP-Blog am 5. April 2022
  • Video: Janos Hegedüs über die Rechtfertigungen von Arne (Die Pathologie-Konferenz) Burkhardt, GWUP-Blog am 10. Juni 2022
  • Was haben die Corona-Maßnahmen gebracht? Zeit-Online am 1. Juli 2022
  • Corona-Sachverständigenbericht: Sind wir jetzt schlauer? Zeit-Online am 1. Juli 2022
  • Kommentar: Höchste Zeit für eine vorausschauende Corona-Politik, ndr am 1. Juli 2022

2. Juli 2022
von Bernd Harder
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Im Nachgefragt-Podcast: Krebs

Neu im Nachgefragt-Podcast:

In ihrer Verzweiflung schauen sich immer wieder Patienten nach Alternativen um, verschleppen eine eigentlich heilbare Krankheit oder nehmen die Behandlung auf die leichte Schulter. Die alternativen Angebote finden diese Menschen dann in der pseudoalternativen Medizin, wo sogar in Bezug auf Krebs große Versprechen gemacht werden. Doch wie sieht es in der Realität aus?

Gesprächspartnerin ist die Biochemikerin und Onkologin Marisa Kurz, die den Spektrum-Blog Die Monacologin betreibt.

Zum Weiterlesen:

  • NGF054: „Krebs“ vom 30. Juni 2022
  • Chemophobie, Aprikosenkerne und andere Krebsmythen, GWUP-Blog am 3. Februar 2019
  • Verschwörungsmythen rund um Krebs, GWUP-Blog am 20. März 2019
  • Zehn Gründe, warum es keine „Krebs-Verschwörung“ gibt, GWUP-Blog am 8. Juli 2015

1. Juli 2022
von Bernd Harder
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Die Hellseherin Jeane Dixon und das Kennedy-Attentat: kein gutes Beispiel für „Vorahnungen“

Mitunter kann man auch Die Zeit nur mit einem Stirnrunzeln lesen. Denken wir zum Beispiel an das verspulte Meisterstück zum Thema Astrologie vor zwei Jahren.

Im neuen Zeit Wissen-Magazin ist es ein Beitrag über „Intuition“, der einen unwillkürlich die Augenbrauen zusammenziehen lässt.

An sich ist der Artikel recht solide – wenn man über den zweiten Absatz hinaus dranbleibt. Aus unerfindlichen Gründen meint die Autorin nämlich, das Phänomen „Vorahnung“ mit der amerikanischen Astrologin und Hellseherin Jeane Dixon einleiten zu müssen:

Für Aufsehen sorgte sie nach dem Attentat auf John F. Kennedy, den damaligen US-Präsidenten. Die Astrologin Jeane Dixon hatte den Mord präzise in Zusammenhang mit Kennedys damaliger Reise nach Dallas prophezeit, wo er erschossen wurde. Sie bat vor dem Attentat eine enge Freundin der Kennedy-Familie, dem Präsidenten die Reise auszureden. Der Rest ist Geschichte.

Nun ja – bestenfalls eine Geschichte von Nachhersagen und Eigenmarketing.

Anscheinend ist der Zeit-Journalistin durchaus klar, dass Dixon erst nach dem Ereignis damit reüssierte. Wie also kommt die Autorin dazu, diese Story als echte Vorhersage zu verkaufen?

Möglicherweise hat sie im Archiv einen Text aus dem Spiegel 36/1965 gefunden, in dem es belletristisch heißt:

Im Herbst 1963 – Kennedy hatte sich gerade zu seiner Reise in die Südstaaten entschlossen – läutete Jeane [Dixon] Sturm an der Haustür von Kay Halle, einer Freundin der Kennedy-Familie. Sie beschwor Miß Halle, dem Präsidenten die Reise auszureden: „Er wird unterwegs getötet werden.“ Kay Halle aber hütete sich, dem Präsidenten mit Weissagungen zu kommen. Kennedy reiste nach Dallas.

Am 22. November 1963 lunchte Jeane Dixon mit Damen der Gesellschaft im Washingtoner Hotel Mayflower. Jeane aß appetitlos und blieb auffallend stumm. „Kindchen, warum essen Sie denn nicht?“ fragte Mrs. Kaufmann, eine ältere Lady, die blasse Mittvierzigerin. Jeane: „Ich bin unruhig, dem Präsidenten wird heute etwas Schreckliches zustoßen.“

Wenige Minuten später meldete der Rundfunk: „Auf den Präsidenten ist geschossen worden.“

„Sen-sa-tio-nell“, würde Loriot jetzt sagen.

Woher hatte Der Spiegel im August 1965 diese welterschütternden Informationen?

Aus der Biografie „A Gift of Prophecy – The Phenomenal Jeane Dixon“, die kurz zuvor erschienen war und an der Dixon selbst mitgearbeitet hatte:

Das Ganze ist nichts weiter als eine hübsche Huldiger-Sage von Dixons Biografin Ruth Montgomery, an der auch die genannte „daugther of Cleveland philanthropist Samuel Halle“ mitstrickte.

Aus einem Schriftstück im John F. Kennedy Presidential Library and Museum geht hervor, dass Jeane Dixon 1963 tatsächlich die Journalistin und Kennedy-Vertraute Kay Halle zuhause aufgesucht hatte. Halles Wiedergabe des Gesprächs vier Jahre später (1967) lässt allerdings darauf schließen, dass ihre Erinnerungen daran nachträglich von Dixons/Montgomerys Biografie als auch von den realen Ereignissen geprägt wurden.

So erklärt Kay Halle zum Beispiel, Dixon habe explizit von „Dallas“ als Ort des drohenden Unheils gesprochen. Dieses bemerkenswerte Detail hätte Ruth Montgomery in „A Gift of Prophecy“ sicher nicht ausgelassen. Dort ist aber nur von „someplace in the South“ die Rede, wie im obigen Auschnitt zu lesen steht.

Offenbar vermischt Kay Halle in dem Interview von 1967 ihre spontanen Zweifel („There must be many, many such messages that come in to the White House from clairvoyant people all over the world and who could sort them out“) mit späteren Schuldgefühlen („I rejected it because I didn’t believe it.“) zu einer unangebrachten Rechtfertigung von Dixons vagen Aussagen (z.B. „The clouds are getting darker over the White House.“)

Was die „Hellseherin“ Jeane Dixon tatsächlich zu Kennedy und dessen Ermordung gesagt hatte, war am 13. Mai 1956 in der Sonntagszeitung Parade erschienen:

As for the 1960 election Mrs. Dixon thinks it will be dominated by labor and won by a Democrat. But he will be assassinated or die in office though not necessarily in his first term.

Das übliche Wischiwaschi ohne Namen, Zeit- oder Ortsangaben. US-Skeptiker berichten, dass Dixon sich zudem in anderen Publikationen auf Kennedys Konkurrenten Nixon festgelegt hatte. Dixon arbeitete nicht mit „Vorahnungen“, sondern mit dem üblichen Instrumentarium von Hellsehern, Wahrsagern und Astrologen.

Immerhin verweist die Zeit-Autorin dann aber doch noch auf den „Jeane-Dixon-Effekt“, der von dem Mathematiker John Allen Paulos geprägt wurde:

Je mehr Vorhersagen Dixon treffe, desto wahrscheinlicher sei es, dass sie zufällig auch öfter richtigliege.

Oder anders gesagt: Auch eine kaputte Uhr geht zweimal am Tag richtig.

Im Weiteren führt die Zeit-Autorin aus, dass parapsychologische Forschung zum Thema „Vorhersagen von Ereignissen“ bislang nichts „außer Zufallstreffern“ erbracht habe, hingegen „die Intuition, die kleine Schwester der Vorahnung, wissenschaftliche Evidenz“ besitze.

Warum Vorahnungen und Intuition nichts mit übersinnlichen Fähigkeiten zu tun haben, legt auch der Psychologe Wolfgang Hell vom GWUP-Wissenschaftsrat in seinem Aufsatz „Von Schafen und Ziegen – Der sechste Sinn und die unbewusste Wahrnehmung“ dar.

Zum Weiterlesen:

  • Was weiß die Forschung über die Vorahnung? Zeit-Online am 29. Juni 2022
  • Verspulter Eso-Trottel? Wie die „Zeit“ sich mit dem Thema Astrologie blamiert, GWUP-Blog am 6. September 2020
  • SkepKon-Vortragsvideo von Wolfgang Hell: Wie tickt das Schaf? GWUP-Blog am 19. Juni 2014
  • Zufälle gibt’s, Neue Zürcher Zeitung Folio im Dezember 2004
  • „Mein Horoskop stimmt immer!“ – Ja und? GWUP-Blog am 4. Mai 2013
  • Wolfgang Hell: Von Schafen und Ziegen – Der sechste Sinn und die unbewusste Wahrnehmung, Skeptiker 2/2010

1. Juli 2022
von Bernd Harder
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Blutegel und Butterschmalz: In Indien boomt Ayurveda, befeuert von Armut und Nationalismus

Die Bezeichnung „AYUSH“ ist in Deutschland seit 2020 bekannt, als Homöopathie-Lobbyisten behaupteten, dieses angebliche „indische Gesundheitsministerium“ habe ganz offiziell Globuli gegen Covid-19 empfohlen.

In Wahrheit verbirgt sich hinter AYUSH ein „Ministerium für Pseudomedizin“, erklärte Christian Kreil in seinem Blog Stiftung Gurutest:

Das Ministerium Ayush gibt es seit dem Jahr 2014, sein Bestehen verdankt es dem Wahlsieg der rechtsnationalistischen BJP (Indische Volkspartei), die mit Narendra Modi auch den Regierungschef stellt. Die Etablierung dieses indischen Hogwarts-Ministeriums sehen auch Kritiker in Indien als Zugeständnis an stramm nationalistische Kräfte.

Ayurveda, Homöopathie und Co. sind in Indien Bestandteile eines nationalistischen und Hindu-chauvinistischen Mindsets. Ayurveda und ähnliches reklamieren auch rechtsextreme Hindu-Gruppen als unverkennbares Erbe und Identifikationsmerkmal für sich und die indische Nation.

„AYUSH“ ist ein Akronym aus „Ministry of Ayurveda, Yoga & Naturopathy, Unani, Siddha, Sowa Rigpa and Homoeopathy“ – mithin könnte man das Ganze auch „Zaubereiministerium“ nennen, schlug Onkel Michael vor.

Übertrieben? Keineswegs.

Die Stern-Reporterin Bettina Sengling hat sich in Indien umgesehen und Ayurveda-Krankenhäuser besucht. Ihr Eindruck:

Im Westen mag Ayurveda als Wellness gelten, als Spa-Ersatz und Diätkonzept. In Indien dagegen ist die traditionelle Medizin fester Bestandteil des Gesundheitswesens.

Doch wirklich geholfen ist damit niemandem. Sengling schildert Pseudo-Therapien, die auf „alten Schriften, direkt von den Göttern überliefert“ basieren, zum Beispiel für die Augen:

Den Grauen Star behandelt der Arzt mit Blutegeln, bei Entzündungen oder geschwächten Sehnerven greift er auf Butterschmalz zurück.

Die wachsende Inanspruchnahme solcher Nonsens-Methoden führt die Stern-Reporterin auf zwei Faktoren zurück:

Zeit und Zuwendung haben Schulmediziner auch in Indien nicht immer zu bieten, Ayurveda-Ärzte schon.

Und:

Ayurveda ist auch deshalb attraktiv, weil es billig ist.

Es gebe im Land „Fünf-Sterne-Krankenhäuser für die Reichen und Mächtigen. Und für die Massen Ayurveda“.

Der „Yoga-Guru“ Baba Ramdev (Wikipedia Commons)

Als einflussreichsten Promoter nennt Sengling einen engen Freund des indischen Premierministers, den milliardenschweren Yoga-Guru und Unternehmer Baba Ramdev – zugleich „einer der prominentesten Stimmen der rechten Hindu-Bewegung“, welche die alte Medizin vereinnahme und radikalisiere:

Inder sollen indisch heilen, glauben Patrioten, zur Not mit Kuh-Urin.

Ramdev hält Homosexualität genauso für „heilbar“ (mit Yoga) wie Hepatitis, Arthritis, Krebs (mit Ayurveda) und Covid-19 (mit einer Quacksalberei namens „Coronil“ von seiner Firma Patanjali).

Mediziner, die evidenzbasiert behandeln, halten die Suche nach indischen Wurzeln für eine Reaktion auf die Kolonialzeit, „als sei alles, was aus dem Westen kam, schlecht“:

Ärzte von Covid-19-Stationen schrieben ihre Botschaft auf ihre Schutzanzüge: „Verhaftet Baba Ramdev“.

Zum Weiterlesen:

  • Der rasante Aufstieg von Ayurveda in Indien, Stern 25/2022 (auch online)
  • GWUP-Thema: Ayurveda
  • „Ayurveda“ bei Psiram
  • SkepKon-Rückblick: Ayurveda mit Blei ist nicht gesund, GWUP-Blog am 7. Juni 2014
  • Homöopathen: Keine Ahnung, aber Corona „heilen“ wollen, GWUP-Blog am 16. Oktober 2020
  • Nein, auch Prinz Charles ist nicht durch Homöopathie von Covid-19 geheilt worden, GWUP-Blog am 5. April 2020
  • Homöopathie gehört nicht in die Hand von Ärzten, die Globuli gegen Covid-19 empfehlen, GWUP-Blog am 27. Februar 2020
  • Indischer Nobelpreisträger kritisiert die Homöopathie, GWUP-Blog am 9. Januar 2016
  • Das AYUSH-Ministerium in Indien, Onkel Michael am 31. Januar 2020
  • Die leeren Versprechen des indischen AYUSH-Ministeriums, Onkel Michael am 30. Januar 2020
  • Der Yoga-Guru Swami Ramdev ist der Kopf eines milliardenschweren Ayurveda-Imperiums. Nun will der Inder einen Weg aus der Pandemie gefunden haben, NZZ am 28. Juli 2021
  • Indisches Ministerium empfiehlt Homöopathie gegen Coronavirus, derStandard am 3. Februar 2020

1. Juli 2022
von Bernd Harder
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Echsenmenschen, flache Erde, Impfungen, Klimakrise: Preis für TikTok-Videos zum Thema Verschwörungstheorien

Für ein TikTok-Projekt zum Thema Verschwörungstheorien ist die Rheinische Post mit einem „Global Media Award“ der International News Media Association (INMA) ausgezeichnet worden.

Die in Düsseldorf erscheinende Tageszeitung belegte den zweiten Platz in der Kategorie „Best Use of Social Media“.

Ausgezeichnet wurden die Kurzvideos zur RP-Serie

Humbug – Rheinische Post widerlegt Verschwörungstheorien auf TikTok

Die zirka 60-sekündigen Clips illustrieren einige Folgen der Artikel- und Podcast-Reihe „Humbug“, die 2020 von Journalistenschülern und -schülerinnen des Blattes gestartet worden war:

Zum Weiterlesen:

  • INMA reveals 60 Global Media Awards first-place winners, Miami Herald takes top prize, INMA News Blog am 9. Juni 2022

1. Juli 2022
von Bernd Harder
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Video: Meinungsvielfalt oder Verschwörungstheorie – Vierte Folge von „Callspiracy“

Die vierte Folge der Call-In-Show „Callspiracy“ ist online:

Mit Verschwörungstheoretikern reden, bringt das was?

Mit dabei ist der Rapper Hendrik Bolz alias Testo.

In der letzten Folge von CALLSPIRACY fragt sich Hendrik Bolz alias Testo (Rapper bei „Zugezogen Maskulin“ und Buchautor von “Nullerjahre”), wo die Grenze liegt zwischen berechtigter Kritik und Verschwörungstheorie.

Tobias Meilicke, der sich auf die Beratung von Angehörigen von Verschwörungsgläubigen spezialisiert hat, und Journalistin Eva Schulz diskutieren mit und fragen sich: Gibt es vielleicht auch eine Grenze der Empathie?

So richtig beantwortet wird die Frage nach der „Grenze zwischen berechtigter Kritik und Verschwörungstheorie“ aber eigentlich nicht. Mehr hat dazu zum Beispiel die AAS zu sagen:

  • Wird ein Weltbild mit klaren Rollen von „gut“ und „böse“ gezeichnet? 
  • Wird die Ursache des Problems personalisiert?  
  • Wird eine einfache Erklärung für eine komplexe Situation angeboten? 
  • Stellt die Kritik grundsätzlich die Frage „Wem nützt es?“ 
  • Wird anerkannt, dass die eigene Informationsquelle fehlerhaft sein könnte? 
  • Geht es um Erkenntnisgewinn oder doch darum, die eigenen Argumente zu bestätigen?
  • Wird durch die Kritik eine offene demokratische Gesellschaft infrage gestellt? 

Zum Weiterlesen:

  • „Haben Verschwörungsgläubige einfach nur Angst?“ – Dritte Folge von Callspiracy, GWUP-Blog am 23. Juni 2022
  • Kontakt abbrechen? Grenzen setzen? Die zweite Folge von „Callspiracy“ jetzt bei Youtube, GWUP-Blog am 15. Juni 2022
  • „Meine Mutter glaubt an Verschwörungserzählungen“: Die Call-in-Sendung CALLSPIRACY viermal bei Youtube, GWUP-Blog am 10. Juni 2022
  • AAS: Kritik oder Verschwörungserzählung?
  • Verschwörungstheorien: Toxischer vs. gesunder Zweifel, GWUP-Blog am 29. April 2019
  • Verschwörungstheorien: Was ist eine legitime wissenschaftliche Position und was ist Nonsens? GWUP-Blog am 2. April 2020
  • Kortizes-Podcast: Michael Butter über echte Verschwörungen und Verschwörungstheorien, GWUP-Blog am 20. April 2020

1. Juli 2022
von Bernd Harder
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„Hirschhausen und Long-Covid“ jetzt in der ARD-Mediathek

Nach den drei Filmen

ist jetzt ein vierter Beitrag erschienen:

Hirschhausen und Long-Covid – die Pandemie der Unbehandelten

Nach meiner letzten Doku über Long-Covid haben mir unfassbar viele Menschen geschrieben. Menschen, die kaum Gehör finden. Für sie mache ich diesen Film.

Es ist ein Film über Ärztinnen und Ärzte, die ihren Patientinnen und Patienten gerne helfen würden, doch denen die Unterstützung fehlt. Über verzweifelte Betroffene, die sich selbst helfen. Über Therapien, die kontrovers diskutiert werden. Und über Ärzte, die Long-Covid immer noch für ein Psycho-Problem halten.

Und es geht auch darum, ob die Politik genug Verantwortung übernimmt.

Außerdem geht es um das Post-Vakzin-Syndrom.

Übrigens gibt es mittlerweile eine Post-COVID/Long-COVID-Leitlinie für Ärzte und Patienten.

Zum Weiterlesen:

  • Corona: Vergessen wir den Wert der Freiheit? Zeit-Online am 30. Juni 2022
  • Hirschhausen beklagt fehlende Unterstützung für Long-Covid-Patienten: „Das darf nicht sein“, stern.de am 30. Juni 2022
  • Covid-19: Jede weitere Reinfektion steigert Risiko von Folgeerkrankungen, mdr am 30. Juni 2022
  • Wie wahrscheinlich ist es, an Long Covid zu erkranken? spektrum am 21. Juni 2022
  • Long Covid: Das Schlupfloch des Virus, spektrum am 8. Juni 2022
  • Wie bedrohlich ist Long COVID? spektrum am 6. Juni 2022
  • Genesen, aber nicht gesund: Long Covid weiter im Fokus, Zeit-Online am 8. Juni 2022
  • Zeit-Podcast: „“Als lägen mehrere Sandsäcke auf mir“ vom 20. April 2022
  • PostVac-Syndrom: Sehr seltene Nebenwirkung der Covid-19-Impfung, ndr am 12. Mai 2022
  • Post-Vac-Syndrom: Geimpft und dann nur noch platt, Zeit-Online am 1. Juli 2022