ein Gastbeitrag von Timm Grams
Argumente zählen, Wahrheiten nicht
Die deutsche Skeptikerbewegung durchlebte in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufruhr. Anfangs sah es nach einer Selbstzerlegung aus. Dann setzte ein Läuterungsprozess ein, in dessen Verlauf es zur Aufspaltung kam. Ich will aufschreiben, warum ich meine, dass dadurch ein tief liegendes Problem der deutschen Skeptikerbewegung gelöst und ein stabiles und starkes Ergebnis erzielt worden ist.
Dogma
Gerhard Vollmer (2003) beschreibt das zentrale Glaubensbekenntnis der Naturalisten und Realisten, nämlich dass »das Objekt unserer Erkenntnis, die Welt, einmalig und eindeutig bestimmt sei« und dass wir diese Welt erkennen können. Ein weiterer Baustein dieser Weltanschauung ist die Korrespondenztheorie: Eine Aussage ist wahr, wenn die Welt so ist, wie die Aussage behauptet.
Der Naturalismus, insbesondere der Realismus, und der Glaube daran, die Wahrheit erkennen zu können, bildeten bis in jüngste Zeit die Basis der Skeptikerbewegung, die in Deutschland seit 1987 als GWUP firmiert.
Die Fragwürdigkeit dieser zu Überheblichkeit verleitenden Wahrheitsansprüche wurde immer wieder angemerkt, unter anderem im Aufsatz »Das fünfte Welträtsel: Bewusstsein« und in der dadurch provozierten Diskussionslawine (Scilogs 2021).
Hans Albert (1991) hat anhand des Münchhausen-Trilemmas erklärt, was unter einem Dogma zu verstehen ist. Der Realismus ist eine nicht zur hinterfragende Begründung und wird so zum Dogma. Daraus folgt ein innerer Widerspruch der Skeptikerbewegung: Der Skeptiker folgt einem Dogma, das er aus prinzipiellen Gründen ablehnen muss.
Vorsichtige Philosophen sprechen nicht von Wahrheit, sondern von relativer Wahrheitsnähe und nennen die Annäherung an die Wahrheit ein »regulatives Prinzip« (Karl Popper) oder gar nur eine »regulative Idee« (Hans Albert). Für mich ist das Dogmatismus light. Er ermöglicht den Naturalisten/Realisten, von Wahrheiten zu sprechen, ohne einen Nachweis erbringen zu müssen.
Ein weiterer Mangel der bisherigen Skeptikerbewegung war der Anspruch auf universelle Geltung ihrer Grundsätze. Sie wurden über die Naturwissenschaften hinaus ausgedehnt. Ihre Wahrheiten sollten auch für Gesellschaftswissenschaften, also Volkswirtschaftslehre und Soziologie, für Psychologie und sogar die Religion bestimmend sein.
Dieser Universalitätsanspruch der GWUP musste scheitern. Darum geht es mir jetzt.
Der Konflikt
Erste Anzeichen eines inneren Konfliks der Skeptikerbewegung war für mich Martin Mahners Buchbesprechung »Zynische Theorien« von 2021. Martin Mahner verweist darin auf gute Argumente gegen die Critical Theories, aber auch auf ein paar schwache.
»Radikaler Skeptizismus hinsichtlich objektiven Wissens oder objektiver Wahrheit sowie ein Bekenntnis zum kulturellen Konstruktivismus« ist für ihn der grundsätzliche Mangel der Kritischen Theorie.
So denkt der Naturwissenschaftler. Wenn wir sehen wollen, ob dieses Denken universell ist, müssen wir uns Denkstil und Denkrahmen des Naturwissenschaftlers noch etwas genauer anschauen.
Lassen wir das widerspruchsvolle Konzept des Realismus einmal beiseite. Auch ohne dieses können wir sagen, was wir unter Naturwissenschaft verstehen wollen.
In der Naturwissenschaft geht es um Gesetzmäßigkeiten, die immer und überall gültig sind. Die Reichweite dieses Postulats definiert die »Welt« des Naturwissenschaftlers.
Absicht der Naturwissenschaften ist es, Gesetze zu finden, die zu den Beobachtungen passen. Wissensfortschritt entsteht dadurch, dass besser passende Gesetze die schwächeren widerlegen und ersetzen. Das ist der Kerngedanke von Karl Raimund Poppers Logik der Forschung.
Wenn wir die Welt durch unsere Beobachtungen definieren und nicht die Beobachtungen durch die fiktive Welt erklären, verliert der Begriff der »Wahrheit« den Sinn. Das macht aber nichts. Denn: Der Wissenschaftler strebt nach Erkenntnis, nicht nach Wahrheit. In der Wissenschaft regiert der Relativismus; er kommt darin zum Ausdruck, dass unter konkurrierenden Theorien immer die besser bestätigte gewinnt (Grams 2022).
Der zu den Naturwissenschaften passende Menschenrechtsbegriff ist Freiheit: Hypothesenbildung muss einschränkungslos möglich sein, erst bei der Prüfung auf Passgenauigkeit geht es streng zu.
Wir werden sehen, dass der Universalitätsanspruch den Gesellschaftswissenschaften nicht angemessen ist.
Ich habe mir sagen lassen, dass der Kulturkampf erst mit Erscheinen des Artikels über Applied Behavioral Analysis (ABA) voll ausgebrochen sei (skeptiker 4/2022). In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass nicht nur das Gesellschaftliche, sondern auch das rein Menschliche dem naturwissenschaftlichen Denken kaum zugänglich ist. Das zeigte auch die Diskussion über »Das fünfte Welträtsel: Bewusstsein« (Scilogs 2021).
Die Spannungen im Verein fanden Ausdruck in zwei Briefen: Erstens im Austrittsschreiben von Florian Aigner, er klagt: »Innerhalb der GWUP gab es die Forderung, den gesamten Bereich der »Critical Studies« (ein weites Feld, von Gender-Studies bis hin zu Critical Race Theory) als Pseudowissenschaft zu deklarieren und den Einsatz dagegen als Teil der Vereinsarbeit zu sehen«.
Aigner findet »aber nicht, dass ein Verein wie die GWUP der richtige Ort dafür ist. In der Skeptikerbewegung geht es um Rationalität und Aufklärung, um Fragen, die man mit naturwissenschaftlichen Methoden klar beantworten kann.«
Ulrich Berger hält dagegen (10. April 2024 ): »Nein, es ging niemals nur um solche Fragen. Das wäre eine radikale, willkürliche und unnötige Einschränkung. Vor 15 Jahren schon gab es z.B. im skeptiker eine Diskussion darüber, ob die Volkswirtschaftslehre eine Pseudowissenschaft sei.«
Den hochinteressanten Disput zwischen Ulrich Berger und Mario Bunge finden wir im skeptiker 2/2009.
Beschreiben oder gestalten
Natur- und Gesellschaftswissenschaften zanken sich schon lange. Ein Höhepunkt in jüngerer Zeit war der Positivismusstreit in den 60er Jahren.
Bereits in den 30er Jahren hatten Karl Popper und Max Horkheimer die konträren Sichtweisen und Denkrahmen in den maßgebenden Schriften niedergelegt. Poppers Logik der Forschung von 1934 legt den Kern der Naturwissenschaften bloß – später nennt er seine Lehre kritischer Rationalismus. Max Horkheimer widmet sein Werk von 1937 den Triebkräften der Gesellschaft, der Kritischen Theorie.
Beide Sichtweisen sollte kennen, wer Putsch und Befriedung der GWUP in den Jahren 2023 bis 2025 verstehen will.
Was unterscheidet die Welt der Gesellschaftswissenschaften so grundsätzlich von derjenigen der Naturwissenschaften? Erstere ist wesentlich konstant: Gesetze gelten immer und überall. Die Welt des Gesellschaftswissenschaftlers ist in ständigem Wandel und der Wissenschaftler selbst ist Akteur. Der Naturwissenschaftler beschreibt seine Welt, der Gesellschaftswissenschaftler will seine, nämlich die Gesellschaft, besser machen. Lassen wir Max Horkheimer selbst zu Wort kommen: »Die kritische Theorie hat … keine spezifische Instanz für sich als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts. Diese negative Formulierung ist … der materialistische Inhalt des idealistischen Begriffs der Vernunft.« (Horkheimer, 1937, 2020)
Die Kritische Theorie dient der Gestaltung der Praxis und verweist, so Horkheimer weiter, »auf geschichtliche Veränderung, die Herstellung eines gerechten Zustands unter den Menschen.«
Leitgedanken
Was sind die Triebkräfte, die übergeordneten Leitgedanken der Wissenschaft? Bei den Naturwissenschaften haben wir die Freiheit ausgemacht, ohne die es nicht geht.
Ein Leitgedanke der Gesellschaftswissenschaften ist Gleichheit, oder besser noch: Gerechtigkeit. Damit sagen die Gesellschaftswissenschaftler, was sie sich unter einer besseren Welt vorstellen. Wissenschaft wird so zu einer wertbasierten Veranstaltung.
Für den Naturwissenschaftler ist so etwas ein Graus. Für ihn ist die Wertfreiheit der Wissenschaft ein hohes Gut.
Da die Kritische Theorie, anders als der kritische Rationalismus, nicht auf die Entdeckung von überall und ewig Vorhandenem aus ist, sondern auf Gestaltung, Reformationen oder gar Revolution der Gesellschaft, sind an sie ganz andere Maßstäbe anzulegen als an die Naturwissenschaften.
Natur- und Gesellschaftswissenschaft haben jede für sich ein Existenzrecht. Sie haben jeweils eigene Kulturen. So gesehen war es nahezu zwangsläufig, dass sich die Skeptikerbewegung, die Ulrich Berger zutreffend beschreibt, zerlegt hat.
Die Aufspaltung der Skeptikerbewegung in Deutschland kündigte sich im Podcast vom 5.12.2023 an, in dem Sebastian Bartoschek mit drei weiteren GWUP-Mitgliedern, die sich selbst als Wokies bezeichnen, über die Wokeness-Bestrebungen im Verein sprach. Angesprochen wurde, dass es Themen gebe, die nicht in die GWUP gehörten und die Frage ob es Wissenschaft ist oder nicht, schwer zu beantworten sei. Das gelte beispielsweise für manche Critical Studies. Die drei bildeten später zusammen mit anderen den neuen Skeptiker-Verein Skeptix.
Mitte November 2024 wurde die Gründung des Vereins bekanntgegeben. Darin finden sich, soweit ich sehen kann, diejenigen wieder, die mit Wokeness und Kritischer Theorie keine Probleme haben und die gewisse Themen der Kritik des Naturwissenschaftlers entziehen wollen.
Unschärfe
Wissenschaft findet nicht in einem wertfreien Raum statt. Der Forscher ist hoffentlich ein guter Mensch mit hohen ethischen Werten.
Zum Wertfreiheitspostular sagt Hans Albert Folgendes (1968/1991, S. 75): »Würde man es als normatives Prinzip formulieren und ihm gleichzeitig unbeschränkte Geltung zusprechen, so müsste es unter sein eigenes Verdikt fallen und daher zu einem Selbstwiderspruch führen.«
Damit bin ich einverstanden und dennoch neige ich dazu, das Wertfreiheitspostulat für die Naturwissenschaften in Anspruch zu nehmen. Dies nehme ich zum Anlass für einen kleinen Exkurs über die Wahrheitsansprüche von Diskussionsbeiträgen, auch meinen.
Für die Kommunikation brauchen wir Klassifizierungen. Diese beruhen auf Analogien und diese sind gemeinhin unscharf. Bei etwas gutem Willen verstehen wir uns trotzdem ziemlich gut. Dabei hilft, dass wir Widersprüche nicht immer allzu ernst nehmen, jedenfalls dann nicht, wenn wir das Feld der Mathematik und der Naturwissenschaften verlassen haben.
Ich bringe ein Beispiel aus der Denkwelt des Skeptikers. Der Realismus beruht auf der metaphysischen Annahme, dass es nur eine Welt gibt, dass diese unerschaffen ist und von Gesetzmäßigkeiten regiert wird. Diese Welt – die Realität – ist »in ihrer Existenz und ihren Eigenschaften unabhängig von unserem Bewusstsein«, meint Gerhard Vollmer (Scilogs, 2021). So etwas geht dem naturwissenschaftlich Gebildeten runter wie Öl, es scheint vernünftig zu sein. Aber es ist paradox: Das Bewusstsein soll von der Welt unabhängig sein und gleichzeitig Bestandteil der einen Welt?
Mich beschleicht das Gefühl, dass wir bei tiefliegenden Fragen mit paradoxen Antworten rechnen müssen. Ich bediene mich beim Hegel-Mediator Karl Raimund Popper (1958/1980, S. 50): »Der Irrtum Kants bestand [aus Hegels Sicht] nur darin, daß ihn die Antinomien beunruhigten. Es liegt eben in der Natur der Vernunft, dass sie sich widersprechen muss.«
Als ich daran ging, eine Klassifizierung der Denkfallen zu erstellen, war es immer eine Quelle des Unbehagens, dass die Begriffe nicht so trennscharf sind, wie ich es aus der technischen Welt gewohnt war. Der Dunning-Kruger-Effekt ist eine solche Denkfalle: »Inkompetente Leute sind stolz auf Fähigkeiten, die sie gar nicht haben.« Der Effekt ist bei Weitem nicht so deutlich, wie der Skeptiker das gerne unterstellt. Für die Entdecker dieses Effekts gab es den Ig-Nobelpreis 2000.
Zusammengefasst: Die Entscheidung wahr oder falsch ist oft zu viel verlangt. Argumente zählen.
Kritische Binnensicht
Unbeantwortet ist die Frage, was die aktuell diskutierten Critical Studies mit der Kritischen Theorie der 30er und der 60er Jahre zu tun haben. Vermutlich gibt es eine ideengeschichtliche Verbindung, aber das spielt hier keine Rolle. Relevant ist die innere Verwandtschaft von CS und KT.
Das Gemeinsame ist, dass der Forscher nicht von außen auf das Objekt seines Interesses schaut. Er hat die Binnensicht. Das stellt den Forscher vor besondere Schwierigkeiten. Er muss zu dem was er sieht, erlebt und was er gewohnt ist eine kritische Distanz aufbauen.
Robin DiAngelo beschreibt in ihrem Buch »White Fragility«(2018), das sich den CS zuordnen lässt, durchweg eigene Befindlichkeiten und die anderer. Die Binnensicht ist unvermeidbar, denn die Rassismusforscher leben in der durch Rassismus geprägten Welt und manche sind selbst weiß und privilegiert. DiAngelo schreibt auf Seite 9: »We make sense of perceptions and experiences through our particular cultural lens. This lens is neither universal nor objective, and without it, a person could not function in any human society.«
Auch der Kapitalismuskritiker hat die Binnensicht. Sein Leben und Denken ist durch den Kapitalismus geprägt. Theodor W. Adorno schreibt in »Soziologie und empirische Forschung« (1957, 1969): Theorie »muss die Begriffe, die sie gleichsam von außen mitbringt, umsetzen in jene, welche die Sache von sich selber hat, in das, was die Sache von sich aus sein möchte, und es konfrontieren mit dem, was sie ist.«
Bei der KT geht es um die Verfasstheit des gesellschaftlichen Ganzen, um Machtgefüge und Klassen, und um die inneren Widersprüche.
Anders liegt die Sache bei der Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal«: Die Forscher kamen von außen und sie haben die Binnensicht bewusst angestrebt. Zentrales Element soziologischer Studien ist die Befragung der Mitglieder einer untersuchten Gruppe zur Erfassung subjektiver Einstellungen, Meinungen oder Einschätzungen (Beispiel: Likert-Skala). Bekannte Beispiele sind die Gallup Polls. In der Marienthal-Studie lieferten teilnehmende Beobachtung und Befragungen die empirische Basis. Die Studie gilt als beispielhaft und mustergültig.
In den Naturwissenschaften gibt es so etwas nicht: Pendel und Moleküle werden nicht zu ihren Befindlichkeiten befragt.
Zwei Fragen noch
Zwei Fragen aus einer GWUP-internen Diskussion: Die Forschungsarbeit einer Meeresbiologin ist »prüfbar, widerlegbar, kritisierbar und deskriptiv. Warum sollte dies bei Gesellschaftswissenschaften anders sein, wenn sie sich als Wissenschaften verstehen? Gehört es zur Redlichkeit von gesellschaftswissenschaftlicher Forschung, dass sie „der Gerechtigkeit“ dient?«
Meine Antwort: Kritisierbar ist jede Feststellung und »deskriptiv« bietet auch nichts Differenzierendes. Redlichkeit sollte man von jedermann, also auch von jedem Forscher, erwarten dürfen.
Die Attribute »prüfbar« und »widerlegbar« jedoch machen erhebliche Unterschiede offensichtlich. Die Wiederholbarkeit eines Experiments, die Reproduzierbarkeit, ist in den Naturwissenschaften Standard, die zu prüfenden Gesetze gelten voraussetzungsgemäß immer und überall.
Man könnte sagen, dass auch die soziologische Marienthal-Studie ein allgemeines Gesetz offenbart hat, nämlich dass Arbeitslosigkeit nicht die Lust auf Revolution steigert, sondern zu Resignation und Apathie führt. Diese Verallgemeinerung ist jedoch unzulässig, denn die Beobachtungen hängen von nicht reproduzierbaren Umständen ab. Eigentlich wurde nur gezeigt, dass Arbeitslosigkeit nicht immer und überall die Lust auf Revolution steigert.
Spielfeld ist die Kritische Theorie. Sie will aussondern, was nicht funktioniert. Dafür passt der Begriff Negativismus. Gegenpol ist der kritische Rationalismus Poppers, der dem Positivismus zuzuordnen ist (nicht im Sinne des Wiener Kreises!).
Positivismus hier, Negativismus dort: das macht den Unterschied aus zwischen den verschiedenen Denkweisen von Naturwissenschaft einerseits und Gesellschaftswissenschaften andererseits.
Nun zur zweiten Frage. Soweit ich die Schriften von Adorno und Horkheimer verstanden habe, ist es tatsächlich ein Auftrag »gesellschaftswissenschaftlicher Forschung, dass sie „der Gerechtigkeit“ dient«.
Skepsis in weiten Grenzen
Der kritische Rationalismus, und die Kritische Theorie stehen nicht in Feindschaft zueinander. Es sind verschiedene Denkrahmen für unterschiedliche Denkzwecke.
Die Aufspaltung der Skeptikerbewegung hat etwas Gutes. Die unterschiedlichen Denkrahmen und Denkstile weiten das Feld.
Die Blickfelderweiterung kann gelingen, wenn in der Kommunikation zwischen den Gruppierungen gilt: Das bessere Argument möge gewinnen. Gruppenmeinungen und Wahrheitsansprüche stehen dem entgegen, denn sie führen nur zu endlosen und zirkulären Debatten.
Die GWUP strebt, soweit ich sehe kann, genau diese Blickfelderweiterung an. Ihr Vorsitzender André Sebastiani und Nikil Mukerji vom Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken setzen den Ton und berichten von der Beschlusslage: »Freie Debatte statt Vereinsmeinung« (hpd 17.10.2025).
Offenheit und den respektvollen Dialog über Meinungsverschiedenheiten benennen sie als Grundwerte. Es gehe darum, »Argumente auszutauschen – untereinander und mit der Öffentlichkeit«. Das geschehe »herzlich im Ton, aber unnachgiebig, wenn unsere Argumente nicht widerlegt werden«. Jedes Mitglied sei nur für eigene Äußerungen verantwortlich.
Das Individuum wird über die Gruppe gestellt. Schon seit langem sage ich es so: Der Skeptiker ist kein Rudeltier.
Diese programmatische Ausrichtung der GWUP hat Vorbilder in der Antike und in der Neuzeit: Moses Maimonides (1183-1204) und René Descartes (1596-1650).
Zentral für die skeptische Methode des Moses Maimonides ist die Toleranz. Maimonides zitiert Aristoteles (Buch 2, Kapitel 15): »Es zeichnet denjenigen aus, der gemäß der Wahrheit entscheidet, dass er seinen Gegnern gegenüber keineswegs feindlich gesonnen ist, sondern ihnen freundlich und gerecht begegnet, und sie so wie sich selbst behandelt, und zwar gemäß der Richtigkeit der Begründung; des Weiteren, dass er ihnen gleichermaßen zugesteht, dass ihre Begründungen ebenso richtig sein können wie die eigenen.«
In Buch 2, Kapitel 23 seines Wegweisers für die Verwirrten schreibt er über abgewogene Zweifel: »Du sollst wissen, dass wenn du die Zweifel, die mit einer gewissen Ansicht notwendig verbunden sind, mit denjenigen vergleichst, die mit der entgegengesetzten Ansicht verbunden sind, und du dich entscheiden willst, welche von beiden weniger Zweifel hervorruft, dann solltest du weniger die Anzahl der Zweifel in Erwägung ziehen als vielmehr die Tatsache, wie gewaltig ihre Absurdität ist und inwieweit die Realität ihr widerspricht. Denn manchmal kann ein einzelner Zweifel gewaltiger sein als tausend andere Zweifel.«
Klüger irren
Mehr zum Thema Skeptizismus in unserer Zeit: Mein Buch »Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System«, zweite Auflage, 2020.
Literaturhinweise
Adorno, T. W.; Albert, H.; Dahrendorf, R.; Habermas, J.; Pilot, H.; Popper, K. R.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. (1969, 1989)
Aigner, Florian: Die GWUP: Zwischen Wissenschaft und Ideologie. April 2024
[https://florianaigner.at/gwup.htm]
Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, 1991
Bartoschek, Sebastian: Wieder GWUP: Wie man den Wokies das Feld überlässt. Podcast, 2023
[https://youtu.be/L-tWKV0VKJs?si=W60rreKcZzW7RetX]
Berger, Ulrich: GWUP zwischen Wissenschaft und Ideologie? Ein offener Brief. scienceblogs 10.4.2024
[https://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2024/04/10/gwup-zwischen-wissenschaft-und-ideologie-ein-offener-brief/]
Descartes, René: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs. Reclam 1961/1963
DiAngelo, Robin: White Fragility. 2018
Grams, Timm: Realist oder Wahrheitssucher. Homepage HS Fulda. 25. Juli 2022
[https://www.hs-fulda.de/fileadmin/user_upload/FB_ET/Beschaeftigte/Ehemaligen/Grams/ZeitenwendeHoppla_.PDF]
GWUP: Freie Debatte statt Vereinsmeinung. hpd 17.10.2025
[https://hpd.de/artikel/freie-debatte-statt-vereinsmeinung-23481]
Horkheimer, Max: Traditionelle und kritische Theorie. 1937/2020
Mahner, Martin: »Zynische Theorien« Wie Identitätsideologie die Geistes- und Sozialwissenschaften beschädigt. skeptiker 1/2021, S. 18-24
[https://blog.gwup.net/2022/09/05/gastbeitrag-zynische-theorien-wie-identitaetsideologie-die-geistes-und-sozialwissenschaften-beschaedigt/]
Maimonides, Moses: Wegweiser für die Verwirrten. Eine Textauswahl zur Schöpfungsfrage mit einer Einleitung von Frederek Musall und Yossef Schwartz. Herder, Freiburg 2009
Popper, Karl Raimund: Logik der Forschung. 1934/1982
Popper, Karl Raimund: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2, 1958/1980
Scilogs 2021: Das fünfte Welträtsel: Bewusstsein.
[https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/das-fuenfte-weltraetsel-bewusstsein/]
Vollmer, Gerhard: Wieso können wir die Welt erkennen? 2003
Vyse, Stuart: Applied Behavior Analysis (ABA): Eine missbräuchliche Praktik? Skeptiker 4/2022, S. 158-162
Wolff, Maurice: Einleitung zu »Acht Kapitel – Eine Abhandlung zur jüdischen Ethik und Gotteserkenntnis« von Moses Maimonides. 1992
Peng!