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Gastbeitrag: Zynische Theorien – Wie Identitätsideologie die Geistes- und Sozialwissenschaften beschädigt

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ergab sich eine Diskussion, die sich unter anderem um das Buch „Zynische Theorien“ dreht. Dazu gab es im Skeptiker 1/2021 einen Forums-Beitrag (keine eigentliche Rezension) von Dr. Martin Mahner, den wir hier in leicht überarbeiteter Form zur Diskussion stellen. Die Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Ausgabe, ebenso die Zitate (Übersetzung vom Autor).

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„Zynische Theorien“ – Wie Identitätsideologie die Geistes- und Sozialwissenschaften beschädigt

Von Dr. Martin Mahner

In ihrem Buch „Cynical Theories: How Activist Scholarship Made Everything about Race, Gender, and Identity – and Why This Harms Everybody“ (deutsche Ausgabe: „Zynische Theorien: Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt – und warum das niemandem nützt“) legen Helen Pluckrose und James Lindsay eine ausführliche Analyse der theoretischen Hintergründe der in bestimmten Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften vorherrschenden Identitätsideologie vor.

Letztere erweist sich dabei als eine antiwissenschaftliche und antiaufklärerische Strömung, die nicht nur die Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt von innen heraus beschädigt und in Verruf bringt, sondern auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes hat.

Grund also, einen ausführlicheren Blick auf das Buch zu werfen, wobei wissenschaftsphilosophische Aspekte im Vordergrund stehen. Eine Analyse aus politikwissenschaftlicher Sicht von Armin Pfahl-Traughber ist hier zu finden.

Anmerkung: Dieser Beitrag versteht sich nicht als herkömmliche Buchrezension, sondern als Bericht über die theoretische Analyse der Autor*innen. Er ist erstmals erschienen im Skeptiker 1/2021.

Sozialwissenschaften sehen sich seit mehr als 30 Jahren immer wieder theoretischer, methodischer und (wissenschafts-)philosophischer Kritik ausgesetzt (Anmerkung 1). Ein bekanntes Buch dürfte „Eleganter Unsinn“ von Alan Sokal und Jean Bricmont sein, das 1999 ein kritisches Licht auf bestimmte Fehlentwicklungen geworfen hat. Eine gewisse Bekanntheit hat auch die sogenannte Grievance Studies-Affäre erlangt, die 2017-2018 von Pluckrose und Lindsay (im Folgenden: P&L) zusammen mit dem Philosophen Peter Boghossian lanciert wurde (2).

Postmodernismus & Co.

In ihrer ideengeschichtlichen Betrachtung dieser Strömung unterscheiden P&L drei große Phasen (S. 207):

Die erste Phase begann um 1965 mit dem klassischen Postmodernismus, vertreten etwa von den französischen Philosophen Michel Foucault und Jacques Derrida, und endete um 1990.

Danach machen P&L eine Phase des angewandten Postmodernismus aus (ca. 1990 – 2010), weil einige der vorher rein theoretisch gehaltenen Ideen auf konkrete akademische Gebiete angewandt wurden. Dazu zählen die postkoloniale Theorie (postcolonial theory), die Queer Theory (Theorie über geschlechtliche Identitäten, die auch im Deutschen mit dem englischen Namen bezeichnet wird), die Kritische Rassentheorie (critical race theory), diverse Ansätze im Bereich des Feminismus, die Genderwissenschaften sowie die disability studies und fat studies (auch hier gibt es keine guten deutschen Bezeichnungen), d.h. Bereiche, die sich mit dem sozialen Status bzw. mit der Diskriminierung behinderter und übergewichtiger Menschen beschäftigen.

Die dritte, ca. 2010 beginnende Phase zeichne sich schließlich dadurch aus, dass die eigenen Ideen den Status unbezweifelbarer Wahrheiten erlangt hätten und entsprechend rigoros vertreten und angewandt würden. Damit sei auch der explizite Wunsch verbunden, möglichst viele andere Bereiche mit der eigenen Ideologie zu „infizieren‟ (S. 208).

Sie nennen dies reifizierten – d.h. vergegenständlichten – Postmodernismus.

Thesen der Identitätsideologie

Um welche Ideen geht es hierbei? P&L destillieren zwei Prinzipien und vier Hauptthemen heraus, die der Übersichtlichkeit halber im folgenden Kasten zusammengefasst sind:

(Zu „Das Verwischen von Grenzen“ siehe Anmerkung 3, zu „Kultureller Relativismus“ Anmerkung 4)

Damit kann man besser verstehen, was P&L mit „reifiziertem Postmodernismus‟ meinen. So schreiben sie (S. 182):

Die Reifizierung der beiden postmodernen Prinzipien bedeutet, dass der ursprüngliche postmoderne radikale Skeptizismus, wonach keine Erkenntnis verlässlich sein kann, mehr und mehr in die vollständige Überzeugung transformiert wurde, dass Wissen im Dienste von Macht konstruiert wird, welche wiederum auf Identität beruht, und dass dies durch die sorgfältige Analyse unseres Sprachgebrauchs aufgedeckt werden kann. (5)

Die Identitätsideologie sehe die ganze Gesellschaft immer und überall von Patriarchat, weißer Überlegenheit, Imperialismus, Heteronormativität, Ableismus (engl. able = befähigt; die Beurteilung von Menschen nach ihren körperlichen Fähigkeiten, in der Regel zum Nachteil von Behinderten) u.v.m. strukturiert. Und aus diesen Strukturen gibt es kein Entrinnen, denn sie bestehen weiter, selbst wenn sich darin kein Mensch mehr findet, der rassistische, sexistische oder andere üble Thesen vertritt.

In dem Sinne bleibt auch der liberalste und ethisch fortschrittlichste Weiße immer ein Rassist und der feministischste Mann ein Sexist. Schließlich ist man dieser identitären Erbsündenlehre zufolge immer noch privilegierter Teil eines strukturell rassistisch und sexistisch organisierten gesellschaftlichen Systems (6).

In ihrem Buch analysieren P&L die oben im Kontext der zweiten Entwicklungsphase genannten Theorien bzw. Forschungsgebiete systematisch und zeigen jeweils auf, wo die genannten Prinzipien und Themen zum Tragen kommen und welchen Folgen dies mit sich bringt.

Schauen wir uns einige Beispiele an:

Zunächst führt die These der systemimmanenten Privilegierung von weißen Westlern zur Forderung, anderen Gruppen (Identitäten) gegenüber „Gerechtigkeit‟ widerfahren zu lassen. Diese Gerechtigkeit bestehe vor allem darin, allen anderen Gruppen Vorrang zu gewähren. In der Tat verstehen sich die Vertreter der Identitätsideologie als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, welche jedoch, wie P&L ausführen, nur wenig mit dem zu tun habe, was man herkömmlicherweise darunter versteht (7).

Dadurch wird jedoch evidenzbasierte Forschung durch moralisch-politischen Aktivismus ersetzt. Wenig überraschend gilt Forschung vielen als etwas, das selbst eine Form der Unterdrückung darstellt und mit dem man andere Identitäten keinesfalls belästigen sollte. P&L zitieren dazu die neuseeländische Professorin für „Indigene Bildung‟, Linda Tuhiwai Smith, die schreibt (S. 83):

Aus der Sicht der Kolonisierten … ist das Wort ‚Forschung‛ untrennbar mit dem europäischen Imperialismus und Kolonialismus verbunden. Das Wort selbst, ‚Forschung‛, ist wahrscheinlich eines der schmutzigsten Wörter im Vokabular der indigenen Welt.

Nicht zu Unrecht fragen P&L, wie die Verdammung wissenschaftlicher Forschung indigenen Menschen helfen soll, mit den Herausforderungen der Welt zurechtzukommen

Forschungsgerechtigkeit

Wenden wir uns nun einigen der vorher genannten Bemühungen um „Soziale Gerechtigkeit‟ zu.

Wichtige Begriffe des identitätsideologischen Diskurses sind dabei der der Forschungsgerechtigkeit (research justice) oder der Erkenntnis- bzw. Wissensgerechtigkeit (epistemic justice) sowie deren Gegenstück, die epistemische Ungerechtigkeit.

Was heißt das?

Forschungsgerechtigkeit folgt der Überzeugung, dass Wissenschaft, Vernunft, Empirismus, Objektivität, Universalität … als Erkenntnismethoden überbewertet, während Gefühl, Erfahrung, traditionelle Erzählungen und Sitten sowie spirituelle Überzeugungen unterbewertet sind. Deshalb würde ein vollständigeres und  gerechteres System der Erkenntnisgewinnung letztere mindestens genauso schätzen wie erstere – eigentlich sogar mehr wegen der langen Herrschaft von Wissenschaft und Vernunft im Westen‟ (S. 82).

Forschungsgerechtigkeit geht oft einher mit der absichtlichen Vermeidung des Zitierens von weißen, männlichen und westlichen Gelehrten zugunsten von Personen mit irgendeinem … marginalisierten Status (S. 187).

Wissensgerechtigkeit bedeutet also das Zurückdrängen dominanten Wissens zugunsten des Wissens marginalisierter Gruppen.

Jede Ablehnung oder Geringschätzung des Wissens Marginalisierter ist daher mit einem Akt epistemischer Gewalt (epistemic violence) bzw. Wissensunterdrückung (epistemic oppression) gleichzusetzen.

Lehnen westliche Skeptiker demnach Theorien und Praktiken anderer Kulturen wie Ayurveda, Traditionelle Chinesische Medizin oder Feng Shui als untauglich, als Pseudomedizin oder als Formen von Aberglauben ab, machen sie sich nicht nur epistemischer Ungerechtigkeit schuldig, sondern begehen sogar Akte  epistemischer Gewalt und Unterdrückung.

Umgekehrt kann es als Wissensausbeutung (epistemic exploitation) gelten, wenn man von marginalisierten Gruppen verlangt, ihr Wissen mit anderen, vor allem dominanten Wissenden, zu teilen.

Die ungefragte Nutzung fremdkultureller Ideen, etwa wenn westliche Esoteriker und Alternativmediziner die eben genannten Praktiken importieren, müsste daher als „kulturelle Aneignung‟ (cultural appropriation) gelten. (8)

Offenkundig ist man wieder in einer Schleife gefangen, aus der es kein Entrinnen gibt:

So ist es ein Akt der Unterdrückung, wenn man keinen Versuch unternimmt, eine marginalisierte Wissende auf ihre Weise zu verstehen, und es ist ein Akt der Ausbeutung (lies: Unterdrückung), eine marginalisierte Wissende zu bitten, ihr Wissen auf ihre Weise zu erläutern.‟ (S. 190, Hervorhebung im Original).

Dominante Wissende können also nur alles falsch machen.

Einen ähnlichen Zirkel bilden die Begriffe des hermeneutischen Todes und der hermeneutischen Privatheit. Jemanden nicht zu verstehen, wird als Zerstörung des Selbstgefühls der anderen Person betrachtet, während man zugleich das Recht verteidigt, unverständlich sein zu dürfen. (9)

Dem Gedanken der Forschungsgerechtigkeit entsprechend gibt es beispielsweise in den Erziehungswissenschaften bereits vielfältige Bestrebungen zur „Indigenisierung‟ (10) des Wissens. Die Situation in Neuseeland, wo es Bemühungen gibt, traditionelles Maori-Wissen wissenschaftlicher Erkenntnis gleichzustellen, beschreiben Corballis et al. (2019).

Problematisch ist dabei die Nichtunterscheidung von möglicherweise korrektem und wertvollem Erfahrungswissen, etwa über Flora und Fauna, und mythologischen oder abergläubischen Vorstellungen. Diese Bemühungen machen auch nicht vor Technologie und Mathematik halt: Auch dort sollen die verfehlten westlichen Ideale von Wahrheit und Objektivität zurückgedrängt werden zugunsten alternativer indigener Sichtweisen (P&L, S. 219), die somit den Status „echter‟ alternativer Fakten einnehmen.

Ein Grund dafür lautet etwa, dass einige Kulturen in Mathematiktests schlechter abschneiden als andere – eine Diskriminierung, die man durch eine alternative Mathematik vermeiden kann

Intersektionalität

Diskriminierung kann nicht nur anhand eines, sondern auch mehrerer Merkmale erfolgen. So kann eine Person nicht nur aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden, sondern zugleich aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung, ihrer Leibesfülle usw. Die identitätsideologische Forschung berücksichtigt solche Schnittmengenbildungen, in der Fachsprache Intersektionalität genannt (S. 127f).

Mathematisch gesehen kann eine Schnittmenge auch nur ein einziges Individuum enthalten. Intersektionalität handelt aber genau nicht von Individuen, sondern immer noch von Gruppenidentitäten:

Selbst wenn eine Person eine einzigartige Mischung marginalisierter Identitäten wäre, also intersektional ein einzigartiges Individuum, würde sie durch jede einzelne und alle dieser Gruppenidentitäten verstanden. […] Sie würde nicht als Individuum betrachtet‟ (S. 127f).

Durch Intersektionalität erhöht sich die Zahl möglicher marginalisierter Gruppen erheblich. Dadurch können sich deutlich mehr Personen durch sprachliche Äußerungen diskriminiert fühlen, wodurch sich die Notwendigkeit zur antidiskriminierenden Sprachregulierung noch verschärft.

P&L weisen darauf hin, dass im ganzen Intersektionalitätskatalog eine Kategorie kaum behandelt werde: die der ökonomischen Klasse (S. 185). Während der frühere Fokus marxistisch orientierter Forscher einseitig auf den ökonomischen Status beschränkt gewesen sei, übersähen die neuen Identitätsideologen, dass es auch innerhalb einer dominanter Gesellschaftsgruppe ökonomisch benachteiligte Untergruppen gebe, die eben keineswegs privilegiert seien und sich auch nicht durch die „bourgeoisen‟ Identitätspolitiker vertreten fühlten, die oft der gutsituierten oberen Mittelschicht entstammten.

P&L widersprechen zudem der Vorstellung, Intersektionalität impliziere, es handele sich dabei um einen äußerst komplexen Forschungszweig. Im Gegenteil:

Nichts könnte einfacher sein. [Der Intersektionalitätsansatz] tut immer und immer wieder dasselbe: Ausschau halten nach Machtungleichgewichten, Bigotterie und Voreingenommenheit, deren Vorhandensein er unterstellt, und darauf herumhacken.

Er reduziert alles auf eine einzige Variable, ein einziges Konversationsthema, einen einzigen Brennpunkt und eine einzige Interpretation: Vorurteil verstanden im Sinne der von der [postmodernen] Theorie behaupteten Machtdynamik.‟ (S. 128; Hervorhebung im Original).

Wir haben es also mit einem monokausalen Erklärungsansatz zu tun.

Standpunkttheorie

Ein weiteres identitätsideologisches Konzept ist die Standpunkttheorie.

Dieser zufolge

… nehmen die Mitglieder dominierender Gruppen eine Welt wahr, die von und für dominante Gruppen organisiert ist, während die Mitglieder unterdrückter Gruppen die Welt als Mitglieder unterdrückter Gruppen erfahren, die von und für dominante Gruppen organisiert ist.

Dadurch verstehen die Mitglieder unterdrückter Gruppen die dominante Perspektive und die Perspektive der Unterdrückten, während die Vertreter der dominanten Gruppen lediglich die dominante Perspektive verstehen‟ (S. 194f).

Individuelle Perspektiven haben in dieser pauschalen Sicht, nach der Mitglieder derselben Gruppe die Welt auf grundsätzlich gleiche Weise zu sehen haben, keinen Platz. Vielmehr werden

… Mitglieder dieser Gruppen, die mit der Standpunkttheorie nicht übereinstimmen – oder gar leugnen, unterdrückt zu sein – dadurch wegerklärt, dass sie ihre Unterdrückung internalisiert haben (falsches Bewusstsein) oder dass sie sich dem dominanten System um Gunst oder Belohnungen willen anbiedern …‟ (S. 195).

Dieser Umgang mit widersprechenden Daten deutet auf eines der Hauptprobleme der  Identitätsideologie hin: ihre vollständige Immunisierung gegen Kritik. (11)

Kritik verboten

P&L zeigen anhand der Analyse von Texten dreier Autorinnen (Barbara Applebaum, Alison Bailey und Robin DiAngelo 12), mit welchen Argumenten und Methoden Kritik an den eigenen Positionen ausgehebelt wird. Sie resümieren:

Nichtzustimmung wird häufig im besten Falle betrachtet als das Versäumnis, sich mit den Lehren korrekt auseinandergesetzt zu haben, so als ob Forschung Akzeptanz voraussetzen müsste, und schlimmstenfalls als profundes moralisches Versagen.

Derartige Behauptungen kennt man eher von religiösen Ideologien – wenn du nicht glaubst, hast du den heiligen Text nicht richtig verstanden oder du willst schlichtweg sündigen – denn angewandt auf etwas, das strenge Forschung darstellen soll‟ (S. 198).

Kritik bestätigt also oft das eigene Denkgebäude und kann es daher nicht gefährden.

Ist dem nicht so, treten die bekannten Mechanismen fanatischer Ketzerjagd in Kraft (cancel culture), damit die absolute Wahrheit der Identitätsideologie nicht gestört wird (S. 220ff):

Es ist daher nicht übertrieben zu sagen, dass die Theoretiker der Sozialen Gerechtigkeit eine neue Religion, eine Glaubenstradition gegründet haben, die gegenüber Vernunft, Falsifikation, Nichtbestätigung und jeder Art von Widerspruch aktiv feindlich eingestellt ist (S. 210).

Deshalb sind Identitätsideologen auch nicht in der Lage, die Widersprüche des eigenen Denksystems zu erkennen, und können so zugleich relativistisch und dogmatisch argumentieren oder mit antirassistischem Impetus ein neues intersektionales Kastensystem (S. 128f) einrichten, das man letztlich als neue Form von Rassismus sehen kann.

Die aus wissenschaftsphilosophischer Sicht wichtigsten, im Buch jedoch weit verstreuten Analyseergebnisse von P&L seien der Übersichtlichkeit halber in der linken Spalte der folgenden Tabelle zusammengefasst und zum Vergleich mit den Eigenschaften kontrastiert, die seriöse evidenzbasierte Geistes- und Sozialwissenschaften aufweisen (sollten):

(Zu „Kohärenz und Evidenz“: 13)

Dabei müssen freilich nicht alle Thesen bei jedem Autor und jeder Autorin gleichzeitig auftreten oder von allen gleichermaßen unterstützt werden. Doch selbst das Unterschreiben weniger Punkte in der linken Spalte ist unvereinbar mit einem wissenschaftlichen Ansatz.

Wie sind die identitätsideologischen Geistes- und Sozialwissenschaften nun zusammenfassend einzuschätzen? Aufgrund ihrer universitären Verankerung, die sie nach außen hin als Wissenschaften erscheinen lassen, könnte man versucht sein, von Pseudowissenschaften zu sprechen. Da jedoch so gut wie alles, was Wissenschaft ausmacht, implizit oder explizit zurückgewiesen wird, scheint die Einordnung als Antiwissenschaften plausibler.

Eine abschließende Beurteilung kann jedoch einer ausführlicheren Analyse vorbehalten bleiben.

Warum zynisch?

Warum sprechen P&L von zynischen Theorien? Weil sie die sozialen Resultate von Identitätspolitik für zynisch halten.

Niemandem sei damit gedient, wenn zur Lösung von Problemen oder Heilung von Krankheiten nichtwestlichen Gesellschaften wissenschaftliche Erkenntnisse vorenthalten werden; wenn man Behinderte zwingt, ihren Zustand als Teil ihrer „Identität‟ zu akzeptieren und sie dazu anhält, sich keinesfalls „ableistischer Normativität‟ zu unterwerfen, was sie etwa dann tun, wenn sie sich mit Prothesen oder anderen Hilfsmitteln mehr Lebensqualität verschaffen möchten; oder wenn man Menschenrechtsverletzungen in anderen Kulturen nicht mehr kritisieren darf.

In der Tat werde

… die weit verbreitete menschenrechtswidrige Behandlung von Frauen, säkular Denkenden und LGBT in streng islamischen Ländern nicht als Charakteristikum autoritärer Islaminterpretationen gesehen […], sondern als Resultat des westlichen Kolonialismus und Imperialismus, der die Kultur pervertiert und erst zur Missbräuchlichkeit gebracht hat‟ (S. 87).

Damit ist natürlich jedweder Islamkritik bzw. Religionskritik allgemein, zumindest was nichtwestliche Religionen anlangt, der Boden entzogen.

Was ist die Alternative?

In den letzten beiden eher sozialphilosophisch und politisch gehaltenen Kapiteln beklagen P&L, dass die Identitätsideologie immer breitere Bereiche der Gesellschaft erfasst habe. Ausgehend von den Universitäten seien die Absolvent*innen dieser antiwissenschaftlichen Lehren in NGOs, Behörden und Verwaltungen, Medien und Verlage sowie auch in die Politik eingesickert und bestimmten, wiewohl numerisch immer noch in der Minderheit, durch ihr lautes und aggressives Auftreten weitgehend den öffentlichen Diskurs.

Dies beeinträchtigt nicht nur die Debattenkultur an den Universitäten, sondern in der Gesellschaft als Ganzes (Wolfram et al. 2020, Fourest 2020).

Zugleich gelinge es ihnen, Kritiker in die rechtspopulistische Ecke zu schieben. P&L weisen jedoch darauf hin, dass es eher umgekehrt sei: Der Zelotismus der Identitätsideologen treibe einige in ihrer Not den Rechtspopulisten zu, vor allem ökonomisch Benachteiligte, denen man aber vorwirft, privilegiert zu sein; zudem stärke er rechtsidentitäre Auffassungen, weil er dessen linkes Pendant darstelle (S. 259).

So gebe es in den USA in vielen großen Firmen und Behörden bereits auf Identitätspolitik basierende „Diversitätstrainings‟, die im  Wesentlichen darin bestehen, der weißen Belegschaft den oben genannten Erbsündenstatus zu erläutern, aus dem es kein Entrinnen gibt und auf den nur mit Schuldbewusstsein und Abbitte geantwortet werden kann. Widerspruch kann zum Jobverlust führen.

Wie Weissmark (2020) zeigt, sind diese identitätspolitisch geprägten Trainings kontraproduktiv, weil sie vorhandene Ressentiments eher verstärken oder sie gar erst erzeugen. Ihr zufolge haben wissenschafts- bzw. evidenzbasierte Trainings, wo sie denn angezeigt sind, besseren und nachhaltigeren Erfolg. Jedenfalls kann man mit dem falschen, weil psychologisch kontraproduktiven Ansatz eher rechte Protestwähler erzeugen.

P&L resümieren: Der identitätsideologische Ansatz (S. 261)

… unterstützt aufgrund seines aggressiv spaltenden Ansatzes Tribalismus und Feindseligkeit. Während die Bürgerrechtsbewegungen wegen ihres universalistischen Ansatzes – allen sollten dieselben Rechte zukommen –, der die menschlichen Intuitionen von Fairness und Empathie ansprach, recht gut funktioniert haben, verwendet [jener] eine simplistische Identitätspolitik, die dominanten Gruppen eine Kollektivschuld zuschreibt – Weiße sind rassistisch, Männer sind sexistisch, und Heterosexuelle sind homophob.

Dies richtet sich ausdrücklich gegen den etablierten liberalen Wert, wonach Menschen nicht nach Rasse, Gender oder sexueller Orientierung beurteilt werden sollten, und es ist unglaublich naiv zu erwarten, dass dies nicht zu einem reaktiven Wiederaufleben alter rechter Identitätspolitik führt‟ (14).

P&L verwenden sehr viel Mühe darauf herauszustreichen, dass die scharfe Kritik am Dogmatismus der Identitätsideologie nicht bedeutet, deren moralisches Grundanliegen zurückzuweisen, was oft eigentliches Ziel der Kritik aus dem politisch weiter rechten Spektrum ist.

Niemand bezweifle, dass der – vor allem auf Aufklärung und Wissenschaft beruhende – moralische Fortschritt der letzten Jahrhunderte, keine Rückkehr zu Rassismus, Sexismus, Homophobie usw. erlaube. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen die theoretischen Grundlagen und die antiwissenschaftlich-totalitäre Ausrichtung der Identitätsideologie sowie deren Ersetzen von Wissenschaft durch Aktivismus.

Auch andere Inhalte der identitätsideologischen Theorien sind natürlich nicht grundfalsch: So ist etwa die Idee der Wissensungerechtigkeit (epistemic injustice) nicht von vornherein verfehlt (S. 189), denn man kann durchaus berechtigterweise fragen, ob bzw. inwieweit Erkenntnisse oder Argumente von Minderheiten außer Acht gelassen oder weniger ernst genommen werden und aus welchen Gründen dies geschieht. Gewiss gibt es erforschenswerte Zusammenhänge zwischen Sprache und Denken.

Und selbstverständlich gibt es Machtstrukturen in Gesellschaften sowie daraus entstehende Diskriminierung, die Gegenstand von Forschung sein dürfen. P&L beklagen lediglich die monomane Fixierung auf diesen Aspekt, der letztlich auch nur monokausale Erklärungen zulässt. Zudem ist aufgrund der ideologischen Vorgaben keine ergebnisoffene Forschung möglich wie in den empirischen Sozialwissenschaften.

Mit anderen Worten: Alle sinnvollen Forschungsfragen können auch von den herkömmlichen Geisteswissenschaften und empirischen Sozialwissenschaften behandelt werden – ergebnisoffen und ohne aktivistische Agenda.

Als Alternative sehen P&L einen auf Aufklärung und Wissenschaft beruhenden sozialphilosophischen (nicht parteipolitischen) Liberalismus, der linke wie rechte identitäre und totalitäre Strömungen vermeidet und sich des Themas soziale Gerechtigkeit auf seriöse Weise annimmt. Diese Aspekte übersteigen zwar die Zuständigkeit der Wissenschaftstheorie, sind aber zu erwähnen, weil sie die Immunisierungsstrategie der Identitätsideologen aufdecken, jedwede Kritik mit der Ablehnung der Grundanliegen gleichzusetzen, um sie argumentfrei in der „rechten Ecke‟ entsorgen zu können.

P&L rufen somit liberale Denker dazu auf, sich nicht länger von linken und rechten Identitätsideologen die Butter vom Brot nehmen zu lassen und den Diskurs wieder in Richtung (echter) Wissenschaft und Aufklärung zu lenken.

Anmerkungen

[1] Siehe z.B. Bunge (1991, 1992), Gross & Levitt (1994), Patai & Koertge (1994), Gross et al. (1995), Boyers (2019), Fourest (2020).

[2] de.wikipedia.org/wiki/Sokal_Squared und en.wikipedia.org/wiki/Grievance_studies_affair

[3] Gewiss können und werden solche herkömmlichen Kategorien auch außerhalb des Postmodernismus problematisiert oder gar aufgelöst, doch dies geschieht dann aus guten theoretischen Gründen in den zuständigen Einzeldisziplinen, nicht aus dem übergeordneten Grund prinzipieller „Kategorienstürmerei‟.

[4] Der Ansatz verweist dazu auch auf Wittgensteins Konzept des Sprachspiels: https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachspiel

[5] Aus Platzgründen werden die englischen Originalzitate nicht aufgeführt. Die Zitate sind von mir nach bestem Wissen und Gewissen übersetzt.

[6] Hieraus erklärt sich auch die nach herkömmlichem Verständnis kuriose Idee, wonach es keinen Rassismus gegen Weiße gebe: Wenn Weiße die repressive Struktur des Systems bilden, kommen die von ihnen marginalisierten Gruppen aufgrund der asymmetrischen Machtverhältnisse dagegen nicht an. Die Identitätsideologie interessiert sich nur für strukturellen Rassismus, der ihr zufolge immer nur von der dominanten Seite ausgeht. Dem herkömmlichen Verständnis nach ist natürlich auch eine vom Individuum ausgehende Diskriminierung einer anderen Person aufgrund unabänderlicher Merkmale rassistisch. In diesem Sinne können Weiße sehr wohl Opfer von Rassismus sein.

[7] Um diesen speziellen Begriff sozialer Gerechtigkeit vom herkömmlichen abzugrenzen, schreiben P&L „Social Justice‟ immer mit Großbuchstaben am Anfang, und bezeichnen die entsprechenden identitätsideologisch geprägten Gebiete summarisch als „Social Justice scholarship‟. Aus Gründen der Kürze sei hier stattdessen von Identitätsideologie gesprochen.

[8] Die Folgen des identitätsideologischen Begriffs der kulturellen Aneignung können beispielsweise Eltern spüren, deren Kindern das Tragen bestimmter Faschingskostüme (etwa des schon legendären Indianerkostüms) in Kindergärten oder Schulen verboten wird.

[9] Mit Sicherheit erhöhen derartige Begriffe die Eleganz im Ausdruck, etwa indem sie Formulierungen erlauben wie „Ich respektiere Ihre hermeneutische Privatheit‟ statt „Ich verstehe Ihr Geschwurbel nicht‟.

[10] Damit ist die Einbeziehung des Wissens eingeborener Ethnien in die Schul- und Universitätsausbildung gemeint.

[11] Zum Thema Kritikimmunisierung siehe den Locus classicus Albert (1980).

[12] DiAngelo´s Buch White Fragility, das inzwischen auch auf Deutsch vorliegt (2020), wird von P&L als exemplarischer Höhepunkt identitätsideologischer Argumentation und Kritikimmunisierung betrachtet.

[13] Gewiss können auch subjektive Erfahrungen empirische Daten darstellen, sie können aber angesichts der bekannten Formen von Selbsttäuschung nicht unkritisch bzw. ungeprüft als Beleg für oder gegen eine Hypothese oder Theorie hingenommen werden. Was wir wie wahrnehmen, wird schließlich im Lichte von Erwartungen, Einstellungen, Vorwissen usw. interpretiert. P&L werfen den Identitätsideolog*innen vor, „bestimmte bevorzugte Interpretationen der Erfahrungen marginalisierter Menschen auszuwählen (diejenigen, die mit der [postmodernen] Theorie übereinstimmen) und diese zu salben als die ‚authentischen‛; alle anderen werden wegerklärt …‟ (S. 210).

[14] Hier zeigen sich m.E. Anzeichen, dass die Identitätsideologie auch anti-humanistisch ist im Sinne der Ziele humanistischer Organisationen.

46 Kommentare

  1. Vielen Dank! Ich werde diesen Artikel berücksichtigen, während ich das Buch lese.

  2. Es wäre interessant, die Diskussion um die „zynischen Theorien“ einmal im Lichte des berühmten Positivismusstreits in der deutschen Soziologie zu analysieren.

    Mir scheint, in den von Pluckrose/Lindsay kritisierten Positionen wie auch in ihrer Kritik kehren reihenweise ungeklärte, nur beiseite geschobene Probleme aus dieser alten Debatte wieder, z.B. was Wertfreiheitspostulate angeht, oder das Verhältnis zwischen instrumenteller und kritischer Vernunft usw., vielleicht sogar noch ältere Debatten wie die um „Erklären“ und „Verstehen“.

    Nur am Rande zu Thema Identitätspolitik: Kritik daran lässt sich übrigens auch ganz anders formulieren, ohne antilinke Rhetorik als Begleitmusik, siehe etwa das Buch „Die Identitätsfalle“ von Amartya Sen.

  3. Der Zusammenhang zwischen der Kritik an der angewandten Postmoderne und dem Positivismusstreit ist mir nicht recht klar. Hans Albert meint auch, dass der Titel Positivismusstreit eher irreführend sei, was mir bislang auch einleuchtete:

    https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wissen/forschung/276200-Kaempferischer-Rationalismus.html

  4. @ Feodor:

    Der Zusammenhang besteht in den aufgerufenen Themen und den damit verbundenen unerledigten wissenschaftstheoretischen Problemen, zwei habe ich exemplarisch genannt.

    Ob der Begriff „Positivismusstreit“ damals gut gewählt war oder nicht (aus Sicht von Hans Albert sicher nicht, der Kritische Rationalismus verstand sich ja nicht als Positivismus), tut dabei nichts zur Sache.

  5. @Joseph Kuhn

    Klingt für mich plausibel, insbesondere der Hinweis auf die älteren Diskussionen von Erklären und Verstehen. Wissen Sie, wie dort die politischen Positionen verteilt waren?

    Denn wie im Positivismusstreit spielt allerdings auch in der aktuellen Diskussion die politische Position der Protagonisten (vereinfacht: progressiv vs. konservativ) eine nicht zu vernachlässigende Rolle, worauf Sie ebenfalls als Begleitmusik schon hingewiesen haben.

  6. @ Carsten Ramsel:

    Die Unterscheidung von Erklären und Verstehen wurde seinerzeit von Wilhelm Dilthey bekannt gemacht und ist danach in der Diskussion um die Methodologie der Natur- und Geisteswissenschaften immer wieder in verschiedenen Formen aufgetaucht.

    Inwieweit sich darum auch politische Positionierungen ranken, weiß ich nicht.

  7. Leider fällt auch MM, oder doch zumindest dieser Text, der fälschlichen Gleichsetzung des englischen bzw. amerikanischen social mit dem deutschen sozial anheim, es sind dies „false friends“.

    Der englische Begriff meint „gesellschaftlich“ oder „Gesellschafts-“ (Merkphrase: social drinker), während der deutsche … nun ja, eben „sozial“ bedeutet, also v.a. wirtschaftliche Verhältnisse beschreibt.

    Deutsche Texte mit dieser Fehlübersetzung kriegen da leicht Schlagseite. Social Justice und Soziale Gerechtigkeit sind verschiedene Dinge.

  8. Hmm, „social justice“ wird in der Tat aber doch fast immer mit „sozialer Gerechtigkeit“ übersetzt.

    https://www.linguee.de/englisch-deutsch/uebersetzung/social+justice.html

  9. Ich schätze, es war nur eine Frage der Zeit, bis die Culture Wars aus den USA und Großbritannien auch die Deutschen Skeptiker erreichen. Dass es dann ausgerechnet in Form einer kritiklosen Teilübersetzung eines Buches von zwei akademisch eher bedeutungslosen Trollen geschehen würde, passt zumindest zum Niveau dieser Debatte in der Ursprungsländern.

    Zu den Autoren werde ich mich nicht weiter auslassen, das haben bereits genug andere Skeptiker getan. Wer möchte, kann gerne einmal nach den Namer auf skeptic.org.uk suchen. Es genügt zusagen, dass dies keine neutralen Beobachter akademischer Strömungen sind, es sind aktive Verbreiter einer Moral Panic, die von rechtsreaktionären Kreisen als Reaktion auf Bestrebungen nach sozialer Gerechtigkeit angestoßen wurde.

    Und da liegt eines der großen Probleme dieses Beitrags: Ein Großteil der kritisierten Forschung bezieht sich auf die Situation in den USA, die sich sehr deutlich von der in Deutschland unterscheidet. Die Forschung auf diesem Gebiet ist zu nicht geringen Teilen darauf begründet, dass auch jahrzehntelange Bestrebungen nach sozialer Gerechtigkeit oft keine nachhaltigen Verbesserungen erreicht haben. Wie kann es sein, dass die Bevölkerung weniger rassistisch und sexistisch wird, Frauen und Minderheiten aber keine Verbesserung ihrer Situation sehen? Ein Erklärungsansatz ist genau die Intersektionalität, die hier so kritisiert wird. Oder die Critical Race Theory, die gerne mit in den Topf geworfen wird.

    Wer behaupten möchte, dass systemischer Rassismus in den USA keine Rolle spielt ignoriert sowohl eine große Anzahl fundierter soziologischer, juristischer und psychologischer Studien, wie auch die erlebte Realität eines großen Teils der Bevölkerung. Und ja, systemischer Realismus bedeutet, dass man kein Rassist sein muss, um davon zu profitieren. Bedeutet das, dass die Strukturen bestehen bleiben, selbst wenn „sich darin keine Mensch mehr befindet, der rassistische, sexistische oder andere üble Thesen vertritt“. Wer weiss, denn das ist eine hypothetische Behauptung, die in der Praxis nirgends überprüft werden kann.

    Und das bringt mich zu meinem Hauptkritikpunkt: Dieser Beitrag übernimmt unreflektiert eine Taktik, die das Buch offensichtlich auszeichnet. Es wird nicht wirklich das kritisiert, was an akademischer Forschung stattfindet. Stattdessen übernimmt man die absolut extremsten Ansichten Einzelner und stellt sie als Mainstream dar. Dann schmeißt man noch ein paar andere Begriffe dazu, auf die Skeptiker erwartungsvoll negativ reagieren, und tut so, als würden Juristen, die der Frage nachgehen, warum das Justizsystem der USA verschiedene Rassen derart unterschiedlich behandelt, alle auch überzeugte Anhänger des Postmodernismus. Wenn es doch nur einen Begriff für diese Diskussionstaktik gäbe…

    Es gibt mit Sicherheit viel zu kritisieren in diesem noch recht neuen Bereich sozialer Forschung. Aber dieser „Beitrag“ ist kein Beitrag dazu. Denn das Buch, dass hier wiedergegeben wird dient nicht der Diskussion. Es versucht, eine Diskussion zu verhindern. Sonst müsste man ja vielleicht noch darüber nachdenken, ob unsere Gesellschaft vielleicht doch so aufgesetzt ist, dass alte weisse Männer nie über ihre angestammten Wahrheiten nachdenken müssen.

    Sage ich mal so, als alter weisser Mann.

  10. @Joseph Kuhn:

    Zwar lässt sich der Disput um postmoderne Gesellschaftswissenschaften sicher als „Streit“ bezeichnen.

    Den Vergleich speziell mit dem historischen sog. „Positivismusstreit“ finde ich deswegen nicht besonders erhellend, da es zahlreiche ähnliche Dispute mit unterschiedlichen Facetten gibt, jüngst z.B. den zwischen Holm Tetens und Ansgar Beckermann über die Rolle der Theologie in der Erkenntnistheorie.

    Auf religionsähnliche Tendenzen in der Critical Race Theory hat kürzlich John McWhorter in „Woke Racism: How a New Religion Has Betrayed Black America“ hingewiesen. Adorno & Habermas scheinen mir im Detail auch nicht so viel mit Butler und DiAngelo zu tun zu haben. Als Gemeinsamkeit kann man aber immerhin festhalten, dass sich der Disput auch wieder um Werte, Logik und Sprache dreht.

    @Michael Valkenberg:

    Ganz generell werden ja gute Absichten unterstellt, was aber nicht automatisch impliziert, dass es auch gut gemacht ist. Ich verweise auch auf den oben verlinkten Artikel von Armin Pfahl-Traughber. Des weiteren sei auch noch als weitere deutsche Quelle folgender Sammelband mit umfangreichen Literaturverzeichnissen angegeben:

    H. Schulze-Eisentraut & A. Ulfig: „Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie“, DWV, 3. Aufl., 2020.

    M.E lässt sich die Kritik nicht so einfach abschmettern. Es gibt in diesem Bereich wohl einiges aufzuarbeiten.

  11. @Michael Valkenberg

    von zwei akademisch eher bedeutungslosen Trollen

    Argumentum ad hominem. Das ist kein besonders guter Einstieg, um in einer Diskussion ernst genommen zu werden.

    Zu den Autoren werde ich mich nicht weiter auslassen, das haben bereits genug andere Skeptiker getan. Wer möchte, kann gerne einmal nach den Namer auf skeptic.org.uk suchen“

    Habe ich. Nur ein (!) Autor schreibt gegen Pluckrose und/oder Lindsay an. Scheint mir also doch eher eine Einzelmeinung zu sein und weniger die Einschätzung der Redaktion oder der gesammelten britischen Skeptiker.

    Intersektionalität

    https://de.wikipedia.org/wiki/Intersektionalit%C3%A4t#Kritik

    Stattdessen übernimmt man die absolut extremsten Ansichten Einzelner und stellt sie als Mainstream dar.

    Wie kommen Sie auf einzelne Personen und extreme Ansichten? Nehmen wir mal die USA: Steven Pinker, John McWorther, Jerry Coyne, Lawrence Krauss und viele andere Akademiker und auch unbekannte „normale“ Menschen mit liberaler Ausrichtung wenden sich gegen das teils agressive Auftreten und die Forderungen der Aktivisten und Unterstützer der Identitätsideologie.

  12. @Feodor

    re „social“ vs „sozial“: Wenn ich mir eine Platitüde erlauben darf: Wenn alle dasselbe tun, kann es ja sein, das alle das Falsche tun. Das Wort „social“ lässt sich in Kombinationen mit drinking, media, justice u.a. oft oder sogar meist nicht mit „sozial“ übersetzen, so wie wir es hier verstehen.

    Vgl https://dict.leo.org/englisch-deutsch/social

    Vgl auch „asoziale Medien“, was erstens ein schönes Wortspiel ist und zweitens, in diesem Fall, tatsächlich das Gesellschaftliche und nicht das Wirtschaftliche meint.

    Umgekehrt würde ich die deutsche soziale Gerechtigkeit eher mit economic justice übersetzen.

    Hieß es neulich nicht in einem ähnlichen Kontext, dass man sich immer erstmal auf die Begriffe verständigen muss, bevor man das rhetorische Schwert zieht? #klugscheiß

  13. @Michael Valkenberg

    Wie kann es sein, dass die Bevölkerung weniger rassistisch und sexistisch wird, Frauen und Minderheiten aber keine Verbesserung ihrer Situation sehen?

    1. Wer behauptet, dass die (us-amerikanische) Bevölkerung weniger rassistisch und sexistisch sei?

    2. Hier beginnt das argumentative Elend. Seit wann hängt die soziale Realität der Frauen und Minderheiten (ausschließlich) von der Sichtweise der Frauen und Minderheiten ab?

    3. Standardisierte Erhebungen und Statistiken basierend auf sozialen Tatsachen zeigen, ob und wie sich die Einstellungen der (us-amerikanischen) Bevölkerung, sagen wir, in den letzten 60 Jahren geändert hat. Standardisierte Erhebungen und Statistiken basierend auf sozialen Tatsachen zeigen, ob und wie sich die soziale Realität der Frauen und Minderheiten verändert hat.

    Und schließlich: Nur weil es (positive) Veränderungen gab, vorausgesetzt es gab sie, bedeutet dies nicht, dass es nicht sinnvoll ist, politisch sich für weitere Veränderungen zu engagieren.

    Wer behaupten möchte, dass systemischer Rassismus in den USA keine Rolle spielt ignoriert sowohl eine große Anzahl fundierter soziologischer, juristischer und psychologischer Studien, wie auch die erlebte Realität eines großen Teils der Bevölkerung.

    Und wieder ein Strohmännchen. Wer behauptet das?

    Sonst müsste man ja vielleicht noch darüber nachdenken, ob unsere Gesellschaft vielleicht doch so aufgesetzt ist, dass alte weisse Männer nie über ihre angestammten Wahrheiten nachdenken müssen.

    Das letzte Strohmännchen. Woher wissen Sie, dass alte, weiße Männer nie über irgendwelche Wahrheiten nachdenken? Ich wünschte mir, Sie zögen in Betracht, dass man über angestammte Wahrheiten viel einfacher nachdenken kann, wenn es ergebnisoffene, fallible und auf sozialen Fakten basierte Forschung gäbe.

    Hier werden bestimmte Formen der Forschung kritisiert, gerade weil sie den Blick auf die sozialen Realitäten verstellen und notwendige Veränderungen erschweren. Und nein, eine Täter-Opfer-Umkehr ist dabei ausdrücklich nicht intendiert.

  14. @ Feodor:

    „Adorno & Habermas scheinen … nicht so viel mit Butler und DiAngelo zu tun zu haben“

    Wohl eher nicht.

    „dass sich der Disput auch wieder um Werte, Logik und Sprache dreht.“

    Nicht nur. Es geht auch um erkenntnisleitende Interessen, um Fragen der Gegenstandsadäquatheit naturwissenschaftlicher Methoden z.B. in der Psychologie, um die Verallgemeinerungsfähigkeit von Beobachtungen und Erfahrungen, um den Status des Subjekts in der Forschung, Erfolge und Grenzen naturalistischer Forschungsprogramme, den Zusammenhang unterschiedlicher Wissenschaften und anderes mehr.

    Alternative oder ergänzende Leseempfehlung zu Pluckrose/Lindsay: „Angst vor der Wahrheit“ von Paul Boghossian (nicht verwandt mit Peter Boghossian).

  15. Feodor:

    Danke übrigens für den Hinweis auf die Diskussion zwischen Tetens und Beckermann. Beides kluge Köpfe, den kleinen Dialog der beiden über Religion kannte ich nicht.

  16. @Michael Valkenberg:

    Haben Sie den Artikel zu Ende gelesen?

    Es geht ja nicht darum, zu leugnen, dass es viele der von den Identitären genannten Probleme tatsächlich gibt, sondern dass der identitätsideologische Ansatz der falsche Weg ist, diese anzugehen.

    Nicht nur ist er kritikimmun und auf geradezu schockierende Weise inkohärent, sondern er ist auch kontraproduktiv, um die Probleme vernünftig zu lösen.

  17. @Joseph Kuhn:

    Danke für die Ergänzungen. Desweiteren auch Dank fürs Erinnern an Paul Boghossians Buch, einem Leserückstand von mir. Das habe ich gleich mal aufgeschlagen. Es liest sich wirklich unglaublich leicht. Mit dem Problemkeis beschäftige ich mich ja schon eine Weile.

    Verwandt mit dem Sozialkosntruktivismus ist auch Putnams „interner Realismus“. Bei diesem Konzept und der damit zusammenhängenden Fachdiskussion bin ich vor eine Weile stecken geblieben. Hat Putnam nun eleganten „Bullshit“ verfasst oder handelt es sich um ein diskussionswürdiges Konzept?

    Bislang gibt es nur ein Arbeitsdokument: https://www.beginnersmind.de/doc/putnams-interner-realismus.html

    @2xhinschauen:

    Interessant in diesem Zusammenhang ist, welche Begriffsinhalte im Deutschen mit der Vokabel „sozial“ verbunden werden. Ich vermute, dass „sozial“ durchaus auch synonym mit „gesellschaftlich“ gebraucht wird. In der Philosophie z.B. darf man nie einfach von einer Vokabel auf den üblichen Begriffsinhalt schließen, denn es kommt nicht selten vor, dass Begriffe umgedeutet werden.

    Was jemand etwa unter „Realismus“ versteht (siehe oben), lässt sich manchmal kaum rekonstruieren.

  18. @RPGNo1:

    Ad Hominem? Lindsay hat seinen Doktor in Mathematik gemacht, Pluckrose in English Literature. Beide haben keinen akademischen Hintergrund in den Feldern, die sie so öffentlich kritisieren, und ihr Veröffentlichungen beschränken sich so ziemlich auf die Grievance Study Affäre. Von der kann man halten, was man will, aber das ist Trolling.

    Bei Lindsay kommt dazu noch: „Lindsay is credited as one of the leading voices popularizing the term „groomer“ as a pejorative directed at LGBTQ educators and activists by members of the political right,[32][33]“, wofür er sogar bei Twitter gesperrt wurde. Ich stehe zu meiner Beschreibung.

    Was die britischen Skeptiker angeht: Ja, die Artikel stammen von einem Autor, dass die Meinung aber von der Redaktion geteilt wird, daraus machen sie in ihrem Podcast „Skeptics with a K“ keinen Hehl.

    Intersektionalität: Ja, wird kritisiert. Und? Es ist *ein Erklärungsansatz*, man kann gerne einen besseren liefern. Dazu leisten aber die Autoren keinen Beitrag.

    Was die Einzelmeinungen angeht: Ja, viele Leute wenden sich dagegen. Aber das widerspricht nicht meiner Aussage, dass es sich um extreme Ansichten handelt. Es gibt eine große Bandbreite an Ansichten und Aussagen, und das besprochene Buch greift gezielt die extremsten heraus, um damit die deutlich weniger extremen zu diffamieren.

    Wer aus „Man kann nicht über Armut reden, ohne Rassismus zu berücksichtigen“ „Es gibt eine strikte Hierarchie von Ungleichheit, die exakt eingehalten werden muss“ macht, hat ziemlich sicher Unrecht, egal ob man f[r oder gegen letzteres argumentiert. Aber letzteres ist eine Minderheitenmeinung, und wer das falsch darstellt, ist nicht an einer seriösen Diskussion interessiert.

    @Carsten Ramsel:

    Sorry, aber ich sehe da so wenig Zusammenhang mit dem, was ich geschrieben habe, dass ich mir fast jede Antwort verkneife. Wenn das unhöflich erscheint, bitte einmal auf den Link klicken:

    „Wer behauptet das?“

    https://newdiscourses.com/2020/10/theres-no-such-thing-as-systematic-racism/
    Strohmännchen. Soso.

    @Martin Mahner:

    Ja, ich habe den Artikel zu Ende gelesen. Und dann meinen Kommentar geschrieben. Jeder „ideologische“ Erklärungsansatz ist bestenfalls unvollständig, und wahrscheinlich falsch. Aber dieses Buch wirft zu viel in einen großen Topf, klebt das Label „Ideologie“ drauf, und erlaubt damit den vielen Lesern, alle unbequemen Fragen zu ignorieren.

    Dem kann man zustimmen, aber es sollte zumindest der Hinweis erfolgen, dass das keine ernsthafte akademische Veröffentlichung ist, sondern ein Teil des „Anti Woke Culture War“, der gerade über Atlantik und Ärmelkanal schwappt. Hier kritisieren keine Sozialwissenschaftler eine Fehlentwicklung in ihrem Fachgebiet, sondern zwei Ideologen einen andere Ideologie.

  19. @ feodor:

    Von Putnam habe ich nicht viel gelesen, das zudem vor langer Zeit und so gut wie alles wieder vergessen. Zu Ihrer Frage kann ich daher nichts beitragen. Vielleicht hat Martin Mahner einen Kommentar dazu.

    Zum Begriff „sozial“: Sehe es auch so, im Deutschen kann das sowohl den caritativen Aspekt ansprechen (wie z.B. in „Sozialamt“) als auch den gesellschaftlichen (wie z.B. in „Sozialpsychologie“).

  20. Ich möchte nur auf einen Teilaspekt eingehen:

    „‚So ist es ein Akt der Unterdrückung, wenn man keinen Versuch unternimmt, eine marginalisierte Wissende auf ihre Weise zu verstehen, und es ist ein Akt der Ausbeutung (lies: Unterdrückung), eine marginalisierte Wissende zu bitten, ihr Wissen auf ihre Weise zu erläutern.‘

    Dominante Wissende können also nur alles falsch machen.“

    Die Schlussfolgerung scheint mir nicht zu folgen. Ein Versuch des Verstehen könnte ohne die Bitte zur Erläuterung auskommen, indem man marginalisiert Wissenden lediglich die Möglichkeit eröffnet sich zu erläutern und indem man sie u.a. durch beobachten versucht zu verstehen ohne eine Bitte zu äußern.

  21. @Michael Valkenberg

    Ich gewinne den Eindruck, dass Sie mich missverstanden haben.

    Ich fragte, wer behauptet, dass es keinen systemischen Rassismus gibt. Wer behauptet, dass Frauen und Minderheiten nicht benachteiligt sind? Und wer behauptet, dass alte, weiße Männer nicht nachdenken?

    Ich bin promovierter Sozialwissenschaftler und kritisiere die Entwicklung in meinem Fach .

    Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

  22. @Michael Valkenberg

    „Unter einem argumentum ad hominem wird ein Scheinargument (Red Herring) verstanden, in dem die Position oder These eines Streitgegners durch Angriff auf dessen persönliche Umstände oder Eigenschaften angefochten wird.“

    Sie sagen, dass Lindsay ein Mathematiker ist und Pluckrose einen Master in Englischer Literatur hat und sie deshalb nichts zum Thema beitragen dürften. Dann bezeichnen Sie beide Personen auch noch Trolle.

    Ich nenne das ein erstklassiges Beispiel eines argumentum ad hominem.

  23. @ RPGNo1:

    „Ich nenne das ein erstklassiges Beispiel eines argumentum ad hominem.“

    Nicht allzu ernst gemeinte Rückfrage: Gilt das auch für diesen Kommentar: https://blog.gwup.net/2022/08/31/wir-irren-uns-empor-neue-folge-im-gwup-videotalk-mit-nikil-mukerji-und-bianca-holtschke/#comment-144115188075958864?

    ;-)

  24. @Feodor @Joseph Kuhn

    re „sozial“: Kein Widerspruch von mir.

    Man denke hierbei auch an den Sozius. Ich hätte mich wohl – Methode Lernen durch Gegenargumente – auf die landläufige Bedeutung des Wortes „sozial“ beschränken sollen, als ich auf das Potential für Missverständnisse hingewiesen hatte.

    Aber wer weiß, vielleicht wandelt sich dieser ja auch gerade durch Begriffe wie „soziale Medien“, dem leicht anzusehen ist, dass er mit dem Sozialen aus der Politik etc nichts zu tun hat.

  25. @Joseph Kuhn

    Halb ernst gemeinte Antwort. Ich sehe einen Unterschied, ob ich an der Qualifikation einer Person zweifele (diese Zweifel kann die Person gerne ausräumen) oder ob ich ihr von Beginn an jegliche Qualifikation abspreche und sie zudem dann noch als Troll beleidige. :)

  26. @Michael Valkenberg:

    Ich möchte noch etwas ergänzen. Bei den in Frage stehenden Untersuchungsgegenständen und den darauf gerichteten Hypothesen oder Theorien kommt es noch meiner Erfahrung öfters zu folgendem Fehlschluss:

    Prämisse 1: Das Phänomen P existiert.
    Prämisse 2: Dazu wurde die Hypothese H(P) postuliert.
    Konklusion: H(P) trifft zu.

    Die Konklusion folgt aber keineswegs aus der Gültigkeit der Prämissen, wenn H über den bloßen Begriffsinhalt von P hinausgeht.

  27. @ RPGNo1:

    Man sollte Michael Valkenberg zugute halten, dass er seine Wertung der Beiden nachträglich begründet hat. Man kann eigentlich den „ad hominem“-Vorwurf nicht allein auf eine einzelne Bemerkung stützen, sondern erst dann, wenn klar ist, dass das ad hominem aus einem Begründungsnotstand heraus helfen soll.

    Eine etwas variierte Fragestellung ist die, wer als „Experte“ gelten kann:

    https://quantenquark.com/blog/2020/10/24/sucharit-bhakdi-ist-fuer-covid-19-nicht-bloss-kein-experte-es-ist-viel-schlimmer/

    Sind Pluckrose/Lindsay „Experten“ bei den Themen, die sie in ihrem Buch behandeln? Oder eher politische Essayisten, deren Text genauso gut auch im SPIEGEL hätte erscheinen können und eigentlich gar kein wissenschaftlicher Beitrag i.e.S. ist? Vielleicht gar nicht so einfach zu beantworten.

    A propos SPIEGEL: Der Beitrag „Ein falsches Wort“ von René Pfister im SPIEGEL 35/2022 könnte dir gefallen:
    https://www.spiegel.de/ausland/debatte-ueber-woke-sprachregelungen-ein-falsches-wort-a-0bd6b7dd-c4e4-4ab7-a3d2-375ff673cfd0

    Und eine Frage: Ist es nicht ein bisschen paradox, dass ausgerechnet Autoren wie Derrida, Foucault & Co., die sich für das Nichtidentische, das nicht im Begriff Aufgehende, das von der Norm Abweichende, engagiert haben, zu Totempfählen einer identitätspolitischen Auseinandersetzung wurden?

  28. @Joseph Kuhn

    Der Debattenbeitrag von René Pfister ist hinter einer Bezahlschranke. Sonst würde ich ihn gerne lesen. Er musste dafür übrigens heftigste verbale Prügel von Annika Brockschmidt (den Zuschauern von #ferngespräch sicher ein Begriff) einstecken.

    Mit sachlicher Auseinandersetzung oder einer zivilen Debatte hat ihr Gastbeitrag wenig zu tun.

    https://www.volksverpetzer.de/medien/spiegel-mainstreaming-rechter-narrative-transfeindlichkeit/

  29. Der Debattenbeitrag von René Pfister ist hinter einer Bezahlschranke.

    Es geht um dieses Buch:

    https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Ein-falsches-Wort/Rene-Pfister/DVA-Sachbuch/e601381.rhd

  30. Martin Mahner greift in seinem Beitrag den Begriff des „moralischen Fortschritts“ auf. Auch darüber könnte man gut diskutieren:

    – Woran bemisst sich „moralischer Fortschritt“? Ist er belegbar oder ist das ein selbstgefälliger Mythos der Moderne, ein Relikt aus dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts?

    – Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Auschwitz, die Massenmorde Stalins oder der Roten Khmer, Ruanda, Abu Ghraib, unser Zusehen beim Ertrinken tausender Flüchtlinge im Mittelmehr, aktuelle Kriegsverbrechen wie die im Ukrainekrieg? Alles nur „Rückfälle“ auf dem Weg des unaufhaltsamen Fortschritts?

    – Geht es bei der Rede vom „moralischen Fortschritt“ vielleicht eher um den Prozess der Zivilisation (N. Elias): dass wir beim Essen nicht rülpsen oder das Blut unseres Tischnachbarn nicht auf die Teller spritzen lassen?

    – Warum sollte „moralischer Fortschritt“ ein Nebenprodukt der Wissenschaft sein? Könnte man mit Konrad Lorenz nicht genauso gut anders herum argumentieren: dass Wissenschaft das Töten auf Distanz erleichtert und so moralische Hemmungen übergeht?

    – Oder, wem Lorenz zu rechts ist: Ist die These von Adorno/Horkheimer, dass die das wissenschaftliche Denken dominierende instrumentelle Vernunft alles zum manipulierbaren Objekt macht und damit entmoralisiert, nur falsch? Und was bedeutet das für die Sicht auf Pluckrose/Lindsay?

  31. @Joseph Kuhn
    Die Geschichte geht schon irrige Wege.

    Die ganzen linken „Franzosen“ sind zudem vom philosophischen Hitler-Zäpfchen Martin Heidegger beeinflusst, der heute aufgrund seiner „Schwarzen Hefte“ auf der Liste nicht lesenswerter Autoren steht.

    Die Identitätspolitik hat – so war jedenfalls mal eine Einzelmeinung – wohl auch viel mit (gesellschaftlicher) Selbstbestimmung und (politischer) Selbstermächtigung zu tun.

  32. @Feodor:

    Sehr schöne Darstellung! Ich denke, die Crux liegt hier:

    Prämisse 1: Das Phänomen P existiert.
    Prämisse 2: Dazu wurde die Hypothese H(P) postuliert.
    -> H(P) kann nicht widerlegt werden.
    Konklusion: H(P) trifft zu.

    Meiner Wahrnehmung nach wurde im klassischen Postmodernismus mit dem Grundprinzip „Dekonstruktion“ noch gemeinhin die Haltung „alles kann, nichts muss“ vertreten und These und Antithese eher gleichwertig betrachtet.

    Der reifizierte Postmodernismus nun ersetzt das wohl durch „Konstruktion“, macht sich dabei die (ich nenne es mal) „homöopathische“ Argumentation zu eigen und wertet einen fehlenden Beweis der Nichtwirksamkeit bereits als Beweis von Wirkung.

  33. @Joseph Kuhn:

    Ja, „Moralischer Fortschritt“ heißt vermutlich nur, dass früher alles viel schlimmer war – zumindest bei uns in den westlichen Gesellschaften.

  34. Der Begriff „Moralischer Fortschritt“ in dem Artikel bezieht sich auf dieses Buch:

    https://www.socialnet.de/rezensionen/25201.php

  35. Sinans Woche über Kulturelle Aneignung, Gendern, Klimawandel

    https://www.youtube.com/watch?v=XNgecXRd5Ng

  36. @Carsten Ramsel:

    Haben Sie den Link geklickt? Der geht auf den Artikel „There’s No Such Thing As “Systematic Racism”“ von James Lindsay. Beantwortet das die Frage?

    Und noch einmal für ALLE: Ich sage nicht, dass die im Buch kritisierten Extrempositionen korrekt sind, oder nicht kritisiert werden dürfen. Aber dieses Buch ist von zwei Leuten geschrieben, die auf Basis ihrer eigenen Ideologie argumentieren, dafür gezielt die extremsten Beispiele heraus suchen, und das alles ist Teil eines Culture Wars. Nichts davon wird in dieser Besprechung des Buches erwähnt. James Lindsay ist kein Skeptiker, er ist ein bezahlter Polemiker.

  37. @ Michael Valkenberg:

    Ich finde den Beitrag von Lindsay über Kommunisten auf der gleichen Internetseite noch viel aufschlussreicher:

    https://newdiscourses.com/2022/09/three-terms-communists-redefined-to-subvert-society/

    Von wem spricht er da eigentlich? Wer sind die „Kommunisten“, die seiner Meinung nach alles umdefinieren?

    Sehr schön auch seine Kommentierung von Lenins Demokratiekritik, weil er offensichtlich überhaupt nicht vor Augen hat, dass es zu Lenins Zeiten in den USA mit dem Wahlrecht von Frauen oder Schwarzen nicht weit her war.

    Lindsay argumentiert nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch (Disclaimer: Was nicht bedeutet, dass damit alles wahr wird, wogegen er sich wendet).

  38. Wie halten fest:

    – die Autoren sind umstritten, sicherlich keine Vertreter:innen der Skeptikerszene, möchte ich auch auf keiner QED, Skepkon als Vortragende hören, wird wohl auch nicht passieren.

    -Pluckrose scheint mir weniger umstritten zu sein, hätte sie das Buch mal ohne Lindsay geschrieben.

    – Das vorliegende Buch ist hier und da auch überspitzt formuliert, aber weite Teile sind sachlich geschrieben

    – mich interessiert, wie fundiert die Kritik der Autoren ist, unabhängig von deren Agenda

    – das Argument mit den Extremmeinungen finde ich nicht überzeugend, dann dürften wir auch nicht die Homöopathie kritisieren, die ist im Medizinspektrum auch nur ne Extremmeinung ist. Insbesondere die in Skeptikerkreisen gern geteilte Kritik an den Ideologen von „Homöopathen ohne Grenzen“.

    -Wenn Aktivisten bzw. deren Bücher nicht erwünscht sind, gilt das auch für Autoren aus dem Skeptikerspektrum, die bspw. die Homöopathie kritisieren? Würden nicht genau so die Homöopathen argumentieren, wenn die Skeptiker die Homöopathie kritisieren?

    Also mein Eindruck, die Wissenschaft und ihre Methoden stehen unter Beschuss und wir sollten diese Entwicklung ernst nehmen, analysieren und auch thematisieren. Der angewandte Postmodernismus steht zur Recht in der Kritik.

    Kritik an den Autoren ist erwünscht, aber das Kind sollte nicht mit dem Bad ausgeschüttet werden.

  39. @ Kapella:

    Das Argument mit der „Extremmeinung“ greift dann, falls extreme Stimmen pars pro toto für etwas Ganzes stehen, obwohl sie dafür nicht repräsentativ sind.

    Ob Pluckrose/Lindsay so vorgegangen sind, wäre also zu prüfen. Der Vergleich mit der Homöopathiekritik passt m.E. nicht, weil sie nicht pars pro toto für Kritik an der Medizin steht.

    Dass der „Postmodernismus“, was immer das genau sein mag (siehe z.B. Martin Mahners Synopse), zu Recht in der Kritik steht, dem ist nicht zu widersprechen, fraglich ist aber, ob das Buch von Pluckrose/Lindsay dabei in eine politische oder in eine wissenschaftstheoretische Debatte einzuordnen ist und wie einschlägig ihre Beobachtungen aus den USA auch für Deutschland sind.

  40. @ RPGNo1:

    Habe bei Sinan schon länger nicht vorbeigeschaut – ich stimme ihm nicht immer in allem zu, aber ich mag seine unkonventionelle und erfrischende Art, einschließlich des Mutes, sich auch einmal zwischen alle Stühl zu setzen.

    Danke fürs Teilen!!

  41. @Michael Valkenberg

    Sie haben mit ihrer Kritik am Autor recht.

  42. Zum Thema:

    SRF Kultur Sternstunde Philosophie: Omri Boehm: Lasst uns selber denken!

    https://www.youtube.com/watch?v=Y35ZzRSHT3E

    Omri Boehm, Radikaler Universalismus: Jenseits von Identität. Universalismus als rettende Alternative. Propoläen Verlag : Berlin, 2022.

  43. Speaking of Critical Race Theory, here’s freelance scholar Ryan Chapman explaining his theory (which is not his, but shared with others) that today’s Wokeism, part of which is CRT, originally arose as an outgrowth of Marxism, and then neo-Marxism of the Frankfurt School. Thrown into the mix is postmodernism, and when you add that, you see that Chapman is pretty much on the same page as Pluckrose and Lindsay in their book Cynical Theories: How Activist Scholarship Made Everything about Race, Gender, and Identity . (The book is not a polemic, but a largely dispassionate analysis of identity politics, yet is written in an approachable way. You should read it.)

    https://whyevolutionistrue.com/2022/09/14/did-wokeness-come-from-marxism/

    https://www.youtube.com/watch?v=4JX4bsrj178

  44. @ Peter Friedrich:

    Was soll mir dieser komische Kauz (Können solch jugendliche Menschen eigentlich schon als „komische Käuze“ bezeichnet werden? – Egal!) auf superschlechtem Analeptikum eigentlich jetzt sagen?

    Habe nach einer Minute „abgeschalten“ (was beweisen dürfte, daß der leicht manisch wirkende Filmautor tatsächlich aus Ostdeutschland stammt) – was für ein Gefasel.

    Drüben bei Psiram ist in mehreren Teilen ein leicht polemischer, nichtsdestoweniger lesenswerter Beitrag eingestellt worden:

    https://blog.psiram.com/2022/09/befleckte-medizinsoziologie-1/ – sehr passend zur Debatte hier.

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