gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

21. Januar 2022
von Bernd Harder
6 Kommentare

Abgeordnete fordern ein Ende der Ausnahmeregelungen für die Homöopathie

Die Homöopathen haben ein neues Schreckgespenst:

… eine neue, jüngere und wissenschaftsgläubige Politikergeneration,

die nicht davor zurückschrecken könnte, an der gesetzlichen Verankerung der Therapierichtung zu rütteln.

Schön zu sehen, dass dieser „Alptraum“ Wirklichkeit werden könnte:

Wie ZDFheute berichtet, fordern Abgeordnete verschiedener Parteien die Bundesregierung zum Handeln auf.

Dazu gehören Ria Schröder (FDP), Kathrin Vogler (Die Linke) und Paula Piechotta (Die Grünen).

Piechotta glaubt gar, dass

… das Ende der Kassenfinanzierung von Pseudomedizin nur eine Frage der Zeit ist.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) spricht sich immerhin für eine Reform aus:

Wer homöopathische Mittel haben möchte, soll sie auch bekommen. Dann aber bitte als Selbstzahler und keinesfalls auf Kosten der Solidargemeinschaft.

Das Gesundheitsministerium mochte sich „jetzt“ nicht in der Sache äußern: „Aus Koalitionskreisen heißt es, man wolle sich zunächst auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie konzentrieren.“

Was denn, gibt’s die etwa immer noch? Wo doch die Hahnemann-Gesellschaft schon 2020 selbstgewiss behauptete, Homöopathie könne Covid-19 „medikamentös behandeln“.

Möglicherweise haben ja solche dreisten Anmaßungen mit zu dem Sinneswandel bei unseren Politikern beigetragen. Zahlreiche Medien hatten in den vergangenen Monaten über das „Homöopathie-Problem“ in Deutschland und das „fatale Signal“ berichtet, das in der Pandemie von alternativmedizinischem Quatsch ausgeht.

Aktuell beschäftigt sich Gute Pillen – schlechte Pillen (1/22) damit.

In dem Artikel heißt es, dass eine Arbeitsgruppe des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden ein Positionspapier zur Homöopathie erarbeitet habe, das jedoch nicht veröffentlicht wurde. Das Thema sei „ein sehr heikles“.

Im Gegensatz dazu hat sich die Bundesvertretung der Medizinstudierenden von der Homöopathie verabschiedet.

Also, liebe Pharmaziestudierende – traut euch! Ihr wärt in bester Gesellschaft.

Zum Weiterlesen:

  • Kritik an Kassenfinanzierung: Abgeordnete fordern Homöopathie-Reform, zdf.de am 21. Januar 2022
  • Homöopathie in Apotheken und Arztpraxen, gpsp am 17. Januar 2022
  • Wie Homöopathie-Magazine Angst vor Impfungen schüren, übermedien am 4. Januar 2022
  • Die Homöopathie und der „Binnenkonsens“, GWUP-Blog am 15. September 2019
  • Naturmedizinische Verfahren sind in der Pandemie doppelt fragwürdig, tagesspiegel am 5. Dezember 2021
  • Homöopathen: Keine Ahnung, aber Corona „heilen“ wollen, GWUP-Blog am 16. Oktober 2020
  • Medizinstudierende fordern Ende der Sonderregeln für Homöopathie, medwatch am 4. Juni 2020
  • Masterlehrgang zu Homöopathie: FH stoppt Lehrplan und Bewerbungsphase, derStandard am 14. Januar 2022

20. Januar 2022
von Bernd Harder
3 Kommentare

Omikron, Impfpflicht, Long Covid: „Stöckl live“ mit Martin Moder und anderen Experten

Wie schon im November gab’s heute Abend in der ORF-Sendung Stöckl live ein Corona-Spezial mit Gästen wie Martin Moder und Ingrid Brodnig.

Omikron, Impfpflicht, Long Covid – Sie fragen, Expert/innen antworten

Die Sendung gibt es noch sechs Tage in der Mediathek.

Schönes Format. Statt so etwas mal zu kopieren, wird in Deutschland das Thema „unfassbar und umfassend dumm“ behandelt – zumindest bei Stern-TV am vergangenen Sonntag.

Zum Weiterlesen:

  • Impfaufklärung, die …, GWUP-Blog am 24. November 2021
  • „Stern TV“-Spezial: Ein schlechtes Magazin für Leute, die wissen, dass sie die Guten sind, übermedien am 17. Januar 2022
  • Broschüre: „Immun gegen Fakten – Organisierte Impfgegnerschaft als Demokratiegefährdung“, GWUP-Blog am 20. Januar 2022

20. Januar 2022
von Bernd Harder
7 Kommentare

Video: „Beleidigt und bedroht von Impfgegnern – Was müssen Pflegende gerade aushalten?“

Heute beim Y-Kollektiv:

Eigentlich will Reporter Johannes Musial nur einen Film über Geimpfte machen. Dafür wird er beleidigt. Andere Menschen werden sogar bedroht von Impfgegner:innen. Johannes trifft sie:

Der 27-jährige Intensivpfleger Moritz und seine Kollegen kämpfen auf der Corona-Intensivstation vom Klinikum Stuttgart täglich um das Leben der Patient:innen. Trotzdem erleben viele von ihnen Bedrohungen durch Impfgegner:innen.

Manchmal landen die sogar auf der Station und pöbeln Moritz noch aus dem Krankenbett an.

Das ist der zweite Teil. Darin geht es um Menschen, die bedroht werden. Darunter auch die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping. Anfang Dezember stehen vor ihrem Wohnhaus Menschen mit Fackeln. Kurze Zeit später fliegt eine Gruppe von Coronaleugnern auf, sie wollten den sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer ermorden.

Johannes spricht mit Petra Köpping und will wissen: Was denkt sie über solche Bedrohungen? Und was können wir gegen den Hass tun?

Teil 1 war: „Wie geht es Geimpften nach zwei Jahren Pandemie?“

Zum Weiterlesen:

  • Broschüre: „Immun gegen Fakten – Organisierte Impfgegnerschaft als Demokratiegefährdung“, GWUP-Blog am 20. Januar 2022
  • Impfpflicht trifft Impfgegnerin, rnz am 20. Januar 2022
  • Ein Ausweg für die Quergläubigen, SPON am 19. Januar 2022
  • „Grams‘ Sprechstunde“: Hate gegen impfende Ärzte, GWUP-Blog am 18. Januar 2022

20. Januar 2022
von Bernd Harder
Keine Kommentare

Broschüre: „Immun gegen Fakten – Organisierte Impfgegnerschaft als Demokratiegefährdung“

Die Amadeu Antonio Stiftung hat die Broschüre

Immun gegen Fakten – Organisierte Impfgegnerschaft als Demokratiegefährdung

herausgegeben.

Die 32-seitige Publikation enthält die Beiträge

  • Wie kann ich Desinformationen zum Thema Impfen erkennen?
  • Menschenverachtende Inhalte in Anti-Impf-Aussagen?
  • Warum ist organisierte Impfgegnerschaft eine Gefahr für die Demokratie?
  • Was tun gegen Impf-Lügen in sozialen Netzwerken?
  • Fünf Strategien, um Verschwörungsmythen zum Thema Impfen zu kontern
  • Pseudo-Expert:innen, denen Sie zum Coronavirus nicht trauen sollten
  • Verbreitete Impf-Lügen
  • Glaubwürdige und wissenschaftlich abgesicherte Informationen zum Thema Impfen

Viele Menschen in Deutschland lassen sich nicht impfen, weil sie Verschwörungserzählungen glauben, die sie auf dubiosen „Alternativmedien“ im Internet oder in Telegram-Chatgruppen gefunden haben. Viele dieser Verschwörungserzählungenexistieren nicht, weil jemand „selbst gedacht“ hat, sondern sie dienen manipulierenden Absichten.

Wir wollen uns deshalb diese Formen von Manipulation, Desinformation und Verschwörungserzählungen ansehen: Wie funktionieren sie? Wie können wir sie erkennen, bevor wir sie glauben? Was genau macht die Ideologien der organisierter Impfgegner:innen so gefährlich für die Demokratie, welche menschenverachtenden Inhalte werden transportiert? Was können wir dagegen argumentieren?

Die Broschüre steht hier zum kostenlosen Download bereit.

Zum Weiterlesen:

  • Leichte Impfnebenwirkungen liegen oft am Nocebo-Effekt, spektrum am 19. Januar 2022
  • Mexikanischer TV-Moderator rastet in Sendung aus: „Ihr verdammten Impfgegner, ihr Idioten“, rnd am 18. Januar 2022
  • Italiens Impfkampagne: Mogeln unmöglich, FAZ am 20. Januar 2022
  • Wie gefährlich ist die Impfgegner-Szene in NRW? WDR am 19. Januar 2022
  • Heimlich geimpft: Wenn der Nachwuchs deine Verschwörungsmärchen nicht glaubt, volksverpetzer am 20. Januar 2022
  • Paraguay will keine Reichsbürger und Imfgegner mehr, dw am 19. Januar 2022
  • Neue Broschüre: „Freiheitsrechte und Verschwörungserzählungen in Krisenzeiten“, GWUP-Blog am 12. Januar 2022

20. Januar 2022
von Bernd Harder
4 Kommentare

Klimawandel und Gesundheit: Natalie Grams im Gespräch mit Eckart von Hirschhausen

Zum Weiterlesen:

Neu im Podcast Grams‘ Sprechstunde:

Mittlerweile ist die Umweltmedizin ein etabliertes Feld, sie beschäftigt sich mit chemischen Schadstoffen, Pilzen, Lärm, Luftverschmutzung – und dem Klimawandel. Eckart von Hirschhausen ist Mediziner, Comedian und jetzt auch Honorarprofessor an der Uni Marburg.

Dort soll er unter anderem zukünftigen Ärzten und Ärztinnen beibringen, wie unser Körper auf steigende Temperaturen und Extremwetterlagen reagiert.

  • Grams‘ Sprechstunde: Wie reagiert unser Körper auf Smog, Hitze und Co.? detektor.fm am 20. Januar 2022
  • Corona, Desinformation, seelische Belastungen: Die drei letzten Praxiskapitel unseres Handbuchs sind online, klimafakten am 20. Dezember 2021
  • Wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit auswirkt, BZgA am 19. Juni 2021
  • Wie der Klimawandel unsere Gesundheit gefährdet, quarks am 7. Oktober 2021

18. Januar 2022
von Bernd Harder
14 Kommentare

„Wissenschaftsblog 2021“ in Gold: GWUP – Die Skeptiker

Ganz herzlichen Dank an alle, die für uns abgestimmt haben!

Platz 2 belegt der Zukunftsblog der ETH Zürich, auf Platz drei finden wir Miss Jones („Archäologie – Reisen – Abenteuer“). Ein Sonderpreis geht an MedWatch.

Die Wahl der „Wissenschaftsblogs des Jahres“ ist eine private Initiative des Wissenschaftsjournalisten Reiner Korbmann.

Zum Weiterlesen:

  • Die Wissenschafts-Blogs des Jahres 2021 sind gewählt: Ernst und Lebensfreude mit Wissenschaft, wissenschaft kommuniziert am 18. Januar 2022
  • Wir sind mal wieder das „Blogteufelchen“ des Jahres, GWUP-Blog am 20. Januar 2021
  • Die „Wissenschafts-Blogs des Jahres“ – jetzt online abstimmen, GWUP-Blog am 29. Dezember 2021
  • Detox Fußpflaster – teuer, beliebt, wirkungslos, medwatch am 18. Januar 2022

18. Januar 2022
von Bernd Harder
15 Kommentare

„Grams‘ Sprechstunde“: Hate gegen impfende Ärzte

Neu in der Kolumne Grams‘ Sprechstunde:

Der […] Hass richtet sich dabei nicht nur auf die betroffenen Ärztinnen und Ärzte als Menschen, sondern vor allem auf das, wofür sie in der Logik der Täter stehen: für die Wissenschaft, die evidenzbasierte Medizin, die Aufklärung, den Fortschritt. Befeuert wird er von den üblichen Verdächtigen wie rechtem Populismus und Querdenkertum […]

Die Gesellschaft ist hier gefragt, nicht der persönliche Mut des Einzelnen, der sich diesem Drama mit Mut, Durchhaltevermögen und Chuzpe entgegenstellt.

Zum Weiterlesen:

  • Grams‘ Sprechstunde: Gegen krassen Hass muss volle Unterstützung her, spektrum am 18. Januar 2022
  • Staatsanwaltschaft ermittelt zu Hass-Mails gegen Dr. Lübbers, GWUP-Blog am 12. Januar 2022
  • Wenn anonyme Pöbler plötzlich kleinlaut werden: Der Hausarzt und die Hass-Kommentare, GWUP-Blog am 21. April 2021
  • Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte: Null Toleranz, Dtsch Arztebl 2021; 118(49)

18. Januar 2022
von Bernd Harder
8 Kommentare

Heute im #ferngespräch: Die religiöse Rechte

Heute im #ferngespräch:

Mit dabei sind Annika Brockschmidt und Michael Blume.

Los geht’s um 20 Uhr.

Zum Weiterlesen:

  • Annika Brockschmidt: Amerikas Gotteskrieger – Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet. Rowohlt 2021, 416 Seiten, 16 €
  • Hoaxilla #289 – „Die Zukunft von Amerikas Gotteskriegern“ vom 26. November 2021
  • Denkangebot: „Annika Brockschmidt über Christlichen Nationalismus in den USA“ vom 10. Januar 2022
  • OCG-Aussteiger Simon Sasek, der „Sohn des Sektenführers“, im Interview mit STRG_F, GWUP-Blog am 17. November 2021
  • Skeptiker-Interview: Hinter der Klagemauer – welche Ziele verfolgt das „alternative Medienportal“? GWUP-Blog am 24. Juni 2019
  • „Klagemauer-TV“: Angst und Verunsicherung schüren, Vertrauen erschüttern, GWUP-Blog am 26. Juli 2019
  • Liane Bednarz: Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern. Droemer-Knaur 2018, 256 Seiten, 16,99 €
  • Lucius Teidelbaum: Die christliche Rechte in Deutschland. Unrast-Verlag 2018, 96 Seiten, 7,80 €

15. Januar 2022
von Bernd Harder
8 Kommentare

Nostradamus und seine Schreckensprophezeiungen für das Jahr 2022

Über diverse englische und französische Medien sind die Nostradamus-Prophezeiungen für 2022 auch nach Deutschland geschwappt – zumindest die fünf, die merkur, rtl, wmn und andere Redaktionen für relevant halten:

  • Globale Erwärmung
  • Hungersnot
  • Tod von Politiker:in
  • Verstärkung von künstlicher Intelligenz
  • Untergang von Europa

Natürlich lohnt es sich nicht, diesen Nonsens Jahr für Jahr aufs Neue zu kommentieren.

Andererseits ist unser letztes Nostradamus-Debunking sechs Jahre her (siehe Zum Weiterlesen), weshalb wir mal wieder darauf hinweisen könnten, wer Nostradamus wirklich war: ein orakulärer Poet, der die zeitgenössische Vorzeichen-Literatur ausschlachtete und sie in Beziehung zu Ereignissen seiner Gegenwart im 16. Jahrhundert setzte.

Gehen wir die fünf Vorhersagen für dieses Jahr mal durch, wie sie uns zum Beispiel von der Welt-Autorin Sabine Winkler präsentiert werden – wie üblich ohne genaue Angaben, wo diese einzelnen Vers-Bruchstücke in den „Centurien“ des Meisters zu finden sind, sodass wir erstmal selber danach suchen müssen.

  • Die Welt-Autorin schiebt Nostradamus zum Auftakt „eine schwere Wirtschaftskrise“ unter,

… durch welche die Weltbevölkerung unter einer Hungersnot zu leiden habe und die schwere soziale sowie politische Unruhen mit sich bringe. Selbst vor Kannibalismus würden wir nicht zurückschrecken.

Dabei dürfte es sich um Vers 75 der II. Centurie handeln.

Schauen wir uns zunächst drei verschiedene Auslegungen der zahllosen Nostradamus-Interpreten an.

  • Jean-Claude Pfändler übersetzt die eigenwillige sprachliche Mixtur des raunenden Provoncalen aus Altfranzösisch, Latein, Lehnwörtern und Neologismen wie folgt:

Man hört die Stimme des ungewöhnlichen Vogels, den es über dem Luftabzugsrohr gibt. So hoch wird der Preis für den Scheffel Getreide sein, dass der Mensch für den Menschen ein Menschenfresser sein wird.

Man hört die Stimme des ungewöhnlichen Vogels über dem Geschützdonner auf dem Dach. Der Scheffel wird so teuer, dass der Mensch zum Menschenfresser wird.

Die Stimme des seltsamen Vogels wird vernommen, über dem Rohr des Beatmungs-/Überlebens-Stockwerkes. So hoch wird der Scheffel Weizen kommen, dass der Mensch vom Menschen essend, Menschenfresser wird.

  • Und was soll das bedeuten?

Pfändler sieht hier eine „extreme Hungersnot“, die laut Allgeier vom

… Motorenlärm der Flugzeuge – für Nostradamus ein ungewöhnlicher Vogel – verursacht

wird:

Interessant an diesem Vers ist die recht präzise Vorhersage des modernen Bombenkriegs mit Flugabwehrgeschützen auf den Dächern.

  • Was Nostradamus wohl meinte

Wie immer verknüpft Nostradamus auch hier Zeitgeschichte mit Motiven aus der Prodigien-Literatur, die ab der Renaissance wieder großes Interesse fand:

Nachdem der Vorzeichenglaube in der Antike – vor allem bei den Römern – einen ersten Höhepunkt erlebt hatte, erhielt er im 16. Jahrhundert neuen Aufschwung.

Ob Nordlichter, Nebensonnenerscheinungen, Sonnenfinsternisse, Kometen, Kornregen, Blutwunder, Wunderbrunnen, Geistererscheinungen, Auferstehungen, Missgeburten und so weiter.

Sie alle sorgten bei den Menschen der Frühen Neuzeit für Angst und Schrecken, da sie als Zeichen Gottes galten, der die Menschen für ihre Sünden bestrafen und vor größerem Unheil warnen möchte,

schreibt die Volkskundlerin Michaela Hammerl.

Historikern zufolge erlebte Frankreich 13 Hungersnöte allein im 16. Jahrhundert und ungezählte davor, etwa von 1315 bis 1322.

Sogar Drucke zeugen davon, die dem, was Nostradamus in seinem Vers II, 75 beschreibt, verdächtig ähneln.

„Seltsame“/“ungewöhnliche“ Vögel als böses Omen kommen bei Nostradamus öfter vor, zum Beispiel im Vers 55 der IV. Centurie („Wenn die Krähe auf dem Ziegelhaufen sieben Tage lang schreien wird“).

Kein Wunder, denn „Pest-“ und „Sterbe“-Vögel waren seit dem Mittelalter als Vorzeichen populär.

Und dass die Formulierung „… der Mensch wird für den Menschen ein Menschenfresser sein“ mehr als nur ein wenig an den römischen Komödiendichter Plautus erinnert („homo homini lupus“), ist bei dem hochgelehrten und bibliophilen Kompilator Nostradamus auch kein Zufall.

Ursache für die Hungersnot mit weitreichenden Folgen könnte eine Verschärfung der Klimakrise sein. Seit Jahrzehnten beobachten Wissenschaftler auf der Erde die globale Erwärmung und ihre Folgen. Doch Nostradamus ist sich sicher, dass unser Planet im Jahr 2022 von einem „Sonnensturm“ aufgesucht werden wird.

Das soll anscheinend Vers 3 der II. Centurie sein.

  • Jean-Claude Pfändler:

Wegen der Sonnenglut über dem Meer von Negrepont werden die Fische im Wasser schon halb gekocht sein. Die Einwohner werden kommen, um sie zu verletzen, wenn Rhodanus und Genua der Zwieback fehlen wird.

  • Kurt Allgeier:

In der Sonnenglut über dem Meer werden in Negroponte die Fische halb gekocht. Die Einheimischen kommen, um sie aufzuschneiden, während Rhodos und Genua daraus Biskuit bereiten.

  • Ray Nolan:

Durch die Hitze der Sonne über dem Meer von Negrepont, die Fische halb gekocht. Die Einwohner werden kommen, sie aufzuschneiden. Wenn in Rhodos und Genua der Biscuit (Brot) fehlt.

  • Und was soll das bedeuten?

Auch Pfändler und Allgeier sind sich einig, dass Nostradamus eine „extreme Hitzewelle im Mittelmeerraum“ beziehungsweise „eine Wetterkatastrophe“ voraussieht.

  • Was Nostradamus wohl meinte

Praktisch dasselbe („Der Fisch wird im Meer, im Fluss, im See sehr schnell gekocht“) schreibt Nostradamus im Vers 98 der V. Centurie – und gibt dort sogar den „48. Breitengrad“ als Schauplatz an.

Dieser verläuft durch Mitteleuropa (Wien, München, Freiburg, Basel, Rennes, Orleans etc.). Und dort ereignete sich 1540, also 15 Jahre vor der Erstveröffentlichung der „Centurien“ im Jahr 1555, eine Megadürre, die laut Spiegel „zur Katastrophe führte“:

Als Erste traf es die Tiere, viele verdursteten oder starben an Hitzschlag. Unzählige Menschen brachen bei der Arbeit auf Feldern oder in Weinbergen zusammen. Spannungen verschärften sich zu Verfolgungen und Hinrichtungen. Menschen verbarrikadierten sich aus Angst vor Gewalt […] Bäche trockneten aus, Flüsse wurden immer schmaler […]

Der Rhein führte noch 10 bis 15 Prozent seiner normalen Wassermenge. Im dramatisch verkleinerten Bodensee suchten die Leute auf dem trockenen Seegrund nach römischen Münzen

Offenbar schilderte Nostradamus im Nachhinein dieses dramatische Ereignis im 16. Jahrhundert.

In Nordkorea soll es zu einem Regimewechsel kommen. Die Ursache: Diktator Kim Jong-un soll bei einem Unfall sterben. Das steht zwar nicht wortwörtlich in Nostradamus’ Prophezeiungen, lässt sich aber so interpretieren.

Diese Deutung bezieht sich auf einen Vierzeiler, der den Tod einer wichtigen politischen Persönlichkeit hervorsagt. Das könnte aber auch für andere betagte Staatsoberhäupter gelten.

Etwa die britische Königin Elizabeth II., die am 21. April ihren 96. Geburtstag feiern wird. Oder aber auch US-Präsident Joe Biden, der 2022 80 Jahre alt wird. Alle drei Fälle würden die Welt gravierend verändern.

Das ist Vers 14 der IV. Centurie.

  • Jean-Claude Pfändler:

Der plötzliche Tod der ersten Person wird die Regierungsform verändert und einen anderen an die Macht gebracht haben. Früher oder später wird er in eine so hohe Machtposition gekommen sein – und das in jungen Jahren –, dass es zu Lande und zur See nötig sein wird, dass man ihn fürchtet.

  • Kurt Allgeier:

Der plötzliche Tod der ranghöchsten Person bringt die Wende und hebt eine andere an die Macht. Bald und doch sehr spät kommt er so hoch in so jungen Jahren, zu Land und zu Meer wird er bewirken, dass man ihn fürchtet.

  • Ray Nolan:

Der plötzliche Tod der ersten Person bringt den Wechsel und ein anderer gelangt an die Regierung. Bald, aber spät gekommen, so hoch und jung an Jahren, über Land und Meer erreicht er, dass man ihn fürchtet.

  • Und was soll das bedeuten?

Dass das alles und nichts heißen beziehungsweise völlig frei interpretiert werden kann, ist sogar Pfändler/Allgeier klar, die klugerweise keine Namen ins Spiel bringen, sondern nur von einem „Staatschef oder Machthaber“ salbadern.

  • Was Nostradamus wohl meinte

Vergegenwärtigen wir uns hierzu die Lebensumstände des Renaissance-„Sehers“:

Nostradamus lebte in einer Welt des Auf- und Umbruchs. Politische Auseinandersetzungen und Zweckbündnisse beherrschten die Staatenwelt,

schreibt Frank Rainer Scheck:

Und diese Erfahrungen durchwuchern offenbar das Dickicht seiner Prophezeiungen. Dort wogt eine imaginierte Welt in stetem Angreifen und Zurückweichen, Wiederherstellen und Wiederverlieren, in neuen Bündnissen und Aufkündigungen alter Verträge.

Man gewinnt den Eindruck, dass Nostradamus, der offenbar ein unpolitischer Mensch war, an der politischen Welt, in der er lebte, litt – und wundert sich angesichts dessen, was seinerzeit in stets bedrohlichem Wandel vorging, durchaus nicht darüber.

  • Und die letzte „Vorhersage“ für 2022 von Welt-Online:

Bereits vor 467 Jahren schien der zu apokalyptischen Vorstellungen neigende Prophet immerhin den Fortschritt der Technik vorhergesehen zu haben. Aber auch hier wird es düster: Nostradamus warnt vor einer Übernahme durch von uns erschaffene künstliche Intelligenz:

Dabei handelt es sich um IV, 31.

  • Jean-Claude Pfändler:

Der Mond ist mitten in der Nacht auf dem hohen Berg. Der neue Weise mit einem einsamen Verstand hat ihn gesehen. Durch seine Jünger zwingt das unsterbliche Wesen die Augen in den Süden. Auf den Brüsten sind die Hände und die Körper im Feuer.

  • Kurt Allgeier:

Der Mond steht um Mitternacht über dem hohen Berg. Der neue Weise mit dem einen Gehirn hat es gesehen. Von seinen Schülern wird er als unsterblich hingestellt. Er richtet die Augen nach Süden, springt, die Hände am Körper, ins Feuer.

  • Ray Nolan:

Um Mitternacht, der Mond über dem hohen Berg. Der neue Weise, der als einziger zu sehen versteht, wird durch seine Schüler unsterblich verehrt, Augen gen Mittag, im Geist, Hände, Körper zum Feuer.

  • Und was soll das bedeuten?

Allgeier fällt dazu ausnahmsweise fast gar nichts ein, außer einem lapidaren „Damit will Nostradamus wohl andeuten, dass die Weisheit aus Griechenland, aus dem Osten, kommt“.

Pfändler verortet den Vers bei der „biblischen Apokalypse“:

Der „Mond“ ist das zweite apokalyptische Tier […] Mit dem neuen „Weisen“ meint Nostradamus wohl den Propheten des ersten Tieres, vgl. Offenbarung des Johannes 19, 19f. […] Das „unsterbliche Wesen“ ist das zweite apokalyptische Tier.

Anscheinend haben sich diesjährige Deuter der Centurien hier an Dolores Cannon orientiert, die aus IV, 31 herausliest, dass ein „großes Genie“ einen „organischen Computer“ entwickeln wird.

  • Was Nostradamus wohl meinte

Ein bedeutendes Thema bei Nostradamus sind Religionskonflikte und die Reformation. An mehreren Stellen seines Werkes schrieb er von „religiösen Sekten“ (I, 45) oder einer „neuen Sekte“ (III, 67) oder „verschiedenen Sekten“ (III, 67) oder den „Predigten vom Genfer See“ (I, 47).

Sehr wahrscheinlich geht es auch im Vers 31 der IV. Centurie um eine Sekte, nämlich die der Anabaptisten oder „Täufer“, die um 1520 entstand. Der Mond steht dabei für einen widergöttlichen Kult und bei dem „Körper im Feuer“ dürfte es um die Hinrichtung von Wiedertäufern etwa in Münster (1536) oder in Salzburg (1528) gehen.

  • Gewissermaßen nebenbei lässt die Welt-Autorin noch die EU zusammenbrechen:

So schreibt Nostradamus: „Heilige Tempel der Römerzeit werden die Fundamente ihrer Gründung ablehnen.“

Dazu sollte man wissen, dass Nostradamus zeit seines Lebens von der Antike und den römischen Bauwerken bei seiner Heimatstadt Saint-Rémy-de-Provence fasziniert war.

Nichts weiter.

Wir schauen hoffungsvoll in die Zukunft, dass sich das irgendwann auch mal in den Medien rumgesprochen hat.

Zum Weiterlesen:

  • „Die berühmte bulgarische Seherin Baba Wanga“, GWUP-Blog am 2. Januar 2022
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016
  • Entschlüsselt: Die prophetische Visitenkarte des Nostradamus – der Turniertod von Heinrich II., GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst, GWUP-Blog am 15. Juni 2016
  • Nostradamus: Das „Wesen, halb Schwein, halb Mensch“ – ein Soldat mit Gasmaske im Ersten Weltkrieg? GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • Nostradamus debunked: Keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • „The Lost Book of Nostradamus“: Die letzten Bilder bis zum Ende der Welt? GWUP-Blog am 8. Juli 2016
  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010
  • Spuk, Nahtod, Ouija-Brett, Blicke, Telekinese: „13 unheimliche Phänomene“ – wirklich? GWUP-Blog am 30. Dezember 2021
  • Abschied vom Propheten, Skeptiker 3/2016
  • Ein Mausoleum ist kein Papst und ein Berg kein Heißluftballon, Skeptiker 4/2016

15. Januar 2022
von Bernd Harder
1 Kommentar

„Verschwörung & Fakten“ über den Bitcoin, Crashpropheten und Verschwörungsmythen

Mal was anderes bei Verschwörung & Fakten:

Der Bitcoin ist ein Mythos. Die Kontroverse um die Kryptowährung ist geprägt von Wünschen, Hoffnungen aber auch Ängsten (Crash und Totalverlust). Fakten und rationale Argumente treten in den Hintergrund, wenn „echte“ Bitcoiner ihre Sicht der Dinge schildern.

Die Motive und Standpunkte muten quasi-religiös an. Auffällig ist auch, dass Crashpropheten wie Marc Friedrich kräftig mitmischen.

Das Video zeigt, welche Narrative mit dem Bitcoin verknüpft sind und wo sie Anschlussfähigkeit zu Verschwörungsmythen aufweisen. Die Parallelen sind deutlich, wenngleich es auch merkliche Unterschiede gibt.

Interessanterweise werden mit der Einführung des Bitcoins als Währung Retropien (Sehnsucht nach der früheren, heilen Welt) verbunden, wie wir sie auch aus der Verschwörungsszene kennen.

Zum Weiterlesen:

  • Bitcoins: So funktioniert die Kryptowährung, Stiftung Warentest am 28. Oktober 2021
  • Sind Kryptowährungen wie Bitcoin die Zukunft? taz am 31. Dezember 2021