gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

1. Juli 2020
von Bernd Harder
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Scharlatane haben praktisch Narrenfreiheit: Interview mit Jutta Hübner in der „Welt“

Heute in der Welt (und online bei Welt+): ein großes Interview mit der INH-Leiterin und -Sprecherin Prof. Jutta Hübner:

Die Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena kündigt darin eine Leitlinie zu alternativen Verfahren in der komplementären Therapie von Krebs an, denn:

Komplementäre und alternative Medizin wird bei Krebspatienten sehr häufig angewendet. Das geschieht aber oft nicht auf der Grundlage von gesicherten Informationen, sondern eher aus dem Bauch heraus. Häufig auch ohne ärztliche Anleitung – beispielsweise bei Heilpraktikern, Heilern oder eigenständig auf Basis von zweifelhaften Informationen aus dem Internet. Hier besteht aber durchaus ein Risiko, denn alternative Medizin kann den Patienten auch erheblich schaden.

Wir werden in der Leitlinie erstmals eine Übersicht darüber geben, was überhaupt wissenschaftlich gesichert und sinnvoll ist und welche Risiken bei einzelnen Methoden bestehen. Das gibt es bisher in diesem Umfang noch nicht – es ist aber extrem wichtig, sowohl für die Patienten als auch für die ärztliche Beratung.

Nach der Bewertung einiger „alternativer“ Verfahren …

  • Homöopathie: „Hat in der Behandlung von Krebs nichts verloren, zerstört das Vertrauen zwischen Ärzten und Patienten.“
  • Mistel: „Im Vergleich zu Placebos kein Überlebensvorteil für die Patienten.“
  • Aprikosenkerne: „Lebensgefährlich für unsere Patienten.“
  • Orthomolekulare Medizin: „Definitiv keine Anhaltspunkte dafür, dass man damit Krebs heilen kann.“

… geht es in dem Gespräch auch um das „Heiler“-Unwesen:

Welt: Eigentlich könnte man juristisch dagegen vorgehen, wenn man durch so eine Behandlung geschädigt wurde. In der Praxis scheint das aber nicht so einfach.

Hübner: Das ist genau der Grund, warum Sie sich in der Onkologie so gut als Scharlatan halten können: Sie haben nie ein Problem.

Wenn der Patient rechtzeitig merkt, dass das Verfahren nicht wirkt, dann geht er einfach zu einem anderen Therapeuten. Wenn er es nicht rechtzeitig merkt, dann ist oft die restliche Lebenszeit zu kurz und zu schade für einen kräftezehrenden Gerichtsprozess.

Und im Zweifelsfall – wenn beispielsweise so ein Vertrag unterzeichnet wurde – auch kaum Erfolg versprechend und verbunden mit einem extrem hohen finanziellen Risiko. Viele Patienten schämen sich auch dafür, dass sie sich haben täuschen lassen, und hängen das nicht an die große Glocke.

Welt: Das hört sich unbefriedigend an.

Ja, leider ist das so. Scharlatane haben in Deutschland praktisch Narrenfreiheit. Da sind die Patienten auf sich alleine gestellt, sich rechtzeitig durch gute Informationen zu schützen. Das ist eigentlich ein Dilemma – es müsste andere Organisationen geben, die gegen diese Leute vorgehen. Auch wenn einige Verbraucherschützer schon sehr gute Arbeit leisten.

Welt: Wie kann es sein, dass einige Menschen in Heilberufen dermaßen das Berufsethos missachten?

Ich glaube, es gibt da zwei Gruppen von Menschen. Der einen Gruppe ist tatsächlich egal, was sie damit anrichtet, solange es profitabel ist.Die weit größere Gruppe glaubt tatsächlich, dass ihre Methode funktioniert und hat dann moralisch auch kein Problem damit, dafür Geld zu nehmen.

Zum Weiterlesen:

  • Welche alternativen Mittel bei Krebs helfen – und welche eher schaden, Welt+ am 1. Juli 2020
  • Alternative Medizin: Keine Alternative bei Krebs, Dtsch Arztebl 2020; 117(10): A-498 / B-427
  • „Der Einsatz homöopathischer Mittel in der Onkologie verbietet sich“, GWUP-Blog am 1. Oktober 2019
  • Das vermeintliche Mistel-Wunder: Der Masterplan der Anthroposophie, MedWatch am 3. Dezember 2019
  • Krebsforscher: “Finger weg von komplementären Verfahren”, GWUP-Blog am 7. Januar 2015
  • Homöopathie und Krebs, GWUP-Blog am 23. Oktober 2019
  • Chemophobie, Aprikosenkerne und andere Krebsmythen, GWUP-Blog am 3. Februar 2019
  • Verschwörungsmythen rund um Krebs im „Skeptiker“, GWUP-Blog am 20. März 2019
  • Homöopathie, Ganzheitlichkeit und die sprechende Medizin, GWUP-Blog am 20. April 2013

1. Juli 2020
von Bernd Harder
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„Aufklärung jetzt“ von Steven Pinker im Freigeist-Podcast: Wie die Vernunft gedeihen kann

Im Skeptiker 4/2019 empfahl Holger von Rybinski das Buch

Aufklärung jetzt – Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt

von Steven Pinker:

Es hat in den letzten Jahren sicher wenige populärwissenschaftliche 700-Seiten-Werke gegeben, die so klar strukturiert und gut lesbar sind, dass man bedauert, wenn das Buch zu Ende ist […] Pinker zerpflückt Argumente von Wissenschaftsgegnern und naiven Gläubigen […]

Pinker zeigt, dass die Aufklärung auch nach 200 Jahren noch nicht überall in der Gesellschaft angekommen ist. Aktuell gibt es zahlreiche Gegenbewegungen, die wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, beispielsweise Impfgegner oder Leugner des menschengemachten Klimawandels […]

Pinker führt in seinem Buch eine immense Anzahl von Argumenten dafür auf, warum an der Aufklärung kein Weg vorbei führt, wenn wir die großen Probleme der Menschheit angehen.

Im aktuellen Freigeist-Podcast stellt Helmut Fink ein Kapitel aus „Aufklärung jetzt“ vor.

Der säkulare Humanismus vertraut traditionell auf Rationalität. Doch wie können wir auf die menschliche Vernunft setzen, wenn Irrationalität doch eine so große Rolle spielt und viele Standpunkte gegen neue Fakten und Argumente immun zu sein scheinen? Ist die Vernunft wirklich ein Wesenszug des Menschen oder nur ein fernes Ideal?

Helmut Fink stellt hier ein Kapitel aus Steven Pinkers Buch „Aufklärung jetzt“ vor, dessen philosophische Gedanken und neue Erkenntnisse zum Thema Anlass zur Hoffnung geben.

Denn Vernunft ist zwar eine begrenzte Fähigkeit, aber es gibt Bedingungen, unter denen sie nachweislich gedeiht und das Aufklärungsversprechen einlösen kann.

Zum Weiterlesen:

  • Steven Pinker: „Aufklärung jetzt“ – Eine gnadenlos zuversichtliche Weltsicht, Deutschlandfunk Kultur am 26. September 2018
  • „Aufklärung jetzt“: Sorge dich nicht, forsche, Zeit-Online am 19. September 2018
  • Steven Pinker: Aufklärung macht die Menschen freier, GWUP-News am 31. August 2019

30. Juni 2020
von Bernd Harder
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„Zweifelhafte Heilsversprechen mit Homöopathie“ bei Spiegel-TV

Gestern Abend ging es bei Spiegel-TV um „zweifelhafte Heilsversprechen mit Homöopathie“ und ähnlichem Nonsens – konkret um den Tod einer Krebspatientin, die Hilfe in einer „Klinik“ mit Psiram-Eintrag gesucht hatte.

Mit dabei sind Prof. Jutta Hübner und Dr. Christian Lübbers vom INH.

Hier geht’s zum Video.

Zum Weiterlesen:

  • „Der schöne Schein des weißen Nichts trügt und schadet nicht nur onkologischen Patienten“, GWUP-Blog am 13. März 2020
  • Alternative Medizin: Keine Alternative bei Krebs, Dtsch Arztebl 2020; 117(10): A-498 / B-427
  • „Der Einsatz homöopathischer Mittel in der Onkologie verbietet sich“, GWUP-Blog am 1. Oktober 2019

30. Juni 2020
von Bernd Harder
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„Aberglaube“: #ferngespräch mit Rudolf Simek und dem Buddler

Heute Abend (Dienstag, 30. Juni) im #ferngespräch bei WildMics auf Twitch:

Mit dabei sind Prof. Rudolf Simek (die direkte Vorlage für die Figur des „Professor Weissinger“ in Tommy Krappweis‘ Romantrilogie Mara und der Feuerbringer) und Mirko (Der Buddler) Gutjahr.

Oder so:

Los geht’s um 20 Uhr.

Zum Weiterlesen:

  • ZDF History: „Die Geschichte des Aberglaubens“ am Sonntag, GWUP-Blog am 24. Oktober 2019

29. Juni 2020
von Bernd Harder
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Video: „Die Soros-Verschwörung: Der meistgehasste Milliardär“

Eben bei ZDFinfo (Wdh.):

Die Soros-Verschwörung: Der meistgehasste Milliardär

In dem Beitrag wird deutlich, dass der Investor und Philanthrop natürlich politisch etwas bewegen will (was genau, kommt allerdings etwas zu kurz) – zum „globalen Superschurken“, zur „Dracula-Figur“, zum „Schreckgespenst des 21. Jahrhunderts“ ist er allerdings von dem amerikanischen Politikberater Arthur Finkelstein aufgebaut worden, der für Viktor Orbáns Wahlkampf 2008 einen „perfekten Feind“ kreierte.

Hier geht’s zum Video (zirka 45 Minuten).

Zum Weiterlesen:

  • Orbáns Feindbild, FAZ am 19. Januar 2019
  • Wie George Soros vom Messias zum Volksfeind wurde, NZZ am 14. Mai 2019
  • Wer ist George Soros? tagesschau am 18. Oktober 2017
  • Die „Anti-Soros-Verschwörung“, tagesschau am 2. Juni 2020
  • Wie George Soros zum Feindbild wurde, dw am 27. Mai 2020
  • QAnon: Die gefährlichste Verschwörung Amerikas, Focus-Online am 29. Juni 2020
  • Video: Die „Weisen von Zion“ heißen heute Soros & Co – Online-Vortrag von Hoaxilla, GWUP-Blog am 27. Mai 2020

29. Juni 2020
von Bernd Harder
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Video: Rapper – und jetzt auch Robbie Williams – in der Verschwörungsfalle

Walulis über

Rapper in der Verschwörungsfalle

Es handele sich um eine „in sich geschlossene Anti-Establishment-Szene, die sich immer weiter hochpuscht“.

Auch im Nachtclub ÜberPop (NDR) ging es um das Thema:

Die ersten 30 Minuten spricht Moderator Hennig Cordes mit Pia Lamberty, danach mit dem Rapper Ben Salomo, der mit der Szene gebrochen hat und erklärt:

Antisemitische Verschwörungslegenden sind Konsens im deutschen Hiphop.

Neuestes Mitglied im Club: Robbie Williams.

Wie schon Attila Hildmann hat sich der britische Sänger offenbar bei der Mustersuche verguckt:

Ich bin nur ein interessierter Zuschauer, der einzelne Punkte verbindet.

Und dabei kann eben auch das herauskommen:

Eine der Haupterklärungen ist, dass Menschen, die einen Kontrollverlust erleben, zu Verschwörungsglauben neigen. Dieses Gefühl von Machtlosigkeit erleben wir gerade in der Corona-Krise. Man kann nicht bestimmen, was passiert. Das führt bei Menschen zu Stress und Unsicherheit.

Diese Gefühle versuchen sie zu kompensieren, indem sie Muster sehen, die es nicht gibt und indem sie alles auf den Verschwörer projizieren. Dadurch haben sie das Gefühl, wieder handlungsfähig zu sein.

Das Virus ist eine unsichtbare Bedrohung. Der Verschwörer ist greifbarer, gegen den kann man auf die Straße gehen,

sagt Pia Lamberty.

Daneben dürfte das Bedürfnis nach Einzigartigkeit eine Rolle spielen, wie auch RND erklärt:

Plötzlich sind es die Drostens und Merkels und Spahns, an deren Lippen das Land hängt – und nicht mehr die eines nuschelnden Schauspielers. Vielleicht knickt da das Ego ein, egal wie erfolgreich man auch ist.

Wenigstens ein Gutes hat das Ganze: Früher konnte man bei Schülervorträgen über Robbie Williams und Ufos reden – heute über Verschwörungsmythen.

Falls überhaupt noch jemand weiß, wer Robbie Williams ist.

Zum Weiterlesen:

  • Corona-Verschwörungen: Warum drehen so viele Promis durch? rnd am 11. Mai 2020
  • Verschwörungstheorien: Wie gefährlich sind sie? emotion am 28. Mai 2020
  • Robbie Williams und das Pizzagate: Fake That, Spiegel-Online am 27. Juni 2020
  • Jetzt auch noch Sido? Wieso provozieren Promis gerade mit Verschwörungstheorien? dasding am 18. Mai 2020
  • Verschwörungsmythen und Popkultur: Von Pillen, Masken und Illuminaten, tagesschau am 28. Juni 2020
  • Verschwörungstheorien: „Instrumente der Angst und Radikalisierung“, tagesschau am 28. Juni 2020
  • Verschwörungstheorien im Deutschrap: Einfaches Mittel, um die Welt zu erklären, Deutschlandfunk am 18. Oktober 2019
  • Anti-Verschwörungs-Song: „Das Zentrum der Macht“, GWUP-Blog am 9. Februar 2020
  • Hip-Hopper Fatoni und Rapper Blumio singen über Aluhüte und Verschwörungsfans, GWUP-Blog am 7. Dezember 2015
  • Interview mit dem Schweizer Rapper Knackeboul: „Verschwörungstheorien haben nichts mit Skepsis zu tun“, GWUP-Blog am 7. Januar 2019

29. Juni 2020
von Bernd Harder
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Die Apotheke ohne Homöopathie heute in der Süddeutschen

Heute in der Süddeutschen Zeitung (und online bei SZ+):

Wo die Altstadt von Weilheim in Oberbayern mit ihren hübschen, bunten Häuschen übergeht ins Stadtrandgewerbegebiet, führt Hundertmark die Bahnhof-Apotheke, ohne Genitiv-s, weil das schon immer so war. Sie liegt in einem grauen Nachkriegs-Zweckbau, nebenan ein E-Zigaretten-Shop, gegenüber ein Asia-Imbiss. Kein klassischer Ort, um Großes zu bewegen.

Und doch kann es als geradezu revolutionärer Akt gelten, als Iris Hundertmark im August 2018 hier ihr Homöopathie-Regal ausräumt. Da ahnt sie nicht, was über sie hereinbrechen würde […]

Auch eineinhalb Jahre später, im Frühjahr 2020, umklammert sie ihre Kaffeetasse, wenn sie an den Hass und die Drohungen denkt. Iris Hundertmark, 45, weißer Apothekerinnenkittel, sitzt in ihrem Büro hinter dem Verkaufsraum und schüttelt den Kopf. Klar, sie hat schon damit gerechnet, dass ein paar Homöopathie-Verfechter nicht glücklich sein würden über ihre Entscheidung. Aber dass es so schlimm werden würde? […]

Plötzlich steht Iris Hundertmark als Nestbeschmutzerin da. Dabei hatte sie gehofft, dass sie eine Debatte anstoßen könnte. Dass andere Apotheker ihrem Beispiel folgen würden. Doch sie bleibt allein. Bis heute ist Iris Hundertmark die einzige Apothekerin in Deutschland, die öffentlich bekennt, keine Homöopathika zu führen […]

Mittlerweile lächelt Hundertmark, wenn sie an ihre Sorgen von damals denkt. Logisch, mit homöopathischen Mitteln setzt sie kaum noch Geld um. Doch das gleichen die Einnahmen aus, wenn sie stattdessen herkömmliche Medikamente verkauft. Außerdem hat der Aufruhr ihre Apotheke bekannt gemacht. Sie habe mehr Kunden gewonnen als verloren, sagt Hundertmark. Ein paar steigen sogar auf der Durchreise am 300 Meter entfernten Bahnhof aus dem Zug, nur um bei ihr zu kaufen.

Zwar kommen noch immer Beschwerden und Hassmails. Doch die Unterstützer sind lauter, auf Twitter zum Beispiel, wo sie seit 2018 fast täglich über Homöopathie und ihr Apothekerinnendasein schreibt.

Ihre Posts schließt sie mit dem Hashtag #ApothekeOhneHomöopathie. Vielleicht, sagt Hundertmark, nutzen den irgendwann ja auch andere Apotheker.

Zum Weiterlesen:

  • Nein, hier gibt es keine Globuli, SZ+ am 28. Juni 2020
  • Warum ich Kritik an der Homöopathie wichtig finde – Heute: Iris Hundertmark, Onkel Michael am 25. August 2019
  • „Rumgebrüllt wie ein Wahnsinniger“: Apotheke ohne Homöopathie bleibt ein Aufreger, GWUP-Blog am 30. August 2018
  • Homöopathie: Von wegen „sanfte Medizin“, GWUP-Blog am 6. Juni 2020
  • Homöopathie in der Apotheke: „Es ist ein Drama“, GWUP-Blog am 29. November 2019

27. Juni 2020
von Bernd Harder
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Bücheronkel-Video: Corona ist nur ein schwarzmagischer Scherz, den man wegbeten kann

Es kann ja nichts schaden, den Namen „Karma Singh“ mal wieder im GWUP-Blog zu verewigen und über die Suchfunktion auffindbar zu machen (kurz hatten wir ihn schon mal hier).

Auch deshalb heute das neueste Video vom Bücheronkel:

Der Volltrottel… ähm… Geistheiler „Karma Singh“ weiß, dass man den Corona-Virus wegbeten kann, denn es ist nur ein schwarzmagischer Scherz und natürlich kann man durch „Karma Singhs“ Produkte den Virus heilen.

Dahinter steckt der Plan, uns durch „5G Verseuchung“ zu… äh… verseuchen. Ein Idiot in Perfektion. Außerdem ein Quacksalber und gesuchter Steuerbetrüger.

Zum Weiterlesen:

  • „Karma Singh“ bei Psiram
  • „Karma Singh“ im Sonnenstaatland-Wiki
  • Die glückliche Leber: Wenn „Heiler“ auf den Geist gehen, GWUP-Blog am 21. Januar 2013
  • Video: Der Bücheronkel mit durchgewirbeltem Truthermist zur Coronakrise, GWUP-Blog am 13. Juni 2020
  • Die Crème de la Crème der Quacksalber beim „Coronavirus-Onlinekongress“, GWUP-Blog am 3. April 2020

27. Juni 2020
von Bernd Harder
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Die Homöopathie im neuen Grundsatzprogramm der Grünen: eine diplomatische Volte?

Gestern haben die Grünen den Entwurf für ihr neues Grundsatzprogramm vorgestellt, das im Herbst von einem Parteitag beschlossen werden soll.

Wie sieht es darin eigentlich mit der Homöopathie aus, über die es seit einem Jahr eine heftige Debatte gibt – zunächst brachte eine Gruppe von grünen Jungpolitikern einen Antrag „gegen die derzeitige Bevorteilung der Homöopathie“ ein, dann sollte eine Kommission die Position der Grünen zur Homöopathie klären, die aber scheiterte, ehe schließlich der Vorstand selbst sich an die Beschlussfassung zur Homöopathie machte.

Was ist nun beschlossen worden?

Es findet sich in dem Entwurf eine eher weiche Formulierung, mit der die Sache eigentlich entschieden sein müsste, wie Beobachter meinen:

Die ÄrzteZeitung schreibt:

Der Streit um die Position der Grünen zur Homöopathie wird in dem Papier zwar nur indirekt adressiert, aber doch deutlich beantwortet:

Die Gesundheitsversorgung müsse „dem dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen“ und „den medizinischen Fortschritt“ berücksichtigen.

Habeck gab auf Nachfrage zu, dass der Vorstand damit dem Auftrag von Parteigremien formal nicht nachgekommen sei. Dies sei Verzögerungen durch die Corona-Pandemie geschuldet. Nachdem eine parteiinterne Arbeitsgruppe zur Homöopathie Anfang des Jahres geplatzt war, hatte der Parteivorstand die Aufgabe an sich gezogen, eine klare Position zur Homöopathie zu formulieren.

Die starke Betonung der Wissenschaftsbasierung der Medizin dürfte allerdings wenig Raum für die Verteidiger homöopathie-naher Positionen lassen.

Wirklich „wenig“?

Eine kurze Interviewpassage mit Grünen-Chef Robert Habeck zu diesem Thema findet sich bei Twitter, der von einer „sehr klaren Linie“ seiner Partei spricht, bei Licht betrachtet aber nur davon redet, dass es keinen Anspruch auf die Erstattung von wirkungslosen medizinischen Präparaten geben könne. Zu den freiwilligen Satzungsleistungen der Krankenkassen sagt Habeck nichts, worauf der Antrag der Grünen Jugend aber explizit abzielte.

Also doch wieder eine diplomatische Volte, die alles beim Alten belässt?

Zum Weiterlesen:

  • Grüne skizzieren Reformplan für Kliniken, aerztezeitung am 26. Juni 2020
  • Grüne und Homöopathie: Die „Kommission“ ist abgesagt, jetzt soll der Vorstand ran, GWUP-Blog am 14. Januar 2020

26. Juni 2020
von Bernd Harder
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Hightech-Hexenbrett: Doch mehr als nur der Carpenter-Effekt hinter den „Botschaften“?

Steckt hinter den „Botschaften“ des Quija-Bretts doch mehr als der ideomotorische Effekt?

Der Informatiker Prof. Eckhard Kruse ist überzeugt davon, dass sich bei dieser Erklärung „die typischen Scheuklappen heutiger Wissenschaft“ zeigen und in Wahrheit „beim Ouija bis heute vieles aus wissenschaftlicher Sicht ein Rätsel“ sei.

Im Magazin des Basler Psi-Vereins (1/2019 und ausführlich im Journal of Scientific Exploration) legte Kruse einen Versuchsaufbau dar, mit dem er an neue Daten und Informationen zum Ouija-Bord-Phänomen gelangte, die „diesen ideomotorischen Effekt als alleinige Erklärung für die Bewegungen der Planchette in Frage stellen“, schrieb grenzwissenschaft-aktuell im August 2019.

Um die „dynamischen, physischen und mechanischen Vorgänge“ bei Quija-Sitzungen genau zu erfassen, konstruierte Kruse ein technisches Überwachungssystem, das auf Kameras sowie Bewegungs- und Tastsensoren basiert.

Auf diese Weise gewann der Professor für Angewandte Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Daten aus insgesamt 50 Sitzungen mit 16 verschiedenen Teilnehmern – meistens aber nur zweien, nämlich Kruse und seine Frau.

Vor allem die hohe Buchstabiergeschwindigkeit stellt nach Kruses Auffassung die vorherrschenden Annahmen zum ideomotorischen Effekt in Frage. Aus seiner Sicht reiche die Zeit nicht aus für einen unbewussten Verhandlungsprozess zwischen den Teilnehmern:

Während es in dem erwähnten wissenschaftlichen Artikel lediglich um Einzelwörter ging, bekommen wir an einem Abend tausende Buchstaben durchgegeben, wohlformulierte, komplexe Sätze, teilweise mit einer Geschwindigkeit von bis zu einem Buchstaben pro Sekunde. Skeptiker mögen das bitte einfach mal nachmachen – wenn schon die willentliche Produktion von Einzelwörtern scheiterte.

Allerdings sieht Prof. Wolfgang Hell, Psychologe und Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat, in Kruses System höchstens einen „quantitativen Fortschritt, mehr aber auch nicht“.

Im neuen Skeptiker (2/2020) nennt Hell die Ergebnisse des Heidelbergers Informatikers „alten Wein in neuen Schläuchen“. Dass Kruse mit der ideomotorischen Interpretation unzufrieden sei, liege möglicherweise auch daran, dass er nur die Wikipedia zitiere, nicht aber vertiefte Arbeiten zum Thema, etwa von Shin und Stock.

Zwar liefere der Apparat eine regelrechte Flut von neuen Daten. Doch diese böten keinen Anlass für eine wissenschaftliche Neubewertung des Phänomens, zumal nur ein Bruchteil der Daten überhaupt veröffentlicht sei. Und das flotte Buchstabieren sei nichts Ungewöhnliches – sofern die Teilnehmer besonders vertraut miteinander sind und das Ouija-Brett öfter benutzen, wie es bei Kruse und seiner Frau der Fall ist.

Hell:

Kruse berichtet über ein technisch eindrucksvolles, aber noch nicht ganz ausgereiftes System, bei dem die Gedankenführung von Kruse weit hinter seinen technischen Fähigkeiten zurückbleibt. Ein quantitatives Mehr an Daten bleibt qualitativ dünn und ist extrem stark selegiert. Es ist alter Wein in neuen Schläuchen, der wenig Anlass gibt, an der üblichen skeptischen Erklärung zu zweifeln und sie in Einzelpunkten sogar stärkt.

Den Skeptiker kann man gedruckt oder als E-Paper bestellen.

Zum Weiterlesen:

  • Skeptiker 2/2020: Corona, Musik-Esoterik und Hightech-Hexenbrett, hpd am 26. Juni 2020
  • Feldversuch mit Quija-Brett: „Predictive minds” kreieren die Geisterbotschaften, GWUP-Blog am 18. August 2018
  • Mehr als nur Ideomotorik? grewi-aktuell am 23. August 2019