30. Mai 2023
von Bernd Harder
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In der Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform ist ein Artikel erschienen, der fachlich fundiert die Problematik der „Satanic Panic“-Verschwörungsideologie beleuchtet – und die Folgen für tatsächliche Opfer von Sexualdelikten mitdenkt.
Die Autoren Prof. Susanna Niehaus (Hochschule Luzern) und Prof. Andreas Krause (University of Applied Sciences and Arts Northwestern Switzerland) sehen die Errungenschaften der wissenschaftlich fundierten Glaubwürdigkeitsbeurteilung in Strafprozessen durch fünf aktuelle Entwicklungen in Gefahr.
Darunter subsummieren sie auch
- die Leugnung des Phänomens der falschen Erinnerungen
- die Verschwörungserzählung von der Gedankenkontrolle durch gezielte Persönlichkeitsspaltung und Kontrolle von Persönlichkeitszuständen durch speziell geschulte Straftäter
- die Unterwanderung der Wissenschaft durch das Irrationale („rituelle Gewalt und Mind Control“).
Die beiden Forscher kritisieren in ihrem Fachartikel die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) in Deutschland, die sich auf methodisch fragwürdige Studien wie die des renommierten Hamburger Sexualwissenschaftlers Peer Briken stützt:
Die Autoren [sind] so sehr in Bestätigungsprozessen verstrickt, dass ihnen die massiven methodischen Fehler nicht auffallen.
Ein weiterer kritischer Aspekt der Studie ist die Vermischung realer und fragwürdiger Phänomene. Wer sich im wissenschaftlichen Kontext mit organisierter Gewalt beschäftigt, sollte zwischen Phänomenen unterscheiden, die zweifelsfrei existieren (z. B. Kinderporno-Ringe, sexueller Missbrauch in der Kirche), und solchen Phänomenen, deren Existenz (z. B. satanische Täterkreise, die Kinder über gezielte Persönlichkeitsspaltung und Gedankenkontrolle fernsteuern) aus neutraler wissenschaftlicher Sicht nach dem aktuellen Stand des Wissens als unwahrscheinlich angesehen werden muss.
Das Rituelle Gewalt-Mind Control-Narrativ (RG-MC-Theorie) verweisen Niehaus/Krause ins Reich der Fabel:
Dass es Täter gibt, die ihre Opfer manipulieren, steht außer Frage, allerdings muss nach dem aktuellen Stand der Forschung die Behauptung, dass bestimmte Sexualstraftäter in der Lage seien, gezielt Persönlichkeitsspaltungen bei ihren Opfern hervorzurufen, um dann deren Persönlichkeitszustände gezielt zu steuern, als wissenschaftlich unhaltbar angesehen werden.
Es gibt weder eine wissenschaftliche Theorie darüber, wie dieses Konzept namens „Mind Control“ umgesetzt werden soll, noch ernsthafte empirische Belege für eine solche psychologische Technik […] Der Mangel an Beweisen wird wiederum durch eine perfekte Verschleierung dieser Verbrechen und eine Vernetzung einflussreicher Mitglieder von Polizei, Justiz und Politik erklärt.
Auch Tschan weist darauf hin, dass mutmaßliche Fälle nicht verfolgt und registriert werden, da rituelle Gewalt kein konkreter Straftatbestand sei. Diese Argumentation ist insofern unverständlich, als regelmäßig behauptete Taten wie Vergewaltigung, Mord und Entführung in diesem Zusammenhang selbstverständlich strafbar wären, strafrechtlich verfolgt würden und daher auch in ihrem Kontext dokumentiert werden müssten.
Niehaus/Krause sehen hier „deutliche Merkmale einer Verschwörungserzählung“.
Ihr Fazit:
Es bleibt abzuwarten, ob Deutschlands Politiker bereit sind, rechtzeitig vor neuen Justizkatastrophen zu einem angemessenen Maß an Rationalität zurückzukehren.
Ein Interview zum Thema Falscherinnerungen mit Prof. Aileen Oeberst gibt’s im nächsten Skeptiker (3/2023), der Mitte Juni erscheint.
Zum Weiterlesen:
- Threats to Scientifically Based Standards in Sex Offense Proceedings: Progress and the Interests of Alleged Victims in Jeopardy, degruyter am 31. Mai 2023
- Kortizes-Vortragsvideo: „Falsche Erinnerungen und ihre Folgen“ mit Aileen Oeberst, GWUP-Blog am 12. Mai 2023
- Alptraum Heilpraktiker-Schule: Falsche Erinnerungen an Missbrauch in der Familie, GWUP-Blog am 9. Mai 2023
- Replicating a classic false memory study: Lost in the mall again, skeptic.org am 10. Mai 2023
- „Der Fall Nathalie“: Wie sich ein angeblicher ritueller Missbrauch als Satanic Panic herausstellte, GWUP-Blog am 12. November 2022
- „Satanistisch-ritueller“ Missbrauch: Die Beweisfrage wird einfach weggelächelt, GWUP-Blog am 14. April 2023