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Verschwörungstheorien: Die Heimwerker der alternativen Wissenskonstrukte

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Facebook hat einen deutschsprachigen Podcast zu Digitalisierung, Technologie und Gesellschaft gestartet.

In der ersten Folge von „Das Briefing“ geht es um Verschwörungstheorien. Zu Gast sind Pia Lamberty und Johannes Baldauf (Public Policy Manager bei Facebook).

Die Sozialpsychologin und Skeptiker-Interviewpartnerin Pia Lamberty gibt einen Crashkurs zum Thema.

Baldauf erläutert in der zweiten Hälfte des 45-minütigen Beitrags die Facebook-Richtlinien und wirft die Frage auf (ohne bereits eine Antwort geben zu können), ob „Deplatforming“ das Radikalisierungspotenzial von Verschwörungsgläubigen möglicherweise sogar noch verstärken könnte.

In einem Gespräch mit BR24 appelliert Lamberty an die Medien, Verschwörungsmythen nicht bloß als kuriose Absonderheit darzustellen, sondern verstärkt auf die gesellschaftlichen und individuellen Konsequenzen des Verschwörungsglaubens zu fokussieren.

Ihre Koautorin Katharina Nocun weist in einem Welt+-Video ebenfalls auf die Gefahren von Verschwörungstheorien hin.

Was den Umgang mit Verschwörungsgläubigen angeht, wiederholt Nocun ihren Rat, frühzeitig zu intervenieren, ein Vieraugengespräch zu suchen, emotionale Brücken zu schlagen und Fragen zu stellen, etwa „Wie geht es Dir gerade?“

Egal, wie man reagiert, das Wichtigste ist, dass man überhaupt reagiert,

sagte die Autorin beim „Zündfunk Netzkongress 2020“ gegenüber Bayern 2.

Das städtische Jugendportal Echt Fürth hat dazu ein kurzes Video produziert, das primär Fakten- und Quellenchecks empfiehlt, aber auch einräumt, dass „viele Anhänger*Innen von Verschwörungsmythen durch Gegenrede nicht mehr erreichbar“ seien:

Angehörige und Freunde sind die stärkste Waffe gegen Radikalisierung. Ein Gespräch auf Augenhöhe kann viel bringen.

Es sei nötig, das Bedürfnis und die Motive zu ergründen, weshalb das Gegenüber Halt in einer für einen selbst unverständlichen Theorie findet, erklärt auch der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Sven Steffes-Holländer bei jetzt.de.

Eine konkrete Gefahr von Verschwörungsmythen sieht die Wiener Kulturwissenschaftlerin Eva Horn im „Zerbrechen der Einheit von Wirklichkeit“:

Neben der Tatsache, dass wir weder den Klimawandel noch Corona einfach aussitzen können, hat diese Erosion von Faktizität in den letzten Jahren eine weitgehend unsichtbare Spaltung der Gesellschaft bewirkt.

Es ist eine Spaltung, die vielleicht viel gravierender ist als der Unterschied zwischen rechts und links, Arm und Reich, Migranten oder Inländern. Was wir erleben, ist eine Spaltung in inkompatible Wirklichkeiten, die nicht mehr miteinander reden können.

Mit Menschen, die sich weniger vor dem Virus fürchten als vor einer weltumspannenden Verschwörung, die dieses Virus entweder „erfunden“ oder „in die Welt gesetzt“ hat, kann man nicht mehr debattieren.

Verantwortlich dafür seien nicht zuletzt auch Pseudo-„Experten“ wie Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi, schreibt Horn in der Berliner Zeitung:

So stehen also Ärzte gegen Ärzte, und auf den ersten Blick könnte man glauben, das sei eine Debatte unter Wissenschaftlern. Wissenschaft lebt von Kontroverse, oft wird hitzig diskutiert, es werden Review-Prozesse eingeleitet und Positionen modifiziert.

Bemerkenswert ist, dass Corona-Skeptiker wie Wodarg oder Bhakdi diesen Selbstreinigungsprozess der Wissenschaft aber gerade vermeiden. Sie publizieren nicht in Journalen, die ihre Qualität durch aufwendige Review-Verfahren sichern, sondern als populäres Buch, im Fernsehen oder ein YouTube-Video.

Adressaten sind damit nicht die Fachwissenschaftler, sondern eine Öffentlichkeit, die sich durch Doktortitel und medizinisches Fachvokabular beeindrucken lässt. Was so entsteht, ist eine Debatte, die auf Laien wirken mag wie eine wissenschaftliche Diskussion. Aber sie ist es nicht.

Denn betrachtet man die Argumentationsstrategien der Corona-Skeptiker genauer, erscheint ein bekanntes Muster. Sie gleichen den Klimawandel-Skeptikern, die seit den 90er-Jahren im Dienst der Ölindustrie oder konservativer Thinktanks antraten, Umwelt-Themen so lange wie möglich als wissenschaftlich „kontrovers“ erscheinen zu lassen.

Zur Frage, warum Menschen an Verschwörungsmythen glauben, gibt’s ein kurzes Quarks-Video mit ein paar einfachen Begründungen.

Eine Studie, die im Journal of Personality (September) erschienen ist, kommt zu dem Ergebnis, dass …

… Menschen mit narzisstischen, impulsiven, distanzierten, ängstlichen oder depressiven Persönlichkeiten mit größerer Wahrscheinlichkeit an Verschwörungstheorien glauben […]

Nicht bei jedem hängen diese Dinge unbedingt zusammen. Dennoch sind das Eigenschaften, die bei verschiedenen Personen auftreten, die ihre Überzeugungen nicht in Frage stellen.

Eine Metaanalyse von 2019 in Frontiers of Psychology hielt allerdings bereits fest, dass auf diesem Forschungsgebiet eine „beträchtliche Heterogenität“ bestehe. Studien deuten darauf hin, dass Männer grundsätzlich empfänglicher sind als Frauen. Außerdem sinkt mit höherem Bildungsgrad die Neigung zu Verschwörungstheorien. Auch das Alter scheint einen gewissen Einfluss zu haben.

Vor allem Verschwörungstheorien im Internet werden von älteren Menschen häufiger geglaubt als von jüngeren. Das sind aber lediglich Tendenzen. Es gebe genauso gut hochgebildete Frauen, die an solche Theorien glauben – beispielsweise an die These, dass Impfungen Autismus auslösen.

Den typischen Verschwörungsideologen gibt es nicht,

schreiben Lamberty/Nocun in ihrem Buch „Fake Facts“:

Wir alle tragen in uns Eigenschaften, die den Glauben an Verschwörungserzählungen begünstigen – auch wenn wir dies oft nicht wahrhaben wollen.

Ein interessantes „akademisches Experiment“ unternahmen wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende der Fächer Geschichte, Soziologie, Politik- und Medienwissenschaft der Universität Konstanz, die sich unter eine große Kundgebung der „Querdenken“- Bewegung mischten. Das Material soll in den nächsten Monaten genauer analysiert werden.

Fürs Erste legten die Forschenden in der Süddeutschen Zeitung dar, dass die Corona-Demonstranten von der „Ablehnung von Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten“ getrieben würden – dahinter schälten sich jedoch auch tiefergehende Erweckungsgeschichten heraus:

Die Versicherungskauffrau, die eben noch über ihre demente Mutter sprach, wispert von Eliten, die hinter dem Lügengebäude, das sie vor Kurzem noch ihr Leben nannte, die Versklavung der Welt planten. Ein Familienvater und CDU-Mitglied ließ „sein altes Weltbild in Ruinen zurück“.

Geschichten, die im Grunde vergleichbar sind mit der „Garagenforschung“ von Flacherdlern:

Das Bauchgefühl, dass etwas mit den Infektionszahlen und Pandemie-Maßnahmen „faul sei“, ist dabei für viele der Ausgangspunkt in eine neue (überwiegend digitale) Welt des selbstgemachten, „kritischen“ Wissens.

Wiederholt hören wir von Aha-Erlebnissen im eigenständigen, „kritischen“ Denken, etwa beim Lesen eines „Nicht-Mainstream-Blogs“.

Der kleinteiligen Ausdifferenzierung der modernen Wissenschaften setzen viele „Querdenker“ Intuition und Schulmathematik entgegen. Manch einer auf der Bodenseewiese braucht nur Bleistift, Taschenrechner und Youtube, um nachzuweisen, dass die Mehrheit der Mediziner, Epidemiologen und Virologen sich schlicht verrechnet habe.

[Es] überwiegt eine selbstermächtigende Freude am Gegenwissen, an der Rolle des eigentlichen Experten. In ihrer Eigeninitiative, so drängt es sich uns in Konstanz assoziativ auf, gleichen sie eher Heimwerkern: Wie der Heimwerker sich mit eigenständig besorgten Materialien, selbsterlerntem Know-how mittels Anleitungen aus dem Internet oder Hilfe von Freunden sein Gartenhäuschen baut, setzen sich die „Querdenker“ im Austausch mit Gleichgesinnten ihre alternativen Wissens- und Wirklichkeitskonstrukte zusammen.

Entsprechend groß ist der Stolz und das Selbstbewusstsein, mit dem diese Menschen ihre Ergebnisse dann dem Gegenüber präsentieren: Auch das selbstgebaute Gartenhäuschen ist schließlich immer viel schöner als das fertige aus dem Baumarkt.

Die Eigeninitiative, Ausdauer und Frustrationstoleranz der virologischen Heimwerker ist dabei durchaus beeindruckend – und gibt vielleicht sogar Anlass zu ein wenig Hoffnung. Denn viele dieser Wissensmanufakteure sind keine hartgesottenen Verschwörungstheoretiker. Sie sind eher von der Komplexität, der Wandelbarkeit und Mehrdeutigkeit der akademischen Wissenschaft verunsichert.

Sie klammern sich an die Hoffnung, dass gesunder Menschenverstand und Intuition der akademischen Epistemologie überlegen seien. Dabei sind sie vom nachvollziehbaren Wunsch getrieben, die alte Normalität wiederherzustellen.

Und wenn sich „die alte Normalität“ auf absehbare Zeit nicht wieder herstellen lässt? Wie holt man diese Menschen ohne subjektiven Gesichtsverlust auf den Boden der Tatsachen zurück? Darauf hat das Forscherteam (noch) keine Antwort.

Auch bei allem Verständnis bleibt der Glaube an Verschwörungsmythen ein „dysfunktionaler Bewältigungsmechanismus“.

Zum Weiterlesen:

  • Was tun, wenn ein Familienmitglied Verschwörungsmythen anhängt? jetzt am 11. Oktober 2020
  • Wie wird man eigentlich zum Verschwörungsgläubigen? GWUP-Blog am 3. Juni 2020
  • „Auf dem Schlachtfeld“: Umgang mit Verschwörungsgläubigen, GWUP-Blog am 7. September 2020
  • Der schwierige Umgang mit Verschwörungsgläubigen, GWUP-Blog am 15. Mai 2020
  • Corona-Verschwörungsmythen: Phantastereien von „dunklen Mächten“ statt sachlicher Kritik, GWUP-Blog am 2. September 2020
  • Video: Was passiert, wenn man einen Verschwörungstheoretiker vor laufender Kamera ausdauernd mit kritischen Fragen konfrontiert? GWUP-Blog am 5. November 2020
  • SWR-Doku: „Querdenker, Corona-Leugner, Wutbürger – woher kommt der Frust?“ GWUP-Blog am 2. November 2020
  • Ärzte als Corona-Leugner: Mediziner beschweren sich über Berufskollegen, rnd am 5. November 2020
  • „Querdenken“-Demo am Samstag: „Bei all den Irren ist das kein Spaß mehr“, Welt-Online am 5. November 2020

5 Kommentare

  1. Die Schwurbler haben für alles eine passende Antwort: Nun sollen die Corona Intensivbettenstatistiken ‚frisiert‘ worden sein.

  2. Wieder einmal eine sehr informative Zusammenstellung von Herrn Harder. Ich frage mich bei solchen Stücken immer mal wieder, wie man wohl ein „Fleisskärtchen“ für seine Mühen organisieren könnte ;-)

    Naja… ein einfaches „Vielen Dank“ muss es dann eben auch tun…

  3. @ajki:

    Ich danke fürs Lesen und Kommentieren.

  4. @ ajki, 7. November 2020 um 11:13:

    Dem Dank an Bernd Harder möchte ich mich hier sehr gerne anschließen.

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