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„Alle unter einem Aluhut?“ – Eine Doku ohne neue Erkenntnisse

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Man schaut unwillkürlich auf den Kalender, welches Jahr wir eigentlich haben – beim Anhören des ARD-Radiofeatures

Alle unter einem Aluhut? Doku über alternative Milieus

Immer wieder sind darin Ausschnitte aus der Corona-Rede von Angela Merkel am 18. März 2020 sowie von Ken Jebsen am 9. Mai 2020 bei „Querdenken 711“ zu hören, begleitet von enervierendem Klaviergeklimper, aufdringlichen Akkordschlägen und nervnostalgischen Oldies à la Slim Whitman.

Was die freie Autorin Duška Roth in dieser knappen Stunde eigentlich vermitteln will, bleibt weitgehend hinter solchen rückwärtsgewandten Attitüten verborgen. Außer dass halt die Erklärungen von „Querdenken“-Kritikern wie Michael Blume und Andreas Speit den Verteidigungsreden von Anthroposophen wie Matthias Niedermann und Homöopathen wie Ulf Riker oder Rosina Sonnenschmidt gegenübergestellt werden.

Irgendwie will Roth ergründen, wie es sein kann, „dass Rechte die [Corona-Protest-]Bewegung kapern …, umgekehrt aber auch Homöopathen und Anthroposophen mit Rechten gemeinsam demonstrieren. Wo sind die Anknüpfungspunkte, warum fehlt da die Abgrenzung?“

Nun ist das aber zum einen weitgehend ausgeforscht (siehe „Zum Weiterlesen“).

Und zum anderen ist die Journalistin viel zu wenig in der Thematik drin, um zum Beispiel Riker auf Behauptungen wie „Die Homöopathie steht auf dem Boden der Wissenschaft“ festzunageln oder handfeste Verschwörungsmythen wie Sonnenschmidts 5G-Phantastereien als solche zu erkennen.

Zwar führt Duška Roth einen Correctiv-Faktencheck zu 5G und Corona an – aber sie scheint nicht zu bemerken, dass Riker und Sonnenschmidt ihr genau die Anknüpfungspunkte liefern, nach denen sie sucht. Jedenfalls macht die Feature-Autorin nichts weiter daraus.

Oder aber sie will die Deutung den Hörern überlassen, was überwiegend nicht funktionieren dürfte, da letztendlich nur die Rechtfertigungsplädoyers im Ohr bleiben, die natürlich alles Antiwissenschaftliche, Verschwörungsideologische, Esoterische und Querdenkerische weit von sich weisen.

Für November 2020 wäre die Sendung vielleicht noch ok gewesen. Was dieser Beitrag im November 2022 soll, erschließt sich nicht so recht.

Einen Überblick über das aktuelle Protestgeschehen gibt’s bei Welt-Online.

  • „Seit Mitte September gingen pro Woche mehr als 100.000 Menschen auf die Straße.“
  • „Bislang ist es nicht gelungen, den Protest an einem Ort zu zentralisieren. Die Demonstrierenden verteilen sich auf viele kleine Versammlungen.“
  • „Das Protestmilieu ist im Angesicht der multiplen gegenwärtigen Krisen überfordert und ringt um eine einheitliche Linie.“

Zum Weiterlesen:

  • Neue „Querdenker“-Analyse: Wenn sich das Ideal der Freiheit mit autoritärem Denken mischt, GWUP-Blog am 17. Oktober 2022
  • Studie: Anthroposophie und Alternativszene als Triebfedern der „Querdenken“-Bewegung, GWUP-Blog am 28. November 2021
  • Neue Studie: Die „Querdenker“ – Wer nimmt an Corona-Protesten teil und warum? GWUP-Blog am 24. Januar 2021
  • Neue „Querdenker“-Studie: Misstrauensgemeinschaft mit eigenwilliger Auffassung von Kritik, GWUP-Blog am 25. Dezember 2020
  • Verschwörungstheorien: Die Heimwerker der alternativen Wissenskonstrukte, GWUP-Blog am 5. November 2020
  • Studie zu „Querdenken“ in BaWü: Esoterik als Nährboden für Proteste, taz am 22. November 2021
  • Studie: „Querdenker“ im Südwesten sind anders als im Osten, Zeit-Online am 22. November 2021
  • Der gemeinsame Nenner von Homöopathie, Esoterik und Verschwörungstheorien, GWUP-Blog am 17. Oktober 2020
  • Esoterik in der Corona-Krise: Ganzheitliche Sinnsuche oder Gefahr für die Demokratie? GWUP-Blog am 16. Januar 2021
  • „Herzmenschen“ und Naturverklärer: Warum laufen Esoteriker und Homöopathen bei Anti-Corona-Demos mit? GWUP-Blog am 28. März 2021
  • Proteste: Von der Corona-Krise zum Wut-Winter – Aluhut-Träger und die Mitte der Gesellschaft, GWUP-Blog am 4. September 2022
  • Mehr als 100.000 Demonstranten in jeder Woche – „stabiler Kern extremistischer Kräfte“, Welt-Online am 7. November 2022

8 Kommentare

  1. „Seit Mitte September gingen pro Woche mehr als 100.000 Menschen auf die Straße.“

    ROFL

    Ich würde sogar fest davon ausgehen das seit Mitte September pro Woche mehr als 40 Millionen Menschen pro Woche auf die Straße gegangen sind.

  2. Oh Mann. Das war nichts – oder überflüssig.

    Nora Pösls fundierte Analyse der Zusammenhänge zwischen „rechts“ und „alternativ“ ist bereits im April 2020 erschienen. Danach jede Menge Ergänzendes. Und das ist der Autorin ein Rätsel?

    Beim Anhören verzweifelt – diesmal kombiniert: wenig Meinung, wenig Fakten, wenig Wissen. Herrn Riker auch noch Gelegenheit zu geben, die Homöopathie „auf dem Boden der Wissenschaft“ zu verorten – keine Worte.

    Vergessen wir es.

  3. „Demo in Altenburg Frieden, Freiheit, Verschwörungsideologie“:

    https://www.belltower.news/demo-in-altenburg-frieden-freiheit-verschwoerungsideologie-142361/

  4. „Viel Verschwörung, kaum Fakten: Besuch bei Querdenker-Ausstellung in Stuttgart“:

    https://www.zvw.de/stuttgart-region/viel-verschw%C3%B6rung-kaum-fakten-besuch-bei-querdenker-ausstellung-in-stuttgart_arid-576893

  5. Aus dem Interview mit Duška Roth zum Radiofeature wird manches klarer:

    Sie akzeptiert einerseits den Individualentscheid für „Alternativmedizin“, hält das aber im gesellschaftlichen Kontext als Entscheidungsbasis für problematisch – soweit, so nachvollziehbar.

    Sie geht allerdings tatsächlich bis zu einem gewissen Grad den Interviewten aus Homöopathie und Anthroposophie in deren Selbsterzählung von Ganzheitlichkeit und Wissenschaftlichkeit auf den Leim. Das rückt Palina Milling als Interviewende hier recht gut gerade und benennt z.B. den impliziten Vorwurf fehlender Ganzheitlichkeit in der Medizin seitens der Pseudomedizin als bar jeder Grundlage (sinngemäß).

    Schade, dass es dazu zusätzlicher 28 Minuten bedurfte und Duška Roth das nicht in ihrem Feature klar abhandelte. Sie scheint sehr auf gesellschaftlichen Konsens/Ausgleich bedacht, ihre Kritik kommt im Feature vielleicht nur durch die atonale Musik jeweils nach O-Tönen zum Vorschein.

    Das ist etwas wenig.

  6. https://www.ardaudiothek.de/episode/das-ard-radiofeature/alle-unter-einem-aluhut-gespraech-mit-der-journalistin-duska-roth/ard/12061683/

    Hier wird manches geradegerückt. Das hätte allerdings auch im Feature schon gesagt werden können.

  7. @Magda Eckstein

    Sie scheint sehr auf gesellschaftlichen Konsens/Ausgleich bedacht, ihre Kritik kommt im Feature vielleicht nur durch die atonale Musik jeweils nach O-Tönen zum Vorschein.

    Vielleicht unterliegt einem Phänomen, welches man zur Zeit des häufigeren in den Medien bei Reportern, Journalisten und Talkshow-Gastgebern beobachten kann: dem der „false balance“.

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e1/Karikatur_Falsche_Ausgewogenheit.png/1024px-Karikatur_Falsche_Ausgewogenheit.png

  8. @RPGNo1:

    Ja, so scheint’s.

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