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Im #ferngespräch: „Satanic Panic – Echtes Leiden, falsche Fakten“

| 9 Kommentare

Heute Abend (Dienstag, 20 Uhr) im #ferngespräch bei twitch.tv/wildmics:

Die meisten von Euch werden schon davon gehört haben: Menschen – insbesondere Kinder – würden in satanistischen Ritualen gequält, geopfert, und das über Jahre hinweg. Wer davon überzeugt ist, dass ihm so etwas angetan wurde, leidet real. Warum das trotzdem nicht automatisch bedeutet, dass die Geschichten wahr sind und welche Hintergründe das hat, besprechen wir im #ferngespräch Livestream Talk über die sogenannte „Satanic Panic“.

Neben der neuen EZW-Broschüre

False Memory – In der Therapie „wiedergefundene“ Erinnerungen

gibt es im Tagungsband 2019 der „Initiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus“ den Erfahrungsbericht einer jungen Frau, die bei einer Psychotherapie erlebt hat, wie Pseudo-Erinnerungen an rituellen Missbrauch und eine angebliche Dissoziative Identitätsstörung von der Therapeutin induziert werden.

Ein Auszug:

  • Während der zweiten Testung wurde ich plötzlich gefragt, ob ich mich prostituieren würde (zur Erklärung: Ein solcher Hintergrund wird bei der Diagnose DIS häufig vermutet, gehört quasi zur Grundannahme dazu).

Ich: „Nein, natürlich nicht!“

Therapeutin: „Woher wollen Sie denn wissen, dass Sie sich nicht prostituieren?“

Ich: „Ich würde doch wissen, ob ich mich prostituiere!“

Therapeutin: „Wenn eine andere Person von Ihnen sich prostituieren würde, würden Sie davon ja nichts mitbekommen.“

Ich: „Ich würde doch wissen, ob ich mich prostituiere!“

Therapeutin: „Ja, woran würden Sie das denn merken, dass Sie sich prostituieren?“

  • Im Nachhinein ärgere ich mich noch heute, dass ich nicht gegangen bin oder zumindest bei meinem Standpunkt geblieben bin. Stattdessen bin ich mit dieser Art der Argumentation mitgegangen.

Ich: „Ich hätte dann ja wohl so etwas wie Reizwäsche.“

Therapeutin: „Es könnte ja sein, dass die andere Person das bei ihrem Zuhälter aufbewahrt.“

Ich: „Ich hätte mehr Geld.“

Therapeutin: „Es könnte ja sein, dass eine andere Person von Ihnen ein anderes Bankkonto hat.“

  • Meine Therapeutin hatte das mystische Bild von DIS im Kopf. Gefühle, Gedanken, Reaktionen, jede noch so kleine Veränderung waren ein Hinweis auf eine Person. Es gab immer wieder Gespräche wie:

Therapeutin:  „Oh, wer ist denn jetzt da?“

Ich: Ja, ich.

Therapeutin: Wer ist denn ich?

Ich: Ja, ich.

Therapeutin: Hat dieses Ich denn auch einen Namen?

Ich: Nein!

Therapeutin: Sie müssen mir Ihren Namen nicht nennen, aber es würde mir helfen, sie auseinander zu halten.

Der Beitrag widerlegt eindrucksvoll die Behauptung, so etwas wie „Manipulation oder Indoktrination von igendwelchen falschen Erinnerungen“ gäbe es in dieser speziellen Szene von „Traumatherapeuten“ nicht, wie auch hier im Kommentarbereich immer wieder geschrieben wird.

Den Artikel mit einer ausführlichen fachlichen Einordnung gibt es auch auf der Seite vom Sekteninfo NRW.

Update vom 24. Juni: Das #ferngespräch gibt es jetzt auch als Podcast.

Zum Weiterlesen:

  • Zersplitterung nach Therapie, Sekteninfo NRW am 16. April 2020
  • Die „Satanic Panic“, ihre Oper und die Aufklärung, GWUP-Blog am 3. September 2018
  • Satanisch-ritueller Missbrauch im Skeptiker: „Es geht nicht um das Bedienen der Glaubensfrage“, GWUP-Blog am 3. Oktober 2019
  • Rituelle Gewalt aus psychologischer Sicht, EZW-Materialdienst 8/2019
  • Rituelle Gewalt in satanistischen Gruppen – ein populärer Mythos? EZW-Materialdienst 7/2019
  • Ritueller Missbrauch im Satanismus? Rezension zum Fachbuch „Das trügerische Gedächtnis“ von Julia Shaw, remid am 12. Juni 2018
  • Ritueller Missbrauch im Satanismus, Sekteninfo NRW am 20. März 2006
  • Skepkon-Video: Der Mythos vom satanisch-rituellen Missbrauch, GWUP-Blog am 13. Juni 2018
  • „Erklärvideo“ des BMFSFJ zur sexualisierten Gewalt gegen Kinder verbreitet Verschwörungstheorie, EZW-Newsletter am 24. März 2020
  • Pädo-Satanisten: eine Verschwörungstheorie aus Übersee, mimikama am 4. Juni 2018

9 Kommentare

  1. Was ich mich immer wieder wundere: Woher glauben solche „Therapeutinnen“ eigentlich zu wissen, dass ausgerechnet Satanisten hinter der Geschichte stecken? Warum nicht Aliens? Vampire? Clowns?

    Oder vielleicht anders formuliert: Wie würden die im Rahmen ihrer „Therapie“ zwischen rituellem Missbrauch durch Satanisten und Entführungen durch Aliens unterscheiden?

  2. @Palarran

    Das Themengebiet der „satanic panic“ stammt ursprünglich aus den USA und zieht einen großen Teil seiner Motivation aus alten christlichen Motiven.

    The underpinnings for the contemporary moral panic were found in a rise of five factors in the years leading up to the 1980s: the establishment of fundamentalist Christianity and political organization of the Moral Majority; the rise of the anti-cult movement which spread ideas of abusive cults kidnapping and brainwashing children and teens; the appearance of the Church of Satan and other explicitly Satanist groups that added a kernel of truth to the existence of Satanic cults; the development of the social work or child protection field, and its struggle to have child sexual abuse recognized as a social problem and a serious crime; and the popularization of posttraumatic stress disorder, repressed memory, and corresponding survivor movement.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Satanic_ritual_abuse

  3. Mir ist beim Lesen (ächz…) des langen Beitrag bei Sekten-Info NRW besonders das völlig geschlossene und für mich als Laien teils geradezu absurd-grotesk scheinende System der Immunisierung gegen Kritik und rationale Einwände aufgefallen, dass die DIS-affinen TherapeutInnen zugunsten ihres „therapeutischen Ansatzes“ da offenbar aufgebaut haben.

    Dies allein ist schon genug Anlass zu mehr als kritischer Distanz. Addiert man dann noch die Hilfsbedürftigkeit (und teils Abhängigkeit) der Betroffenen von dieser Therapeutenszene, bin ich aus Laiensicht geneigt, von Missbrauch zu sprechen.

    Bezeichnenderweise hinken wir in Deutschland mal wieder den USA hinterher – dieses Stumpfgleis psychotherapeutischer Bemühungen endete dort längst in so manchem Prozess und in zweifellos noch weit mehr außergerichtlichen Vereinbarungen, in denen Betroffene, aber auch Angehörige Schadenersatz (nach amerikanischem Recht) durchsetzen konnten.

  4. @Palarran:

    Im Kern geht es wohl in der Tat darum, dass „Satanisten“ – vor allem in den USA – die gängigste Projektionsfläche für „Therapeuten“ sind, die sich in einem apokalyptischen „Gut gegen Böse“-Kampf wähnen.

    Was genau „Satanisten“ sind und tun, weiß eh keiner – also sind das halt „Teufelsanbeter“, und die opfern halt kleine Kinder, so wie man es aus dem Mittelalter mal irgendwo gehört oder gelesen hat.

  5. Leider ist dieses Phänomen nicht auf die USA beschränkt.

    In meinem nächsten Umfeld sind Frauen Opfer derartiger Therapien geworden und ich gehöre zu den Beschuldigten. Unter den verantwortlichen Therapeuten ist auch eine Therapeutin, die ein Buch über multiple Persönlichkeiten geschrieben hat und die für ihre großen Verdienste sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen hat.

    Das Trauma-Institut Mainz hat einen Bericht zu rituellem Missbrauch veröffentlicht (2007), der zwar wissenschaftlich tut, aber keineswegs wissenschaftlich ist. Darin werden allein in Rheinland-Pfalz 67 Fälle rituellen Missbrauchs mit insgesamt 16 Tötungsdelikten zwischen 1992 und 2007 angegeben. Leider haben (natürlich) die Strafverfolgungsbehörden die Fälle nicht feststellen können.

    Und leider scheint auch der Bundes-Missbrauchsbeauftragte diesen Geschichten glauben zu schenken. Jedenfalls hat sein zuständiges Ministerium eine Konferenz zur rituellem Missbrauch mit all den einschlägig bekannten Protagonisten unterstützt.

  6. „Und leider scheint auch der Bundes-Missbrauchsbeauftragte diesen Geschichten glauben zu schenken. Jedenfalls hat sein zuständiges Ministerium eine Konferenz zur rituellem Missbrauch mit all den einschlägig bekannten Protagonisten unterstützt.“

    Da wäre vielleicht mal etwas Aufklärungsarbeit seitens der GWUP direkt bei den Verantwortlichen solcher Entscheide angezeigt.

  7. Das sind wir seit langem dran – sehr schwierig, sehr dicke Bretter.

  8. Ein Freund hat mir einen Link zu einem YouTube Video geschickt, das ihr sicher kennt:
    https://youtu.be/bmP0NwRVQH0

    Könnt ihr dazu was sagen/schreiben ? Mein Freund ist anfällig für Verschwörungs-geschwurbel (Ken Jebsen), aber ich hab ihn noch nicht aufgegeben…

    Das Konzept der False Memories ist mir klar, aber vielleicht gibt es zu dem Video ja schon eine Erwiderung, das würde mir helfen.

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