Waldorf-Rechenkünste in Sachen Masern: ungenügend

Ein Gastbeitrag von André Sebastiani

Eigentlich war das Ziel der WHO, dass die Masern in Europa bis 2010 ausgerottet sein sollten.

Die Realität sieht leider anders aus.

Die Masernepidemie in Berlin hat einen neuen Höchststand erreicht und auch an der Waldorfschule Sankt Augustin im Rhein-Sieg-Kreis kam es zu einem Masernausbruch.

Betrachtet man die Masernausbrüche der letzten Jahre, so fällt auf, dass die Masern infolge geringer Impfquoten häufig an Waldorfschulen grassieren.

Beim jüngsten Fall in Sankt Augustin hatten 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler keinen ausreichenden Impfschutz gegen Masern.

Demgegenüber lag im gesamten Rhein-Sieg-Kreis die Impfquote unter den Erstklässlern bei 90 Prozent.

Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, die die Pressesprecherin des Bundes der Freien Waldorfschulen, Celia Schönstedt, aber nicht wahrhaben möchte. Auf Twitter entspann sich eine Diskussion, die nicht nur über die Haltung zu Impfungen Bände spricht.

Frau Schönstedt mischte sich über den offiziellen Twitteraccount des Bundes der Freien Waldorfschulen in meine Diskussion mit einem Impfgegner ein und verlinkte ein impfkritisches Video.

In dem Video kommen die bekannten Impfkritiker Martin Hirte, Steffen Rabe und Georg Soldner zu Wort. Alle drei sind Autoren des „Wuppertaler Manifests“, eines impfkritischen Pamphlets.

Für Frau Schönstedt und den Bund der Freien Waldorfschulen geben die Aussagen im Video den Stand der Wissenschaft wieder, denn „es werden auch aktuelle Studien genannt in den Vorträgen“.

Wohl nur wer die Anthroposophie für eine Wissenschaft hält, kann auch zu solch einer irrigen Überzeugung kommen (zum Vergrößern anklicken):

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Ein paar Tage später entspann sich eine längere Diskussion mit Frau Schönstedt über den Twitteraccount @Waldorfschule.

Die Zeit hatte in einem Online-Kommentar behauptet, die geringe Impfquote an Waldorfschulen sei bloß ein Mythos, und ich schrieb dazu, dass schon ein wenig Recherche ausgereicht hätte, um diesen angeblichen “Mythos” belegt zu finden.

Das rief Frau Schönstedt auf den Plan:

waldorf_2

Mein Hinweis, dass sich aus der Relation der Masernfälle an Waldorfschulen zu der Gesamtzahl an Masernerkrankungen ein aussagekräftiges Bild ergibt, forderte Frau Schönstedt zu diesem Statement heraus:

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Das stimmt soweit.

Allerdings muss man wissen, dass die Schulform von an Masern erkrankten Kindern nicht erhoben wird. Das heißt, dass die Zahlen, die zum Beispiel bei Psiram genannt werden, aus Presseberichten oder -erklärungen stammen. Die Dunkelziffer dürfte also weit höher liegen.

Ich twitterte dies zusammen mit dem Hinweis, dass ja auch nur rund ein Prozent der Schüler auf Waldorfschulen gehen, woraufhin Frau Schönstedt umgehend antwortete:

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Wie man Zahlen einrechnet, die gar nicht erhoben werden, bleibt das Geheimnis von Frau Schönstedt. Rechnen und Statistik scheinen nicht unbedingt zu ihren Stärken zu zählen, scheint sie doch zu glauben, mit dem (richtigen) Hinweis auf die falsche Referenzgröße ein schlagendes Argument zu haben.

Rechnen wir also nach:

Laut Statistischem Bundesamt gab es 2013 rund 82 000 Waldorfschüler. Bei 80,8 Millionen Bundesbürgern im Jahr 2013 machten Waldorfschüler also nur rund 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Wenn diese 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung aber 2013 (mindestens) 4,8 Prozent aller Masernerkrankungen in Deutschland erlitten, heißt das, dass Waldorfschüler ein (mindestens) 48 mal höheres Risiko tragen, an Masern zu erkranken.

Eine gewaltige Quote.

Waldorfschulen sind immer wieder die Keimzellen von epidemischen Masernausbrüchen. Diese Ausbrüche sind ein sichtbares Zeichen für den antiwissenschaftlichen und antiaufklärerischen Geist, der die Waldorfschulen umweht.

Selbst die Pressesprecherin hat kein Problem damit, gefährliche Halb- und Unwahrheiten über das Impfen über den Twitteraccount des Bundes der Freien Waldorfschulen zu verbreiten.

Das treffende Fazit eines an der Diskussion beteiligten Twitter-Users:

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Zum Weiterlesen:

  • Waldorfschulen als Brustätte für die Masern, GWUP-Blog am 11. Juli 2013
  • Masern an der Waldorfschule: RKI zeichnet den Fall nach, GWUP-Blog am 22. August 2014
  • Masernausbrüche an Waldorfschulen bei Psiram
  • Herr Steiner, die informierte Ministerin und die Masern, dieausrufer am 3. Februar 2013
  • Schöner sterben mit Steiner, derFreitag am 1. März 2015
  • Schluss mit lustig: US-Comedian legt sich mit Impfgegnern an, GWUP-Blog am 7. März 2015
  • Impfgegner drehen durch: immun gegen jede Vernunft, GWUP-Blog am 1. März 2015
  • Was tun gegen Impfgegner? Jetzt sind Emotionen gefragt, GWUP-Blog am 18. Februar 2015
  • Impft euch! taz am 8. März 2015
  • “Impfung gegen Masern verhindert viel Leid”, Focus-Online am 8. März 2015
  • Helmholtzplatz und Kreationismus, Böss in Berlin am 8. März 2015
  • Masern für den Prenzlauer Berg, The European am 8. März 2015
  • Wie Impf-Gegner die Masern reanimieren, defacto vom 8. März 2015
  • Bist du geimpft oder wohnst du in Prenzlauer Berg? Tagesspiegel am 3. März 2015
  • Die meisten Masern-Kranken sind Jugendliche oder Erwachsene, Spiegel-Online am 9. März 2015
  • Faktencheck Masern: Mythen der Impfgegner, Spiegel-Online am 3. März 2015
  • Fatales Natürlichkeitsdenken der Impfgegner, GWUP-Blog am 11. Mai 2014
  • Reizthema Impfen: Der Hang zu abstrusen Heilslehren, profil am 24. Februar 2015

14 Kommentare zu “Waldorf-Rechenkünste in Sachen Masern: ungenügend”


  1. 1 Andreas Lichte 10. März 2015 um 06:29

    Wer sein Kind ohne Masern-Impfung in die Waldorfschule schickt, WILL, dass sein Kind die Masern bekommt.

  2. 2 Catweazle 10. März 2015 um 08:02

    Also ich glaube den Zahlensalat von Frau Schönstedt erst, wenn sie mir das glaubhaft vortanzen tut.

  3. 3 Andreas Lichte 10. März 2015 um 08:29

    … aber Celia Schönstedt und Henning Kullak-Ublick machen das schon geschickt:

    mit ihrer demonstrativ zur Schau gestellten Naivität fallen sie nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern lassen ihre Weltanschauung eher still und heimlich in ihre Arbeit einfließen. “Ähnlich wie auch bei anderen Sekten ist das ein schleichendes Gift, dessen Wirkung man oft erst merkt, wenn es fast zu spät ist”

  4. 4 jogo 10. März 2015 um 10:54

    Vorweg: Ich bin kein Impfgegner. Meine Kinder sind geimpft, auch gegen Masern.

    Zum statistischen Zahlenwust von oben möchte ich anmerken: Frau Schönstedts Hinweis, die 1775 Masernfälle auf die Gesamtbevölkerung zu beziehen lässt die Waldorfschüler weit schlechter dastehen, als es der Realität entspricht. Weil die meisten Masernfälle Kinder betreffen dürften wäre es sinnvoller auch nur mit Kindern zu vergleichen. Dann käme sicher kein 48x höheres Risiko an Masern zu erkranken für Waldorfschüler im Vergleich zu anderen Schülern heraus.

    (Ich hoffe es ist einiermaßen verständlich was ich meine.)

  5. 5 Bernd Harder 10. März 2015 um 11:10
  6. 6 Werner 10. März 2015 um 12:41

    @Catweazle
    Bitte die Eurythmie nicht lächerlich machen, die kann nämlich einiges leisten.

    Auf der Demeter-Webseite finden Sie im Bereich “Wissenschaftliche” Arbeiten eine knallharte, faktenbasierte Untersuchung zum Thema “Beeinflussung des Pflanzenwachstums durch Eurythmie am Beispiel Kopfsalat”.
    Da wurden die Sprößlinge vor dem Auspflanzen betanzt und es wurden in der zweiten! Salatgeneration messbare Unterschiede beim Wachstum festgestellt.

    http://www.lebendigeerde.de/fileadmin/lebendigeerde/pdf/2012/Forschung_2012-6.pdf

    Ich sage nur: so muß Wissenschaft ;-)

  7. 7 gnaddrig 10. März 2015 um 13:16

    @ jogo: In einer ungeimpften Bevölkerung würden Masern wohl tatsächlich hauptsächlich Kinder betreffen, weil die meisten Erwachsenen nach durchlaufener Erkrankung immun wären.

    @ Werner: Außerdem kann Eurhythmie sicher auch als Notkommunikationssystem verwendet werden. Es funktioniert ähnlich wie früher die armeschwenkenden Telegrafen oder die Kommunikation auf See durch signalfahnenschwenkende Matrosen. Auch per Eurhythmie kann man ja Buchstaben durch Gesten oder Bewegungsabläufe darstellen. Da könnte man etwa auf dem Flaggschiff eines Kampfverbandes einen Text wie “Achtung, ganzes Geschwader, Feind auf 25km Distanz 268°, angreifen und vernichten!” eurhythmisieren und so eine Schlacht einleiten.

    Oder man hat sich in den Bergen verlaufen. Da eurhythmisiert man dann einfach “Mayday” oder “SOS” oder sonst irgendwelche Hilferufe…

  8. 8 Daniel 10. März 2015 um 14:33

    @Bernd Es erkranken zwar mehr Jugendliche und Erwachsene in absoluten Zahlen, aber es gibt ja auch mehr von ihnen. Erstens weil die Kindheit weniger Lebensjahre umfasst als das Erwachsenenalter, und zweitens weil die Geburtenjahrgänge immer schwächer werden. Die Altersgruppe der 40-49 Jährigen umfasst beispielsweise 12,5 Mio deutsche Bundesbürger, während die Gruppe der 0-9 Jährigen nur 6,7 Mio umfasst. Betrachtet man die altersgruppenspezifischen Inzidenzen, zeigt sich, dass Schulkinder etwa mit einer Inzidenz von 50 Masernfällen pro Million Schulkindern erkranken. Ab einem Alter von 20 Jahren beträgt die Inzidenz nur mehr 20 Fälle pro Million und sinkt immer weiter. (Siehe RKI, Epidemiologisches Bulletin, Nr. 48/2013, http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2013/Ausgaben/48_13.pdf)

    Wir sollten also dem Vorschlag von jogo folgen und Schulkinder mit Schulkindern vergleichen. In der RKI-Statistik (gemittelte Zahlen 2011-2013) gab es unter 8,88 Mio Kindern im Alter von 6-17 Jahren 444 Masernfälle, was einer Inzidenz von 50/Mio entspricht. Bei 82.000 Waldorfschülern entsprechen 86 Erkrankungen einer Inzidenz von ca. 1050/Mio, was ein 21-faches Risiko für Waldorfschüler bedeutet. Das ist zwar weniger als das genannte 48-fache Risiko, aber noch immer eine “gewaltige Quote”.

    Andersrum: Waldorfschüler erlitten 19,3 % der Masernfälle unter den 6-17 Jährigen, obwohl sie nur 0,92 % der Kinder in dieser Altersklasse stellen.

  9. 9 André Sebastiani 11. März 2015 um 07:01

    @Daniel:
    Man muss aber bedenken, dass man gar nicht wirklich weiß wie viele falle es tatsächlich sind. Es erscheint ja nicht über jeden Masernausbruch ein Presseartikel.

    Es wäre interessant das mal genauer zu erheben, wahrscheinlich ist da aber der Datenschutz und das Gebot der Datensparsamkeit davor.

    Frau Schönstedt schrieb auf meine Berechnung hin auch noch das 4,8% Masernerkrankungen unter Waldrofschülern ja bedeuten würden, dass 95,2% nicht mit der Waldorfschule zu tun hätten.

    Das ist natürlich auch Unsinn, denn erkrankte Waldorfschüler können ja Personen in ihrem Umfeld anstecken. Als in Bremen an der Waldorfschule im letzten Jahr Fälle von Masern auftraten war mein Jüngster noch zu jung zum Impfen.

    Da war ich schon beunruhigt. Wenn die Masern erst einmal ausgebrochen sind kann es ja reichen in der Straßenbahn zu fahren.

    Die Waldorfschulen spielen häufig schon eine entscheidende Rolle: Dort sind meistens so viele nicht geimpft, dass sich die Krankheit schnell innerhalb der Schule und von da aus auch weiter ausbreiten kann.

    Waldorfschulen sind immer wieder die Keimzellen für Masernepidemien.

  10. 10 Daniel 11. März 2015 um 13:10

    @André: Du deutest mit dem Wörtchen “mindestens” schon an, dass es wahrscheinlich mehr als die beschriebenen Fälle sind. Die “48” hast du aber aus den verfügbaren Daten abgeleitet, und zwar auf eine Art und Weise, die dich für Impfgegner nur unnötig angreifbar macht.

    Dass es unter Waldorfschülern eine geringere Impfquote und mehr Erkrankungen gibt, bestreitet hier wahrscheinlich keiner. Klarerweise haben dann auch Menschen in deren Umgebung ein erhöhtes Risiko. Aus den Daten ein 48-fach erhöhtes Risiko für Waldorfschüler abzuleiten, könnte aber als manipulativ aufgefasst werden.

    Waldorfschüler sind nicht nur gefährdet, weil sie eine Waldorfschule besuchen, sondern auch weil sie in einem Alter sind, in dem Masernerkrankungen häufiger auftreten, und überhaupt eine Schule besuchen, in der sie sich anstecken können – unabhängig vom Schultyp.
    Daher halte ich es für angebracht, nur Waldorfschüler und Nicht-Waldorfschüler zu vergleichen.

    Genausogut könnte man aus den Daten ja herauslesen, dass 20% aller Masernerkrankungen Kinder betreffen, die keine Waldorfschule besuchen (ca. 10% der Gesamtbevölkerung). Würdest du daraus die Schlagzeile machen: “Nicht-Waldorfschüler haben ein doppelt so hohes Risiko, an Masern zu erkranken?”

    Fr. Schönstedt bezieht ihre Zahlen auf die Gesamtbevölkerung und tut sich damit selbst und ihrer Argumentation keinen Gefallen. Wenn wir ihre Rechenkünste kritisieren, sollten wir ihr diesen Irrtum aber nicht nachmachen.

  11. 11 Andreas Lichte 17. März 2015 um 12:48

    Im ersten Kommentar schrieb ich: “Wer sein Kind ohne Masern-Impfung in die Waldorfschule schickt, WILL, dass sein Kind die Masern bekommt.”

    oder anders gesagt: Waldorfschule, das ist gewollte “natürliche Immunität” gegen Masern.

    Diesem Ziel kommt man gerade näher, die jüngsten Masernfälle an Waldorfschulen:

    – Waldorfschule in Sankt Augustin, Februar 2015, http://www.rundschau-online.de/rhein-sieg/gesundheitsamt-fuenf-schulkinder-in-sankt-augustin-an-masern-erkrankt,15185860,29989510.html

    – Waldorfschule Ludwigsburg, März 2015, http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ludwigsburg-zwei-schueler-an-masern-erkrankt.84ba2e8d-7535-4270-92ca-a3e8a51632a6.html

    – Waldorfschule Erfurt, März 2015, http://www.otz.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/15-Masernfaelle-an-Waldorfschule-Erfurt-207669849

  12. 12 Andreas Lichte 18. März 2015 um 06:14

    “Bereits 20 Masernfälle in Erfurt bei ungeimpften Schulkindern

    18.03.2015

    Erfurt. Die Masern breiten sich weiter aus, bestätigte am Dienstag das Erfurter Gesundheitsamt. Am Nachmittag waren aktuell 20 erkrankte und unter Verdacht stehende Kinder betroffen. Konzentriert auf die Waldorfschule in Bischleben.

    Trotzdem waren Kinder der Schule am Dienstag auch im Rathausfestsaal zum Kinderkonzert und mit den öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs.

    (…)

    Zunächst waren zwei Kinder nachweislich erkrankt, bei einem Dutzend Mädchen und Jungen bestand der selbe Verdacht. Das war allerdings schon am 6. März und konnte gut unter der Decke gehalten werden.

    (…)

    Zwei Mal kamen Mitarbeiter vom Gesundheitsamt direkt in die Schule, zur Beratung und Kontrolle der Impfausweise. Mit dem ernüchternden Ergebnis, dass nur ein Drittel der 260 Waldorfschüler geimpft ist. Ein Drittel hatte keine Unterlagen, ein Drittel verweigerte bewusst die Impfung.

    (…)”

    Quelle: http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Bereits-20-Masernfaelle-in-Erfurt-bei-ungeimpften-Schulkindern-306869720

  13. 13 klauszwingenberger 18. März 2015 um 08:36

    Die sind alle schmutzig und unterernährt, wie es an Waldorfschulen anscheinend der Brauch ist. Denn an fehlendem Impfschutz liegt es ja angeblich nicht…

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