Homöopathie im Deutschen Museum – und beim WDR

Klar, die Homöopathie als Irrlehre aus dem 19. Jahrhundert gehört auf den Kehrrichthaufen der Wissenschaftsgeschichte.

Astronomen, Physiker und Chemiker haben längst ihren esoterischen Ballast abgeworfen”,

schreiben Weymayr/Heißmann in “Die Homöopathie-Lüge”:

Sie suchen nicht mehr nach dem Einfluss der Sterne auf unser Schicksal, nach dem Perpetuum mobile oder nach einem Verfahren der Alchemie, das Dreck in Gold verwandelt.”

Und ebenso ist die Hahnemannsche Erfindung allenfalls noch von geschichtlichem Interesse.

So hatte zum Beispiel das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt vor drei Jahren eine tolle Veranstaltung, bei der szenisch ein früher Streit um die Homöopathie nachgestellt wurde.

Auch der “Nürnberger Kochsalzversuch” von 1835 ist eine Betrachtung wert:


Direktlink zum Video auf Youtube

So gesehen, kann das Deutsche Museum in München durchaus stolz auf seine “kleine homöopathische Reiseapotheke” in der Ausstellung Pharmazie im ersten Obergeschoss sein.

Befremdlich mutet indessen ein Artikel dazu an, der in der aktuellen Ausgabe von Kultur & Technik – das Magazin aus dem Deutschen Museum erschienen ist:

Similia similibus curentur”

Anstatt einer historischen Abhandlung liefert der Autor schlicht gesagt eine Jubelarie auf die Homöopathie ab.

Da ist die Rede vom “Universalgenie” Hahnemann und dessen “Schlüsselerlebnis” mit Chinarinde – ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass Hahnemann seine physiologische Reaktion – in völliger Unkenntnis der biochemischen Zusammenhänge – einfach falsch interpretierte.

Da werden ellenlang die “Grundpfeiler der Homöopathie” referiert – ohne den leisesten Hinweis, dass diese aus heutiger Sicht blanker Unsinn sind.

Dafür schmäht der Autor Klaus Gertoberens aktuelle kritische Bücher wie “Die Homöopathie-Lüge” kurzerhand als “Kampfschrift”, salbadert über “Missverständnisse und Vorurteile” und beschimpft die skeptische “Marburger Erklärung zur Homöopathie” von 1992 als irrationale “Anfeindung”.

Kaum zu glauben.

In der Selbstdarstellung von Kultur & Technik – das Magazin aus dem Deutschen Museum heißt es:

Die Zeitschrift widmet sich der Bedeutung von Wissenschaft und Technik und ihrer Wechselwirkung mit der Kultur- und Sozialgeschichte. Anspruchsvolle Themen werden von anerkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verständlich aufbereitet.”

Tja, fragt sich nur, von wem genau der “Similia similibus curentur”-Autor “anerkannt” ist?

Von den homöopathischen Interessenverbänden, für die er zum Schluss üppig Werbung macht?

Und mit “Wissenschaft” hat der Beitrag schon rein gar nichts zu tun. Eher mit Lobbyismus in Reinkultur.

Allerdings befindet sich das Deutsche Museum damit in guter Gesellschaft, denn auch das ebenfalls in München beheimatete Bayerische Fernsehen hat sich von Wissenschaft und Vernunft weitgehend verabschiedet:

  • Bayerisches Fernsehen: Nur noch PR für Pseudomedizin? GWUP-Blog am 3. Mai 2013
  • Homöopathie im BR: Peinlichkeit kennt keine Grenzen, GWUP-Blog am 24. April 2013

Wir werden sehen, ob es der WDR besser macht, der morgen (Montag, 6. Mai, 20.15 Uhr) den Beitrag

Der Gesundmacher – Homöopathie und Naturheilverfahren”

ausstrahlt.

In der Ankündigung lesen wir:

Der Gesundmacher trifft Gegner und Befürworter der Homöopathie. Seine Suche nach einem Wirksamkeitsbeweis führt Dr. Carsten Lekutat bis in die Schweiz. Und was einfache Entengrütze mit alternativer Medizin zu tun hat, das zeigt der WDR Gesundmacher.

Mit der “Entengrütze” sind wohl die homöopathischen Wasserlinsen-Versuche gemeint, über die die Schweizer Skeptiker hier berichten.

Und bis zur Sendung vertreiben wir uns die Zeit mit zwei neuen Artikeln in befreundeten Blogs:

  • Hokus-Pokus-Salbe – selber machen: Bach-Blüten und Homöopathie, Chiemgau Gemseneier am 4. Mai 2013
  • Astral quantenbeschränkt: Schon wieder Homöopathie, Psiram am 1. Mai 2013

Zum Weiterlesen:

  • Gesamtschau der Studien zur Homöopathie, Detritus am 27. April 2013
  • Homöopathie: Faszination Unwissen, Kritisch gedacht am 27. April 2013
  • Warum Homöopathie zu wirken scheint, GWUP-Blog am 9. Oktober 2011
  • Ist die Wirksamkeit der Homöopathie endlich wissenschaftlich bestätigt? Oder: Heilt Homöopathie Krebs? skeptiker.ch am 24. April 2013
  • Die homöopathischen Wissensfeinde vom Bayerischen Rundfunk, Detritus am 23. April 2013
  • Hamlet und die Physik, GWUP-Blog am 17. September 2011
  • Hamlet und der Komplementär-Maschinenbau, GWUP-Blog am 1. Mai 2011
  • Die Woche der Homöopathie – ein skeptischer Nachklapp, GWUP-Blog am 16. April 2013
  • Die Woche der Homöopathie – ein skeptischer Nachklapp 2, GWUP-Blog am 16. April 2013
  • Die Woche der Homöopathie – ein skeptischer Nachklapp 3, GWUP-Blog am 17. April 2013
  • Wer heilt, hat Recht? Falsch, GWUP-Blog am 25. Februar 2010
  • Wer heilt, hat Recht (Teil 1), GWUP-Blog am 31. August 2010
  • Wer heilt, hat Recht (Teil 2), GWUP-Blog am 9. September 2010
  • Homöopathie und Co.: “Bei mir wirkt es aber …”, GWUP-Blog am 18. Februar 2012
  • Was hat die GWUP gegen Homöopathie? Teil I, GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze, Teil II,  GWUP-Blog am 2. Februar 2011
  • Medizin ohne geistige Umweltverschmutzung,Teil III, GWUP-Blog am 3. Februar 2011
  • Homöopathie: Unmögliches muss man nicht erklären, Teil IV, GWUP-Blog am 4. Februar 2011
  • Homöopathie: Wenn Skeptiker Hoffnungen zerstören, GWUP-Blog am 18. April 2013
  • Homöopathie, Ganzheitlichkeit und die sprechende Medizin, GWUP-Blog am 20. April 2013
  • Skeptiker als Pharma-Söldner? GWUP-Blog am 21. April 2013

 

 

 

 

10 Kommentare zu “Homöopathie im Deutschen Museum – und beim WDR”


  1. 1 Ralf 5. Mai 2013 um 15:26

    Astronomen, Physiker und Chemiker haben längst ihren esoterischen Ballast abgeworfen”

    Das stimmt, da sie sich auf rein objektive Fakten stützen (wobei hier Irrtümer in einem gewissen Rahmen auch möglich sind)
    Bei der Medizin spielen aber auch die Selbstheilungskräfte eine Rolle und auch das subjektive Empfinden und deshalb gibt es auch heute noch ein großes Potenzial für Scharlatanerie.

  2. 2 crazyx 6. Mai 2013 um 08:50

    Der Titel “Homöopathie und Naturheilverfahren” lässt ja erstmal schon wenig Hoffnung aufkeimen…

  3. 3 merdeister 6. Mai 2013 um 16:05

    Im Deutschen Hygiene-Museum steht auch ein kleiner Schaukasten mit Globuli, vollkommen unkritisch in einer Halle, in der es um den menschlichen Körper geht. Am Besten ist aber das Akupunktur-Modell an dem man selbst das Chi beeinflussen kann, wenn man nur die “Nadeln” an die richtige Stelle im Schaltplan steckt.

  4. 4 Ralf 6. Mai 2013 um 20:08

    Gut, mit dieser Dokumentation kann ich leben – nicht zu vergleichen mit der Homöopathie-Werbung im Bayrischen Rundfunk…obwohl es doch tendenziell pro Alternative Heilmethoden ging…

    besonders schön fand ich den “Dr. Ekel”…höhö

  5. 5 Ralf 6. Mai 2013 um 20:33

    Zitat merdeister

    Am Besten ist aber das Akupunktur-Modell an dem man selbst das Chi beeinflussen kann, wenn man nur die “Nadeln” an die richtige Stelle im Schaltplan steckt.

    …als Kind hatte ich so ein Spiel, wenn man die richtige Antwort auf eine Frage hatte, dann leuchtete ein Licht – dafür mußte man zwei Elektroden so platzieren, daß der Stromkreis geschlossen wurde…

  6. 6 Robert 6. Mai 2013 um 21:12

    Naja. Leidlich seriös, wenngleich mir das gebetsmühlenartige “Schulmedizin” schon sehr auf den Geist ging.

    Und das Wasserlinsen-Experiment ist vor allem wohl ein Beispiel für massierte Daten: es macht auf mich am ehesten den Eindruck, dass hier Ergebnisse “wegdiskutiert” wurden, und dann am Ende –Überraschung!– ein positives Gesamtergebnis übrig blieb.

    Es sollte mich sehr wundern, wenn hier nicht eine Rückkopplung der Ergebnisse auf die Auswahl der Potenzen und die Auswertungsmethodik passiert wäre.

    Das wurde leider im Bericht nicht angesprochen, aber immerhin, dass “alternative” Verfahren zwar ggf. ihre Existenzberechtigung haben (was im Unterschied zu Schamanenkunst wie Homöopathie sogar stellenweise stimmen mag), aber eher als Ergänzung der Behandlung, nicht als Konkurrenz zur bösen “Schulmedizin”.

  7. 7 Ralf 6. Mai 2013 um 21:28

    @Robert
    Ja, das mit den Wasserlinsen…besonders unseriös fand ich dann auch noch…”wir haben noch mehr Experimente laufen…aber das ist “Top Secret”…oh man, wie wenn hier eine Million Patente schlummern würden…ich denke mal, die Homöopathie ist patentfrei, oder?

    Die “Erklärung der Wirksamkeit” würde maximal einen Nobel-Preis geben. ca. 1,1 Million – das sind Peanuts ;-)…dafür muß man keinen “James Bond” ‘raushängen lassen…LOL ;-)

  8. 8 langsamdenker 7. Mai 2013 um 07:36

    Mir hat an der Sendung im WDR gefallen, dass deutlich ausgesprochen wurde: Homöopathie ist kein Naturheilverfahren. Ansonsten war die Sendung für WDR-Verhältnisse ganz gut. Der “Gesundmacher” ist halt auch auf Quoten angewiesen, daher war eine deutlichere Positionierung gegen die Glaubensmedizin für ihn wohl nicht oportun. Was ich jedoch schwer ärgerlich fand, war die Tatsache, dass es zu den Experimenten der Schweizer Forscher keine skeptischen Gegenposition mehr im Beitrag gab. Kann man den Gesundmacher nicht zur Skeptiker-Konferenz einladen? Das wäre doch mal gute Medizinerweiterbildung.

  9. 9 swilde 7. Mai 2013 um 18:57

    @Robert
    Die Sendung habe ich nicht gesehen (ein “leider” kann ich mir angesichts der anderen Kommentare an dieser Stelle nicht abringen).

    Aber zu den Wasserlinsen: “massierte Daten” dürfte es ganz gut treffen, wenn ich mir die Zusammenfassung zu dem Versuch unter
    https://www.skeptiker.ch/ist-die-wirksamkeit-der-homoopathie-endlich-wissenschaftlich-bestatigt-und-heilt-homoopathie-krebs/
    (etwas weiter unten, Überschrift “Homöopathie und Wasserlinsen:…”)
    ansehe ist es recht offensichtlich, dass einige (unerwünschte) Daten die Massage wohl nicht überlebt haben…

  10. 10 Norbert Aust 7. Juli 2013 um 22:30

    Ich weiss, ich komme jetzt reichnlich spät daher aber irgendwie habe ich diesen Beitrag erst jetzt gefunden. .

    Daher nur ein kurzer Hinweis:
    Meines Erachtens hatten die Schweizer Forscher garnicht die MEsstechnik zur Verfügung, Unterschiede in den Wachstumsraten von 2 % und darunter zweifelsfrei zu ermitteln. Dies hätte erfordert, den Durchmesser eines ca. 5mm großen Blattes mit einer Genauigkeit von deutlich unter 0,01 mm zu messen. Ob man dann dem Zufall nachgeholfen hat, indem man die zu den Ergebnissen passenden Versuchsdaten aus dem vorhandenen Pool auszuwählen, ist natürlich nicht mit Bestimmtheit zu sagen.

    Näheres in meinem Blogbeitrag:
    http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=280

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