gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Gehen oder bleiben? Natalie Grams und Christian Lübbers diskutieren in der FAZ

| 5 Kommentare

Heute in der FAZ:

Ein Pro-und-Kontra von Christian Lübbers und Natalie Grams.

Lübbers schreibt:

Ja, auch ich habe mit dem Gedanken gespielt, meinen Account zu deaktivieren. Aber diese freiwillige Aufklärungsarbeit ist für mich ein Zeichen von Zivilcourage […]

Da die Polizei aktiv auf mich zukam, fiel es mir leicht, diese Vorgänge auch zur Anzeige zu bringen. Ich ermutige alle Kolleginnen und Kollegen, justiziable Dinge nicht zu tolerieren, sondern anzuzeigen.

Es ist auch gut für die Psychohygiene, das Thema so outsourcen zu können. Man bekommt eine Hate-Mail, prüft sie auf justiziable Inhalte, macht die Beweis­sicherung und bringt sie zur Anzeige.

Positiv auf die Resilienz wirkt sich aus, dass man ernst genommen wird – und das scheint ja leider bei Lisa-Maria Kellermayr nicht so gewesen zu sein.

Die Meldefunktionen bei Twitter, aber auch auf Bewertungsportalen sollten dringend verbessert werden. Wenn mir da ein Querdenker, der nie meine Praxis aufgesucht hat, eine Bewertung schreibt – dann steht die da erst mal über Wochen. Twitter plant wohl eine neue Funktion gegen Fake News, das kann ich nur begrüßen.

Grams schreibt:

Die Ideologie hat auf Twitter ge­wonnen. Es geht oft nur noch darum, den Gegner zu zerstören. Viele meiner Kollegen, Männer wie Frauen, die dort aktiv sind, empfinden das so.

Ich war ja anders als Dr. Kellermayr in der glücklichen Position, dass ich mich viel besser ­schützen konnte als sie, da ich im Public-Health-Bereich und somit in einem Büro arbeite und nicht in einer Praxis Patienten behandele. Aber auch ich bin auf Zugfahrten froh um die Maske: nicht nur wegen Corona, sondern auch, damit ich nicht so leicht erkannt werde.

Aber noch einmal: Ich verlasse Twitter nicht nur aus Selbstschutz, sondern in erster Linie, weil ich aufklären und einen wissenschaftlichen Diskurs will. Das ist dort nicht mehr möglich, da wird vor allem gehetzt.

Wenn man bedenkt, dass Twitter ja auch ein Abbild der Gesellschaft ist, ist das sehr niederschmetternd. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Es ist ein Abgrund. Schlimm genug, aber wenn die Plattform, wenn Politik und Justiz das so weiterlaufen ­lassen, dann werden die Täter geschützt. Dass erst ein Mensch zu Tode kommen muss, damit jetzt alle aufgerüttelt werden, erschüttert mich zutiefst.

Ich werde jedoch jetzt nicht verstummen, nur weil ich nicht mehr auf Twitter bin. Ich habe weiterhin etwas zu sagen, aber ich gehe dahin, wo Aufklärung noch Sinn macht.

Zum Weiterlesen:

  • Ärzte auf Twitter : „Es geht oft nur noch darum, den Gegner zu zerstören“, FAZ+ am 8. August 2022
  • Natalie Grams, Christian Lübbers und Christian Kröner über Drohungen und Hass im Netz, GWUP-Blog am 7. August 2022
  • Der Fall Kellermayr und die Folgen: „Ich möchte eigentlich nur noch schreien“, derStandard am 6. August 2022
  • „Ich bekam Zuschriften wie: Wir hängen dich auf“, Zeit-Online am 4. August 2022
  • Spiegel (online) über Anwalt Jun, Natalie Grams und Anke Staffeldt, GWUP-Blog am 3. August 2022
  • Interview: Natalie Grams über Lisa-Maria Kellermayr und die Löschung ihres Twitter-Accounts, GWUP-Blog am 3. August 2022
  • Dr. Janos Hegedüs: „Wir müssen zusammen weiterkämpfen“, GWUP-Blog am 3. August 2022
  • Dr. Lisa-Maria Kellermayr – wie geht es jetzt weiter? GWUP-Blog am 1. August 2022

5 Kommentare

  1. Passend zum Thema läuft heute (08.08.2022) abend im Ersten die Doku „Bekenntnisse eines Haters“:

    https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/rabiat/sendung/bekenntnisse-eines-haters-100.html

    Das Video dazu ist bereits in der Mediathek abrufbar: https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/rabiat/videos/bekenntnisse-eines-haters-video-100.html

  2. Die taz hat das Themenfeld „Hass im Netz“ noch breiter gezogen, hier einer der Texte:

    https://taz.de/Hass-im-Netz/!5870039/

  3. Wenn alle Leute Twitter verlassen, die Ziel von Angriffen sind, oder mit diesen Angriffen nicht einverstanden sind, dann hat Twitter verloren, denn dadurch verliert der Dienst seine Profitabilität. Dieser Exodus würde Twitter zwingen, etwas dagegen zu unternehmen, denn sonst suchen sich die Hater und Trolle einfach die nächsten Opfer, die dann auch wieder weggehen und so weiter.

    Ich plädiere deshalb dafür, solche Plattformen konsequent zu meiden und den Diskurs an anderer Stelle zu führen.

    Diejenigen, die auch an einem Diskurs interessiert sind, werden in diesem Falle ganz schnell erkennen, dass sie bei Twitter an der falschen Stelle sind, und dem ernsthaften Diskurs dorthin folgen, wo er stattfindet.

    Die Hater und Trolle bleiben unter sich.

  4. Ich sehe die beiden Beiträge in der FAZ keineswegs als ein „Pro und Contra“ an, die Protagonisten diskutieren auch gar nicht – beide vertreten legitime, begründete und nachvollziehbare persönliche Positionen. Beide reflektieren ihre Position in hohem Maße und ich zweifle nicht daran, dass beide der Position des jeweils anderen Respekt zollen.

    Allen, die nicht selbst im Feuer stehen,fällt es leicht, nach einem „man darf den … nicht das Feld überlassen“ zu rufen. Auch Natalie Grams überlässt niemandem „das Feld“, sie wird weiter aufklärerisch agieren. Nur eben (derzeit) nicht auf social media. Sie hat mit dem Echo, das ihr Zurücktreten von der Twitter-Front ausgelöst hat, mindestens genauso zum Problembewusstsein beitragen wie mit einem stillen Bleiben, das – wie sie ja auch sagt – immer von einer gewissen Schere im Kopf begleitet wäre.

    Und genau das sagt ja auch Dr. Lübbers, der selbst in der Überlegung war, sich zurückzuziehen, die Limitierungen der Aktivitäten auf Twitter erkennt und sich vorbehält, später auch einmal anders zu erscheinen.

    Daher: kein Pro und Contra, sondern zwei Mal contra: contra die Vergiftung der sozialen Medien durch Hass und Hetze.

    Gelingt eine Isolierung der Hater-Szene und wird Twitter zu einem zweiten Telegram, nun, dann soll es eben so sein. Twitter hat es zu einem großen Teil selbst in der Hand, ob sie zum Paria unter den sozialen Plattformen werden wollen.

  5. Dass KI und Algorithmen zur „Überwachung“ von social media nicht erste Wahl sind, darüber wurde auch hier auf dem GWUP-Blog schon geschrieben. Facebook-Nutzer kennen das. Beispiel, ich garantiere für die Authentizität: Für das Songzitat „Pack die Badehose ein“ folgte eine zweiwöchige Sperre, da „Pack“ hier als Hate Speech angesehen wurde.

    Jenseits jeden Schmunzelns zeigt dieser Beitrag, in dem Cochrane (!) die eigene Betroffenheit dokumentiert, das negative Potenzial solchen Vorgehens auf. Primär sollte erst einmal angemessen auf Meldungen von Usern reagiert werden, darin scheint mir zunächst einmal das größte Potenzial zu liegen.

    https://www.cochrane.org/news/while-guarding-against-misinformation-social-media-mechanisms-are-not-protecting-trusted

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.