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„Eine Geschichte von Hysterie und Versagen“: Wie eine Ärztin in Japan gegen Fake News und fanatische Impfgegner kämpft

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Erschreckende Ergänzung zu unserem Beitrag

Im Visier von Reichsbürgern, Impfgegnern und anderen Verschwörungsgläubigen

Vor kurzem hat die japanische Ärztin und Journalistin Riko Muranaka in Berlin ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen eine unfassbare Geschichte von „Hysterie und Versagen“ erzählt.

Einen frei zugänglichen Gastartikel von Riko Muranaka gibt es bei MedWatch. Ein ausführlicher Beitrag über sie ist heute in der gedruckten Süddeutschen erschienen (kostenpflichtig auch bei SZ+), ein Interview mit ihr im aktuellen Spiegel (8/2019, kostenpflichtig auch bei Spiegel+).

Kurz zusammengefasst:

2013 nahm Japan die HPV-Impfung ins nationale Immunisierungsprogramm auf. Die Impfquoten waren zunächst beeindruckend, und:

Studien werden später belegen, dass diese jungen Frauen nur noch extrem selten an Vorstufen des Krebses erkranken.

Dann aber …

… tauchen plötzlich Handyvideos auf. Riko Muranaka zeigt einige der Filme in ihren Vorträgen.Es sind unscharfe Aufnahmen von zuckenden Füßen und von durch Hausflure torkelnden Mädchen. „Die Eltern und Anwälte dieser Kinder sagen, dass die Symptome eine Folge der Impfung sind“, erzählt die Ärztin.

Kinderärzte erklären, dass die beobachteten Auffälligkeiten wahrscheinlich „Pseudo-Anfälle“ seien, ausgelöst etwa durch Stress, Druck, Verzweiflung oder Ängste. Ein Begutachtungskomitee der Regierung für Impf-Nebenwirkungen stellt fest, dass die Krankheitszeichen höchstwahrscheinlich psychosomatisch seien – und keine körperlichen Ursachen haben.

Dennoch nimmt die Regierung die HPV-Vakzine wieder aus dem Impfprogramm heraus. Ein dubioser „Opferverband“, geschäftstüchtige Anwälte und eine kleine Gruppe ideologischer Anti-Impf-Ärzte okkupieren die öffentliche Meinung und erfinden sogar eine neue Erkrankung, die sie HANS nennen: „HPV associated neuro-immunopathetic syndrome“. Ein zusammengeschustertes Pseudo-„Forschungspapier“ erscheint in dem Open Access Journal Scientific Reports.

Als Riko Muranka nachzuforschen beginnt und einen leitenden Wissenschaftler namens Shuichi Ikeda, der in den Medien mit bunten Aufnahmen eines angeblich geschädigten Mäusehirns wedelt, der Fälschung zeiht, wird sie vor Gericht gezerrt und bedroht.

Dem Spiegel sagte Muranaka:

Die Arbeit von Shuichi Ikeda, die immer wieder zitiert wird, basiert zum Beispiel auf einem einzigen Mäuseexperiment!

Ich hatte das nach monatelanger Recherche herausgefunden und darüber im japanischen Magazin »Wedge« berichtet. Ikeda hat mich daraufhin wegen Verleumdung verklagt, worüber am 26. März entschieden wird.

In den Anhörungen, die schon stattfanden, hielten Impfgegner große Anti-Impf-Plakate hoch und schoben Rollstühle in den Saal, in denen angebliche Impfopfer saßen. Es war fürchterlich.

Bei MedWatch schreibt sie:

Ich war bis dahin die einzige Stimme der Wissenschaft, die in der japanischen Öffentlichkeit gut gehört wurde. Anscheinend sollte ich zum Schweigen gebracht werden. Dr. Ikedas juristische Schritte erschreckten viele Medien: Sie hörten auf, Artikel oder Kommentare von mir zu veröffentlichen.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sense_About_Science_John_Maddox_Price_2017_5.jpg

2017 wurde Muranaka für ihr Engagement mit dem renommierten John-Maddox-Preis der Zeitschrift Nature ausgezeichnet. Auch zahlreiche Fachleute japanischer Forschungseinrichtungen und Universitäten kritisieren inzwischen das teils zögerliche, dann wieder überhastete und vor allem irrationale Verhalten der Behörden im Fall HPV, berichtet die Süddeutsche.

Aber nichtsdestotrotz haben mehr als 200 Personen die japanische Regierung verklagt. So lange dieser Prozess läuft, wird die Regierung die nachgewiesen sichere und wirksame HPV-Impfung nicht wieder aktiv empfehlen, vermutet Muranaka:

Es ist traurig, dass diese Fake News echten Schaden anrichten. Diese Gerüchte verbreiten sich so schnell, besonders wenn etwas so wissenschaftlich aussieht, wie dieses Maus-Experiment. Es ist sehr schwer, solche Fake News zu entkräften und wieder Vertrauen in die Impfung zu schaffen.

Die SZ-Autorin Kathrin Zinkant zieht das Fazit:

Am Ende geht es darum, dass unbedingt auch Regierungen zuverlässige wissenschaftliche Ergebnisse erkennen, respektieren und entsprechend umsetzen – statt auf hysterische Einzelfallberichte zu reagieren und verantwortungslose Mediziner frei agieren zu lassen.

Das allerdings ist nicht nur in Japan so.

Zum Weiterlesen:

  • Vermeidbares Leid, Süddeutsche Zeitung+ am 19. Februar 2019
  • HPV-Impfung: Wie Japan von einem Anti-Impf-Tsunami erfasst wurde, MedWatch am 15. Februar 2019
  • Medizinerin über radikale Impfgegner: „Die haben die meisten meiner Berufskollegen zum Schweigen gebracht“, Spiegel+ am 15. Februar 2019
  • Falsche Studie zur HPV-Impfung in Japan, Deutschlandfunk am 15. Februar 2019
  • Studie zu HPV ist ein Fest für Impfgegner, Süddeutsche am 27. Dezember 2016
  • „Wo sind die Doppelblindstudien zur Wirkung von Impfungen?“ – Impfgegnerargument™, Susannchen braucht keine Globuli am 27. März 2018
  • Im Visier von Reichsbürgern, Impfgegnern und anderen Verschwörungsgläubigen, GWUP-Blog am 19. Februar 2019
  • „Impfen! Oder etwa nicht?“ – Lesenswerte Titelgeschichte im neuen „Geo“-Magazin, GWUP-Blog am 15. Februar 2019
  • Mit viel Lärm kann sich die Minderheit zur Mehrheit machen – Die „Schweigespirale“, kontrast am 12. Juni 2018
  • Addendum-Projekt „Impfpflicht“ und eine TV-Doku mit David Bardens über Impfgegner, GWUP-Blog am 14. November 2018
  • Video: „Unser Interviewpartner [Hans Tolzin] verprügelt gerade das Team von Spiegel-TV“, GWUP-Blog am 10. August 2018

14 Kommentare

  1. Noch einmal der Hinweis:

    Beide „Plus“-Artikel (SZ und Spiegel) kann man auch bei Blendle für ein paar Cent lesen:

    https://blendle.com/home

  2. No – the measles vaccine cannot cause an outbreak through virus shedding, but this myth persists in antivaccine circles.

    https://sciencebasedmedicine.org/the-myth-of-vaccine-shedding/

  3. @crazyfrog:

    Die Entwicklung des PR-Psycho, um den es in dem Artikel geht, belegt eindrucksvoll die Erkenntnisse der VT-Forschung:

    Wenn jemand erst mal einen Unsinn glaubt, landet er schnell beim nächsten.

    Ich denke, sein verschwörungsgläubiger Werdegang vom Homöopathie-Lobbyisten zum Impfgegner ist noch lange nicht zu Ende:

    „Dieselben kognitivien Fehlschlüsse angewandt auf andere Inhalte führen zu ähnlichen Problemen.“

    https://twitter.com/Goldene_Regel/status/1093450187471835136

  4. Es ist vernünftig, es ist geboten und es kann Leben retten. Und doch mögen die Deutschen das Impfen nicht besonders. Zeit für eine gesetzliche Pflicht? Der Ethikrat hat sich beraten – und empfiehlt ein „Nein, aber“.

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article189195163/Streit-um-Impfpflicht-Deutschland-beim-Impfen-im-schlechten-Mittelfeld.html

  5. Google, Facebook, Pinterest: Social-Media-Plattformen wollen gegen Falschinfos zu Impfungen vorgehen

    https://medwatch.de/2019/02/25/google-facebook-pinterest-social-media-plattformen-wollen-gegen-falschinfos-zu-impfungen-vorgehen/

  6. Gebärmutterhalskrebs in Japan: Impfskeptiker bestimmen den Diskurs

    http://www.taz.de/Gebaermutterhalskrebs-in-Japan/!5579561/

  7. Pingback: Die Kommentarspalten des Deutschen Ärzteblatts als Spielwiese der Impfgegner. Diesmal: Die HPV-Impfung – Gesundheits-Check

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