Hamburger Schulversuch: Ein bisschen Waldorf ging nicht

Von André Sebastiani

Der Waldorf-Schulversuch im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ist gescheitert, wie die taz und das Hamburger Abendblatt übereinstimmend berichten. Im Rahmen eines Schulversuchs wollte man an der Ganztagsschule Fährstraße „Elemente der Waldorfpädagogik“ in den Unterricht integrieren.

Das Projekt erfuhr vor allem durch kritische Aktionen der GWUP bereits im Vorfeld überregionale Aufmerksamkeit.

Doch weder ein Offener Brief des GWUP-Wissenschaftsrats noch die Unterschriften einer eigens gestarteten Online-Petition konnten Schulsenator Ties Rabe (SPD) zum Umdenken bewegen. Der Senator und seine Behörde hatten eine rein strategische Entscheidung getroffen.

In Wilhelmsburg hatte sich eine Waldorfinitiative gebildet, die die Gründung einer Waldorfschule im Stadtteil anstrebte. In der Schulbehörde befürchtete man, dass eine Waldorfschule in freier Trägerschaft vor allem Kinder aus den wenigen bildungsnahen Elternhäusern im sozialen Brennpunkt Wilhelmsburg anziehen würde. Um diese Elternhäuser im staatlichen System zu halten, schlug Landesschulrat Rosenboom eine Kooperation vor.

Die Idee zum Schulversuch war geboren, Kritik am Inhalt unerwünscht.

Wir wollen nicht die Lehre Steiners in die Schulen entsenden, sondern waldorfpädagogische Elemente verwenden, die mit den Bildungsplänen vereinbar sind“,

betonte Senator Rabe.

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Eine Art Quadratur des Kreises also, denn die Elemente der Waldorfpädagogik sind mit der anthroposophischen Esoterik untrennbar verbunden. Der Schulversuch wurde schließlich im Rahmen einer Pressekonferenz offiziell verkündet. Neben Senator Rabe saß der Sprecher des Bundes der Freien Waldorfschulen (BFWS), Henning Kullak-Ublick.

Alle Seiten strahlten Zuversicht aus. Das Beste aus beiden Welten sollte an der Fährstraße zusammenkommen.

Nach nicht einmal zwei Jahren ist der Schulversuch nun also gescheitert. Aus dem Umfeld der Schule hörte man bereits kurz nach dem Start von Misstönen. Öffentlich wurden die Probleme erstmals im Februar durch einen Artikel bei Spiegel-Online. Dort drohte Waldorffunktionär Kullak-Ublick „die Nutzungserlaubnis für den Begriff ‘Waldorfpädagogik’ zurückzuziehen”, sollten „die anfänglichen Zusagen nicht umgesetzt werden“.

Das Scheitern der Kooperation zeigt, dass die Bedenken der Kritiker gut begründet waren. Man kann nicht Elemente der Waldorfpädagogik herausgreifen und die Esoterik, die ihnen zugrunde liegt, außen vor lassen, wie es von behördlicher Seite suggeriert wurde.

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Mit den Worten des Erziehungswissenschaftlers Prof. Hopmann ausgedrückt:

Man kann nicht nur ein bisschen Waldorf sein.“

Auf Seiten der Waldorfinitiative und des Bundes der Freien Waldorfschulen sieht man ausschließlich die staatliche Seite für das Scheitern verantwortlich. In einer Pressemitteilung beklagt der BFWS, dass von den „waldorfpädagogischen Elementen nur einige wenige – und die oft mehr formal als mit Leben gefüllt – in das Schulleben einfließen konnten.

Wer waldorfpädagogische Elemente mit Leben füllen möchte, landet aber automatisch beim Waldorfguru Rudolf Steiner. Und wer ausschließlich esoterisch-weltanschauliche Argumente für seine Pädagogik in die Diskussion einbringen kann, hat wohl schlechte Karten im Wettstreit der Konzepte. Wer einer Ideologie wie der Waldorfpädagogik anhängt, wird wohl kaum nach Kompromissen suchen und die Schuld immer beim Gegenüber sehen.

Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein (bemerkenswert unkritisches) Interview, dass der ehemalige Waldorfschüler Johan Dehoust mit Kullak-Ublick in der Zeit geführt hat. Darin beklagt Henning Kullak-Ublick den großen internen Widerstand:

Das ging schon bei der ersten Pressekonferenz los, als der Schulsenator Ties Rabe sich ohne Not von Rudolf Steiner abgrenzte. Diese Ambivalenz blieb stilbildend.“

Eine kritische Distanz zu Rudolf Steiner stellt für den BFWS also schon ein Sakrileg dar – wie hätte da eine gedeihliche Kooperation aussehen sollen?

Bei den inzwischen zahlreichen anthroposophischen Initiativen, die ein vermeintliches Bestreben zeigen, in einen Diskurs auf Augenhöhe mit den Wissenschaften und staatlichen Institutionen eintreten zu wollen, fällt die mangelnde Bereitschaft auf, die eigene Position kritisch zu hinterfragen. Man will reden, aber man will sich nicht bewegen.

Jost Schieren, Professor für Waldorfpädagogik an der Alanus-Hochschule (Alfter), sprach in einem Interview von einer angestrebten Annäherung anthroposophischer „Erziehungskunst“ und akademischer Erziehungswissenschaft.

In einem Kommentar zu diesem Interview habe ich versucht herauszuarbeiten, dass Annäherung, so wie Schieren sie sich vorstellt, nicht meint, dass man sich aufeinander zubewegt. Vielmehr zeigt sich das Bestreben, esoterische Aussagen zu marginalisieren oder neu zu formulieren und so salonfähig zu machen, ohne vom eigenen Standpunkt abzuweichen.

Das zeigen auch die empirischen Untersuchungen im Waldorfkontext, die an der anthroposophischen Alanus-Hochschule Alfter durchgeführt wurden. Die teilweise groß angelegten Studien, wie z.B. die Waldorfabsolventen– oder die Waldorflehrer-Studie, die stolz bei großen Pressekonferenzen präsentiert wurden, weisen erstaunliche methodische Mängel auf.

Die Ergebnisse lesen sich wesentlich weniger schmeichelhaft, als die Pressemitteilungen des Bundes der Freien Waldorfschulen. Hohe Nachhilfequoten erklärt man beispielsweise rein spekulativ mit Quereinsteigern, die ihre schulischen Probleme in die heile Waldorfwelt mitbringen würden. Dass Quereinsteigern auch Waldorfaussteiger gegenüberstehen, erwähnt man mit keinem Wort, und natürlich werden auch keine Daten von Aussteigern erhoben.

Waldorfpädagogische Prinzipien, wie das Klassenlehrerprinzip, werden auch angesichts kritischer Ergebnisse nicht in Frage gestellt.

Als Kritiker der Waldorfpädagogik steht man häufig vor dem Problem, dass es schwer fällt, den eigenen Standpunkt zu vermitteln, ohne allzu tief in die pädagogischen und weltanschaulichen Details einzusteigen. Das Scheitern des Schulversuchs in Wilhelmsburg ist nun ein nach außen sichtbares Zeichen, dass es das „Best of both worlds“ so einfach nicht geben kann.

Oder nochmals mit Prof. Hopmann gesprochen:

Man kann nicht nur ein bisschen Waldorf sein!“

Zum Weiterlesen:

  • Versteinerte Erziehung, Skeptiker 4/2011 (aktualisierte Fassung online hier)
  • “Waldorf-Schule”, Hoaxilla-Podcast Nr. 107 vom 18. November 2012
  • “Pragmatischer Waldorf” – was soll das denn sein? GWUP-Blog am 10. Februar 2013
  • “Ein bisschen Waldorf geht nicht”, taz am 25. November 2013
  • Vortrag “Ver-Steinerte Erziehung” als Video, GWUP-Blog am 18. Februar 2014
  • “Gute Karriereaussichten” für Waldorfschüler – wie das? GWUP-Blog am 6. August 2014

4 Kommentare zu “Hamburger Schulversuch: Ein bisschen Waldorf ging nicht”


  1. 1 Bernd Harder 8. Juli 2016 um 08:17
  2. 2 klauszwingenberger 8. Juli 2016 um 09:18

    “Das beste aus zwei Welten” – eine sich selbst entlarvende Parole. Wie viele Welten dürfen’s denn sein?

    Oder sollten wir uns nicht doch lieber auf eine Realität einigen?

  3. 3 Juliette 8. Juli 2016 um 15:56

    Ein bisschen geht doch immer noch, es ist zum Haareraufen:

    Zitat:

    Die Schulleitung und die Schulbehörde sehen das anders. “Der Schulversuch läuft weiter”, sagte Schulleiter Jochen Grob. Es gehe dabei darum, “das Beste aus zwei Welten” zusammenzubringen – und nicht darum, eine staatlich finanzierte Waldorfschule zu betreiben. Von neun Waldorflehrern verließen nur zwei die Schule. Die anderen arbeiteten weiter engagiert mit – und die beiden offenen Stellen würden nachbesetzt.

    Auch im kommenden Schuljahr stehen Epochenunterricht sowie Handarbeit und Werken auf den Stundenplänen. Außerdem solle es Fortbildungen in Waldorfpädagogik für das Kollegium in der Fährstraße geben, sagte Grob.

    Die Schulbehörde teilte mit, dass man alle Vereinbarungen des Vertrages mit dem Verein – ungeachtet von dessen Rückzug – umsetzen wolle.

    aus http://www.spiegel.de/schulspiegel/hamburg-streit-um-waldorf-experiment-im-problemviertel-eskaliert-a-1101793.html

    FORTBILDUNGEN!!! Entsetzlich…

  4. 4 Langsamdenker 8. Juli 2016 um 18:12

    Mit der “Energie” die dort verpulvert wird, könnte eine gut ausgestattete Gesamtschule entstehen, welche alle Schulabschlüsse anbietet. Damit wäre dem Stadtteil wohl am ehesten geholfen. Kinder haben echt Bock auf Lernen und Hamburg lässt sie im Regen stehen. Schade.

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