Vor der Bundestagswahl: Die Politik und die Homöopathie

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) will mehr Homöopathie. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sieht sich als Anhänger der Anthroposophie beziehungsweise outet sich als Fan von anthroposophischer Medizin.

Über unsere Politiker brauchen wir uns wohl keinerlei Illusionen mehr zu machen.

Wie schlimm es um den gedankenlosen Populismus der Volksvertreter wirklich bestellt ist, zeigt eine Umfrage des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) zur bevorstehenden Bundestagswahl 2013.

Welche Perspektiven hat die Homöopathie?”,

wollte die Homöopathen-Lobby von den großen Parteien wissen.

Und eilfertig erklärt Hilde Mattheis (SPD), dass sie selbst …

… oft auch auf homöopathische Mittel zurück [greift]. So wie ich sind viele Patientinnen und Patienten von der Wirkung überzeugt.”

Klar, dass Biggi Bender von den Grünen ihrer Parteifreundin Steffens zu Hilfe eilt und unverdrossen den Ausbau der “öffentlichen Forschung zur Komplementärmedizin” fordert, damit …

… die Komplementärmedizin, darunter die Homöopathie, unideologisch mit ihren Potenzialen wahrgenommen wird.”

Dass Homöopathie selbst pure Ideologie ist, scheint Frau Bender nicht in den Sinn zu kommen.

Da macht es fast gar nichts mehr, dass Jens Spahn (CDU/CSU) offenbar nicht weiß, dass Homöopathie (nach der der DZVhÄ explizit fragt) eben keine “Naturheil-Medizin” ist und Homöopathika deshalb mitnichten “Naturheilmittel” sind, denen seine Partei erklärtermaßen “seit jeher große Bedeutung beigemessen” habe.

Spahn, Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, betont sogar, dass seine Partei …

… dafür Sorge getragen [hat], dass die besonderen Therapierichtungen nicht gänzlich aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen wurden.”

Für die Allgemeinheit bedeutet dies, dass von ihren Kassenbeiträgen auch Huschi-Fuschi-Bullshit finanziert wird, der bestenfalls zum individuellen Privatvergnügen eines jeden Einzelnen gehört – aber ganz gewiss nicht der vielbeschworenen “Solidargemeinschaft” aufgedrückt werden darf.

Nur Martina Bunge von der Fraktion Die Linke im Bundestag widersetzt sich zumindest partiell diesem Wahnwitz und stellt klar:

Wir stehen dafür, dass alle Methoden, die ihren patientenrelevanten Nutzen unter Beweis gestellt haben, ohne zusätzliche Gebühren den Menschen zur Verfügung stehen müssen. Dafür muss nachgewiesen sein, dass sich die Lebensqualität, die Morbidität und/oder die Mortalität aufgrund einer Behandlung verbessern. Wir sind daher dafür, alle Heilmethoden auf Basis ihres Nutzens gleich zu behandeln.”

Auch die immer dreister werdende Berufung der Homöopathen auf die Versorgungsforschung weiß Bunge elegant zu entkräften:

Der Nachteil von Versorgungsforschung ist, dass die vielfältigen Faktoren, die Einfluss auf eine Behandlung nehmen können, kaum voneinander getrennt werden können und daher der Anteil von Therapieverfahren am Ergebnis aus dem Gesamtkontext nur schwer herauszulösen ist.”

Allerdings sieht auch die Bundestagsabgeordnete der Linken “weiteren Forschungsbedarf” in Sachen Homöopathie – was zwar Unsinn ist, aber möglicherweise als kleines Zugeständnis an breite Wählerschichten gewertet werden sollte.

So weit, so schlecht.

Die Piraten wurden vom DZVhÄ nicht gefragt.

Trotzdem hat die Partei den Homöopathen-Fragebogen beantwortet, und zwar im Blog von Piratenmitglied Julitschka.

Ein Auszug:

DZVhÄ: Es liegen zahlreiche positive Studien der unterschiedlichsten Designs zur Homöopathie vor. Weitere Forschung ist aber nötig. Werden Sie sich für die öffentliche Förderung der Forschung in diesem Gebiet einsetzen?

Diese Meinung teilen wir nicht.

Zahlreiche Studien und Metastudien, deren Studiendesigns den Kriterien der evidenzbasierten Medizin genügen, konnten keinen Effekt über den des Placeboeffektes hinaus feststellen.In diesem Zusammenhang wäre der Ausbau der Forschung zum Placeboeffekt in seinen vielfältigen Formen erstrebenswert, weil die Homöopathie ausschließlich auf diesem beruht.

Unehrlichkeit dem Patienten gegenüber halten wir an diesem Punkt für moralisch höchst zweifelhaft und gefährlich für die Glaubwürdigkeit aller medizinischer Verfahren. Wir stehen für einen mündigen und informierten Patienten, den wir auf Augenhöhe behandelt sehen wollen.”

Bereits davor hatte Julitschka via Twitter auf das aktuelle Bekenntnis der Piraten zur Evidenzbasierten Medizin aufmerksam gemacht:

 Zur Bekämpfung von Fehlversorgung setzen die Piraten zudem auf die Förderung der evidenzbasierten Medizin, d.h. dem Treffen von versorgungsrelevanten Entscheidungen nach umfangreichen Recherchen in den verfügbaren Quellen des Wissens.

Nur belastbare Studien zur Beurteilung der Wirkung von Therapien und Medikamenten können Grundlage der Entscheidungen über die Erstattung der Kosten durch die Krankenkassen sein.

Therapien und Medikamente, deren Wirksamkeitsnachweis nicht erbracht wurde, dürfen nur dann zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen erbracht werden, wenn für die zu behandelnde Krankheit keine heilenden Therapien zur Verfügung stehen oder eine wissenschaftliche Bewertung mit höchster Evidenz sich aus ethischen Gründen verbietet.”

Tja, wenn das allgemeiner politischer Konsens wäre, dann könnte GWUP-Mitglied Sebastian Bartoschek sich seine Serie “Wie esoterisch ist mein Gesundheitsministerium?” bei den ruhrbaronen sparen.

Mit der Betonung auf “wenn” und “wäre” …

Zum Weiterlesen:

  • Neue Serie: Wie esoterisch ist mein Gesundheitsministerium? ruhrbarone am 3. Juni 2013
  • Wie esoterisch ist mein Gesundheitsministerium? Teil 2: BaWü, ruhrbarone am 17. Juni 2013
  • Bekenntnis zur Evidenzbasierten Medizin, Julitschka am 12. Mai 2013
  • “Bundestagswahl 2013 – Gesundheitspolitische Sprecher im Interview: Welche Perspektiven hat die Homöopathie?”, Julitschka am 18. Juni 2013
  • Bundestagswahl 2013: Welche Perspektiven hat die Homöopathie? Interviews beim DZVhÄ
  • GWUP-Konferenzthema “Pseudotherapien” und die Bundestagswahl, GWUP-Blog am 5. Mai 2013
  • Homöopathie ist nicht Naturheilkunde, GWUP-Blog am 16. Juli 2010
  • Die Homöopathie und die Versorgungsforschung, GWUP-Blog am 9. November 2012
  • Homöopathie: Brauchen wir mehr Forschung? GWUP-Blog am 8. August 2010
  • Warum Homöopathie zu wirken scheint, GWUP-Blog am 9. Oktober 2011
  • Was hat die GWUP gegen Homöopathie? Teil I, GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze, Teil II,  GWUP-Blog am 2. Februar 2011
  • Medizin ohne geistige Umweltverschmutzung,Teil III, GWUP-Blog am 3. Februar 2011
  • Homöopathie: Unmögliches muss man nicht erklären, Teil IV, GWUP-Blog am 4. Februar 2011
  • Homöopathie: Wenn Skeptiker Hoffnungen zerstören, GWUP-Blog am 18. April 2013
  • Skeptiker als Pharma-Söldner? GWUP-Blog am 21. April 2013
  • Warum Barbara Steffens ihr Ministerium beschämt, ruhrbarone am 11. März 2013
  • Sollte eine Gesundheitsministerin auf dem Boden der Wissenschaft stehen? Die Wissenschaftsjournalisten am 5. Februar 2013
  • Kopfschüttelnde Ministerialbeamte, Der Nesselsetzer am 14. März 2013
  • Die Grünen: Alternativlos in der sozial-esoterischen Teilhabe? Brights-Blog am 22. April 2013
  • Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft, virtual Maxim am 4. Mai 2013
  • Wider die Allesversprecher, GWUP-Blog am 18. Juni 2013
  • Homöopathie ist Irrtum, GWUP-Blog am 22. Januar 2012

 

57 Kommentare zu “Vor der Bundestagswahl: Die Politik und die Homöopathie”


  1. 1 Pierre Castell 28. Juli 2013 um 04:30

    Bushido veröffentlicht die Telefonnummer eines kranken alten Rentners (der nichts Böses gemacht hat) im Internet:

    http://www.express.de/duesseldorf/telefonterror-warum-opa-johann-auf-bushido-stinksauer-ist,2858,23816338.html

  2. 2 Clemens Maier 28. Juli 2013 um 11:06

    Bushidos oder ähnliche Phänomene wird es in allen Ländern geben, aber in der Regel bekommen die keinen Integrationspreis verliehen. Das ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Bushido ist insofern bedenklich als er ein zweifelhaftes Vorbild /Identifikationsfigur abgibt.

  3. 3 Alexander 28. Juli 2013 um 11:52

    Bushido widert mich an!!!

  4. 4 Alexander 31. Juli 2013 um 16:52

    Da kommt Freude auf (zumindest für mich)…

    Razzia bei Bushido (wegen Volksverhetzung):

    http://www.focus.de/kultur/musik/staatsanwaltschaft-bestaetigt-einsatz-razzia-bei-bushido-wegen-volksverhetzung-auf-cd_aid_1058679.html

  5. 5 JolietJake 2. August 2013 um 01:50

    @Alexander:
    “Das darfst Du selbstverständlich fürchten oder für Dich so interpretieren, wie Du möchtest.”
    Danke, sehr großzügig.
    Da du gegen meine sonstigen Aussagen augenscheinlich nichts einzuwenden hast,kann man also festhalten, dass du eine ziemlich unreflektierte Einstellung gegenüber “Migranten-Kindern” hast?

    Macht ja nichts. Nicht jeder muß sich Gedanken machen, nur weil er irgendwo im Netz kommentiert.

  6. 6 Bernd 11. September 2013 um 21:21
  1. 1 Die Homöopathie und ihre Schirmherren und –damen – Gesundheits-Check Pingback am 12. November 2015 um 18:45

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