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Von Pizzagate bis Sandy Hook: Die menschlichen Kosten von Verschwörungstheorien

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Drei Schlaglichter aus den vergangenen Tagen:

Und:

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Bekanntlich fanden wir Verschwörungstheorien noch nie lustig – und könnten zum Beispiel die Anschläge auf Funkmasten, die Erfahrungen von Richard Gutjahr und Riko Muranaka und Volker Bajus oder die zahllosen „False Flag“-Mythen nach Attentaten und Amokläufen ergänzen.

Allerdings werden auch im aktuellen Focus-Sonderheft „Echte Verbrechen“ vier Fallbeispiele aus den USA einem breiten Publikum nähergebracht (es handelt sich dabei um die Übersetzung eines Guardian-Artikels von 2019):

Kampf um die Wahrheit: Hinter jeder Verschwörungstheorie im Internet stehen menschliche Schicksale. Begegnungen mit vier Opfern, deren Leben durch Verleumdungen zerstört wurde.

Es geht um

Offit rief im Jahr 2000, kurz nachdem Andrew Wakefield die berüchtigte Fake-Studie über Autismus durch Impfungen veröffentlicht hatte, das Vaccine Education Center am Children’s Hospital of Philadelphia ins Leben:

Ich ging davon aus, dass man Skeptiker überzeugen kann und die Wahrheit gewinnt, wenn man gute Arbeiten in anerkannten Journals veröffentlicht. Das hat so nicht funktioniert.

Impfgegner deckten den Mediziner mit einer Flut von Hass-Mails ein und hielten bei seinen Vorträgen Transparente mit seinem Foto und dem Wort „Terrorist“ hoch.

Eine Sprachnachricht wurde bei ihm zu Hause hinterlassen. Der Anrufer erwähnte, er habe kleine Kinder im gleichen Alter wie Offit. „Wir alle wollen das Beste für unsere Kinder, ich bin sicher, Sie wollen das Beste für Ihre Kinder“, sagte der Mann, bevor er erwähnte, dass er die Namen von Offits Kindern kannte und wusste, welche Schulen sie besuchten.

Bis heute hält Offit durch. Was ihn motiviere, seien zwei Dinge: die Wut. Und die Kinder.

  • Leonard Pozner, dessen Sohn Noah beim Amoklauf an der Sandy Hook Elementary Schoool am 14. Dezember 2012 erschossen wurde.

Nach dem Massaker starteten Verschwörungstheoretiker eine monatelange Kampagne, angestachelt von „Infowars“-Herausgeber Alex Jones. Sie stellten Tausende von Posts ins Netz und brachten ein mehr als 400 Seiten umfassendes Buch heraus mit dem Titel „Nobody Died at Sandy Hook“.

Ihre aberwitzige These: Die Schießerei an der Grundschule in Newtown, Connecticut, habe es nie gegeben. Die zwanzig ermordeten Kinder seien „Krisendarsteller“ gewesen, die Tragödie sei in Wahrheit ein Schwindel. Noah habe gar nicht existiert, die Bilder seien mit Photoshop manipuliert worden.

„Völlig naiv“, wie Pozner heute sagt, habe er auf Google+ die Geburts- und Sterbeurkunden des Sechsjährigen sowie das Kindergartenzeugnis gepostet. Das brachte den digitalen Mob erst recht zum Überkochen. Eine gewisse Lucy Richards wurde 2017 wegen Morddrohungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Trotzdem musste Pozner achtmal in den letzten sieben Jahren umziehen, weil Verschwörungsfanatiker immer wieder seine Adresse veröffentlichten.

Pozner berichtet, am meisten habe ihn schockiert, wie allein er gewesen sei, als er diesen Kampf begann. „Ich war der Einzige, der sich den Verleumdungen entgegenstellte, und abgesehen vom Verlust meines Sohnes war das zu diesem Zeitpunkt meine größte Enttäuschung.“

Dann aber gründete der 54-Jährige das HONR Network, mit dem er Jones und Co. systematisch Paroli bietet:

Allein 2018 meldete er 2568 Videos bei Youtube an den Betreiber, 1555 davon wurden gelöscht.

Als die absurde Behauptung, in Alefantis‘ Pizzarestaurant agiere ein weltweiter Ring von Kinderhändlern, in den auch die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verwickelt sei, vom Internet in die physische Welt schwappte, tauchten plötzlich selbsternannte „Ermittler“ im „Comet Ping Pong“ auf:

Die Leute kamen ins Restaurant, um zu filmen oder sich umzusehen. Sie kamen auch bei mir zu Hause vorbei und belästigten die Nachbarn mit Fragen.

Am 4. Dezember 2016 fuhr ein Mann namens Edgar Welch fast 600 Kilometer von North Carolina in die Hauptstadt, stürmte mit einem Gewehr in Alefantis‘ Lokal und suchte eine Dreiviertelstunde nach dem Zugang zu einem Keller, von dem im Netz die Rede war.

Dabei hat das „Comet Ping Pong“ gar keinen Keller […] Alefantis kann über diesen Tag nicht sprechen, ohne in Tränen auszubrechen. Nach dem Auftritt des Schützen standen ein ganzes Jahr lang bewaffnete Wachen an den Eingangstüren des Restaurants […]

All diese Erlebnisse konnten ihn nicht in seiner positiven Grundhaltung erschüttern. Dabei half ihm die Unterstützung seiner Gäste, die ihm auch in den dunkelsten Stunden die Treue hielten. „Es fühlt sich manchmal so an, als wären die Dinge außer Kontrolle, als würde der Hass zunehmen“, sagt Alefantis.

„Aber ich verstehe jetzt die Kraft der Gemeinschaft. Sie hat mein Restaurant und mich gerettet. Und es gibt keinen Grund, warum sie nicht auch den Rest des Landes oder der Welt retten kann.“

Im Kern ging es darum, dass der Ex-Freund einer Spieleentwicklerin sich an seiner früheren Partnerin rächen wollte und online Gerüchte verbreitete über eine angebliche Affäre der Frau mit einem Fachjournalisten, der im Gegenzug positiv über ihre Projekte berichtet habe.

Diese Anschuldigungen explodierten zu einer Belästigungskampagne gegen die besagte Entwicklerin und mündeten in eine aggressive Debatte über Sexismus und Misogynie in der Videospielbranche:

Brianna Wus ironischer Internet-Post, mit dem sie die männlichen Trolle von „Gamergate“ lächerlich machte, löste einen Angriff aus, der Jahre anhielt. Ein exakter Grundriss ihres Hauses wurde online veröffentlicht, ebenso ihre Adresse und Fotos ihres Autos samt Nummernschild. Und dann waren da noch die Morddrohungen – nach ihrer Schätzung bis zu 300 […]

„Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es mir dauerhaft geschadet hat, jeden Tag lesen zu müssen, dass Leute mich vergewaltigen oder umbringen wollen.“

Der Autor des Beitrags will mit diesen vier Beispielen (im Original fünf) auf einen „bisher unterschätzten Aspekt“ von Verschwörungstheorien hinweisen:

die menschlichen Kosten.

Zum Weiterlesen:

  • Gefangen im Netz der Lügen, Echte Verbrechen 6/2021
  • Trapped in a hoax: survivors of conspiracy theories speak out, The Guardian am 24. Januar 2019
  • QAnon-Anhänger tötet seine Kinder wegen „Schlangen-DNA“, FAZ am 12. August 2021
  • Nach Verschwörungs­erzählungen: Qanon-Anhänger tötet seine Kinder mit Harpune, rnd am 12. August 2021
  • Waldbröler:innen geraten ins Visier der extrem rechten QAnon-Sekte, aroberberg am 12. August 2021
  • Brennende Funkmasten und Rasierklingen: Die Gefahren von Verschwörungsmythen, GWUP-Blog am 7. Juli 2020
  • Richard Gutjahr wirft dem BR fehlende Unterstützung gegen Verschwörungstheoretiker vor – und verlässt den Sender, GWUP-Blog am 1. Januar 2020
  • „Eine Geschichte von Hysterie und Versagen“: Wie eine Ärztin in Japan gegen Fake News und fanatische Impfgegner kämpft, GWUP-Blog am 20. Februar 2019
  • Wer Chemtrails für Quatsch hält, soll in der Hölle brennen, GWUP-Blog am 27. Januar 2017
  • Die Anschlagsopfer von Las Vegas? Alles nur Schauspieler, GWUP-Blog am 5. Oktober 2017
  • Sandy Hook: Verschwörungstheoretiker laufen mal wieder Amok, GWUP-Blog am 9. Februar 2013
  • Geistiger Amoklauf der „Truther“, Chemtrails und das Ende von HAARP, GWUP-Blog am 17. Mai 2014
  • „There’s nothing you can do“: The Legacy of #PizzaGate, splcenter am 7. Juli 2021
  • Pizzagate Nearly Destroyed My Restaurant. Then My Customers Helped Me Fight Back, inc.com 7/2017
  • „Pizzagate“-Schütze verurteilt: „Fake-News“-Bericht bringt Welch in Knast, n-tv am 23. Juni 2017
  • Fünf Jahre #GamerGate: Wie ein Online-Mob das Zeitalter des Krieges im Netz einläutete, derStandard am 17. August 2019

2 Kommentare

  1. Parallelen zwischen der Verbreitung von Verschwörungstheorien und Infektionskrankheiten

    https://idw-online.de/de/news774267

  2. Das ist schon echt übel, gerade bei Leonard Pozner. Da wird sein Sohn erschossen und ein wilder Mob im Netzt behauptet steif und fest, dass das alles Lüge wäre. Das würde mich auch so wütend machen.. aber offensichtlich sind solche verstrahlten (vor allem die Verbreiter!) auch zu keinerlei Empathie fähig.

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