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Psiram über die Grander-Studie im „Raubtierverlag“

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Nach der Laudatio beim „Goldenen Brett“ fürs Lebenswerk an die Firma Grander hat Psiram sich jetzt auch im Blog noch einmal mit dem „parawissenschaftlichen Unfug“ der „Wasserbelebung“ beschäftigt.

Dabei geht es vor allem um die „Beweise“, die das Unternehmen kürzlich vorgelegt haben will.

Spoiler: Das Journal, das die angebliche „Studie“ veröffentlicht hat, soll laut Psiram „möglicherweise“ zu einem sogenannten Raubtier-Verlag gehören, der gegen Bezahlung ungeprüft alles veröffentlicht.

Das ist bei den Schwurblern beliebt, muss man sich doch wegen wissenschaftlicher Ungereimtheiten nicht so sehr vor einer Nicht-Veröffentlichung fürchten. Die hohen Gebühren, die dort eine Veröffentlichung kosten dürfte, werden wahrscheinlich ebenfalls von Grander getragen. Dies ist meist Teil der “Forschungsförderung”.

Diese Art von Praktik, sich wohlgesonnene Forschung zu kaufen und sie von wohlgesonnenen Verlagen als vermeintlich wissenschaftlich überprüft verkaufen zu können, untergräbt nicht nur die wissenschaftliche Forschung an sich. Sie zerstört das Vertrauen in die Wissenschaft und den positiven Beitrag, den Forschung leisten kann.

Update vom 28. Dezember: Daneben wird in dem Psiram-Beitrag auch die Studie selbst anhand „mehrerer Punkte“ kritisiert.

Zum Weiterlesen:

  • Grander: Brückenbauer zwischen Pseudowissenschaft und Kommerz, Psiram am 26. Dezember 2019
  • „Granderwasser“ jetzt bewiesen – oder eher doch nicht? GWUP-Blog am 14. Dezember 2019
  • Journale im Zwielicht, Zeit-Online am 9. März 2017
  • Fake Science im Selbstversuch: Die Tricks der Predatory Journals bei ZBW-Mediatalk
  • Video: „Fake Science – Die Lügenmacher“, GWUP-Blog am 23. Juli 2018
  • Video: „Fake Science ist nicht Science. Punkt“ mit Mai Thi, GWUP-Blog am 29. Juli 2018

16 Kommentare

  1. Die Behauptung, MDPI sei ein Raubtierverlag, ist leider Unsinn. Die Kontroverse ist in der Wikipedia dokumentiert. Es gibt ein paar absurde papers in MDPI journals, und nicht alle diese journals haben hohe Standards. Das macht aber nicht den ganzen Verlag zu einem Raubtierverlag. Ich bin Editor-in-Chief eines MDPI-journals (Games) und in diesem geht es korrekt zu.

  2. Ob Granderwasser lebt, müsste sich doch theorieadäquat mit einem Bioscan-Gerät (https://blog.gwup.net/2019/08/22/bioscan-test-im-allergo-journal-der-leiche-wurde-beste-gesundheit-attestiert/) prüfen lassen ;-)

  3. @Ulrich Berger:

    Danke, wir setzen die Behauptung erst mal in den Konjunktiv.

  4. @Ulrich Berger/Bernd Harder: Ein Blick in den PsiramBlog-Beitrag klärt auf, warum es zu dieser Bewertung kam:

    – MDPI wird auf der Beall’s List erwähnt
    – Nachdem Beall die Liste zurückgezogen hat, hat er MDPI explizit als einen der Verlage benannt, die Druck ausgeübt haben.

    Entsprechend schreibt Psiram davon, dass es sich „höchstwahrscheinlich“ um einen predatory publisher handelt. Es wird auch erwähnt, dass die OA Scholarly Publishers Association ihre Standards als eingehalten betrachtet. Dass ein Editor eines MDPI-Journals die Prozesse nicht unbedingt kritisch betrachtet, liegt auf der Hand.

    Daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass diese Einordnung „Unsinn“ ist: Es gibt Indizien für und gegen eine solche Einordnung, deswegen ist der Konjunktiv angemessen.

  5. @ U. Berger,
    leider kann ich Ihrer Argumentation nicht folgen.

    Sie selbst sagen daß es seltsame Veröffentlichungen gibt. Nur weil die Mafia irgendwo ein ordentliches geschäft betreibt, wird sie dadurch nicht gemeinnützig. ev mal dsrüber nachdenken.

  6. Auch in für Leser brutal teuren Journals, wie die bei Elsevier, findet man schlechte Papers. Ich habe das im Feld des Operations Research erlebt, einem Gebiet, in dem ich professionell arbeitete. Die Verhältnisse sind also eher komplex.

  7. absolut richtig, die Verhältnisse sind komplex.
    „aber“ muß man das unterstützen?
    ein Fass Jauche bleibt ein Fass Jauche auch wenn man eine Flausche Wein für 100€/st reinschüttet!
    Wissenschaft ist nicht komplex, außer für Schwurbler.

  8. @ Passant: „Dass ein Editor eines MDPI-Journals (Ulrich Berger) die Prozesse nicht unbedingt kritisch betrachtet, liegt auf der Hand.“ –

    Gehen wir trotzdem davon aus, daß Herr Berger bis zum Beweis des Gegenteils eine integre Persönlichkeit ist, der sich mit einem unseriösen Verlag nicht eingelassen hätte.

    Ich habe den Wikipediaartikel gelesen, und ich habe mir auch Gedanken dazu gemacht, daß Beall sich von MDPI angegriffen gefühlt hat: Wenn mir der Verlag gehört hätte, dann hätte ich wohl auch ziemlich energisch mich gegen die Aufnahme in die Liste gewehrt.

    In diesem Zusammenhang sind die Einzelnachweise 19 und 21 des WP-Artikels recht ergiebig: Einerseits bezüglich der Rhetorik, die Beall an den Tag legen kann, andererseits, weil wir feststellen müssen, daß wir zu den Vorgängen um Beall nur seine Sicht der Dinge kennen. Außerdem scheint Beall ganz generell open access nicht zu mögen.

    Interessanter ist also tatsächlich nicht der zweite Teil des Psiram-Artikels, sondern der erste, in dem über einen sehr wahrscheinlichen Interessenkonflikt des Hauptautors des inkriminierten Papers berichtet wird: Das ist nicht aus der Welt zu schaffen und läßt die Ergebnisse der Studie in zweifelhaftem Licht erscheinen.

    Erstaunlich ist insbesondere, wie drei Jahre nach der Publikation die Firma Grander wie zufällig die Ergebnisse der Untersuchung aus dem Hut zaubert, natürlich auch dort ohne Hinweis auf die offenbare Interessenkollision, also als scheinbar unabhängige Bestätigung der eigenen Behauptungen.

    Ziemlich ernüchternd ist allerdings, daß hier wieder einmal ein Fall vorliegt, bei dem Interessenkonflikte durch den Autor eines Papers verschwiegen oder heruntergespielt werden. Das kann man allerdings nicht dem Verlag zum Vorwurf machen.

  9. @ borstel:

    Die Zeitschrift „Water“ verlangt explizit eine Erklärung zum Interessenkonflikt und verweist zudem auch auf die ICMJE-Standards (https://www.mdpi.com/journal/water/instructions).

    Man könnte den editor in chief der Zeitschrift fragen, ob die Autoren keine Angabe zum Interessenskonflikt gemacht haben und der Verlag das nicht moniert hat (das wäre ein Versäumnis des Verlags), oder ob ein Interessenkonlikt explizit verneint wurde (das wäre, wenn die Finanzierung so gelaufen ist, wie Psiram schreibt, wissenschaftliches Fehlverhalten der Autoren).

    Der Verlag könnte die Erklärung zum Interessenkonflikt auch nachfordern.

  10. @ Joseph Kuhn: https://www.mdpi.com/2073-4441/8/3/79/htm – es ist nicht so, daß die Autoren die Förderung durch Wetsus nicht angegrben hätten. Aber es wird eine Einflußnahme des Institutsauf die Resultate verneint, und die Förderung des Forschungsprojektes durch Grander (über den Umweg Wetsus) nicht erwähnt.

    Natürlich wäre es spannend zu erfahren, was passierte, wenn MDPI informiert würde – wie transparent würden sie damit umgehen?

    Auf jeden Fall sehe ich es so, daß es sicherlich nicht die Aufgabe des Verlages ist, den Autoren hinterher zu spionieren, ob sie denn ihre Interessenkonflikte korrekt deklariert haben

    Aber ich habe ja ein ganz anderes Problem mit der Sache: Die Story taugt gerade nicht dazu, das große Feld der predatory journals zu beleuchten.
    Und auch der Psiram-Blog rudert zurück: „Ursprünglich hieß es, es handele sich „höchstwahrscheinlich“ um einen Raubtierverlag. Da es daran Kritik gab, haben wir es etwas entschärft – auch, weil der Vorwurf zu pauschal ist. Generell ist es nicht leicht, so eine Praktik nachzuweisen, aber es gibt begründeten Verdacht.

    Auch wenn der Vorwurf in der Form zu hart sein mag, es gibt Zweifel an der Ernsthaftigkeit des wissenschaftlichen Gutachterprozesses. Fortsetzung folgt…“

    Dann geht es hier aber nicht um predatory journals oder Probleme mit dem open access generell, sondern um den peer review, der hier womöglich (neben der Nichtdeklaration eines Interessenkonflikts) eine Rolle spielt.

    Insofern hat der Psiramschreiber sich verrannt, und versucht nun, aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen.

  11. Das Psiram-Hauptquartier möchte folgende Mitteilung machen (das ist der 2 Versuch, der erste Kommi ist nicht durchgekommen):

    Im Artikel stand „wahrscheinlich“ ein Raubtierverlag. Es ist mittlerweile in „möglicherweise“ umgeändert worden. Der Begriff ist nicht scharf definiert und wahrscheinlich zu pauschalisierend. Es handelt sich möglicherweise um einen Raubtierchen-Verlag.

    Es mag ja sein, dass nicht alle Journale dort niedrige Standards haben, aber die Kontroverse ist nicht ganz unbegründet. Die Grander-genehme Veröffentlichung ist ein Hinweis auf schlechtes bis mangelhaftes Review.

    Es wäre auch nicht zielführend, jetzt zu sehr auf den einen Aspekt (Raubtierverlag) einzuengen; man muss den gesamten Kontext sehen. Es gibt gute Gründe, warum man der Meinung sein kann, dass der Artikel in einem Journal erscheint, das keine so hohen Hürden für eine Veröffentlichung hat. Das ist natürlich ein gutes Stück weit Spekulation.

    Aber eine begründete. Es wird (wahrscheinlich) noch ein Blogbeitrag erscheinen, der sich mit den methodischen Schwächen des Artikels beschäftigt.

    @Joseph Kuhn: Das mit dem Interessenkonflikt ist eklatant. Im Artikel wird deutlich gesagt, das es keinen solchen gäbe. Das könnte ein Lackmustest für den Verlag / das Journal sein, wenn man da mal nachhakt.

  12. @borstel

    „Insofern hat der Psiramschreiber sich verrannt, und versucht nun, aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen.“

    Nicht ernsthaft jetzt, oder? Nachdem hier von jemand, der selbst nicht ganz unbefangen ist, auf Indizien (!) hingewiesen wird, die die Einordnung als predatory publisher in Frage stellen könnten und sowohl der GWUP-Blog als auch Psiram darauf angemessen reagieren, indem sie sprachlich korrigieren und das auch transparent machen, meinst Du hier erkennen zu können, dass Psiram sich verrannt haben will und jetzt zurückrudert?

    Wäre es besser gewesen, Psiram hätte die Bewertung mit „höchstwahrscheinlich“ nicht in „möglicherweise“ geändert oder erwartest Du eine komplette Revision bzw. die Rücknahme des Blogbeiträge, womit die Indizien, die für eine Einordnung als predatory publisher sprechen, unter den Tisch fallen würden?

    Der Fall eignet sich sehr wohl, um predatory publishing zu diskutieren, speziell den Zusammenhang von predatory publishing und Auftragsforschung, denn da die Unwissenschaftlichkeit von Grander nicht in Frage steht, kann man an diesem Fall diskutieren, inwieweit Auftraggeber über die Finanzierung Einfluss nehmen und das wissenschaftliche Umfeld für’s Marketing instrumentalisieren können.

    Denn das

    „Ich habe den Wikipediaartikel gelesen, und ich habe mir auch Gedanken dazu gemacht, daß Beall sich von MDPI angegriffen gefühlt hat: Wenn mir der Verlag gehört hätte, dann hätte ich wohl auch ziemlich energisch mich gegen die Aufnahme in die Liste gewehrt.“

    muss kein Zeichen von Redlichkeit sein, sondern kann tatsächlich eher als Indiz FÜR die Einordnung als predatory publisher sprechen: So wie sich die Schwurbler gegen die Aufnahme ins Psiram-Wiki wehren, weil das ihr Geschäftsmodell bedroht, gingen die predatory publishers gegen Beall vor.

    MDPI hätte die Aufnahme in die Bealls List auch zum Anlass nehmen können, die internen Standards noch mal kritisch zu überprüfen, anstatt die Universität von Beall mit E-Mails zu überziehen.

    Mit der Integrität von Berger hat das nix zu tun, denn – sollte es sich bei MDPI um einen predatory publisher handeln – könnte er sich auch einfach bei seiner Einschätzung geirrt haben, als er sich entschloss, ein MDPI-Journal rauszugeben. Und dann wirken Selektionseffekt und hindsight bias im Hinblick auf die Bewertung von MDPI zusammen.

    Die Editors bei Frontiers verteidigen die Publikationsplattform auch – und auch da gibt es Indizien für predatory publishing bzw. das Unterlaufen redaktioneller Standards. Dass er bei „Games“ auf die Einhaltung von OA-Standards achtet, wird davon nicht berührt und kann damit als unbestritten angesehen werden.

  13. @ bostel, @ Eule:

    Danke für den Link zur Studie. In der Studie ja wirklich explizit: „The authors declare no conflict of interest“. Das ist nach ICMJE-Standards zumindest fragwürdig, da der Nachsatz dazu („The funding sponsors had no role …“) auf einen Interessenkonflikt nach ICMJE-Standards hinweist.

    Es geht schließlich nicht nur darum, ob ein Sponsor direkt Einfluss genommen hat (das wäre ohnhin ein No-Go), sondern auch um potentielle Interessenkonflikte jenseits der subjektiven Überzeugung der Autoren, sauber gearbeitet zu haben. So etwas anzugeben, ist auch kein Makel, sondern stellt Transparenz her (siehe auch http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2019/08/04/interessenkonflikte-wir-doch-nicht/, wenn etwas Eigenwerbung erlaubt ist).

    Aber das führt vielleicht doch weg vom Kernthema des Blogbeitrags, Raubtierverlag ja/nein.

  14. @ Passant:
    „Nicht ernsthaft jetzt, oder? Nachdem hier von jemand, der selbst nicht ganz unbefangen ist, auf Indizien (!) hingewiesen wird, die die Einordnung als predatory publisher in Frage stellen könnten und sowohl der GWUP-Blog als auch Psiram darauf angemessen reagieren, indem sie sprachlich korrigieren und das auch transparent machen, meinst Du hier erkennen zu können, dass Psiram sich verrannt haben will und jetzt zurückrudert?“

    Nö.

    Ich war dieser Meinung (daß sich Psiram hier verrannt hat) auch schon vor der Teilrücknahme der Behauptung. Ich halte das ganze für reichlich spekulativ und ausdrücklich für wenig geeignet, das Thema predatory publishig damit zu illustrieren.

    Das Thema Interessenkonflikt und Umgang hiermit wäre hingegen viel ergiebiger und auch anhand der Fakten nachvollziehbar. Danke an Joseph Kuhn für seine Hinweise.

  15. Man könnte ja ganz nüchtern die Fakten betrachten:

    1) MDPI war vorübergehend auf Bealls Liste. Beall hat diese Einstufung rückgängig gemacht, weil ihm im Zuge des appeals demonstriert wurde, dass seine schwersten Vorwürfe haltlos waren. Z.B. dass MDPI Nobelpreisträger in Editorial Boards genannt hätte, die nichts davon wussten. Oder dass das MDPI headquarter in der Schweiz ein Briefkasten sei. Beides war schlicht und einfach unwahr und auf schlechte Recherche und bloße Gerüchte zurückzuführen. Auf „Stop Predatory Journals“, einer Art Nachfolger von Bealls Liste, ist und war MDPI nicht vertreten.

    2) MDPI wurde von der OASAP (Open Access Scholarly Publishers Association) formell untersucht und nicht beanstandet.

    3) MDPI ist nicht nur OASAP-Mitglied, sondern auch Mitglied im DOAJ (Directory of Open Access Journals) und in COPE (Committee on Publication Ethics); in allen dreien wird vor der Aufnahme ein quality check durchgeführt.

    4) Von den 215 MDPI-journals sind 133 in Scopus und 136 im Web of Science indexiert, auch diese Indizes haben strenge Kriterien.

    5) Das von Bohannon im Zuge seiner „sting-Operation“ eingereichte fake-paper wurde vom MDPI-journal abgelehnt.

    6) Es wurden 4 oder 5 junk-papers innerhalb von 9 Jahren in über 200 MDPI-journals identifiziert. Für einen echten Raubverlag ist das etwa um den Faktor 10.000 zu wenig.

    7) Von den von Stop Predatory Journals unter https://predatoryjournals.com/about/ angeführten 10 Kriterien für predatory journals trifft m.W. kein einziges auf MDPI zu.

    8) Dass MDPI in erster Linie Geld verdienen will, hebt es nicht von anderen wissenschaftlichen Verlagen ab. Im Gegenteil.

    Conclusio: MDPI ist nicht „höchstwahrscheinlich“ und auch nicht „möglicherweise“ ein Raubverlag, sondern ein ganz normaler OA-Verlag. Andernfalls wäre ich auch schon längst als Editor zurückgetreten.

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