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Psycho-DNA und GSG9: Auch die Human-Resources-Szene redet jetzt über Scharlatane und esoterische Methoden

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Wow!

Und nochmal wow – wie diese super-taffe Querdenkerin ohne viel Federlesens einen „Performer“ von einer „Pfeife“ oder gar von einem „Psychopathen“ separiert:

 

Profiler Suzanne Grieger-Langer entführt ihre Zuhörer in die Welt der Geheimdienste und entlässt sie mit leuchtenden Augen – frisch und nachhaltig motiviert, um im Dschungel der Zivilisation Groß(artig)es zu leisten. Sie ist ein weiblicher 007 und wird geliebt, nicht weil sie lieb ist, sondern weil sie tough ist. Sie erklärt den Unterschied von Querdenkern, Psychopathen und Pfeifen. Damit Sie nach dem Querdenker-Tag besser unterscheiden können, wer sie in Leben und Geschäftswelt wirklich weiterbringt […]

Profiler Suzanne Grieger-Langer fordert den Status Quo der Schmuseführung heraus, indem sie Performer von Pfeifen und Psychopathen befreit. Sie sind bei ihr nicht richtig, wenn Ihnen Mittelmaß genügt, sie sind bei Ihr goldrichtig, wenn Sie die Top-Liga entscheidend mitgestalten wollen.“

Ja, ich will – und zwar einfach nicht glauben, dass erwachsene Menschen auf so einen peinlichen Selbstbeweihräucherungs-Schmu reinfallen, gegen den der Sermon einer Maria Duval geradezu hoch seriös rüberkommt.

Zwar gab es hier und da mal sanfte Kritik, etwa 2010 in der Süddeutschen Zeitung („Manche Erkenntnis klingt nach Binse, manche arg konstruiert“).

Dennoch dauerte es bis zum Jahr 2017/2018, ehe die Psychologin und Journalistin Bärbel Schwertfeger den schillerenden Glanzlack von der „selbst ernannten Expertin für Betrugserkennung“ abkratzte und Grieger-Langer als schlichte „Hochstaplerin“ entlarvte.

Dabei ging es um den kräftig aufgehübschten Lebenslauf und die phantasievollen Qualifikationen der „Charakterprofilerin, Dozentin und Autorin“ (Wikipedia) – aber auch um deren Methoden:

Ziemlich absurd klingt ihre Behauptung, den „psychogenetischen Code“ [„PsychoDNA“] einer Person berechnen zu können, ohne mit der Person Kontakt gehabt zu haben. Schon Name, Geburts datum und ein Foto genügten und dann finde sie alles über die Person heraus, erklärte sie bei einem Vortrag. Mit dem so erstellten Charakterprofil wähle sie dann Mitarbeiter und Führungskräfte für Unternehmen aus. Mehr Unsinn geht kaum.“

Oh weia! Wie groß muss eigentlich die Verzweiflung in den Chefetagen deutscher Unternehmen sein, fragt man sich da unwillkürlich?

Darauf geht auch Schwertfeger ein, die in diesem Zusammenhang von „algorithmischen Verirrungen“ spricht:

Selbst wenn davon nur ein Bruchteil stimmen sollte, wäre das ein erschreckendes Armutszeugnis für die Unternehmen und deren Personalmanager. Der Fall ist aber auch symptomatisch für die zahlreichen Selbstdarsteller im Personal- und Weiterbildungsbereich, bei denen übertriebene oder falsche Behauptungen oftmals zum Standard gehören.“

Im Juli scheiterte Grieger-Langer vor dem Landgericht Bielefeld mit dem Versuch, Schwertfeger per einsteiliger Verfügung einige Textpassagen zu untersagen:

Auch die Aussagen „Profilerin mit Hang zur Lüge“ und „Die selbst ernannte Betrugsexpertin entpuppt sich zunehmend als Hochstaplerin“ bemängelt das Gericht nicht und bewertet sie als zulässige Meinungsäußerung. Zudem befänden sich in den Artikeln „ausreichende Textstellen, die unwahre Aussagen der Antragstellerin in Interviews oder ihrer Website belegen“.

Die Ruhrbarone kommentierten:

Letzten Freitag wurde Suzanne Grieger-Langer, selbstbezeichnete Kämpferin gegen (andere) Blender, auch der letzte Zauber genommen.“

Alles gut?

Mitnichten, denn wie war das gleich nochmal mit den „Selbstdarstellern im Personal- und Weiterbildungsbereich, bei denen übertriebene oder falsche Behauptungen oftmals zum Standard gehören“?

Das Problem: Kaum jemanden schien das bislang zu interessieren. Grieger-Langer selbst erklärte bei ihrem Gerichtstermin in Bielefeld forsch, dass die falschen Angaben in ihrem Lebenslauf „niemanden gestört“ hätten.

Sogar bei den „Social Recruiting Days“ am 29./30. Oktober in Berlin sollte die „Charakterprofilerin“ allen Ernstes als Keynote-Speakerin auftreten. Dem Kongress-Veranstalter war die weitreichende Kritik an Grieger-Langer zwar bekannt – schwerer wog allerdings ihr „hoher Entertainment-Faktor“:

Man sähe Frau Grieger-Langer als Entertainment-Keynote, die nicht wissenschaftlich angedacht ist“,

bekam der Blog Personalmarketing 2Null auf Nachfrage mitgeteilt.

Doch Frechheit siegt nicht mehr automatisch. Als auch der Persoblogger die Frage aufwarf,

… inwieweit ein etablierter Veranstaltungsanbieter eine Bühne für hochkontroverse Personen und Methoden bieten sollte“,

ruderte die Quadriga Akademie Berlin GmbH zurück:

Damit setzt Quadriga einen vorläufigen Schlusspunkt unter eine Debatte, die in der Human-Resources-Szene durchaus ihresgleichen sucht“,

schrieb haufe.de

Immerhin. Auch im HR-Bereich wird nun über Pseudos und Pseudo-Methoden diskutiert.

Der Recruiting-Experte Hendrik Zaborowski wurde denn auch gleich mehr als deutlich:

Oder jetzt das sehr prominente Beispiel der geplanten Keynote Speakerin Grieger-Langer, die nach eigenen Angaben auf ihrer Homepage nur den Namen, das Geburtsdatum und ein Foto einer Person braucht, um ein Profiling zu erstellen.

Das ist ja nicht mal mehr Dünnschiss, sondern kann nur bewusste Verarschung sein. Entschuldigen Sie bitte meine für mich unübliche Wortwahl, aber ich finde dafür keine anderen Worte.

Aber: Es funktioniert offensichtlich! Sie wird ja gebucht. U.a. auch für die Social Recruiting Days. Als Keynote Speakerin. Es ist so unfassbar. Und am Ende darf Prof. Dr. Kanning die Scherben aufsammeln.

Haben Sie übrigens schon seinen Youtube-Kanal „15 Minuten Wirtschaftspsychologie“ abonniert? Sollten Sie! Ein Traum!“

Letzterem können wir uns nur anschließen.

Bereits 1999 hat sich die GWUP bei ihrer Jahreskonferenz mit „Parawissenschaften in Management und Fortbildung“ befasst.

Dieses Jahr sprach Prof. Kanning bei der SkepKon in Köln über „Fragwürdige Testverfahren in der Personalarbeit“. Im Skeptiker 4/2017 ging es um unsinnige Methoden der Personalauswahl und Persönlichkeitsanalyse.

Ganz im Sinne unserer aktuellen Standortbestimmung bleiben wir dran an diesem absehbaren Top-Thema des 21. Jahrhunderts – skeptisch natürlich.

Denn auch das esoterische Recruiting berührt ein Kernproblem unserer modernen Welt: die Sehnsucht nach einfachen Antworten auf komplizierte Fragen und Zusammenhänge:

Alle Pseudowissenschaften bieten schnelle Lösungen an und versprechen, dass der Bewerber das Ergebnis nicht manipulieren könne, was ja bei einem Vorstellungsgespräch – wenn auch nur begrenzt – möglich ist. Seinen Schädel oder sein Sternbild kann keiner verfälschen. Das klingt für viele Personaler sehr attraktiv, sie suchen so etwas wie eine geheime Formel, mit der sie Menschen durchschauen können.“

Zum Weiterlesen:

  • Esoterik in Recruiting & Personalauswahl: 5 Gründe gegen Profiler, Physognomen & Hellseher, berufebilder am 15. August 2018
  • Algorithmische Verirrungen, Wirtschaftspsychologie aktuell am 6. November 2017
  • Steinbeis: Fragwürdige Zertifikatslehrgänge, MBA Journal am 19. Dezember 2017
  • Eine zweifelhafte Expertin fürs „Charakter-Profiling“, Über Medien am 3. Mai 2018
  • Grieger-Langer: Profilerin mit Hang zur Lüge, MBA Journal am 28. Mai 2018
  • Grieger-Langer: Transparenzoffensive bestätigt Lügen, MBA Journal am 4. Juni 2018
  • Suzanne Grieger-Langer lügt schamlos weiter, Ruhrbarone am 12. Juni 2018
  • Suzanne Grieger-Langer – chancenlos beim Landgericht, Ruhrbarone am 13. Juli 2018
  • Grieger-Langer scheitert vor Gericht, MBA Journal am 6. August 2018
  • Grieger-Langers Scheitern geht weiter, Ruhrbarone am 8. August 2018
  • Recruiting-Kongress: Unterhaltsamer Unsinn, MBA Journal am 9. August 2018
  • Social Recruiting Days: Entertainment-Faktor wichtiger als professionelle Inhalte, Personalmarketing 2Null am 13. August 2018
  • Die Kontroverse um Profilerin Suzanne Grieger-Langer – Stand der Diskussion, Persoblogger am 13. August 2018
  • Kontroverse um Keynote-Speakerin: Programm der „Social Recruiting Days“ geändert, haufe am 14. August 2018
  • Personalauswahl aus der Steinzeit – nix gelernt? hzaborowski am 16. August 2018
  • Uwe Peter Kanning: Computertechnologie in der Personalauswahl, Skeptiker 4/2017
  • Bärbel Schwertfeger/Alexander Todorov: Persönlichkeitsanalyse per Computer: Verzerrte Vorhersagen, unfaire Ergebnisse, Skeptiker 4/2017
  • Bärbel Schwertfeger: „Faception“: Das Comeback einer Pseudolehre, Skeptiker 4/2017
  • Schädeldeuter und Co. – Prof. Kanning bei der Skeptiker-Konferenz, GWUP-Blog am 7. Mai 2010
  • Personalauswahl: „Alles mit KI und Algorithmen ist in“ – aber was bringt es? GWUP-Blog am 15. Mai 2018
  • Neu im „Nachgefragt“-Podcast: Fragwürdige Methoden in der Personalarbeit mit Prof. Kanning, GWUP-Blog am 10. Juli 2018
  • Eignungsdiagnostik: Menschen glauben auch an Astrologie, MBA Journal am 8. August 2018
  • Die Versprechen esoterischer Unternehmensberater, haufe am 28. Juni 2017

8 Kommentare

  1. Zwischen abgasbetrügenden Vorständen und anderen Soziopathen ist doch so eine Hochstaplerin gut aufgehoben.

  2. Es ist unglaublich. Die Managementszene zeigt sich ja nicht erst seit kurzer Zeit durch Narzissmus, psychologische Inkompetenz und ausgeprägtem Dunning-Kruger-Effekt aus.

    Buchtipp: Kets de Vries (2004):Führer, Narren und Hochstapler: Die Psychologie der Führung https://www.amazon.de/Führer-Narren-Hochstapler-Psychologie-Führung/dp/3608937528

    oder das sehr gute Buch von Viktor Lau (2013): Schwarzbuch Personalentwicklung. https://www.steinbeis-edition.de/Wirtschaft/Personalmanagement/Schwarzbuch-Personalentwicklung.html

    sehr lesenswert ist Mintzberg, H.: Manager statt MBAs, Campus 2005 auch http://www.harvardbusinessmanager.de/heft/artikel/a-655883-4.html

    Dennoch sind Selbstdarsteller, Blender und Bluffer immer beliebt, schaut euch mal die Videos von Gedankentanken an https://www.gedankentanken.com/rednernaechte da tauch übrigens Grieger-Langer auch als Speaker auf. Naja. Solange im Management Alpha-Macho-Tiere, Selbstdarsteller und Narzissten das Sagen haben…..werden Blender und Bluffer immer offene Türen finden. Interessant ist dazu übrigens auch das Buch von Frau Schwertfeger: Bluffgesellschaft: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/die-bluff-gesellschaft-oh-sie-sind-ein-apfelsaft-typ-a-220656.html

  3. Ich habe zuschnell gelesen:
    „…eine Ausbildung als Diplom-Pädagogin in Transylvanien…“ statt Transaktionsanalyse!
    Das Gehirn ist ein seltsames Organ,oder!
    https://www.bbc.com/news/uk-26324564
    https://www.businessinsider.de/brexit-transylvania-beyond-eu-british-entrepreneurs-romania-2016-6?r=UK&IR=T
    Nur damit man weiss das Transylvanien kein übler Ort ist und speziell für Brexit-Aussteiger attraktiv ist.

  4. Aktuelle Diskussion in der HR Szene – Bühnen-Show und Entertainment statt seriöser Recruitingmethoden

    https://peats.de/article/aktuelle-diskussion-in-der-hr-szene-buehnen-show-und-entertainment-statt-serioeser-recruitingmethoden

  5. Moden kommen und gehen…demnächst ist kommt die „neue?“ Nüchternheit „wieder“?

  6. Unter weiter geht es mit Frau Grieger-Langer
    https://www.ruhrbarone.de/grieger-langers-scheitern-geht-weiter/157326

    Hier möchte Sie ihr neues Buch vorstellen: „Cool im Kreuzfeuer – Schlammschlachten, Cybermobbing und Rufmordkampagnen souverän überstehen“

    https://www.eventim.de/profiler-suzanne-tickets.html?affiliate=EVE&doc=artistPages%2Ftickets&fun=artist&action=tickets&erid=2272472&kuid=559046

    Das Gerichtsurteil: Langer-Grieger ./. Schwertfeger: https://www.mba-journal.de/wp-content/uploads/2018/08/Urteil-geschwärzt.pdf

  7. Eventim macht es richtig. Denn was steht auf der Page?

    * Künstler-Biografie*

    Das passt doch sehr gut. Frau Grieger-Langer ist eine Künstlerin. Eine miese zwar nach meiner persönlichen Einschätzung, aber doch eine Künstlerin.

    Profilerin, Psychologin und was sie sonst noch so in ihrem Lebenslauf kolportiert, kann man hingegen getrost in die Tonne treten.

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