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Nostradamus: Das „Wesen, halb Schwein, halb Mensch“ – ein Soldat mit Gasmaske im Krieg?

| 16 Kommentare

Ein großer Schreckenskönig, der vom Himmel herabsteigt (Vers X/72).

Ein Wesen, halb Schwein, halb Menschenkind (I/64).

Ein Regen aus Milch, Blut und Fröschen (II/32).

Bestien, wild vor Hunger (II/24).

Zwei Monster mit zwei Köpfen (IX/3).

In den „Centurien“ des Nostradamus finden sich zahlreiche mysteriöse Bilder, die aktuellen Horrorfilmen entsprungen sein könnten. Die Interpreten des großen „Sehers“ lassen sich von diesen Metaphoriken regelmäßig dazu verleiten, ihrer verunsicherten Leserschaft angsteinflößende Deutungen aufzutischen, zum Beispiel

  • Großer Schreckenskönig = Endzeit-Impakt eines riesigen Kometen (Alexander Tollmann)
  • Wesen, halb Schwein, halb Menschenkind = Soldat mit Gasmaske (Focus-Online)
  • Regen aus Milch, Blut und Fröschen = Krieg auf dem Balkan. Und eine Seuche, radioaktive Verstrahlung (Kurt Allgeier)
  • Bestien, wild vor Hunger, durchschwimmen den Fluss = Bären (Russen) auf ihrem Weg nach Westen und Süden, Schlussphase des Zweiten Weltkriegs (Jean-Claude Pfändler)
  • Zwei Monster mit zwei Köpfen = zwei Banden oder Parteien (Kurt Allgeier)

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Tatsächlich handelt es sich dabei um bekannte Motive aus der Prodigienliteratur, die ab der Renaissance wieder großes Interesse fand:

Nachdem der Vorzeichenglaube in der Antike – vor allem bei den Römern – einen ersten Höhepunkt erlebt hatte, erhielt er im 16. Jahrhundert neuen Aufschwung.

Ob Nordlichter, Nebensonnenerscheinungen, Sonnenfinsternisse, Kometen, Kornregen, Blutwunder, Wunderbrunnen, Geistererscheinungen, Auferstehungen, Missgeburten und so weiter. Sie alle sorgten bei den Menschen der Frühen Neuzeit für Angst und Schrecken, da sie als Zeichen Gottes galten, der die Menschen für ihre Sünden bestrafen und vor größerem Unheil warnen möchte.“

Von humanistischer Bildung durchwirkt und zugleich Sprachrohr der prophetischen Tradition rankte Nostradamus viele seiner Verse um solche Wunderzeichen, die er in Beziehung zu Ereignissen seiner unmittelbaren Gegenwart setzte – wie etwa die „Himmelsschlacht“ zweier Löwen über Glarus 1547 mit den Kämpfen zwischen Heinrich II. von Frankreich und Karl V.

Als Hauptinspirationsquelle diente ihm De Prodigiis (Liber prodigiorum) des antiken römischen Schriftstellers Julius Obsequens beziehungsweise die Edition von Conrad Lycosthenes (1552).

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Wie kaum ein anderer Autor seiner Epoche hat Nostradamus die prophetische Bedeutung von Prodigien ausgebeutet“,

schreibt Elmar R. Gruber in seiner historisch-kritischen Nostradamus-Analyse:

Bis über die Grenze des Erträglichen hinaus quellen seine Almanache und die Prophéties über von Vorzeichen und Monstern, und dennoch scheinen seine Leser ihrer nie überdrüssig geworden zu sein […]

In der Auslegung von Prodigien bedient Nostradamus sich des gängigen Interpretationskanons der Tradition. Seine Schreckensankündigungen sind so gesehen nichts Besonderes; sie unterscheiden sich nicht von anderen.

Originell werden sie allein durch überraschende Kombinationen und vor allem durch den Stil, in den er sie verpackte. Überall in seinem Werk sind die Vorzeichen anwesend. Es ist die finstere Poesie der Zeichen, die den Vierzeilern ihren Rhythmus und ihre Faszination verleiht.“

Eines der schlagendsten Beispiele ist Vers I/64, die angebliche Vorhersage des Ersten Weltkriegs:

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Übersetzt:

Die Leute werden meinen, nachts die Sonne gesehen zu haben, wenn man das halb menschliche Schwein sehen wird, wenn man Zeuge eines Getöses, Gesangs und eines am Himmel kämpfenden Heeres sein wird und wenn man wilde Tiere sprechen hören wird.“

Auch der Deutschlandfunk steigt mit diesem Rätselgedicht in die heutige Berichterstattung zum 450. Todestag des „Propheten“ ein.

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Aber lässt dieser Quatrain wirklich zuvörderst an „eine Leuchtkugel und einen Luftkampf“ denken, wie es bei Focus-Online heißt?

Das Wesen in der zweiten Zeile erinnert an einen Soldaten mit Gasmaske und die wilden Tiere, die man am Ende sprechen hört, an Kommandos bellender Offiziere.“

Auch der Münchner Astrologe Kurt Allgeier stimmt in diese Deutung ein:

Vor fast 450 Jahren hat Nostradamus ohne Zweifel eine moderne Luftschlacht gesehen und geschildert. Das Wesen, halb Mensch, halb Schwein könnte der Soldat mit einer Gasmaske oder der Pilot mit einer Sauerstoffmaske sein. Die Nacht ist erhellt durch Leuchtkugeln und Flakfeuer. Die brutalen Bestien sind der Kanonendonner oder Raketen.“

Nichts dergleichen. Sämtliche Motive von I/64 finden sich in der Prodigienliteratur, etwa im „Augsburger Wunderzeichenbuch“.

Die Leute werden meinen, nachts die Sonne gesehen zu haben“

bezieht sich auf einen Kometen:

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 Überdies hat der bibliophile Gelehrte Nostradamus diese Passage offenbar aus dem apokryphen 4. Buch Esra (Kapitel 5, Vers 4) kompiliert:

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Wenn man das halb menschliche Schwein sehen wird“

gehört zur Wunderzeichen-Kategorie „Missgeburten und monströse Kreaturen“:

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 In der literarischen Vorlage, dem liber prodigiorum von Julius Obsequens, ist von einem „Schwein mit menschlichen Händen und Füßen“ die Rede (und ebenfalls von einer nächtlichen Sonne):

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Sogar festgenommen wurde ein solches Wesen laut Augsburger Wunderzeichenbuch um 1552 bei Salzburg:

Wenn man Zeuge eines Getöses, Gesangs und eines am Himmel kämpfenden Heeres sein wird“

beschreibt eine symbolische Himmelsschlacht, die man aus dramatischen Wolkenformationen herauslas und die Nostradamus in einem ähnlichen Vers (IV/43) zum Beispiel als Vorbote eines Glaubenskampfes deutet:

Seront ouys au ciel les armes battre (Man wird im Himmel Waffen kämpfen hören, im selben Jahr werden die Feinde des Göttlichen unrechtmäßig die heiligen Gesetze bekämpfen wollen)“

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 Auch bei solchen „Himmelsschlachten“ handelt es sich um uralte prophetische Wandersagen, die sich sowohl bei Julius Obsequens finden

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als auch in den Sibyllinischen Weissagungen:

In den Wolken ihr schauet den Kampf von Fußvolk und Reitern, wie eine Hetzjagd auf Wild, vergleichbar Nebelgebilden.“

Kommen wir zum letzten Satz von Vers 64 der ersten Centurie:

Und wenn man wilde Tiere sprechen hören wird.“

„Wundersame“ (darunter auch sprechende) Tiere wie dieser Fisch (r.) zählten ebenfalls zum Inventar der Prodigien:

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Kurzum: Die angebliche Voraussage des Ersten Weltkriegs in I/64 der „Centurien“ ist nichts weiter als eine Sammlung von Vorzeichen, anscheinend ohne konkreten Zweck – und typisch für die „absonderliche, befremdliche und faszinierende Poesie“ des Nostradamus.

Genau so verhält es sich auch mit der übrigen Gruselsymbolik der Quatrains:

Der große Schreckenskönig“

Ein Nostradamus’scher Neologismus für eine Sonnenfinsternis, die als Vorbote von Unglück und Not gedeutet wurde.

Bestien, wild vor Hunger, durchschwimmen den Fluss“

Wundergeschöpfe, wie sie in den Prodigien häufig als „grimmiges, zerreisendes und Leut-fressendes Thier“ auftauchen und die von Gott geschickt wurden, „dass wir unsere Sünde erkennen, bekennen, ware reu und leyd darüber haben“:

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Zwei Monster mit zwei Köpfen“

Damalige Flugschriften berichteten zum Beispiel von einem Kalb „mit zweyen Köpffen“ oder von einem „tweköppich Kalff“ und vielen ähnlichen Missgeburten, die man zur Diagnose der sozialen, kulturellen und politischen Lage heranzog. Aus Nostradamus‘ Almanachen und von seinem Biografen Jean Aymé de Chavigny wissen wir, dass der Renaissance-Gelehrte 1554 selbst Zeuge der Geburt einer Ziege mit zwei Köpfen in Aurons in der Nähe seiner Heimatstadt Salon wurde.

Aber auch Menschen mit zwei und mehr Köpfen sind im Wunderzeichenbuch und in der übrigen Prodigienliteratur abgebildet: „Die vielen Köpfe werden als Hinweis auf Zerrüttung im geistlichen und weltlichen Regiment interpretiert.“

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Regen aus Milch, Blut und Fröschen“

Ein klassisches „warzeichen“ für „krieg und blutvergiessen:

Zum 450. Todestag des „Sehers“ können wir mit Elmar R. Gruber festhalten:

Mit Nostradamus haben wir einen Propheten verloren, aber […] einen Dichter gewonnen.“

Seine vordergründig rätselhaften Motive, die allegorischen Bilder und verschleierten Hinweise waren gut gewählt – und faszinieren bis heute:

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 Zum Weiterlesen:

  • Entschlüsselt: Die prophetische Visitenkarte des Nostradamus – der Turniertod von Heinrich II., GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • Prodigienliteratur in der frühen Neuzeit, historicum am 24. September 2007
  • Wunderzeichenberichte von der Antike bis zur frühen Neuzeit, wunderzeichen.de
  • Feuer und Fluten: Buch aus 16. Jahrhundert zeigt Endzeitphantasien, Spiegel-Online am 16. Februar 2014
  • Till-Holger Borchert/Joshua P. Waterman: Das Wunderzeichenbuch. Taschen-Verlag, Köln 2013
  • “The Book of Miracles”: Die Welt geht unter! Zeit-Online am 30. Dezember 2013
  • Phantomzeichnungen zur Lösung der Welträtsel, Frankfurter Rundschau am 15. Dezember 2013
  • The Book of Miracles, The New York Review of Books am 1. Mai 2014
  • Michaela Schwegler: Kleines Lexikon der Vorzeichen und Wunder. C.H.Beck, München 2004
  • Der liber prodigiorum des Julius Obsequens (Text Lateinisch-Deutsch)
  • Die Monster in der Prodigien-Literatur des Fortunius Licetus im 17. Jahrhundert, Phlebologie 5/2015
  • Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst, GWUP-Blog am 15. Juni 2016
  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016
  • Elmar R. Gruber: Nostradamus. Scherz, Bern 2003
  • Die unglaublichen Weissagungen des Nostradamus, Astrodicticum simplex am 19. August 2015
  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010
  • Strophen des Schauderns: Vor 450 Jahren starb der düstere Prophet Nostradamus, sonntagsblatt am 28. Juni 2016
  • Nostradamus: Die Angst geht um, Donauzeitung am 28. Juni 2016
  • Seher, Schwindler oder Dichter? Deutschlandfunk am 2. Juli 2016

16 Kommentare

  1. ich muß mal
    1. eine frage stellen — ist dieser blubberheini eigentlich soviele blogbeiträge (5 st) wert ?

    2. eine antwort geben — nein, ich war auf einem gynasium und sogar auf einem sehr guten, dieser heini wurde dort überhaupt nicht erwähnt. (mm, er ist völlig unwichtig, und was er schrieb ist nonsens)

    -focus spiegel und stern stehen für mich auf einer stufe mit blöd, die übersehe ich-

  2. @Diabetiker:

    << ist dieser blubberheini eigentlich soviele blogbeiträge (5 st) wert? << Ja. Das sind die neuesten Forschungsergebnisse dazu und wir möchten das Thema damit aktualisieren und - voraussichtlich - zu den Akten legen. Wenn Sie am heutigen Tag "Nostradamus" googeln, finden Sie eine Vielzahl von - meist unkritischen - Artikeln zum 450. Todestag. Nur ausgerechnet die Skeptiker sollen nichts dazu sagen? << dieser heini wurde dort [in der Schule] überhaupt nicht erwähnt. (mm, er ist völlig unwichtig << Warum und in welchem Fach sollte Nostradamus in der Schule gelehrt werden? Und alles, was in der Schule nicht erwähnt wird, ist unwichtig? Dann sind gefühlte 95 Prozent von allem, was es auf der Welt gab und gibt, unwichtig, und wir können u.a. auch die GWUP auflösen, denn auch von den übrigen Skeptiker-Themen wird in der Schule nichts erwähnt. Oder hatten Sie Homöopathie im Chemie- oder Physikunterricht? << und was er schrieb ist nonsens << Das ist es eben gerade nicht, und das steht auch nicht in den Artikeln. Kulturhistorisch ist Nostradamus überaus interessant und er hat auch keinen "Nonsens" geschrieben. << focus spiegel und stern stehen für mich auf einer stufe mit blöd, die übersehe ich << Die Diskussion, welche Medien "blöd" sind und ignoriert werden können/sollten, haben wir schon x-mal ohne Ergebnis geführt. Was Sie persönlich davon halten, ändert nichts an dem Einfluss, den diese Medien auf gesellschaftliche Überzeugungen haben.

  3. @Pierre Castell:

    In einigen Berichten wird die GWUP auch kurz erwähnt:

    http://www.n24.de/n24/Wissen/Kultur-Gesellschaft/d/8769276/der-pessimistische-prophet-des–grossen-hintern-.html

    Leider stammt das alles aus alten Interviews und Texten und nicht aus unseren aktuellen Artikeln oder Gesprächen.

    @Diabetiker: Und genau das soll bei der nächsten Nostradamus-Welle (die so sicher kommen wird wie nur irgendwas) anders sein, deshalb aktualisieren wir unsere Erkenntnisse.

  4. Kulturhistorisch ist Nostradamus überaus interessant und er hat auch keinen “Nonsens” geschrieben.

    Eben, und bloß weil es kein Nonsens ist müssen das noch lange nicht gleich Prophetien, Voraussagen oder sonst eine Form von Exklusivwissen sein.

    Ich finde es gut, das hier aufzudröseln, um die ansonsten verbreitete unkritische Nostradamus-Jubelei ein wenig zu konterkarieren.

  5. Heute abend um 22.40 auf BR-Alpha in der Reihe „Die großen Geheimnisse der Geschichte“: Nostradamus.

  6. @Bernd
    Hast Du inzwischen Pläne eine aktualisierte Version Deines Nostradamus-Buches herauszubringen, vielleicht der vielen Verweise und Quellen wegen direkt als ebook oder als Buch+DVD o.ä.?

    Du hattest ja erwähnt, dass Du es nur überarbeitet guten Gewissens verkaufen könntest – ich würde die neue Version jedenfalls direkt vorbestellen ;-)

    Vielleicht ließe sich bei so einem populären Thema auch was per Crowdfunding machen, um den Nonsens-Dokus des TV etwas entgegenzusetzen!?

  7. @Seb:

    Danke für die Nachfrage bzw. Anregung.

    Voraussichtlich wird erst mal im nächsten Skeptiker eine gedruckte Zusammenfassung der insgesamt fünf Nostradamus-Artikel hier (einer kommt diese Woche noch) erscheinen.

    Dann sehen wir mal weiter, denke ich.

  8. Überdies hat der bibliophile Gelehrte Nostradamus diese Passage offenbar aus dem apokryphen 4. Buch Esra (Kapitel 5, Vers 4) kompiliert

    „Kompiliert“ erscheint mir seltsam als Synonym für „abgeschrieben“.

  9. @frater mosses:

    Das hat man damals nicht so gesehen.

    „Abschreiben“ war damals völlig normal und üblich und galt nicht als verwerflich, sondern als Verbeugung/Ehrerweis an die Vorlage.

  10. @Sabine:

    Was genau wollen Sie uns denn damit sagen?

    Aus einem anderen Artikel zum selben Thema:

    „Wer kennt nicht die Sphinx, den tanzenden Satyr, Kentauren, Chimären oder Nixen? Mischwesen – halb Mensch, halb Tier – bevölkern die antike Mythologie, Kunst und Fabeln bis hin zu Science-Fiction-Romanen der Neuzeit.“

    Phantasien von Mischwesen gab es zu allen Zeiten, auch in den Vorlagen, aus denen Nostradamus sich bedient hat.

  11. „Flieh! auf! hinaus ins weite Land!
    Und dies geheimnisvolle Buch,
    Von Nostradamus‘ eigner Hand,
    Ist dir es nicht Geleit genug?
    Erkennest dann der Sterne Lauf,
    Und wenn Natur dich unterweist,
    Dann geht die Seelenkraft dir auf…“

  12. @Ron:

    „Faust I“ – so what?

  13. @Ron:

    “Faust I” – so what?

    Vielleicht mag er Shakespeare nicht so?

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