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Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst

| 9 Kommentare

Durchaus vorhersehbar zog unser Nostradamus-Debunking noch einen Mailwechsel nach sich, der uns davon überzeugen sollte, dass bei diversen Deutungen der mysteriösen Vierzeiler viele Ereignisse „aus der Vergangenheit zutreffend hervorgekommen“ sind.

Mit der Betonung auf „Vergangenheit“ – die Kunst der „Nachhersage“ haben wir gerade erst hier beschrieben.

Bei Nostradamus funktioniert das so: Man nehme einen verrätselten Vers, löse ihn aus seinem historischen Kontext und übe sich damit im freien Assoziieren.

Zum Beispiel:

V57

Übersetzt heißt das in etwa:

Einer wird vom Mont Gaulsier und Aventin hervorgehen, der durch das Loch die Armee warnen wird. Zwischen zwei Felsen wird die Beute ergriffen, vom SEXT. mansol verblasst der Ruf.“

Der Nostradamus-Interpret Bernhard Bouvier bricht die „schweren Siegel“ von Vers V/57 auf gewohnt eigentümliche Art und Weise:

Montgaulsier = Montgolfière = Ballon der Brüder Montgolfier.

Aventin = à vent = mit dem Wind.

Le trou = das Loch = die Öffnung unter dem Ballon.

Zwei Felsen = zweimal Petrus (der Fels) = zwei Päpste.

SEXT. = (lat.) sextus = der VI. Papst.

Mansol = man sol(us) = Mann Solus = Priester im Zölibat“

Was soll das bedeuten? Ganz einfach:

1794 wurde die Montgolfière erstmals zu Beobachtungszwecken gegen die Österreicher in der Schlacht von Fleurus eingesetzt (Zeile 1 und 2). Zwischen Pius VI. (1775 – 1799) und Pius VII. (1800 – 1823) nahm sich Napoleon I. im Frieden von Tolentino als Kriegsbeute einen Teil des Kirchenstaates. Unter Pius VI. sank das Ansehen des Papsttums.“

Netter Einfall – wenn man Biografie, Lebensumfeld und Zeitverhaftung von Nostradamus vollständig außer Acht lässt.

Michel de Nostredame wurde 1503 in Saint-Rémy-de-Provence geboren.

Was er dort von Kindheit an kannte, sind zwei Berge in der näheren Umgebung, nämlich der Mont Gaussier

MontGaussier

… und unweit davon der Rocher des Deux Trous, ein Felsmassiv, in dem zwei etwa mannshohe Löcher klaffen:

Vu des 2 trous 2015 (5)

Offenkundig ist das die reale Entsprechnung der Begriffe „Mont Gaulsier“, „das Loch“ und „zwei Felsen“ in Vers V/57.

Im Süden von Saint-Rémy finden sich überdies die Reste der römischen Stadt Glanum mit einem bekannten Ensemble zweier antiker Architekturen, genannt „Les Antiques“: der Triumphbogen Arc du Sex und das Juliermonument beziehungsweise ein Mausoleum mit einer Inschrift:

Mausolee

Im Vorwort zu seinem Buch „Excellent et moult utile Opuscule“ von 1555 mit allerlei kosmetischen und medizinischen Ratschlägen nennt Nostradamus sich selbst „Sextropheae Natus Gallia“, also „Bewohner der Gegend Galliens mit dem Zeichen des Sextus“.

Beziehen wir in unsere Überlegungen mit ein, dass die damaligen Schrifttypen häufig zu typografischen Fehlern in den „Centurien“ führten, wovon die Verwechselung von „n“ und „u“ einer der häufigsten war (deshalb „mansol“ statt „mausol“ für mausolée), erschließt sich die Bedeutung von Vers V/57 ohne interpretatorische Verrenkungen.

Nostradamus beschreibt hier weder den „Ballon der Brüder Montgolfier“ noch Papst Pius VI., sondern lediglich einige Besonderheiten seiner Heimat, im letzten Satz speziell das römische Mausoleum mit seiner verwitterten („verblassenden“) Inschrift, die mit „SEXT“ beginnt.

Dazu gibt’s etwas Zeitgeschichte aus Nostradamus erlebter Gegenwart im 16. Jahrhundert:

Die Warnung durch das Loch im Felsen ist zweifellos eine Reminiszenz an ein Ereignis aus dem Jahr 1536: Durch Signale aus einem Loch im Rocher des deux Trous neben dem Mont Gaussier wurde ein Handstreich gegen eine Abteilung der Truppen Karls V. während seiner versuchten Invasion in der Provence ausgeführt.“

Natürlich kann man die Nostradamus-Verse wie einen literarischen Rorschach-Test betrachten und retrospektiv alles herauslesen, was man darin finden möchte.

Das hat nur nichts mit der Intention des Autors zu tun.

Zum Weiterlesen:

  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016
  • James Randi: The Mask of Nostradamus: The Prophecies of the World’s Most Famous Seer. Prometheus Books, Amherst 1993
  • Elmar R. Gruber: Nostradamus. Scherz, Bern 2003
  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010

9 Kommentare

  1. Montgaulsier = Montgolfière = Ballon der Brüder Montgolfier.

    Es wäre doch ziemlich untypisch, wenn Nostradamus hier so einfach eine Person der Zukunft konkret beim Namen genannt hätte. Normalerweise schreibt er ja so kryptisch und vage, dass die Nostradamus-Gemeinde sich zu phantastischen exegetischen Höhenflügen bei der Auslegung genötigt sieht, um die Texte mit irgendwelchen späteren Ereignissen in einen Zusammenhang zu bringen.

    Wenn Nostradamus hier tatsächlich einen Namen genannt hätte, wäre doch zu erwarten, dass er das auch anderswo in seinen Centurien getan hat, gern auch wieder in kreativ verfälschender Rechtschreibung. Und dann müsste man in seinen Texten doch wesentlich mehr Konkretes finden können. Und das wiederum würde den ansonsten kryptischen Stil konterkarieren. Das passt hinten und vorne nicht.

  2. @gnaddrig:

    Das passt so wenig, wie aus „hister“ (dem alten Namen der Donau) „Hitler“ zu machen.

  3. @ Bernd Harder: Mit etwas Phantasie und kabbalistischem Geschick lässt sich aus fast jedem Text fast alles herauslesen.

  4. @gnaddrig:

    << Wenn Nostradamus hier tatsächlich einen Namen genannt hätte, wäre doch zu erwarten, dass er das auch anderswo in seinen Centurien getan hat, gern auch wieder in kreativ verfälschender Rechtschreibung. << Umgekehrt findet man die Schlüsselbegriffe, der er wohl tatsächlich gemeint hat, in der Tat wiederholt in den Centurien, zum Beispiel << Salon, Mansol, Tarascon de SEX, l'arc << in IV/27. Zumindest ein starkes Indiz dafür, dass die historisch-kritische Deutung seiner Verse richtiger ist als die freidrehenden Interpretationen.

  5. @Bernd

    Glanum ist keine römische Stadt, sondern eine griechisch-römische Stadt mit gallischen Wurzeln.

  6. @Monika:

    Aber nicht unbedingt gleichzeitig:

    << Glanum war bereits alt, als es im 1. Jahrhundert v. Chr. römisch wurde << Ich gehe in dem Artikel von der Zeit aus, aus der die besagte Monumente stammen.

  7. @ Bernd Harder: Eben, das meiste deutet darauf hin, dass die Höhenflüge zur Auslegung der vermeintlich prophetischen Vierzeiler nur Hirngespinste sind. Wenn man „weiß“, dass da Prophetisches drinsteckt, findet man eben auch Prophetisches und redet sich noch die krummsten Linien grade.

  8. Aus einer Amazon-„Rezension“ von Bouviers Buch:

    „Es ist eben KEINE Interpretation, KEIN Herumdeuteln, KEIN (wie viele es machen) Hineininterpretieren, sondern einfach eine Übersetzung. Die es nun glücklicherweise gibt.“

    Spass muss sein.

  9. „Natürlich kann man die Nostradamus-Verse wie einen literarischen Rohrschach-Test betrachten und retrospektiv alles herauslesen, was man darin finden möchte.“

    Der Satz ist toll, den muss ich mir merken. :)

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