Homöopathische Notaufnahme – Das Buch zum Film

Wie war gleich nochmal der Spruch von der Wirklichkeit, die früher oder später jede Satire überholt?

So längst auch geschehen mit dem youtube-Klassiker “Homöopathische Rettungsstelle”. Das Buch zum Film heißt “Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin” – und ist leider ernst gemeint. Anscheinend schrecken Homöopathen vor gar nichts mehr zurück.

Dass die Carl und Veronica Carstens-Stiftung dem Wälzer ein „hohes wissenschaftliches Niveau“ bescheinigt, erinnert an den alten Otto-Sketch: “Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass Rauchen doch nicht schädlich ist. Gez. Dr. Marlboro.”

Fast noch spaßiger ist ein Interview, das der ZVDhÄ-Blog kürzlich mit dem Mitherausgeber Prof. Michael Frass geführt hat. Ein Highlight daraus:

Frage: Die Homöopathie trifft in der Intensivmedizin auf besondere Herausforderungen. Wie wird eine Anamnese bei Patienten durchgeführt, die im künstlichen Tiefschlaf sind?

Prof. Dr. Michael Frass: Dies ist sicher die größte Herausforderung für Homöopathen, wenn sich die Patienten in künstlichem Tiefschlaf befinden. Hier wird einerseits die konventionelle Anamnese herangezogen, sehr rasch versuche ich aber, Kontakt mit den Angehörigen aufzunehmen, um einerseits die dem akuten Ereignis vorangegangenen auffallenden Symptome zu erfahren und andererseits etwas von der Konstitution und den Besonderheiten des Patienten zu erfahren. Im Verlauf der Erkrankung sind oft die Beobachtungen des Pflegepersonals sehr hilfreich für die Mittelwahl und einen allenfalls nötigen Mittelwechsel.”

Wir sind angemessen beeindruckt, ja nachgerade verblüfft. Denn wenig später entfährt dem Herrn Professor:

Das Wohl der Patienten, nicht das Nichtverstehenkönnen einer Methode sollte im Vordergrund stehen. Interessanterweise nimmt aber die Mündigkeit der Patienten zu, die sich das Recht herausnehmen, selbst ihren Gesundheitszustand zu beurteilen.”

Verstehe. Also auch Patienten im künstlichen Tiefschlaf werden von der Homöopathie kurzerhand für “mündig” erklärt. Und sind natürlich auch “nach einem Unfall oder Schock” (der übrigens mit “Arnica C200″ behandelt wird) in der Lage, selbst ihren Gesundheitszustand zu beurteilen. Wir hoffen, Otto Waalkes liest hier ab und zu mit – Anregungen für eine neue Show findet er dabei bestimmt genug.

Gegen Ende gibt’s dann auch noch ein paar Worte zu den ach so pösen Homöopathie-Kritikern:

Debatten machen nur Sinn, wenn konstruktive Kräfte am Werke sind. Leider wirken die destruktiven Kräfte in der Öffentlichkeit sehr stark.”

Nun ja, Debatten machen nur Sinn, wenn die Homöopathen ihr “dogmatisches, in sich geschlossenes Denksystem” mal probehalber verlassen würden, “das sich – im Gegensatz zur Naturwissenschaft – nie selbst in Frage stellt.” (Dr. Theodor Much)

Weil das nicht absehbar ist, steht schon bald die nächste öffentliche Aktion der “destruktiven Kräfte” an, nämlich der „10:23-Challenge“ im Februar 2011. Infos dazu gibt es im GWUP-Newsbereich. (Und als Update vom 5. Februar 2011: Eine Analyse der Kritik von Prof. Frass an der 10:23-Aktion.)

Und hier nochmal die “Homöopathische Rettungsstelle” mit deutschen Untertiteln:


Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

15 Kommentare zu “Homöopathische Notaufnahme – Das Buch zum Film”


  1. 1 Hagen 4. Dezember 2010 um 14:02

    OMG

  2. 2 skeptikus 4. Dezember 2010 um 19:33

    Das kann doch nur ein Scherz sein oder? Kann man Homöopathie bei chronischen Erkrankungen als zusätzliche Behandlungsmethode noch ggf. hinnehmen, hört es bei ernsthaften Situationen in der Notfallmedizin nun wirklich komplett auf. Ich hoffe, dass sie wenn überhaupt auch nur zusätzlich eingesetzt wird, wenn nicht, wäre das unglaublich.

    Da bekomme ich es langsam mit der Angst zu tun. Sollt ich mal einen ernsthaften Notfall haben, dann wird mir ganz bange, wenn ich damit rechnen muss, dass mir jemand die inhaltslosen Zuckerkügelchen unterjubelt.

  3. 3 PB 4. Dezember 2010 um 20:42

    …da ist kein Scherz! in den Scienceblogs bei kritisch gedacht steht einiges über Herrn Frass…

    Aber Angst kriegen kann man da schon!
    Wie wär’s mit einem Vordruck, so einer Patientenverfügung:
    a la
    “Versorgung nur mit echter evidenzbasierter Medizin und ohne paramedizinisch-esoterischen Pseudoheilmitteln, z.B. Homöopathie, Atox, Biophotonentrallala etc. ”
    … sollte man dann neben dem Organspender-Ausweis immer bei sich tragen (das mein ich jetzt ernst!) Könnt Ihr da etwas aufsetzen?
    Verteilen helfen wir dann in diversen Blogs…

    LG, PB

  4. 4 Kurt Barlow 5. Dezember 2010 um 13:17

    Wunderbar selbst-entlarvend auch die Wortwahl dieses Mannes: Da wird nicht von Kritikern (oder meinetwegen auch “Gegnern”) der Homöopathie geredet – nein, sondern “Kräfte” stellen sich einem in den Weg.

    Eben genau so, wie es im homöopathischen Weltbild von geheimnisvollen “Kräften” und “Energien” wimmelt. Besser als in diesem zitierten Interview könnte man das dogmatische, geschlossene Weltbild der Homöopathen kaum darlegen, so wie es der Herr Homöopath da selber tut.

  5. 5 Elke 5. Dezember 2010 um 13:18

    Eine Rezension bei Amazon.de muss man gelesen haben; einfach widerlich:

    Die Autorin dieser Rezension ist
    Dr. med. Elisabeth Häcker-Strobusch, Winterbach, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Homöopathie

    Wir haben vom Elsevier-Verlag einen weiteren Beitrag zum therapeutischen Dialog zwischen konventioneller Medizin und Homöopathie vorgelegt bekommen. Die Intensivmedizin ist jung. Sie profitiert besonders von den technischen Fortschritten in Diagnostik und Therapie und kann zeitweilig das Leben des Patienten erhalten und Organausfälle ausgleichen. Dennoch gehört das Sterben zum Alltag dieser Stationen. Es braucht noch ein Weiteres, damit der Patient den Weg zur Heilung findet und selbständig seine Lebensvorgänge wieder aufrechterhalten kann. Dieses Weitere kann der Arzneimittelimpuls sein, den die homöopathische Therapie setzt.

    In 145 Kasuistiken wird dies vorgestellt. Auf einen Vorspann, der die Definition der Diagnose, eine klare Übersicht der Klinik samt Diagnostik, heutiger Therapie und eine Skizze des möglichen Therapienotstandes enthält, folgt der Fall. In ihm wird konkret beschrieben, wie die konventionelle Therapie und die Homöopathie ineinandergreifen und den Verlauf zum Besseren wenden.

    Die Autoren wenden sich gezielt an Ärzte, die auf Intensivstationen oder häufig notfallmedizinisch arbeiten. Sie wollen ihnen Mut machen und sie auf ein weiteres Werkzeug für diese Arbeit hinweisen. Allein die große Entlastung für Patient, Pflegepersonal und Ärzte z.B. bei der homöopathischen Behandlung des postoperativen Durchgangssyndroms kann zur Nachahmung anregen. Mit winzigem Materialeinsatz (Medikament wie Kosten) werden entscheidende Veränderungen bewirkt. So bleibt Intensivmedizin bezahlbar!

    Daneben liefert das Buch anschauliches Material für den Unterricht im D-Kurs zum Thema ?Möglichkeiten und Grenzen der homöopathischen Behandlung bei schwerwiegenden Akuterkrankungen? sowie im E-Kurs zum Thema ?Die homöopathische Behandlung von Notfällen? (Kurse zur ärztlichen Weiter- und Fortbildung).
    Ebenso kann jeder Praktiker von diesem allopathischen wie homöopathischen Einblick in die Intensivmedizin profitieren, müssen wir doch Angehörigen Orientierung und Rat erteilen, wenn sie mit solch einer Situation konfrontiert werden.

    Zudem kann der Inhalt dieses Buches eine Revolution bewirken.
    1. Es beweist klar, dass homöopathische Behandlung ungeschmälert wirksam ist neben konventioneller Diagnostik und Therapie, so dicht und chemisch sie auch sein mag
    2. In diesen extremen Belastungssituationen werden von allen Autoren Hochpotenzen in häufiger Wiederholung eingesetzt, um den Umstimmungsreiz in diesem labilen Gesamtzustand klar zur Geltung zu bringen. Stabilisiert sich der Zustand, werden die Abstände deutlich verlängert.
    Diese beiden Punkte müssen im inner?homöopathische Diskurs zur Kenntnis genommen werden.
    Noch bedeutsamer schätze ich die Auswirkung auf die gegenseitige Wahrnehmung der Ärzte beider Lager ein.
    3. Konventionelle Medizin und Homöopathie können erfolgreich zusammenwirken zum Wohl des Patienten, wie hier belegt wird. Sobald wir uns auf den gemeinsamen, gesellschaftlichen Auftrag zur Heilkunde und Heilkunst beziehen, wird es einfach, einander mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen.

    Vermisst habe ich eine kurze Biographie der Autoren, aus der abzulesen ist, in welchem Rahmen sie Gelegenheit hatte, ihre Fälle zu sammeln. Auch fehlt mir ein Namensverzeichnis, an hand dessen die Zitate wieder auffindbar werden. In der Abkürzungsliste, die vorangestellt ist, fehlen einige Kürzel (z.B. BUN).

    Als potentieller Patient wünsche ich mir, dass jede Intensivstation zumindest einen konsilarisch tätigen Homöopathen zur Hand hat und seinen Rat schätzt sowie umsetzt.

    Mein persönlicher Rat an die Kolleginnen und Kollegen ist: Mach dir die Arzneimittel zu persönlichen Freunden, damit sie in der Not dir rasch zu Hilfe kommen können – Denke einfach – Trau dich zu behandeln, denn die verfügbare Zeit ist knapp.

    http://www.amazon.de/gp/product/3437572601/ref=s9_simh_gw_p14_d0_i1?pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_s=center-1&pf_rd_r=11QKPZ7J96CKM00383F5&pf_rd_t=101&pf_rd_p=463375193&pf_rd_i=301128

  6. 6 Kurt Barlow 5. Dezember 2010 um 13:26

    @Elke:

    << Als potentieller Patient wünsche ich mir, dass jede Intensivstation zumindest einen konsilarisch tätigen Homöopathen zur Hand hat und seinen Rat schätzt sowie umsetzt. <<

    Also so langsam wäre fast zu fragen, ob diese "Intensiv-Homöopathen" nicht ein Fall für die Aufsichtsbehörden oder zumindest für die Ärztekammer sind. Da muss man ja um Leib und Leben fürchten.

  7. 7 Elke 5. Dezember 2010 um 14:28

    @Kurt Barlow

    sehe ich auch so!

    Auch dieser Absatz:

    Dennoch gehört das Sterben zum Alltag dieser Stationen. Es braucht noch ein Weiteres, damit der Patient den Weg zur Heilung findet und selbständig seine Lebensvorgänge wieder aufrechterhalten kann. Dieses Weitere kann der Arzneimittelimpuls sein, den die homöopathische Therapie setzt.

    ist doch schlicht kriminell. Es wird damit suggeriert, dass mit Homöopathie auf Intensivstationen nicht mehr gestorben wird und gleichzeitig wissen wir ja ganz genau, dass, wenn trotz Homöopathie jemand stirbt die “Schulmedizin” schuld war.

  8. 8 Schlaganfall 29. Dezember 2010 um 12:27

    Ein guter Freund (Arzt,Biochemiker) von mir hatte mit 58 Jhr einen schweren Schlaganfall. Er kennt Prof Frass persönlich. Frass hat seiner Frau Homöopathika (XY C200) aufgedrängt und gesagt er soll die nehmen, und sie soll ihm in ein paar Tagen berichten, ob es ihm besser geht.

    Die wirkten wirklich phänomenal. Mein Freund konnte zu dieser Zeit gerade mal 2 Wort Sätze sprechen. Als er die Globuli gesehen hat, haben sich seine Augen geweitet und er sprach: “Lass mich mit diesem Scheiss…” Das letzte Wort hat er nicht mehr herausgebracht. Aber immerhin ein gewaltiger unmittelbarer therapeutischer Fortschritt vom 2 Wort Satz zum 5 Wort Satz- allein durch das Anschauen von Globuli.

  9. 9 Kurt Barlow 29. Dezember 2010 um 22:58

    @Schlaganfall: Unglaublich, ich sagte ja schon, der Mann ist m.E. ein Fall für die Aufsichtsbehörden. Wer kümmert sich da eigentlich drum, wie Ärzte mit ihrer “Therapiefreiheit” umgehen??

  10. 10 Papastammtisch.com 15. Februar 2011 um 16:41

    Wow, das ist echt krass. Aber das Video ist echt gut. Kannte ich noch nicht. Und ich muss gestehen, bis vor Kurzem habe ich unserem Kind auch noch Globulis gegen Zahnungsschmerzen. Allerdings würde ich bei “ernsthaften” Krankheiten immer zu Schulmedizin greifen.

  11. 11 jemseneier 1. April 2012 um 10:51

    Homöopatische Notaufnahme, die Satire wird von der Realität eingeholt!

    “Wie das Wochenblatt weiter erfuhr, wäre für die E.U.H. auch der Aufbau einer homöopathischen Ambulanz wünschenswert.”

    http://www.wochenblatt.de/nachrichten/traunstein/regionales/Homoeopathie-Hochschule-fuer-Homoeopathie-Traunstein;art39,103733

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