Engelwerk und Teufels Beitrag

Was tun, wenn an einem Sonntagmorgen alle Märchenbücher und Fantasyromane ausgelesen sind?

Möglicherweise tut’s ersatzweise ja auch das normalerweise geheim gehaltene “Handbuch” des Engelwerks, in dessen Besitz ich vor einiger Zeit gelangt bin. Schauen wir mal, was da so drin steht. Zum Beispiel auf Seite 220:

Von den sieben Machtbereichen Luzifers … ist der sechste Machtbereich der Machtbereich Ismaels, der sich heute fast auf allen Universitäten, in Parlamenten, Verlagen, Redaktionen, wissenschaftl. Vereinigungen, bis inmitten des Raumes der hl. Kirche ausgebreitet hat. Von den Dämonen dieses Bereiches befallen und ihnen mehr oder weniger hörig sind alle, die ,mit der Zeit’ gehen wollen, ohne sich ein selbständiges Urteil vom Tabernakel her zu bilden, die für alles Neue, Sensationelle, Besondere, Moderne, oft aus trüben Quellen ins grelle Licht skrupelloser Presse Gestellte, offene Türen haben, überall mittun, es praktizieren und so an der Vergiftung, Vernebelung – besonders der Jugend und der Führerschichten und damit ganzer Länder und Völker – die Schuld tragen.
Der Verfall des Ansehens der hl. Kirche, ihrer Lehrer, Dogmen, Gebote ist auf dieses Konto zu buchen.”

Endlich wird mal klar und unzweideutig ausgesprochen, dass sowohl die GWUP als auch die Skeptiker-Redaktion vom Bösen infiltriert sind und von einem Dämon namens Ismael aus dem sechsten Machtbereich Lufizers zu ihrem schändlichen Tun getrieben werden. Hätten wir gerne unter der Decke gehalten. Na ja, jetzt isses raus.

Bevor ich als nächstes Must-Read endlich “The Road” von Cormac McCarthy anfange, muss ich mich anscheinend doch mal intensiver durch das Engelwerk-Handbuch wühlen. Sogar eine, nun ja, etwas eigenwillige Erklärung der Astrologie findet sich darin:

Die Gruppen der zweimal zwölf GESTIRNFÜRSTEN … sind gestürzte Engel des VI. Chores der Fürstentümer und  haben ihre Machtpositionen behalten. Nur verwenden sie diese ihre Macht, um vor allem durch STRAHLUNGEN dem Menschen und auch der ihn umgebenden Natur zu schaden. Es sind zwölf Dämonen, welche von Planeten her die Erde bestrahlen, und es sind zwölf Dämonen, welche sich “Fürsten des Tierkreises” nennen, also von den uns bekannten Fixsternen her die Erde mit schädlichen Strahlen bewerfen …
So, wie der Allmächtige DREI-EINIGE GOTT die ganze Schöpfung und besonders die Welt um sein Ebenbild – den Menschen – mit seinen Dienern, den hl. Engeln bevölkert hat, haben sich doch auch überall die Dämonen eingenistet …”

Zugegeben, so habe ich die Sterndeuterei noch nie betrachtet. Das sind ja völlig neue Perspektiven. Endlich wissen wir jetzt also, von welcher Quelle und Beschaffenheit die geheimnisvollen “Schicksalsstrahlen” der Gestirne sind, von denen manche Astrologen salbadern. Wer hätte das gedacht?

Kein Wunder, dass sich gleich im Vorwort (Seite 2) der ernste Hinweis findet, dass

… dieses Handbuch n u r den priesterlichen Brüdern im Werke der hl. Engel und ebenso jenem im Werke, die sich schon im Schweigen, Horchen und Gehorchen, im Kampf und in der Demut, in der Liebe und Treue bewährten, gegeben werden soll.”

Denn alle anderen könnten die fromme Niederschrift möglicherweise als das sehen, was sie ist: das wirre Gestammel einer offenkundig Wahnsinnigen.

Warum wir das krude “Engelwerk-Handbuch” überhaupt einer Erwähnung wert halten? Laut Spiegel-Online hat der Vatikan die katholische Privatoffenbarer-Sekte um die verstorbene Engel-Kontaktlerin Gabriele Bitterlich “überraschend zugelassen”.

Na, wenn da nicht am Ende “Ahab, die betrügerische Macht, die über schlechte Bücher sich einschleicht”, seine unheiligen Hände im Spiel hatte …

Zum Weiterlesen:

  • Bizarres “Engelwerk” feiert Anerkennung durch Papst, Welt-online am 10. Oktober 2010
  • Papst holt Geheimbund zurück in Kirche, tz-online am 11. Oktober 2010
  • “Die haben unsere Tochter kaputtgemacht”, Spiegel-Online am 14. Oktober 2010
  • “Es war keine echte Aufregungsmasse da”, kat.net am 18. Oktober 2010
  • Opus Angelorum: ein Schreiben der Glaubenskongregation, kath.net am 4. November 2010

15 Kommentare zu “Engelwerk und Teufels Beitrag”


  1. 1 Alexander 10. Oktober 2010 um 11:45

    Nice… Hat mir glatt den zweiten Kaffe verschönt :)

    THX

  2. 2 Benedikt 10. Oktober 2010 um 12:18

    Herr Harder, der Spiegel-Artikel ist Quatsch, und auch Ihre Informationen sind nicht Up-To-Date. Der Vatikan hat das Engelwerk schon vor einiger Zeit überprüft und zentrale Punkte dieser Vereinigung verworfen. Dazu gehörte auch das von Ihnen zitierte Engel-Handbuch. Es kam dann zu einer Spaltung, der Sohn der “Seherin” kritisierte die vatikanische Position und wurde daraufhin vom Engelwerk (bzw. dem mit ihm verbundenen Orden) ausgeschlossen.

    Die kirchenrechtliche Situation um das Engelwerk ist bereits seit dieser Zeit geklärt, wenn der Vatikan nun abgeänderte Statuten des Werkes (ging es hier um den Orden oder um die Laienvereinigung, das wird im Spiegel-Artikel überhaupt nicht klar) anerkennt, dann ist das weder überraschend noch skandalös.

  3. 3 Ralf Bülow 10. Oktober 2010 um 12:41

    Es wäre zuviel von SPIEGEL Online verlangt, hier in Details zu gehen. Einige Einzelheiten liefert die englische Website des Engelwerks:
    http://www.opusangelorum.org/about-us/brief_history.html sowie
    http://www.opusangelorum.org/English/2010_3/prior_letter.html
    Soweit ich als Protestant den Text verstehen, wird das Werk jetzt vom Kreuzorden verwaltet. Kann Leser Benedikt uns etwas aufklären?

  4. 4 Bernd Harder 10. Oktober 2010 um 12:41

    @ Benedikt:

    <<Der Vatikan hat das Engelwerk schon vor einiger Zeit überprüft und zentrale Punkte dieser Vereinigung verworfen. Dazu gehörte auch das von Ihnen zitierte Engel-Handbuch. Es kam dann zu einer Spaltung, der Sohn der "Seherin" kritisierte die vatikanische Position und wurde daraufhin vom Engelwerk (bzw. dem mit ihm verbundenen Orden) ausgeschlossen.<<

    Das ist mir alles durchaus bekannt.

    <<Die kirchenrechtliche Situation um das Engelwerk ist bereits seit dieser Zeit geklärt, wenn der Vatikan nun abgeänderte Statuten des Werkes (ging es hier um den Orden oder um die Laienvereinigung, das wird im Spiegel-Artikel überhaupt nicht klar) anerkennt, dann ist das weder überraschend noch skandalös.<<

    Die häufig geäußerte Behauptung, das nun "anerkannte" Engelwerk habe mit dem "eigentlichen" Engelwerk nichts/kaum mehr etwas zu tun, wäre erst mal klar zu belegen. Eine aufgehübschte Webseite ohne größere theologische Brisanz reicht dazu jedenfalls nicht aus. Ich lebe in der Diözese Augsburg und weiß schon, wovon ich rede, keine Sorge. Oder was meinen Sie, wie ich an das “Handbuch” gelangt bin?

    Nachtrag: Auch dieser aktuelle Text lässt von einer “Distanzierung” des “heutigen” Engelwerks von den Praktiken des Bitterlich-Engelwerks wenig spüren:

    http://www.opusangelorum.org/Spirituality/Workandmission.html

  5. 5 Benedikt 10. Oktober 2010 um 16:20

    <>

    Ich habe diese Behauptung nicht geäußert. Fakt ist, dass der Vatikan 1992 einige Praktiken und Schriften des Engelwerkes zurückgewiesen hat. Zugleich wurden die Statuten einer Revision unterzogen.

    Auch in der Kirche gibt es nämlich eine Vereinigungsfreiheit und man ist kirchlicherseits bemüht, solche Vereine genau zu überprüfen.

    Genau das ist hier geschehen.

    Bzgl. ihres “Handbuches” wäre zu fragen, wann dieses gedruckt wurde. Ist es neueren Ursprungs?

  6. 6 Bernd Harder 10. Oktober 2010 um 18:45

    @Benedikt:

    << Bzgl. ihres "Handbuches" wäre zu fragen, wann dieses gedruckt wurde. Ist es neueren Ursprungs? <<

    Man darf sich diese Schrift nicht wie ein normales Buch, mit ordentlichem Impressum etc., vorstellen.

  7. 7 Ralf Bülow 11. Oktober 2010 um 06:33

    @ Bernd Harder: Könnten Sie das Teufelshandbuch des Engelwerks nicht einmal online setzen? Das ist sicher unterhaltsamer als die ausgelutschte Geisterjagd von Lady Gaga.

  8. 8 Bernd Harder 11. Oktober 2010 um 11:09

    @Ralf: Ja, das ist es ganz sicher, zweifelsohne. Das Teil umfasst allerdings weit mehr als 200 Seiten. Ich könnte vielleicht regelmäßig ein paar Passagen daraus online stellen, allerdings frage ich mich mit fortschreitender Lektüre, ob man einer offenkundig Schizophrenen (im ernsthaften, psychiatrischen Sinne) solche Foren bieten sollte.

  9. 9 Josef 12. Oktober 2010 um 02:10

    Was auf jeden Fall festzuhalten ist: Das (reformierte) Engelwerk muss auch weiterhin an den kirchlichen Weisungen festhalten, wonach die Bitterlich-Offenbarungen eben nicht anerkannt sind. Also keine Rede davon, dass eben solche Absurditäten, wie hier zitiert, den Segen des Vatikans erhalten hätten!

  10. 10 Bernd Harder 12. Oktober 2010 um 11:23

    @Josef: Wäre zu klären, was an dem angeblich “reformierten” Engelwerk weniger absurd sein soll – oder ist mir eine eindeutige Distanzierung des OA von der Gründerin und Ideengeberin entgangen?

  11. 11 Ralf Bülow 12. Oktober 2010 um 13:39

    Gibt es nicht den alten katholischen Spruch “Credo quia absurdum est ?” Nebenbei bemerkt: Mit Zensurmaßnahmen hat der Vatikan viel Erfahrung, Index verbotener Bücher usw., da sollte die Dämonologie von Frau Bitterlich kein Problem sein, vor allem, wenn einige ihrer Werke zugelassen bleiben wie hier beschrieben:
    http://www.opusangelorum.org/English/2010_3/fr_ols_letter.html

  12. 12 Andreas 13. Oktober 2010 um 00:03

    Also ein Scan des Buches würde mich auch interessieren :-)

  13. 13 Randifan 13. Oktober 2010 um 19:17

    Der Vatikan mit seinem Exorzismus, heiligen Reliquien und dem Teufel als den Sündenbock für alles schlechte der Welt, unterscheidet sich im Grunde nur wenig von den kleinen fanatischen, esoterischen Sekten. Deswegen ist keine weltbewegende Sache, wenn eine kleine Sekte künftig mit der Katholischen Kirche enger zusammenarbeitet.

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