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Kampf gegen Dämonen im „Tatort“ – und in der Realität

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War das nun ein „vier Wochen zu früh ausgestrahlter, schlechter Halloween-Streich“ (wiewardertatort.de) oder aber ein „effizienter Okkultschocker“ (Spiegel)?

Am „Tatort“ scheiden sich mal wieder die Geister.

„Tatort“ vom 2. Oktober 2022

„Das Tor zur Hölle“ (noch bis zum 1.11. in der ARD-Mediathek) dreht sich um einen ermordeten Prälaten, der im sogenannten „Befreiungsdienst“ tätig war. Der katholische Priester war also das, was man landläufig einen Exorzisten nennt.

Ohne in die eigentliche Filmbewertung einsteigen zu wollen, kann man wohl festhalten, dass „im Showdown alles zu schnell abgehandelt“ wird.

Dass das Ende des Sonntagskrimis „einer Bruchlandung mit leichten Fremdschäm-Elementen“ gleicht, könnte man aber noch verschmerzen. Bedeutsamer scheint indes, dass die „effekthascherische Auflösung“ (FAZ) für die real existierende Kirche den Vorteil hat, „dass ihr Exorzismusgeschäft vor diesem Hintergrund wie eine gewöhnliche Variante von Seelsorge erscheint“, schreibt die Zeit.

Maresi Riegner als Besessene in „Das Tor zur Hölle“

In der Tat sind es realiter die vermeintlich „Besessenen“, die mitunter bei dem Ritual zu Tode kommen – beispielsweise 2015 in Frankfurt, in Maryland 2014, in Malaysia 2012 oder in Frankreich 2013.

An keiner dieser Austreibungen war eine Großkirche beteiligt. Bei der katholischen und evangelischen Kirche im deutschsprachigen Raum ist – wie im „Tatort“ – nur noch von „Befreiungsdienst“ die Rede.

Aber Interviews wie dieses mit dem ehemaligen Bischofsvikar im Bistum Chur und auch die Existenz einer vom Vatikan anerkannten „Internationalen Vereinigung der Exorzisten“ lassen erahnen, wie weit dieses Gedankengut auch heute noch verbreitet ist.

So gesehen, hätte Regisseur und Drehbuchautor Thomas Roth mehr aus der Geschichte machen können als einen unentschlossenen Genremix mit einem „besonderen Dank an die [Wiener] Dompfarre St. Stephan“, wie es im Abspann heißt.

„Kampf gegen Dämonen“ im ORF-Magazin „Orientierung“

Begleitend zum „Tatort“ war im ORF das Magazin „Orientierung“ mit einem Beitrag zum Thema Exorzismus zu sehen, mit interessanten Aussagen wie

Die Macht über Dämonen sichert Macht und Einfluss über Menschen.

Oder:

Bemerkenswerterweise untermauern Dämonen meistens die theologischen Positionen der katholischen Kirche.

Oder:

Die große Gefahr ist, wenn wir „Besessenheit“ diagnostizieren, dass wir dabei einerseits die wahren psychischen Erkrankungen, die dahinterstecken, übersehen und die Heilung dann nicht rechtzeitig stattfindet. Und auf der anderen Seite, dass wir diese Symptomatik verstärken können.

Daraus hätte man auch eine Krimihandlung entwerfen können.

Zum Weiterlesen:

  • Pressestimmen zu „Das Tor zur Hölle“, Augsburger Allgemeine am 2. Oktober 2022
  • Video: Welche Rolle spielt aktuell Exorzismus in Deutschland? GWUP-Blog am 17. November 2019
  • Exorzismus im 21. Jahrhundert: So wird Teufelsaustreibung heute betrieben, web.de am 22. Oktober 2016
  • Exorzismus-Doku „The Battle with Satan“ im Mai in drei Berliner Kinos, GWUP-Blog am 16. April 2017
  • Seltsame Erkenntnisse eines Exorzismus-Beauftragten im Deutschlandfunk, GWUP-Blog am 3. Januar 2015
  • „Exorzisten-Prozesse“ in Deutschland, GWUP-Blog am 22. Oktober 2016
  • “Der Exorzist” – und die Fakten, GWUP-Blog am 16. Januar 2013
  • Teenage Exorcists: Drei heiße Bräute Christi im Kampf gegen böse Sex-Dämonen, GWUP-Blog am 15. September 2013
  • Exorzismus in Deutschland, GWUP-Blog am 17. Februar 2010
  • Der letzte Exorzismus – leider nur im Kino, GWUP-Blog am 20. August 2010
  • Treibt diesen Unsinn aus! GWUP-Blog am 6. November 2010
  • Diabolische Frösche: “The Rite” im Kino, GWUP-Blog am 20. März 2011

10 Kommentare

  1. vielen Dank für die ergänzenden Informationen.

    jetzt weiß ich wenigstens warum der von mir als der schlechteste Tatort aller Zeiten empfundene Film, aus psychologischen und medizinischen Gründen problematisch ist.

  2. So gruselig war’s nun auch wieder nicht.

    „Tatort“ aus Wien: ARD-Zuschauer sind entsetzt – „Fix und fertig“

    https://www.derwesten.de/panorama/promi-tv/tatort-wien-das-tor-zur-hoelle-ard-mediathek-kritik-heute-a-id300024050.html

  3. Als Krimi eher absehbar. Aber herrlich skurrile Gestalten. Leute, der Tatort ist eine Unterhaltungssendung und keine wissenschaftliche Dokumentation.

  4. „Tatort“ am Sonntag aus Dresden:

    „Erzählt wird die Geschichte eines verzweifelten Vaters, der sich nach dem Verschwinden seiner Tochter in Verschwörungstheorien verirrt und zum Mörder wird. Er glaubt, dass in Sachsen 150 Kinder in einem Keller gefangen gehalten werden – eine geheime Verschwörung, in die Polizei, Medien und Politik verwickelt sind. Nun fordert er, dass diese Kinder, unter denen er auch seine Tochter vermutet, innerhalb von 24 Stunden befreit werden. Sonst, ja sonst …“

    https://www.saechsische.de/fernsehen/tatort/dresden-thriller-leuchtet-moerderisch-5783468.html

  5. @Martina:

    Im Dresdner Fall „Katz und Maus“ versteigt sich ein Vater in Verschwörungsmythen. Ein aufregender Thriller, der ein Kernphänomen der Gegenwart trifft.

    https://www.sueddeutsche.de/medien/tatort-dresden-ard-katz-und-maus-1.5698624

  6. @Bernd Harder:

    „…Und inhaltlich vor allem ein Kernphänomen der irritierenden Gegenwart immer im Blick: Wie unerreichbar Teile der Gesellschaft längst geworden sind.“

    In einer dystopischen Welt wird eine längst gehegte böse Ahnung zur Gewissheit… Dann wird ein zukünftiger James Bond in einem letzten dramatischen Verzweiflungsakt den zentralen Stecker ziehen und das WWW in Dunkelheit untergehen lassen. Im Sterben noch huscht ein Lächeln der Erlösung über sein Antlitz.

    Und die Welt wird wieder hell und die Menschen erkennen einander neu…

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