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Video: Welche Rolle spielt aktuell Exorzismus in Deutschland?

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Für das ARD-/ZDF-Content-Netzwerk funk (bzw. das Youtube-Format STRG_F) hat Inga Mathwig das zusammengetragen, was es aktuell zum Thema „Exorzismus“ zu recherchieren gibt:

Befreiung von Dämonen – Wie ticken Exorzisten?

Kurze Zusammenfassung von uns:

Von „Exorzismus“ spricht kaum noch jemand – dafür firmiert das Ganze unter „Befreiung“ beziehungsweise „Befreiungsdienst“.

Verlässliche Zahlen gibt es keine.

Halboffiziöse Organisationen wie die „Internationale Vereinigung für den Befreiungsdienst“ sind auf diesem Feld recht aktiv, aber verschwiegen, und lassen sich von Journalisten nicht in die Karten schauen.

Der Pallottinerpater Jörg Müller (Freising) ist nach wie vor der einzige katholische „Exorzismus-Experte“, der sich mit seinen seltsamen Ansichten („geistige Wesen, dämonische Wesen, das gibt’s“) vor eine Kamera traut, wohingegen „die deutsche Kirche Angst vor den Medien, vor der Blamage“ habe.

In evangelikalen Glaubensgemeinschaften (richtiger: pfingstlerische und neocharismatische Gruppen über Konfessionsgrenzen hinweg) spielt die Dämonenaustreibung eine große, nahezu glaubenskonstituierende Rolle. „Verstörende“ Videos dazu kursieren im Netz. Hintergrund ist ein streng dualistisches Weltbild, das die Welt in „Gut“ und „Böse“ teilt.

Eine „Austreibung“/“Befreiung“ hilft sogar bei „brutalen Nackenschmerzen“.

Oh Mann.

Im August ist in der Süddeutschen Zeitung der mehrseitige Artikel „Erlöse uns von dem Bösen“ erschienen. Darin schildert der Ostbayern-Korrespondent Andreas Glas seine über drei Jahre währenden Besuche bei einer Familie Hofmaier im Bayerischen Wald, die glaubt, dass ihre älteste Tochter Claudia vom Teufel besessen ist:

In der Stube ist es hell, draußen nebeldunkel, und man bekommt eine Ahnung davon, warum dieses teuflische Drama hier spielt und nicht in München […]

Die Hofmaiers schauen misstrauisch zu, wie die Welt sich verändert, auch im Bayerischen Wald. Wie die Globalisierung die nächste Schneekanone, den nächsten Skilift in die Landschaft rammt. Auch Maria Hofmaier [die Mutter] nennt sich „Mystikerin“. Aber ihr wolle ja keiner glauben, dass hinter all den Krisen und Katastrophen das Böse stecke. Dass die Kirche schuld ist, wenn der Teufel die Welt auf den Kopf stellt.

Die Kirche müsse das rückgängig machen: die Irrtümer des Zweiten Vatikanums, den Modernismus, diese liberale Freimaurerei.

Die ärztliche Diagnose für die 47-jährige „besessene“ Tochter Claudia lautet übrigens Schizophrenie – genau wie damals bei Anneliese Michel. Michel wurde von zwei Pfarrern zu Tode exorziert, mit Beihilfe der Eltern. Und Claudia?

Die Geschichte endet offen. Immerhin bringt der dazu befragte Freisinger Pater Jörg Müller (allerdings ohne persönliche Kenntnis des Falls) die Möglichkeit einer „Folie à deux“ in das Gespräch ein, also eine von der Mutter induzierte wahnhafte Störung Claudias, und einen möglichen Missbrauchshintergrund.

Das ist wenigstens ein kleiner Fortschritt gegenüber 1976.

Im Skeptical Inquirer (September/Oktober 2019) schreibt der Psychologe Stuart Vyse über den „New Wave of Exorcism“.

Nach einem kurzen Schlenker zu der neuen Live-Bühnenshow „Devil’s Exorcist“ (die 2020 auch nach Deutschland und Österreich kommt) verweist Vyse auf die fünfte Auflage des amerikanischen „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-5 = „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“). In diesem psychiatrischen Klassifikationssystem wird „Besessenheit“ als eine Form der Dissociative Identity Disorder beschrieben:

In the possession form, the identities usually manifest as though they were outside agents, typically a supernatural being or spirit (but sometimes another person), who has taken control of the person, causing the person to speak and act in a very different way. In such cases, the different identities are very overt (readily noticed by others).

Die deutsche Übersetzung findet sich hier.

Süffisant erklärt Vyse, dass der konservativ-republikanische TV-Sender Fox News den beobachteten Anstieg von „Besessenheits“-Fällen und Exorzismen in den USA mit dem Wirken des „Satanic Temple“ erklärt.

In der Realität indes kämpft diese neue Organisation „einfallsreich, mit hintergründigem Witz […] für die Trennung von Kirche und Staat, für Religionsfreiheit und gegen korrupte geistliche Autoritäten“.

Das kann ja nur mit dem Teufel zugehen!

Vyse abschließend:

The irony of this explanation for an increase in exorcisms is that The Satanic Temple is a science-based organisation that expressly does not believe in the actual satan […] The Satanic Temple is clearly a thorn in the side of traditional Christianity, and the group has grown in size and visibility.

Da kann man wohl nur viel Erfolg wünschen.

Zum Weiterlesen:

  • Erlöse uns von dem Bösen, Süddeutsche am 16. August 2019
  • Exorzismus im 21. Jahrhundert: So wird Teufelsaustreibung heute betrieben, web.de am 22. Oktober 2016
  • Exorzismus-Doku „The Battle with Satan“ im Mai in drei Berliner Kinos, GWUP-Blog am 16. April 2017
  • Seltsame Erkenntnisse eines Exorzismus-Beauftragten im Deutschlandfunk, GWUP-Blog am 3. Januar 2015
  • Pater Jörg Müller zwischen Mystik und Magie, Christliches Forum am 5. Juni 2011
  • The New Wave of Exorcism, Skeptical Inquirer Volume 43, No. 5, September/October 2019
  • American Exorcism, The Atlantic 12/2018

4 Kommentare

  1. TheChurchofSatan in den USA zahlt Steuern..in Gegensatz zu zb Tomscruisesverein!
    Oder anderen steuerbefreiten „Kirchen“!
    Ich habe die Namen extrazusammengeschrieben..als alter Katole…man kann ja nie wissen ;-)

  2. @Martin Däniken:

    Soweit ich weiß, ist die CoS als anerkannte „Kirche“ durchaus steuerbefreit, verzichtet aber freiwillig auf dieses Recht.

  3. Noch satanischer gehts wohl nicht mehr!
    Diese höllisschen Ausgeburten…freiwillig…nee!
    Die CoS zahlt Steuern…
    der Untergang des Abendlandes steht unmittelbar bevor ;-)

  4. Ach wie schön, wäre doch ein Exorzismus…die eigene Verantwortung abgeben…ja, es war der Teufel… ;-)

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