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No Retreat, No Surrender: SRF zeigt, wie man mit den heftigen Anwürfen der „Satanic Panic“-Szene souverän umgeht

| 8 Kommentare

Erstaunlich:

Während in Deutschland

bringt das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) einen kritischen Beitrag zu dieser Verschwörungserzählung – und knickt vor dem folgenden Shitstorm nicht ein, sondern behandelt sachlich die heftigen Reaktionen:

Vorwürfe wie „Warum glaubt ihr den Betroffenen nicht?“ oder „Warum schützt ihr die Täter?“ (zu denen auch wir hier im Blog mit bislang 186 Kommentaren immer wieder Stellung genommen haben) beantworten Robin Rehmann und Ilona Stämpfli engagiert und überzeugend.

Wann werden wir das mal in einem großen deutschen Medium erleben?

Update

In der Mittelländischen Zeitung ist ein ausführlicher Beitrag zu der Thematik erschienen:

SRF rec.-Reportage „Der Teufel mitten unter uns“ sorgt für überraschende Kommentare und mächtigen Wirbel

Zum Weiterlesen:

  • Video: Die „Satanic Panic“ hat jetzt die Schweiz erreicht, GWUP-Blog am 15. Dezember 2021
  • Extreme und überraschende Reaktionen auf SRF-Beitrag „Der Teufel mitten unter uns“, DMZ am 17. Dezember 2021
  • Oberarzt äussert sich zu Satanismus – und wird von Klinik freigestellt, watson am 17. Dezember 2021
  • Videovortrag mit Lydia Benecke: Ritueller Missbrauch, Satanic Panic, falsche Erinnerungen, GWUP-Blog am 1. November 2020
  • Rituelle Gewalt aus psychologischer Sicht, EZW-Materialdienst 8/2019
  • Skepkon-Video: Der Mythos vom satanisch-rituellen Missbrauch, GWUP-Blog am 13. Juni 2018
  • QAnon und Co.: Warum Verschwörungstheoretiker von Kindesmissbrauch ausgehen, Deutschlandfunk am 16. Juni 2021
  • Pädo-Satanisten: eine Verschwörungstheorie aus Übersee, mimikama am 4. Juni 2018
  • Michaela Huber und Corona, dissoziationen am 11. September 2021
  • „Satanic Panic“ in der Schweiz: Oberarzt von Klinik freigestellt, hpd am 22. Dezember 2021
  • #ferngespräch: „Satanic Panic – Echtes Leiden, falsche Fakten“ jetzt als Video und Podcast, GWUP-Blog am 24. Juni 2020

8 Kommentare

  1. Ich arbeite im Bereich Psychiatrie (deswegen sorry für das alberne Pseudonym :) ) , allerdings ohne spezielle Ausbildung auf Trauma, wobei man mit diesem Thema klar im Alltag immer konfrontiert ist.

    Selten, aber durchaus präsent sind auch die dissoziative Identitätsstörung und das Thema Trauma im Kontext organisierter Gewalt.

    Letzteres kenne ich eher in dem Kontext von (Zwangs-)prostitution, diese Situationen sind psychologisch, sozial, legal und ggf auch aus politischen Gründen oftmals schwer zu handeln. Nicht selten werden Opfer, neben schweren Gewalterfahrungen, auch weiterhin bedroht.

    In diesem Kontext habe ich ca 2017 einem grösseren Vortrag beigewohnt, bei dem es eben um Trauma, DIS und rituelle Gewalt ging. Viele Ansätze waren dabei traumatherapeutisch sicherlich sinnvoll.

    Jedoch war auffallend, dass

    1. Aussagen gefallen sind wie „verschiedene Medikamentendosen wirken bei verschiedenen Persönlichkeiten“ bei der DIS (ich halte dies für medizinisch eher unwahrscheinlich, habe aber keine Studien dazu gefunden, lasse mich aber gerne belehren)

    2. drehte es sich auffallend oft bei den Themen um satanistisch motivierte sexuelle Gewalt, Folterpraktiken wie Blut trinken, Mind Control, wobei jedoch nie klar war auf welche bestimmte organisierte Gruppe sich dies bezieht, da vieles impliziert revidiert wurde, da solche „Einschüchterungstechniken auch von anderen Gruppen organisierter Gewalt verwendet werden könnten».

    Nun ist mir nichts wissenschafltich bekannt, dass sich organisierte Menschenhandelring mit «satanistischen Praktiken» befassen, habe in der Literatur auch nichts gefunden, es wurde deswegen auch nicht klar was damit gemeint ist.

    Die «Gehirnwäsche» in diesem Kontext sehe ich aus verhaltensmedizinischen Gründen kritisch – wenn ein gewünschtes Verhalten einfach so unbewusst einprogrammiert und abgerufen werden könnte, hätten Verhaltenstherapeuten einen eher einfachen Job; die Verhaltenstherapie hat sich seit Pawlow ausserdem weiterentwickelt.

    3. kam der Rolle des Therapeuten eine – meiner Meinung nach – extrem hohe Rolle zu, bspw. bei der „Entdeckung“ verschütteter Erinnerungen. Dies deckt sich nicht mit meiner Erfahrung im klinischen Alltag, noch mit der Forschung.

    Natürlich war dies ein Vortrag von vielen, jedoch fand dieser vor sehr grossen Publikum statt, hauptsächlich Ärztinnen und Psychologen im Rahmen der beruflichen Weiterbildung und fand auch in dem Kontext sehr grossen Zuspruch. Wobei die Problematik in meinen Augen nicht darin lag, dass es keinen sinnvollen traumatherapeutischen Input gab, sondern mehr in der Vermischung dieses mit eher spekulativ wirkenden Informationen, die nicht ganz zu trennen war.

    Ich hatte im Nachhinein nicht den Eindruck sehr viel mehr über die Diagnose einer DIS gelernt zu haben (denn ein schweres Trauma löst durchaus nicht per se eine DIS aus – viel häufiger sind PTBS, Angststörungen, Depressionen, komplexe PTBS, Borderline Störung, um nur ein paar zu nennen), noch hatte ich wirklich einen Eindruck von psychischen Konsequenzen von Opfern organisierter Gewalt.

    Ich finde in diesem Kontext die Fokussierung auf „Satanismus“ oder „satanistische Praktiken“ sehr überhöht – wobei ich mir nicht herausnehme behaupten zu möchten, dass es nicht eventuell Opfer dieser oder ähnlicher Gewalt geben mag – ich kenne aber keine Statistik, die es rechtfertigt, dieses als vorrangiges Phänomen zu sehen gegenüber der Gewalt durch real existierende organisierte Gruppen im weiten Feld der sexualisierten Gewalt.

    Wäre an dieser Stelle eine Differenzierung erfolgt, die auch die kontroverse Diskussion (bspw. den möglichen iatrogenen Einfluss) um das Thema „DIS und rituelle Gewalt in satanistischen Zirkeln“ am Rande beinhaltet, wären diese Art von Vorträgen sicherlich objektiver und würde eine grössere Gruppe an Betroffenen in den Mittelpunkt rücken.

    Bezogen auf die Reportage besteht ein (aus professionellem Kontext) Verständnis für einige der Interwiewten, auch wenn ich die Standpunkte nicht teile. So ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Therapie den Patienten Glauben zu schenken, da auch gerade viele Missbrauchsopfer dahingehend schlechte Erfahrungen gemacht haben, und die therapeutischen Dilemmata, die sich daraus ergeben, kann ich durchaus nachvollziehen.

    So ist das Engagement der jungen Lehrerin löblich, die Trennung zwischen der privaten Sphäre und der beruflichen jedoch (professionell und legal)kritisch. Ebenso sehe ich den Arzt in einer wohlwollenden therapeutischen Haltung (auch wenn ich die emotionalen und suggestiv wirkenden Fragen am Ende des Interviews leicht befremdlich fand).

    Aber gerade als Therapeut sollte man sich in der Lage sehen die Ambivalenz zwischen dem Vertrauen des Patienten und der absoluten Akzeptanz seines Narrativs differenzieren zu können.

    Bei anderen Patienten, beispielsweise schizophren Erkrankten, fällt es schliesslich professionell auch nicht schwer dies zuweilen in Frage zu stellen – im Gegenteil haben es diese Patienten manchmal schwer mit der Akzeptanz ihrer Glaubwürdigkeit (dies ist jedoch subjektive Erfahrung).

    Ich würde eine tiefergehende Aufarbeitung des Themas wünschen (u.U. mit Einbeziehung mehrerer Perspektiven)

    Die Psychotherapie wird – leider – zu oft in den Bereich des „Nichtfassbaren“ gerückt, zum Teil, da man nunmal nicht einfach ein Röntgen machen kann um zu sagen ob eine Patientin nun an einer Borderline Störung oder einer DIS leidet.

    Dennoch gibt es fassbare klinische Zustände und Studien, dazu üblicherweise diagnostische Kriterien, und auch bedauerlicherweise viel zu viele Opfer organisierter Kriminalität, keinem ist geholfen wenn sich ein grosser Schmelztiegel der Spekulation und Wissenschaft ergibt, zumal in Vorträgen, die sich gezielt an die Weiterbildung junger Professioneller in diesem Bereich richten, eine gewisse Objektivität geboten werden muss, die über ein eventuell existierendes Randphänomen wie «satanistische rituelle Gewalt» berichten darf, dies aber in einem gewissen Kontext machen sollte, welche sich nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand richtet

    Ich entschuldige mich für den langen Kommentar, dessen Intention ist, eine (bewusst) in grossen teilen subjektive Perspektive zu bieten.

  2. @bröselulme:

    Ich entschuldige mich für den langen Kommentar,

    Aber nicht doch, vielen Dank.

  3. Zwei Baselbieter Lehrpersonen erzählen in einer SRF-Doku unter anderem, dass in der Burgruine Dorneck satanistische Rituale stattfänden. Ihre Aussagen blieben für sie nicht ohne Folgen – die beiden unterrichten inzwischen nicht mehr.

    https://www.20min.ch/story/verschwoerungstheoretiker-lehrer-unterrichten-nicht-mehr-973656420305

  4. Ein Schweizer Film über die Rituelle-Gewalt-Theorie

    https://ezw.kjm6.de/nlgen/tmp/1642627174.html

  5. Ein Artikel über DIS bei Spektrum.de:

    https://www.spektrum.de/news/wie-eine-gespaltene-persoenlichkeit-entsteht/1964578

    Auch wenn Michaela Huber zu Wort kommt, tauchen umstrittene Aspekte wie Satanismus und Programmierung nicht auf, wobei Letzteres meinem laienhaften Eindruck nach jedoch angedeutet wird.

  6. @Bluesmaker:

    wobei Letzteres meinem laienhaften Eindruck nach jedoch angedeutet wird.

    Ja, zumindest wird der Artikel bei der einschlägigen Klientel genau so verstanden:

    https://www.facebook.com/spektrumverlag/posts/10160255145581490

    Auch der Artikel selbst ist mehr als nur ein wenig Huber-inspiriert:

    Betroffene und Therapeuten berichten sogar, sie hätten zuweilen den Eindruck, beim Wechsel ändere sich die Augenfarbe – etwa von einem tiefen Blau zu einem hellen Türkis.

    Das schreibt sie in einem ihrer „Fachbücher“. Offenbar war dieser anekdotische Unsinn sogar der Autorin zu peinlich, Frau Huber hierbei namentlich zu benennen.

    Eindeutig „Satanic Panic“-Argumentation dann an dieser Stelle:

    In Täterkreisen ist die dissoziative Identitätsstörung bekannt. Teilweise führen sie die Spaltung bewusst herbei, indem sie bestimmte Schlüsselreize verwenden,

    Und genau das ist eben nicht möglich, eine DIS „bewusst herbeizuführen“.

    Der entscheidende Punkt ist dieser hier:

    Selbst Teile der Fachwelt sind bis heute skeptisch.

    Das sind nicht nur „Teile“, sondern die Forschungslage dazu ist überaus dünn und gibt solche weitreichenden Schlussfolgerungen wie in dem Spektrum-Artikel nicht her.

    Es ist zum Beispiel bekannt, dass sich verfälschte Erinnerungen genauso wie echte anfühlen, daher werden damit sehr wahrscheinlich auch die identischen Hirnareale aktiviert – insofern sagen die genannten Messungen nichts aus.

  7. @Bernd Harder

    Besten Dank für die Erläuterungen. Das mit der wechselnden Augenfarbe wollte ich auch erwähnen, hatte es aber vergessen. Wie ich die Sache mit den Hirnarealen einordnen muss, war mir jedoch nicht ganz klar.

    Interessant jedenfalls, wie die Erzählung in Medien fortgeführt wird, ohne bestimmte Begriffe zu benennen, die (nicht zuletzt auch durch Aufklärung) Leser sofort skeptisch stimmen könnten.

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