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„Epistemische Laster“ machen anfällig für den Glauben an Verschwörungstheorien

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Eine typische „Verschwörungspersönlichkeit“ gibt es nicht.

Studien deuten darauf hin, dass Männer grundsätzlich empfänglicher sind als Frauen. Außerdem sinkt mit höherem Bildungsgrad tendenziell die Neigung zu Verschwörungstheorien. Auch das Alter scheint einen gewissen Einfluss zu haben. Vor allem Verschwörungstheorien im Internet werden von älteren Menschen häufiger geglaubt als von jüngeren. Das sind aber lediglich Tendenzen.

Kognitive Verzerrungen scheinen kaum eine größere Rolle zu spielen als bei jedem anderen Menschen auch – außer einer

  • geringeren Unsicherheitstoleranz (also eine starke Präferenz für Ordnung und Struktur und ein Unbehagen an Doppeldeutigkeiten)
  • und einem geringeren Erkenntnisbedürfnis (es genügt ihnen, einfache Antworten zu kennen, ohne die Gründe eines Problems unbedingt verstehen zu wollen).

Raab/Carbon/Muth haben zudem herausgefunden, dass Verschwörungsgläubige in Experimenten

  • eine überschießende Mustererkennung zeigen,
  • den Zufall unterschätzen,
  • weniger analytisch denken und dafür stärker auf Heuristiken zurückgreifen.

Eine weitaus größere Rolle spielen die individuellen Lebensumstände. Tendenziell empfänglich für Verschwörungsmythen sind Menschen, die sich marginalisiert fühlen und ein generalisiertes Misstrauen empfinden gegenüber all denen, die als mächtig wahrgenommen werden.

Ein Team aus Wissenschaftlern der Universität Hamburg, der Macquarie University in Australien und der Rijksuniversiteit Groningen in den Niederlanden will jetzt einen weiteren Faktor für den Glauben an Verschwörungsmythen identifiziert haben: sogenannte epistemische Laster.

Epistemische Laster sind Charaktereigenschaften, die den Erwerb, die Erhaltung und die Weitergabe von Wissen behindern können. Dazu gehören zum Beispiel Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit oder Starrheit in Bezug auf die eigenen Glaubensgrundsätze.

Die (nicht gerade mega-sensationelle) Erkenntnis aus einer Studie mit rund 1000 Probanden in den USA:

Wir haben herausgefunden, dass Menschen, die nicht auf Corona-Fehlinformationen hereinfallen, zwei Eigenschaften gemeinsam haben: Sie sind erstens neugierig und zweitens in der Lage, ihre Ansichten zu ändern, wenn sie auf vertrauenswürdige Quellen stoßen, die ihren bisherigen Annahmen widersprechen.

Ob man das nun „epistemische Laster“ oder schlicht Erkenntnisbedürfnis nennt, dürfte sich letztendlich nichts nehmen.

Einen „Selbsttest“ mit zehn Fragen gibt’s auch dazu – allerdings auf Englisch.

Zum Weiterlesen:

  • Zwei Eigenschaften schützen vor dem Glauben an Fehlinformationen, uni-hamburg am 15. Juli 2021
  • Die Psychologie der Verschwörungstheorien, psychologie.ch am 19. März 2020
  • Didaktische und andere neue Materialien zum Umgang mit Verschwörungstheorien, GWUP-Blog am 10. Juli 2021
  • Verschwörungstheorien: „Wie Corona spaltet“, GWUP-Blog am 13. Juli 2021
  • Down the rabbit hole, Amadeu Antonio Stiftung am 8. Juli 2021

6 Kommentare

  1. Nicht so überraschend und neu – letztlich alles fassbar unter Daniel Kahnemans „Schnelles Denken“ vs „Langsames Denken“.

    Epistemische Laster … hört sich schon besch… an. Sagen wir doch einfach: Skeptiker!

    Die Extremfälle a la Bhakdi, Schiffmann, Ballweg, Arvay sind damit allerdings noch längst nicht hinreichend erklärt.

    Ich persönlich kann sagen, dass ich weit mehr mit jüngeren als mit älteren Menschen zu tun hatte, die zu VT neigten. Aber das ist eben die persönliche Erfahrung, die keine systematische Erhebung ersetzt.

  2. „Ich persönlich kann sagen, dass ich weit mehr mit jüngeren als mit älteren Menschen zu tun hatte, die zu VT neigten. Aber das ist eben die persönliche Erfahrung, die keine systematische Erhebung ersetzt.“

    Das liegt denke ich ganz stark an der Gruppe von Menschen mit denen man zu tun hat. Mit welchen jungen und mit welchen alten Menschen hat man Kontakt.

    Wobei es manchmal auch Zufallsbegegnungen gibt, wie den Elektriker (älteren Semsters), der mir erzählt, dass die Coronaimpfung dazu da ist, die Gedanken der Geimpften kontrollieren zu können. Der „wusste“ das es so ist, weil er es im Internet gelesen hat und sein Herz ihm sagt, dass es stimmt ¯\_(ツ)_/¯

    Achja, Donald Trump ist bald wieder Präsident.

  3. Von der Aussage, dass die Empfänglichkeit für VT mit steigendem Bildungsgrad „tendenziell“ abnimmt, bin ich nicht überzeugt. Das aktive Verteidigen einer VT bei Konflikten mit der Realität erfordert halt Grips, ebenso das eloquente Verbreiten. Und der IQ („Grips“) korreliert mit dem Bildungsgrad.

    Man kann also hochintelligent und hochgebildet und trotzdem sozusagen dumm sein.

  4. @2xhinschauen:

    Auch mit Bildung hängt der Glaube an Verschwörungstheorien schwach zusammen. Dieser Zusammenhang lässt sich aber weniger durch mangelnde Intelligenz als dadurch erklären, dass Menschen mit niedrigerem Bildungsstand weniger Kontrolle über ihre Umwelt erleben. Dieses Erleben von Kontrollverlust wiederum wird mit Verschwörungsglauben in Zusammenhang gebracht.

    Rees, J. /Lamberty, P. (2019). Mitreißende Wahrheiten: Verschwörungsmythen als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In: Zick, A./Küpper, B./Berghahn, W. (Hrsg.): Verlorene Mitte, Feinselige Zustände. Bonn: Dietz.

  5. Naja, Männer neigen eher zu Chemtrails, dafür neigen Frauen eher zu Homöopathie und ähnlichem Gesundheitsgeschwurbel. Das ist wohl eher dem unterschiedlichen sozialen Umfeld geschuldet als einem tatsächlichen Mann/Frau-Unterschied.

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