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Corona-Demos: Der „Rebell“ als traurige, abstoßende Gestalt

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Panorama 3 hat am Dienstag nochmal über die Corona-Demos (in Hannover) berichtet:

Der Erkenntnisgewinn hält sich so langsam in engen Grenzen, der Beitrag illustriert aber anschaulich den Unterschied zwischen Kritik an den Corona-Maßnahmen und Verschwörungsmythen:

Schnell entsteht der Eindruck, hier seien einfach harmlose Menschen unterwegs, die ihren Frust über die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nur etwas skurril ausdrücken. Fragt man genauer nach, dann ergibt sich allerdings ein ganz anderes Bild. Ein Mann erklärt uns hinter den Maßnahmen gegen Corona, das nicht gefährlich sei, stecke „die Elite“. Er ist sich sicher, „das sind Einzelne, die das bestimmen.“ Er wisse nicht wer da regiert, aber Merkel sei „auch nur noch eine Marionette“.

Eine Marionette „der Satanisten“ zum Beispiel. Oder „der Juden“.

Irgendwie verständlich, dass extra 3 das Thema nur noch kopfschüttelnd abhandeln kann:

Acht Fantastilliarden waren in Berlin gegen die Corona-Diktatur auf der Straße. Corona-Leugner, -Skeptiker, -Kritiker, Reichsbürger, Rechtsextreme, Querdenker, Impfgegner, Hippies, Qanons, Yogis und Stuttgarter. Alle vereint.

Christian Ehring illustriert unter anderem, wie die AfD zu Beginn der Corona-Krise harte Maßnahmen der Regierung forderte und heute von einer „Corona-Diktatur“ phantasiert. Auch den sogenannten „Sturm“ auf den Reichstag bricht Ehring treffend auf ein paar „Deppen auf Treppen“ herunter.

Die Süddeutsche Zeitung trägt zum Thema eine launige Betrachtung des „Rebellen“ beziehungsweise „Regelverletzers“ bei – der zu Zeiten von Fritz Teufel, Joschka Fischer, Petra Kelly, Wolf Biermann und Co. als „erfrischender Spiegelvorhalter“ gefeiert wurde, als …

… sympathischer Garant der Aufklärung und der Befreiung von Übereinkünften, die sich als falsch oder verlogen herausgestellt haben.

Heute aber stehe der Regelverletzer „eher trostlos abstoßend als erfrischend anders da“:

Natürlich gehört es zum Portfolio des Regelverletzers, Übereinkünfte, die er als falsch entlarvt zu haben glaubt, infrage zu stellen. Aber auch der Regelverletzer, möchte er nicht zu denen gezählt werden, die das demokratische System aushebeln wollen, muss sich an Regeln halten.

Von Jürgen Habermas gibt es eine schöne und klare Anleitung für den vorbildlichen Regelverletzer, der trotz seines Anliegens weiterhin als ernst zu nehmender Staatsbürger gelten möchte. „Der Regelverletzer“, schreibt Habermas, „muss skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzisstischem Antrieb, also einer Anmaßung entspringt.“

Was anderes als Anmaßung und narzisstisch motivierte Ausblendung des Gemeinwohls war der – als strategisches Vorhaben eher komische – Eroberungsversuch des Reichstagsgebäudes?

Zum Weiterlesen:

  • Die Lust an der Übertretung, SZ+ am 14. September 2020
  • Wieviel Reichsdenken steckt im Querdenken? Belltower News am 10. September 2020
  • Antisemitische Vorfälle bei mindestens 123 Corona-Demos registriert, Spiegel-Online am 8. September 2020
  • „Der Impf-Krieg“: Was tun gegen die Welle des Misstrauens und ärztliche Corona-Rebellen? GWUP-Blog am 14. September 2020
  • Corona-Demo in Berlin: Traurige Verschwendung von Engagement, GWUP-Blog am 29. August 2020
  • Corona-Verschwörungsmythen: Phantastereien von „dunklen Mächten“ statt sachlicher Kritik, GWUP-Blog am 2. September 2020
  • Die fragwürdigen Spendentricks der Anti-Corona-Bewegung, netzpolitik am 15. September 2020
  • Was quakt wie Wissenschaft, muss noch lange keine Wissenschaft sein, Relativer Quantenquark am 15. September 2020
  • Corona-Demos in Berlin: GWUP-Interview bei TV Bayern Live, GWUP-Blog am 30. August 2020

7 Kommentare

  1. „Was anderes als Anmaßung und narzisstisch motivierte Ausblendung des Gemeinwohls war der – als strategisches Vorhaben eher komische – Eroberungsversuch des Reichstagsgebäudes?“

    Genau das! Das ist mir auch sofort ins Auge gesprungen. Welch eine unfassbare kleinkindliche Naivität, da auf die Treppe zu stürmen… um dann Selfies zu knipsen! Wenn das nicht zutiefst Narzisstisch ist, was dann?

  2. @dalbert Hichel

    Auf die gleiche weise könnte man beim jedem Sonderschlussverkauf in irgendwelchen Kaufhäusern behaupten, man hätte das Kaufhaus gestürmt. Was wahrscheinlich schon eher der Realität nahe kommt, weil die Konsumenten da sogar noch Beute machen ;)

  3. Einer der Höhepunkte ist es natürlich wenn man als armer unterdrückter Covidiot ausgerechnet den Unterdrücker Donald Trump als großen Erlöser sieht…

  4. Die haben sich da ziemlich aufgeplustert, diese Kindergartenrebellen. Haben sich eingeredet, ihre großen Idole Putin und Trump, winken mit Friedensverträgen. Wochenlang haben sie mit der „Stürmung“ gedroht. Dabei hat sich kein Dienst der Welt für ihren Quatsch interessiert. Was für ein fieser unterdrückungstaat! Sie wollten doch nur „Frieden“! Und dann werden sie einfach nicht ernst genommen. Voll blöd, menno!

    Mit zwei Fingern abgewehrt. Die armen Satiriker, die da noch einen drauf setzen sollen…

    Vor Muttis im kaufrausch habe ich aber wirklich angst. Es gab da einen Vorfall, der mir immer wieder unwohlsein bereitet. Da hätte ich lieber mit zwei Kollegen, die Treppe am Reichstag „verteidigt“. Auch ohne Helm.

  5. „Für Grundrechte, Liebe und Frieden – und auf keinen Fall rechts. So gibt sich Querdenken gerne. Einblicke in interne Kommunikation zeigen: Dahinter steckt eine bewusste Irreführung.“

    https://allgaeu-rechtsaussen.de/2020/09/23/video-so-fuehren-uns-die-querdenker-an-der-nase-herum/

  6. Interessant:

    Anthroposophen wollen Zitat vom Anthroblog „ Die Presse auf Linie bringen, die Wissenschaft aushebeln und die Regierung stürzen.“

    Im Prinzip werden die Steiner Jünger auch unterschätzt, bisschen als weltfremde und esoterische Spinner abgetan, aber einige haben Radikalisierungspotenzial==> Verfassungschutz – Bitte übernehmen sie.

    https://anthroposophie.blog/2020/09/23/es-gibt-einen-grund-die-regierung-sturzen-zu-wollen/

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