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„Der Impf-Krieg“: Was tun gegen die Welle des Misstrauens und ärztliche Corona-Rebellen?

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Nach dem aktuellen COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) der Uni Erfurt sind nur 56 Prozent der Deutschen bereit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, wenn ein Impfstoff verfügbar wäre.

Die Uni Heidelberg kommt bei einer Online-Befragung auf 55 Prozent.

Warum das so ist, wollten die Zeit-Redakteure Philipp Daum und Jakob Simmank genauer wissen. Für eine große Geschichte, die nur bei Zeit+ erschienen ist, besuchten sie unter anderem einen Wortführer der Corona-„Rebellen“ sowie die Gesundheitspsychologin und COSMO-Studienleiterin Prof. Cornelia Betsch.

Bei dem Gespräch mit Bodo Schiffmann wird deutlich, dass der youtubende Arzt von der Schwindelambulanz Sinsheim kein „Kritiker“ der Corona-Maßnahmen ist, sondern ein lupenreiner Verschwörungstheoretiker:

Schiffmanns Ansichten zur Corona-Krise zusammenzufassen, ist schwierig. Seine Gedanken haben eine enorme Spannweite: Mal möchte die Regierung durch die Corona-Maßnahmen den Mittelstand zerstören, mal per Impfung die Bevölkerung chippen. Mal ist die Impfung ein Fake, mal genverändernd, mal tödlich. Schiffmann legt wenig Wert darauf, dass seine Behauptungen kohärent sind, er widerspricht sich häufig.

Seine Vorgehensweise arbeiten die beiden Autoren so heraus:

Die Art, wie Bodo Schiffmann argumentiert, ist typisch für Impfgegner und all jene, die ihre Lebensaufgabe darin sehen, der Wissenschaft vermeintliche Fehler nachzuweisen.

Er ignoriert wissenschaftliche Erkenntnisse, die seinen eigenen Behauptungen zuwiderlaufen (Experten nennen das omission bias). Er sät Zweifel, wo er kann. Er bläst Restzweifel auf und wittert bei jeder Kontroverse eine grundsätzliche Uneinigkeit der Wissenschaft. Und vor allem zieht er, wann immer man ihn stellen möchte, von Behauptung zu Behauptung, weiter und weiter.

Experten nennen das moving the goalpost: Wann immer ein Argument sich als unhaltbar erweist, bringt man einfach eine neue Behauptung ins Spiel. Es ist, als würde ein Fußballer schießen und gleichzeitig die Torpfosten verlegen. So trifft jeder Schuss.

Betsch wiederum betont, ihr gehe es nicht um Menschen wie Bodo Schiffmann. Sie wolle andere erreichen: Die Unentschiedenen, diejenigen, die vielleicht ein Schiffmann-Video gucken, aber noch keine harten Impfgegner seien.

Aber wie?

Dazu referiert der Artikel die dänische Kampagne „Stop HPV“, die 2017 von den Gesundheitsbehörden initiiert wurde, nachdem ein Impfgegner-Propaganda-Film im Stil von „Vaxxed“ die Bevölkerung massiv verunsichert hatte:

Sie folgten einem Prinzip, das sie heart-brain communication nannten: Sie veröffentlichten emotionale Statements von Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs litten und kombinierten sie mit Fakten und Daten zur Sicherheit der HPV-Impfung. Zahlen, die belegten, dass die 47 Frauen aus der Dokumentation nicht wegen der Impfung krank geworden waren, sondern einfach nur kurz danach. Dass unter den nicht geimpften Mädchen genauso viele die Krankheit bekommen hatten wie unter den geimpften Mädchen.

Die Kampagnenmitarbeiter kamen auf zwei Wegen mit zweifelnden Eltern ins Gespräch: über Freiwillige der dänischen Krebsgesellschaft und über eine großangelegte Kampagne auf Facebook, YouTube und Instagram. Die Mitarbeiter bekamen Leitfäden, sie unterzeichneten Posts mit eigenen Namen.

Cornelia Betsch sagt: „Da waren Mitarbeiter 24/7 in sozialen Medien aktiv und haben Stuss korrigiert. Und sie haben eins zu eins mit Menschen über ihre Sorgen geredet.“

Ein Jahr nach dem Start der dänischen Kampagne hat sich die Zahl der geimpften Mädchen wieder verdoppelt. Die Kampagne hat zurückgeholt, was verloren gegangen war: Vertrauen.

Auch heute geht es um Vertrauen. Auch heute braucht es jemanden, der den Menschen hilft, auf der richtigen Seite des Zauns zu landen.

„Wir müssen jetzt handeln“, sagt Betsch. „Wir brauchen eine Impf-Taskforce, die die verschiedenen Expertisen vereint.“ Betsch denkt an eine Gruppe von Expertinnen und Experten, die sich mit allen Behörden austauscht, mit Ärzten, Wissenschaftlern, der Bevölkerung. „Dafür braucht es dringend Ressourcen“, sagt Betsch.

„Das müssen Menschen hauptamtlich machen. Auch damit sie schnell reagieren können, wenn neue Mythen auftauchen oder ein Impfstoff zugelassen wird.“

Aber wer genau soll das machen, von ehrenamtlichen Initiativen wie dem Informationsnetzwerk Impfen (INI) abgesehen?

Hier zeigt der Beitrag von Daum/Simmank die Grenzen der unterbesetzten und dafür kaum qualifizierten Pressestellen von Behörden wie dem RKI oder dem Paul-Ehrlich-Institut auf. Im Grunde stellen sich Schiffmann und Co. vor allem engagierte private Aktivisten wie der Kinderarzt Herbert Renz-Polster entgegen, der zu seinen zwei Schiffmann-Blogpostings („Wie um alles in der Welt kommt ein Mediziner dazu, sich ein Stethoskop um den Hals zu hängen und den Leuten so einen schäbigen, erbärmlichen Unsinn zu erzählen?“) mehr als 1000 Kommentare bekam.

Sein eBook „Alles über Corona“ kann man kostenlos downloaden.

Tatsächlich, fährt die Zeit fort,

… ist das größte Problem der Hobby-Aufklärer in Deutschland, dass sie nicht zahlreich genug sind. Sie sind einfach zu wenige. Die Zahl der prominenten Ärzte, die sich offen gegen das Impfgegnerlager stellen und die sozialen Medien nutzen, um Falschaussagen zu kontern, ist gering. Und anders als in den USA gibt es hierzulande auch keine Elternverbände, die für die empfohlenen Impfungen werben.

Demgegenüber steht exemplarisch ein Bodo Schiffmann, der „Zweifel verbreitet, wo er kann. Vor Kameras, vor Mikrofonen und in seinem Sprechzimmer in Sinsheim“.

Das Fazit von „Der Impfkrieg“ bleibt denn auch im Vagen, weil schlussendlich auch die Politik in der aktuellen Corona-Krise statt entlastender Eindeutigkeit wenig mehr bieten kann als „nervende Ambivalenz“, die den Menschen im Land einen „erwachsenen Grauzonen-Realismus“ auferlegt:

Je offener die Diskussion, je mehr „Nein“ und „Aber“ und „Vielleicht lieber anders“, desto weniger attraktiv wird das große Nein der Wirklichkeitsverweigerung. Ein experimentierfreudiges Klima ist nicht nur das aussichtsreichste Rezept für den Sieg über das Virus. Sondern auch für eine Gesellschaft, die bei Verstand bleibt.

Auch Der Spiegel widmete sich vergangene Woche (Nr. 37/2020) Bodo Schiffmann und nahm identische Eindrücke wie die Zeit-Kollegen mit:

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse müssten für Schiffmann eigentlich eine große Rolle spielen, er ist Mediziner. Doch als Corona-Kritiker verknüpft er Tatsachen mit Halbwahrheiten, Fehlinterpretationen und absurden Gedanken.

Er springt von Thema zu Thema, von Behauptung zu Behauptung. Er widerspricht sich. Weist man ihn darauf hin, ignoriert er das oft. Er leugnet nicht, dass es Corona gibt, aber er hält Corona für harmlos. Gut 9000 Covid-19-Tote in Deutschland seit Beginn der Pandemie findet er nicht der Rede wert.

Dann kommt er zu wilderen Thesen, hinter den Corona-Maßnahmen stecke nämlich der Plan, den Geldmarkt neu zu ordnen. Er sagt: »Ich habe keinen Bock auf einen Neofeudalismus mit Bill Gates als Kaiser und Angela Merkel als Königin für das Reich Deutschland.«

Die Corona-Warn-App vergleicht er mit dem Judenstern. Er meint, dass Microsoft-Gründer Bill Gates mit Impfungen gegen das Coronavirus die Weltbevölkerung reduzieren wolle. Möglicherweise mache eine künftige Impfung unfruchtbar, sagt er. »Man könnte auch einen Chip implantieren, der alle persönlichen Daten enthält, und wenn man der Regierung nicht mehr passt, werden die Daten gelöscht, man existiert quasi nicht mehr.«

Einen Faktencheck besteht Schiffmann nicht, zum Beispiel:

Er hat behauptet, es gebe Gesundheitsämter, die wollten Kinder, die sich möglicherweise angesteckt haben, aus ihren Familien holen, um sie in der Quarantäne zu überwachen. Die Diakonie Michaelshoven in Köln suche dafür eine pädagogische Fachkraft. Die Diakonie erhielt Hassmails und Morddrohungen.

In Wahrheit suchte sie einen Betreuer für Kinder, die in einer Jugendhilfeeinrichtung leben, weil sie in ihren Familien gefährdet sind, und bei denen der Verdacht besteht, dass sie sich mit Corona infiziert haben. Richtiggestellt hat er den Fall nicht.

Wie schon Medwatch im Mai fordert aktuell auch DocCheck ein Einschreiten der Ärztekammern, wenn „wenige schwarze Schafe im weißen Kittel, die am lautesten blöken, einen ganzen Berufsstand diffamieren“.

Doch die winken ab – praktisch wie um einen weiteren Satz aus dem Zeit-Artikel zu bestätigen:

Viele der Experten sagen, dass die Regierung und Behörden die Welle des Misstrauens massiv unterschätzen. 

Zum Weiterlesen:

  • Der Impfkrieg, Zeit+ am 28. August 2020
  • Wenn Ärzte Unsinn behaupten und Kammern dennoch wegschauen, medwatch am 25. Mai 2020
  • Der Arzt als Corona-Leugner, DocCheck am 7. September 2020
  • Der Schwindel-Arzt, Spiegel+ am 3. September 2020
  • Bodo Schiffman: Der Arzt, dem die Corona-Rebellen vertrauen, correctiv am 6. Mai 2020
  • Wie der HNO-Arzt Bodo Schiffmann zum YouTube-Star wurde, rnz am 6. Mai 2020
  • #Faktenfuchs: Die Thesen des Corona-Youtubers Bodo Schiffmann, br24 am 13. Mai 2020
  • HNO-Arzt interpretiert mehrere Zahlen falsch, dpa am 4. Mai 2020
  • Wenn Ärzte von der Coronakrise als einer „kriminellen Inszenierung“ sprechen, medical tribune am 22. Juli 2020
  • Der Corona-Impfstoff, verständlich erklärt, krautreporter am 3. September 2020
  • Sputnik oder Tschernobyl? Impfstoffentwicklung in Zeiten der Pandemie, Relativer Quantenquark am 3. August 2020
  • Wodargs verwirrende Virennachrichten, Gesundheits-Check am 29. August 2020
  • Coronakrise: Die wahre Wahrheit gibt es nur bei alternativen Fachleuten? Gesundheits-Check am 9. August 2020
  • Corona Fehlalarm“: Faktencheck zu Bhakdi/Reiß in der SZ, GWUP-Blog am 14. September 2020

7 Kommentare

  1. @Martina Rheken

    Ha, den Link wollte ich auch posten. :)

    Der Artikel selbst ist aufschlussreich. Hier hat sich ein windiger Rechtsverdreher mit Unterstützern Einnahmen erschlossen, auf die jeder Abmahnanwalt neidisch sein dürfte. Eine echte Lizenz zum Gelddrucken. Weitere Aluhuträger wie Schiffmann ziehen ganz offensichtlich Nutzen aus diesem undurchsichtigen Konstrukt, aber werfen Regierung und Experten trotzdem vor, dass sie verschleiern und vertuschen würden.

    Was für Heuchler.

  2. Da hier ja auch so einige Ärzte ihr „Unwesen“ treiben: Kann mir jemand erklären, wieso Ärztekammern in solchen Fällen prinzipiell nutzlos zu sein scheinen?

    Seien es gefälschte Atteste zur Maskenfreiheit oder zur Umgehung der Impfpflicht, gemeingefährliche Thesen wie von Schiffmann oder absurdeste Behandlungskonzepte aus der ganz harten Eso-Ecke – ich könnte mich nicht daran erinnern, dass eine Ärztekammer jemals eingeschritten sei.

    Ist das ein Problem der Wahrnehmung „von Außen,“ also als Nicht-Mediziner, oder was ist das?

  3. „…Schiffmann, der eigentlich eine Schwindelambulanz betreibt,…“

    Schwindel „…Vorspiegelung falscher Tatsachen,…, Aufschneiderei…“
    Wahrig, Deutsches Wörterbuch

    ungewollt ehrlich?

  4. @uwe hauptschueler:

    Möglicherweise. Solche ungewollten Offenbarungen gibt es ja auch in der Homöopathie:

    https://blog.gwup.net/2013/07/09/heels-schwindelpraparate/

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