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Urteil: Zwei Jahre Haft auf Bewährung für den Heilpraktiker von der „alternativen Krebsklinik“ in Brüggen-Bracht

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Von einem „erstaunlich milden Urteil“ schreibt die FAZ.

Der Heilpraktiker Klaus R., der in seinem „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen am Niederrhein gegen hohe Honorare Patienten mit dem Präparat 3-Bromopyruvat (3BP) behandelt hatte, ist zu zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt worden.

Im Juli 2016 habe der 61-Jährige den Tod von drei seiner Patienten verschuldet. Ein 55-jähriger Mann aus den Niederlanden, eine 43-jährige Niederländerin und eine 55-jährige Belgierin starben nach einer Behandlung.

MedWatch hat den Prozess in Krefeld beobachtet. In ihrem Abschlussbericht schreibt die Carl-Sagan-Preisträgerin Claudia Ruby:

Bei diesem Prozess ging es um die individuelle Schuld von Klaus R. Dass der Fall noch eine andere Dimension hat, deutete der Richter in seiner Urteilsbegründung an: „Sie durften invasiv behandeln, aber sie hätten es vielleicht besser nicht getan“, sagte Johannes Hochgürtel.

Tatsächlich räumt das Gesetz Heilpraktikern in Deutschland sehr weitreichende Befugnisse ein, obwohl keinerlei Ausbildung nötig ist. Heilpraktiker müssen lediglich eine mündliche und eine schriftliche Prüfung beim Gesundheitsamt bestehen, die der Gefahrenabwehr dient. Ob sie vorher ein Ausbildungsinstitut besuchen oder alleine Zuhause lernen, bleibt ihnen selbst überlassen. Es ist möglich, die Prüfung zu bestehen, ohne jemals im Rahmen einer Ausbildung einen Patienten behandelt zu haben.

Als Konsequenz aus dem Fall hat der Bundestag im Juni das Arzneimittelgesetz geändert: Heilpraktiker müssen nun zuerst eine Genehmigung einholen, bevor sie rezeptpflichtige Arzneimittel herstellen dürfen – bislang mussten sie dies der zuständigen Behörde nur anzeigen. Patientenschützer hatten die aktuellen Änderungen jedoch als nicht ausreichend kritisiert.

Sind sie auch nicht. Eigentlich unfassbar, dass die „heftige Debatte“ nach den drei Todesfällen und die Forderung nach schärferen Gesetzen für die Unheilpraktikerei mittlerweile wieder völlig versandet zu sein scheint.

Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe befasst sich derzeit mit dem Problem,

schreibt die FAZ.

Aha.

Zum Weiterlesen:

  • Urteil im Fall Klaus R.: Zwei Jahre Haft auf Bewährung für Heilpraktiker, medwatch am 16. Juli 2019
  • Heilpraktiker kommt mit Bewährung davon, FAZ am 15. Juli 2019
  • Tödliche Therapie – Bewährungsstrafe für Heilpraktiker, Süddeutsche am 15. Juli 2019
  • Die Hyaluron-Party ist vorbei: Drei tote Patienten einer alternativen Krebsklinik in NRW, GWUP-Blog am 5. August 2016
  • Nach Todesfällen: Politiker fordern schärfere Gesetze für Heilpraktiker, GWUP-Blog am 17. August 2016
  • „Gefährliche Hybris“: Interview mit Dr. Christian Weymayr zum Heilpraktiker-Unwesen, GWUP-Blog am 24. Januar 2018
  • Comedy-Video: „Heilpraktiker Von Heute“, GWUP-Blog am 21. Juni 2019

6 Kommentare

  1. Ein Skandal, dass es keine klaren und ausreichenden Konsequenzen gibt. Medizinlaien wie Heilpraktiker dürfen weiterhin an Patienten rumpfuschen.

    In Deutschland ist wirklich fast alles geregelt, wehe ich lass in der Firma ne Glühbirne auswechseln und hab dafür nicht den kleinen Elektroschein oder wie der heißt. Aber an Patienten lass ich Zehntausende von Medizinlaien los, die, wenn man Glück hat, nur bisschen den Placeboeffekt bedienen, und wenn ich Pech habe mit Pseudomedizin und wissenschaftlicher Inkompetenz eine wirksame Therapie verhindern und verzögern oder Patienten sogar töten, wie im oben beschriebenen Fall.

    Das Heilpraktikergesetz muss weg, schützt uns Patienten. Bitte übernehmen Sie Herr Jens Spahn

  2. Lizenz zum Pfuschen. Das ist ein außergewöhnlich mildes und schonendes Urteil. Der Wahnsinn mit den Arztdarstellern geht weiter.

  3. Der entscheidene Satz ist: „Tatsächlich räumt das Gesetz Heilpraktikern in Deutschland sehr weitreichende Befugnisse ein, obwohl keinerlei Ausbildung nötig ist.“

    Damit hatte der Richter wohl keine Handhabe, um den Heilpraktiker zu einer höheren Strafe zu verurteilen. Die Politik ist jetzt gefragt, das Heilpraktikergesetz schleunigst grundlegend zu reformieren (denn an eine Abschaffung wage ich nicht zu hoffen).

    Nachdem Jens Spahn ist der letzten Zeit einigen Elan gezeigt hat, um solche heiße Eisen anzufassen, die seine Vorgänger und Vorgängerinnen geflissentlich ignoriert haben, sehe ich ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass er sich auch mit der mächtigen Heilpraktikerlobby anlegt.

  4. Der Gesetzgeber und die Anklagebank in Krefeld

    https://keineahnungvongarnix.de/?p=7238

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