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„Gefährliche Hybris“: Interview mit Dr. Christian Weymayr über das Heilpraktiker-Unwesen

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Am Dienstag (30. Januar) geht es bei den “Berliner Wirtschaftsgesprächen” um das Thema Heilpraktiker.

Um baldige vorherige Anmeldung wird gebeten.

Auf dem Podium diskutiert unter anderem Prof. Jutta Hübner, Mitglied des „Münsteraner Kreises“ und Mitunterzeichnerin des Münsteraner Memorandums Heilpraktiker.

Zu den Zielen und Hintergründen dieser Initiative sprachen wir für den Skeptiker (3/2017) mit einem der federführenden Hauptautoren des Memorandums, dem Biologen und Wissenschaftsjournalisten Dr. Christian Weymayr.

Hier das vollständige Interview:

Skeptiker: Kaum war das Münsteraner Memorandum Heilpraktiker veröffentlicht, hagelte es in den Kommentarspalten verschiedener Online-Medien die üblichen Anwürfe: „Autsch. Da sieht jemand seine Felle davonschwimmen. Der freie Bürger (Patient) entscheidet sich laut Statistik immer häufiger für die alternativen Heilmethoden. Das geht natürlich nicht und man muss dem Einhalt gebieten. Klar.“

Christian Weymayr: Das ist Wunschdenken vonseiten der Alternativmedizin, dass sie so wichtig ist. Wenn Heilpraktiker, Homöopathen und Co. wirklich eine ernsthafte ökonomische Konkurrenz für die großen Interessengruppen im Gesundheitswesen wären, würde der Widerstand dagegen ganz anders aussehen.“

Das Münsteraner Papier skizziert zwei Lösungsansätze: Zum einen die Abschaffung des Heilpraktikerberufs, zum anderen dessen Ablösung durch Einführung spezialisierter Fach-Heilpraktiker als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe wie etwa Ergotherapeuten, Gesundheits- und Krankenpfleger oder Physiotherapeuten. Spiegeln diese beiden Optionen „Abschaffungslösung“ und „Kompetenzlösung“ unterschiedliche Auffassungen innerhalb des Münsteraner Kreises wider oder gibt es bei den 17 Autoren eine eindeutige Präferenz?

Natürlich spielt bei diesen beiden Lösungsvorschlägen auch ein gewisser Pragmatismus eine Rolle. Nur ein Verbot zu fordern, wäre unrealistisch und leicht abzuschmettern. Es ist aber auch nicht so, dass unsere Expertengruppe einstimmig für die Abschaffungslösung plädiert.

Die Kompetenzlösung ist insofern kein Plan B, falls die Abschaffungslösung kein Gehör findet, sondern eine gleichrangige Alternative, mit der wir gut leben könnten. Auch die Kompetenzlösung läuft ja genau genommen auf die Abschaffung des Heilpraktikerberufs hinaus, so wie man ihn heute kennt.“

 Wie hat sich der Münsteraner Kreis denn überhaupt zusammengefunden?

Die Initiative dazu ging von Professor Bettina Schöne-Seifert aus, die an der Uni Münster den Lehrstuhl für Medizinethik hat und neun Jahre lang Mitglied im Deutschen Ethikrat war. Sie hatte das Bedürfnis, sich mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen über den Komplex Komplementär-Alternative Medizin (KAM) auszutauschen, und daraus ist der Münsteraner Kreis entstanden.

Bei unserem Treffen kristallisierte sich die Idee heraus, als erstes das Thema Heilpraktiker zu bearbeiten. Ganz wichtig dabei ist uns der interdisziplinäre Ansatz, also auch ethische, wissenschaftstheoretische, psychologische, juristische und andere Aspekte mit einzubeziehen.“

Was erhoffen Sie sich konkret von dem Heilpraktiker-Memorandum?

Wir gehen davon aus, dass wir momentan von der Politik nicht allzu viel erwarten dürfen. Aus vielen Hintergrundgesprächen wissen wir, dass die Bereitschaft, das Problem anzugehen, zwar vorhanden ist – aber die Angst vor Stimmenverlusten und der Beliebtheit von Heilpraktikern in der breiten Bevölkerung ist derzeit noch größer.

Primär möchten wir das Memorandum als Diskussionsgrundlage verstanden wissen. Ich denke, dass der von institutionellen Interessen unabhängige Münsteraner Kreis ein durchaus gewichtiges Gremium ist, das man ernst nehmen muss und auf dessen Expertise sich Politiker in der öffentlichen Debatte auch berufen können.“

In der „Biologischen Krebsklinik“ eines Heilpraktikers in Brüggen-Bracht starben 2016 drei Menschen. War das ein Wendepunkt in der politischen Debatte?

Die Kritiker des Heilpraktikerwesens haben durch dieses Ereignis sicherlich Rückenwind bekommen. Aber ich denke, ein Wendepunkt war das genauso wenig, wie ärztliche Behandlungsfehler die Abschaffung der evidenzbasierten Medizin zur Folge haben würden.“

Dieser Vergleich wird in der Öffentlichkeit gerne gezogen. Auch in den Kommentaren zum Münsteraner Memorandum Heilpraktiker hoben KAM-Verfechter auf „MRSA-verseuchte Krankenhäuser“, „unnötige Operationen“, „Kunstfehler“ und ähnliches ab.

Und zu Recht. All das spricht aber nicht für Heilpraktiker, sondern gegen die Fehlertoleranz in der akademischen Medizin. Auch die Qualität der akademischen Medizin muss immer weiter verbessert werden.

Kommentatoren, die uns, also den Mitgliedern des Münsteraner Kreises, Lobbyarbeit für die „Schulmedizin“ unterstellen, sollten bedenken, dass wir alle ausgewiesene Kritiker auch der „Schulmedizin“ sind. Ich selbst habe beispielsweise das Buch „Mythos Krebsvorsorge“ mitverfasst und verstehe ohnehin nicht, wieso jeder Deutsche im Durchschnitt 17 Mal im Jahr zum Arzt geht.

Wie auch immer: Unsere Expertengruppe analysiert das Gesundheitswesen aus einer dezidiert wissenschaftsorientierten Perspektive. Und damit geraten wir automatisch auf Konfrontationskurs mit unwissenschaftlichen Entwicklungen in der der Wissenschaftlichkeit verpflichteten Medizin.“

Im Heilpraktiker-Memorandum wendet sich der Münsteraner Kreis auch gegen ärztliche KAM-Anbieter: „So sollten aus unserer Sicht Verfahren der Alternativmedizin überhaupt keinen Platz in der wissenschaftsorientierten Versorgung haben, da dies als wissenschaftliche „Adelung” des gerade Nicht-Wissenschaftlichen erscheinen muss, und zwar selbst dann, wenn diese Verfahren lediglich ergänzend eingesetzt werden. Hier gilt: Ein der Patientenversorgung verpflichtetes Gesundheitssystem muss von unbelegten und überzogenen Heilsversprechen gänzlich freigehalten werden.“

Genau. Zum einen wollen wir damit dem Vorwurf begegnen, dass wir die Heilpraktiker als Konkurrenz zu ärztlichen KAM-Anbietern verdrängen wollen.

Zum anderen sehen wir hier ein Wahrhaftigkeitsproblem. Aus unserer Sicht ist es ethisch illegitim, absehbar unterlegene bis unwirksame Verfahren anzubieten oder sie als verdeckte Plazebos zu verabreichen – egal ob als Arzt oder als Heilpraktiker.“

In der Tat stand nach der Veröffentlichung des Memorandums schnell die Anschuldigung im Raum, dass „Ärzte nichts als ihre eigene Meinung gelten lassen“ und „in Deutschland Ärzte keine Konkurrenz neben sich dulden, während sich anderswo ein Team von Ärzten und Therapeuten verschiedenster Fachgebiete zusammensetzt“.

 Natürlich sollte auch ein akademischer Mediziner bei seiner Anamnese und Behandlung die Lebenssituation, den Job und die familiären Umstände des Patienten berücksichtigen. Aber das erwarte ich doch eigentlich von einer qualitativ hochwertigen Medizin. Das ist kein Widerspruch zur sogenannten Schulmedizin, im Gegenteil, das ist gute Schulmedizin. Und ein Arzt, der nicht mit seinen Patienten redet, macht schlechte Schulmedizin.

In unserem Memorandum heißt es: „Eine gelingende Arzt-Patienten-Beziehung und solide Wissenschaftskompetenz widersprechen sich nicht. Sie sind vielmehr gemeinsam erforderlich. So fordern die ethischen Standards der wissenschaftsorientierten Medizin ausdrücklich die Einbeziehung der Patientenperspektive und die Respektierung der Patientenpräferenzen bei der Bestimmung des Therapieziels. Eine gelingende Kommunikation ist hierzu unabdinglich.“

In der Praxis sieht das sicher oft anders aus. Aber Paternalismus, Geräte- und Pharmafixierung entspricht doch nicht dem Leitbild der Evidenzbasierten Medizin noch dem Prinzip der Arzt-Patienten-Beziehung.“

Sie haben das Kommunikationsbedürfnis der Patienten angesprochen und auch die Tatsache, dass die Deutschen im Schnitt 17 Mal im Jahr zum Arzt gehen, was im weltweiten Vergleich eine Spitzenposition ist und auch die Terminvergabe für solche Patienten erschwert, denen nicht bloß was fehlt, sondern die wirklich etwas haben. In einem weiteren Kommentar zum Memorandum hieß es denn auch: „Ich bin jedem Patienten dankbar, der zum Heilpraktiker geht.“ Dort kann man in schönem Ambiente einem netten Herrn oder einer netten Dame im weißen Kittel seine Probleme erzählen, zahlt 100 Euro aus eigener Tasche und zieht zufrieden von dannen. Ist das schlecht?

Ich finde, dafür sollte man lieber zum Friseur gehen. Oder sich mit einem Freund oder einer Freundin treffen. In meinen Augen ist der Arzt mit seiner Ausbildung für diese Art der Inanspruchnahme überqualifiziert. Und der Heilpraktiker unterqualifiziert, wenn man da überhaupt von einer Qualifikation reden möchte.

Das Hauptproblem ist, dass der Patient sehr wahrscheinlich nicht zum Heilpraktiker geht, um mal ‘ne Stunde zu reden. Sondern die Leute suchen einen Heilpraktiker auf, weil sie dort Problemlösekompetenzen in medizinischen Fachfragen vermuten. Und das stimmt eben nicht.“

Hierzu darf ich einen weiteren Kommentar aus einem Online-Forum zitieren: „Die Ausbildung und die Prüfung [des Heilpraktikers] haben mit Esoterik und Quacksalberei nichts zu tun, sondern es geht um das Erlernen von Anatomie, Krankheitslehre und Differentialdiagnose sowie um alternative Behandlungsmethoden und rechtliche Grundlagen.“

Was an Heilpraktikerschulen gelehrt wird, ist bestenfalls ein Kratzen an der Oberfläche – zumal keinerlei wissenschaftlich fundierte, standardisierte oder kontrollierte Ausbildung vorgeschrieben ist. Angehende Heilpraktiker können sich auf die verlangte Prüfung auch autodidaktisch vorbereiten, ohne je einen Patienten zu sehen. Weder die Lerninhalte noch die Prüfungsfragen werden der Komplexität des heute bekannten Krankheitsspektrums auch nur im Entferntesten gerecht.

Dass man mit diesem rudimentären Wissen – wobei man hier „Wissen“ in ganz dicke Anführungsstriche setzen muss – Diagnosen stellen und fast alle im ärztlichen Beruf angesiedelten Tätigkeiten ausüben darf, ist für uns alle nicht akzeptabel. Und solche Kommentare wie der von Ihnen zitierte sind ein Beleg für die gefährliche Hybris vieler Heilpraktiker.“

Wie wäre es mit dem diesem: „Schwarze Schafe gibt es überall.“

Korrekt, aber kein Argument. Es geht nicht darum, dass einzelne Heilpraktiker individuelle Fehler bei der Patientenbehandlung machen. Sondern die gesamte Konstruktion des Heilpraktikerwesens ist von Grund auf falsch. Auf diesen Fehler des Systems müssen wir fokussieren. Im Memorandum haben wir das so formuliert:

„Während die wissenschaftsorientierte Medizin in ihren Diagnose-, Therapie- und Präventionskonzepten grundsätzlich rational überprüfbar sein will und ihre kontinuierliche wissenschaftliche Weiterentwicklung und Verbesserung anstrebt, das heißt fortschrittsfähig ist, bewegt sich das Heilpraktikerwesen überwiegend in einer Parallelwelt mit eigenen, meist dogmatisch tradierten Krankheits- und Heilkonzepten.

Je nach Lehre enthalten diese mehr oder weniger wissenschaftlich unbegründete oder unhaltbare Elemente. Vielfach handelt es sich dabei um Glaubensüberzeugungen, von denen viele wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen oder durch die moderne Medizin empirisch widerlegt sind.“

Anousch Mueller spricht sich in ihrem Buch „Unheilpraktiker“ dennoch gegen eine Verbotslösung aus, weil dadurch auch noch das Mindestmaß an amtlicher Kontrolle wegfallen würde und zudem die Nachfrage nach esoterischer Medizin nicht einfach verschwindet.

Das kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen.

Früher sah ich keinerlei Existenzberechtigung für den Berufsstand des Heilpraktikers und hätte rundweg für ein Verbot plädiert. Durch die Beschäftigung mit der Homöopathie ist mir dann aber klargeworden, dass es dieses Bedürfnis nach Esoterik tatsächlich gibt. Das sollte auch bedient werden.

Aber es muss aus der akademischen Medizin herausgehalten werden. Vor diesem Hintergrund wurde mein Verhältnis zum Heilpraktikerwesen zeitweilig etwas entspannter, weil ich davon ausgegangen bin, dass eine Heilpraktiker-Praxis von Patienten als evidenzfreie Zone wahrgenommen wird.

Mittlerweile bin ich aber genau an diesem Punkt ins Zweifeln gekommen.“

Inwiefern?

Ich kenne keine empirischen Untersuchungen dazu, aber wenn man sich mit Leuten über Homöopathie unterhält, merkt man, wie wenig selbst überzeugte Anwender darüber wissen. Daher glaube ich, dass vielen Patienten durchaus nicht bewusst ist, worauf sie sich beim Heilpraktiker einlassen.

Natürlich ist die Patientenautonomie zu respektieren, wenn ein Heilpraktiker dezidiert in Kenntnis der bestehenden Evidenzen über die Unwirksamkeit von Komplementär-Alternativer Medizin aufgesucht wird. Wenn jemand weiß, dass er möglicherweise ins Unglück rennt, ist das seine Entscheidung. Aber er oder sie sollte es eben wissen. Und hier wollen wir Aufklärung betreiben.

In unserem Memorandum steht einiges drin, worüber man auch als Patient stutzig werden sollte, wenn man bislang noch nicht über die Behandlungskonzepte der KAM nachgedacht hat. Das ist der Punkt, um den es uns geht: dieses potemkinsche Dorf der angeblich fundierten medizinischen Versorgung durch Heilpraktiker. Und wen wir nicht überzeugen, sollte das „Berufsbild des Heilpraktikers“ lesen, das die Heilpraktikerverbände verabschiedet haben. Das ist ein echter Augenöffner.“

Zum Weiterlesen:

  • „Mangelhaft“: die neuen Richtlinien für die Heilpraktikerprüfung, GWUP-Blog am 1. Januar 2018
  • Heilpraktiker – Gefahr oder Segen? tagesspiegel am 17. Dezember 2017
  • gmp-Podcast: Interview mit Dr. Christian Weymayr zum Heilpraktiker-Memorandum, GWUP-Blog am 9. Oktober 2017
  • „Ekelhafte Lobbyistenaktivität“: Münsteraner Kreis zu den Heilpraktiker-Vorwürfen, GWUP-Blog am 22. August 2017
  • Video: „Sich den eigenen Defiziten stellen“ – Jutta Hübner zum Heilpraktiker-Mimimi, GWUP-Blog am 1. September 2017
  • Verzweifelt gesucht: Argumente pro Heilpraktiker, psiram am 4. September 2017
  • Berliner Wirtschaftsgespräche am 30. Januar: „(Keine) Zukunft des Heilpraktiker-Berufs“, GWUP-Blog am 12. Januar 2018

5 Kommentare

  1. Hat Frau Grams sich irgendwie äußerlich verändert ? Naja.. eigentlich eine blöde Frage, weil es offensichtlich ist, dass dies der Fall ist. Ist mir aber erst jetzt aufgefallen.

  2. Jetzt sieht Frau Grams meiner Ex-Mitbewohnerin aus meiner letzten WG etwas ähnlich. Naja… finde ich dennoch schick. Aber Hauptsache der Frau Grams ist ihre angenehme Stimme geblieben ;)

  3. Ich frage mich immer, ob die Heilpraktikergänger auch ihr high tech KFZ bei Problemen zu einem alternativen KFZ Heiler bringen würden.

    Der schaut dann tief in die Scheinwerfer, riecht am Auspuff, redet mit dem Eigner eine Stunde, um dann ein paar Nadeln in diverse Schäuche und Kabel zu setzen. Dazu kommt noch etwas gasolineum-sanarum C30 in den Tank. Dann läuft es wieder

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