CSICon 2012: Die “Halls of Shame” der Paramedizin

Beim Skeptikerkongress CSICon 2012 (“The Conference Dedicated to Science and Skeptical Inquiry”) vom 25. bis 28. Oktober in Nashville/Tennessee hatte ich die Ehre, eine hochkarätig besetze Podiumsdiskussion zum Thema Pseudowissenschaften in medizinischen Bildungseinrichtungen (“Teaching Pseudoscience in Medical Schools”) zu moderieren.

Alle Podiumsgäste schreiben für den Blog Science Based Medicine.

David H. Gorski gab eine Übersicht über “quackademic medicine” und bezeichnete schmückende Modeattribute wie “alternativ”, “komplementär” oder “integrativ” allesamt als Synonyme für “unbelegt”.

Speziell zu der vergleichsweise neuen Wortschöpfung “integrative Medizin” sagte er:

If you mix cow pie with apple pie, it does not make the cow pie taste better; it makes the apple pie worse.”

Zu Deutsch etwa:

Wenn man Kuhdung mit Apfelkuchen vermischt, erhält man keinen Kuhdung mit besserem Geschmack, sondern Apfelkuchen mit schlechtem Geschmack.”

Gorski berichtete, die US-amerikanische NCCAM habe die Georgetown University Medical School mit 1,7 Millionen US-Dollar gesponsert, um Komplementärmedizin in das gesamte Studienangebot zu integrieren. Die University of Maryland tue sich besonders in Sachen CAM (Complementary and Alternative Medicine) hervor, unter anderem mit Kursen in QiGong.

Die ganze paramedizinische Palette habe sich inzwischen unter dem Deckmantel der “Kräutermedizin” & Co. bis nach Harvard hochgearbeitet. In diese “Hall of Shame” reihten sich die Universitäten Yale, John Hopkins und Stanford ein.

Auch bei renommierten Fachzeitschriften beobachtet Gorski eine zunehmende Lockerung  der Qualitätsanforderungen.

Als Beispiel nannte er eine minderwertige Publikation von M. Frenkel et al. mit dem Titel Cytotoxic effects of ultra-diluted remedies on breast cancer cells im International Journal of Oncology (2010, 36).

Gorski kritisierte grobe Mängel, u.a. die fehlende Statistik, und dass viele Daten unveröffentlicht blieben. Eine Koautorin distanzierte sich später von der Publikation. Solche Beiträge dürften von einer Fachzeitschrift nicht angenommen werden.

Als Höhepunkt postmodernen Geschwurbels zitierte Gorski eine Publikation von Dave Holmes im International Journal of Evidence-Based Healthcare 2006; 4: 180–186, mit dem Titel Deconstructing the evidence-based discourse in health sciences: truth, power and fascism.

Dort heißt es:

We assert that the evidence-based movement in health sciences constitutes a good example of microfascism at play in the contemporary scientific arena.”

Evidenzbasierte Medizin sei also “Mikrofaschismus”. Offenbar kennt die Quackademia keine Schamgrenzen mehr.

(Auch Ben Goldacre hatte sich hier schon vor einigen Jahren mit diesem absurden “Faschismus”-Vorwurf auseinandergesetzt.)

Einen wesentlichen Grund für die erfolgreiche Etablierung von Pseudowissenschaften an den Universitäten sieht Gorski in den “Shruggies”:

A person who doesn’t care about the science versus pseudoscience debate. When presented with descriptions of exaggerated or fraudulent health claims or practices, their response is to shrug.”

Viele Akademiker beobachteten den Vormarsch des Unsinns mit duldendem Desinteresse.

Mehr noch: Sie wundern sich sogar über diejenigen, die Pseudowissenschaften an Universitäten kritisieren.

Das ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz kaum anders: Pseudowissenschaften treffen auch hier kaum auf Widerstand, wie Christian Weymayr und Nicole Heißmann in ihrem aktuellen Buch “Die Homöpathie-Lüge” aufzeigen.

In Teil 2 gehe ich auf die Vorträge von Harriet Hall und Kimball C. Atwood und den abschließenden Kommentar von Eugenie Scott ein.

In Teil 3 geht es dann um den Placebo-Effekt. Darüber referierte Steven Novella, der auch für den lesenwerten Blog NeuroLogica schreibt.

Zum Weiterlesen:

  • Grenzenlose Scharlatane, die wahrheit am 30. Oktober 2012
  • Uni Viadrina – Hogwarts an der Oder, GWUP-Blog am 7. Mai 2012
  • Wer braucht eine Zauber-Uni? GWUP-Blog am 7. September 2012
  • Quackademia, edzardernst.com am 26. Oktober 2012

1 Kommentar zu “CSICon 2012: Die “Halls of Shame” der Paramedizin”


  1. 1 Amardeo Sarma 31. Oktober 2012 um 15:39

    Here noch einige Takeaways von CSICon 2012:

    http://sarahkaiser.net/2012/10/takeaways-from-csicon-2012/

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