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Medium für einen Tag II

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Fortsetzung von „Medium für einen Tag“

Wie verlief nun die Konfrontation des „Psychic for a day“ Michael Shermer mit echten Ratsuchenden?

Überraschend:

Meine erste Versuchsperson war eine 21-jährige Frau, für die ich Tarotkarten legen sollte.

Da dies meine erste Sitzung war, war ich ein wenig nervös und blieb bei den Standard-Barnum-Aussagen. Ich arbeitete mich recht erfolgreich durch die verschiedenen Persönlichkeitsaspekte (wobei ich korrekt erriet, dass sie weder eine Erstgeborene noch eine Letztgeborene war), aber ich traute mich noch nicht an konkrete Vermutungen heran.

Da die junge Frau studierte, nahm ich an, dass sie sich aktuell noch möglichst viele Perspektiven für ihr weiteres Leben offen hielt; also bot ich ihr allerlei Trivialitäten, die auf fast jede Person dieses Alters zutreffen: Sie sei unsicher über die Zukunft, aber begeistert von all den sich bietenden Möglichkeiten, sie sei sich ihrer Talente sicher, doch in manchem noch unsicher, in ihrer nahen Zukunft spielten Reisen eine Rolle, sie halte ein gesundes Gleichgewicht zwischen Kopf und Herz, Intellekt und Intuition und so weiter, und so fort.

Tarotkarten sind großartig, weil sie dem Wahrsager ein Hilfsmittel geben, auf das man Bezug nehmen kann und zu dem der Klient Fragen stellen kann […]

Meine dritte Versuchsperson, ebenfalls Studentin und 20 Jahre alt, war die härteste Nuss des Tages.

Auf meine ,Nebenbei-Fragen’, mit denen ich ihr Informationen entlocken wollte, antwortete sie nur einsilbig, und es schien in ihrem Leben nicht viel los zu sein, das ,medialen’ Rat erforderte. Ich benutzte ein Horoskop aus dem Internet, das für jemanden namens John mit dem Geburtsdatum 9. Mai 1961 erstellt worden war. Die Studentin war am 3. September 1982 geboren. Ich habe keine Ahnung, was das Horoskop bedeutet.

Da es aber eigentlich natürlich gar nichts bedeutet, begann ich damit, dass ,die Sterne beeinflussen, aber nicht zwingen’, und dann erfand ich einfach irgendwas darüber, dass die Konjunktion des Mondes im dritten Haus und einer untergehenden Sonne im fünften Haus zeige, dass sie eine große Zukunft vor sich habe und ihre Persönlichkeit ein gesundes Gleichgewicht zwischen Herz und Kopf, Geist und Seele, Intellekt und Intuition sei. Sie nickte zustimmend.

Dann äußerte ich eine Anzahl von wahrscheinlichen Vermutungen und lag bei der Hälfte richtig (auch bei der Aussage über lange Haare in der Kindheit). Am Ende der Sitzung fragte ich sie, ob sie selbst eine Frage habe. Sie sagte, sie habe sich für ein Stipendium für einen Studienaustausch nach England beworben und wolle nun wissen, ob sie es bekommen würde.

Ich antwortete, dass es nicht darauf ankäme, ob sie es bekomme oder nicht, sondern dass ich zuversichtlich sei, dass sie mit ihrer ausgeglichenen Persönlichkeit mit jedem Ergebnis zurecht käme. Das schien gut anzukommen. Im Interview nach der Sitzung war sie viel positiver gestimmt, als ich angesichts der steifen Sitzung erwartet hatte.

Meine vierte Versuchsperson war eine berufstätige 58-jährige Frau, für die ich ohne Hilfsmittel wahrsagen sollte. Ich begann mit Barnum-Formulierungen, aber kam nicht weit, weil schnell klar wurde, dass sie mehr als bereitwillig über ihre Probleme sprechen wollte.

Sie wollte den allgemeinen Unsinn gar nicht hören, sondern sofort auf die konkreten Themen kommen, die ihr an diesem Tag durch den Kopf gingen. Die Frau war übergewichtig und sah nicht besonders gesund aus, aber ich wollte ihr Gewicht nicht direkt ansprechen – also sagte ich, dass ich etwas von Sorgen über die Gesundheit fühlte, und ich wagte die Vermutung, dass sie – es war Anfang Januar – sich zum neuen Jahr vorgenommen hatte, abzunehmen und mehr Sport zu treiben. Volltreffer!

Die Frau öffnete sich mir und erzählte von ihrer Bandscheibenoperation und anderen Beschwerden. Ich versuchte ein paar der wahrscheinlichen Vermutungen, die ganz gut trafen, vor allem die Schachtel mit alten Fotos, die kaputten Geräte im Haus sowie der Satz über langes/kurzes Haar.

Alles Treffer, vor allem über die Frisur, die sie – wie die Frau mir erklärte – ständig verändere. Ich sagte, dass ich etwas von einer Narbe am Knie fühlte, und das ließ ihr den Kiefer herunterfallen. Seit ihrer Kindheit, sagte sie, sei sie nicht mehr hingefallen, aber gerade vor einer Woche habe sie sich bei einem Sturz  ziemlich übel die Knie aufgeschlagen …

Obwohl ich dem Gespräch entnehmen konnte, dass die Frau vor kurzem ihre Mutter verloren hatte, und meine allgemeinen Kommentare darüber, wie nahe ihre Mutter in ihrer Erinnerung bei ihr bleiben werde, sie in Tränen ausbrachen ließen, war sie doch hauptsächlich gekommen, um etwas über ihren Sohn zu erfahren. Was würde er tun?

Eine Minute von Fragen und Antworten ergab, dass er kurz vor dem Schulabschluss stand, also nahm ich an, dass seine Mutter sich Sorgen machte, ob er studieren werde. Voll getroffen! Was genau beunruhigte sie? Er wollte an der Universität von Südkalifornien studieren, also vermutete ich – noch bevor sie es aussprechen konnte –, dass es wegen der Lage dieser Universität sei, denn die Innenstadt von Los Angeles ist nicht gerade die sicherste Gegend …

Im anschließenden Interview lobte diese vierte Versuchsperson meine psychische Intuition über alle Maßen. Der Moderator und die Produzenten waren überrascht und begeistert, was für eine spannende Sendung das Ganze geben würde.“

Fazit: Wer zum „Hellsehen“ und „Wahrsagen“ übersinnliche Kräfte benötigt, macht es sich unnötig schwer.

Zum Weiterlesen:

3 Kommentare

  1. Wie waren die Reaktionen der „Versuchspersonen“, nachdem sie darüber aufgeklärt wurden, dass Shermer keinerlei übersinnliche Fähigkeiten besitzt?

  2. @Bjoern:

    Im Originalartikel findet sich dazu lediglich Folgendes:

    „Our original plan was to tell all of the subjects after the readings that this was all just a set-up to expose psychic phonies as nothing more than scam artists out to rip-off people.

    We were not particularly worried about the college-aged subjects because, after all, if the biggest crisis in your life is trying to decide whether to major in Theater Arts or English Lit, the veracity of a psychic’s reading is a minor wrinkle in the greater cosmic scheme.

    But for the last two readings we decided that they needed to be handled a little more delicately. Bill and the producers came up with this explanation: „We wanted you to know that Michael is not a psychic. He is a psychologist. We wanted to see if he could do what psychics do in terms of so-called intuitive readings. While we realize that this probably seemed real to you, it was not real for Michael in any psychic sense.“

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