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Drei seltene Erkrankungen machen noch keinen Werwolf

| 5 Kommentare

Habe mal wieder Lust, mich als „Presse-Wächter und Wahrer von Qualitätsjournalismus“ aufzuspielen. Und dabei zugleich „Eigenwerbung“ für meine Bücher zu machen (danke an „Christoph“ für den hochqualifizierten Kommentar, der mich dazu inspiriert).

Also: Gerade liegt die aktuelle Ausgabe des neuen Magazins Wissen&Staunen vor mir.

Unter anderem geht es darin um Werwölfe – und der Autor identifiziert in dem Artikel drei Krankheiten, die …

… den Mythos vom Mannwolf am Leben halten.“

Gemeint sind Tollwut, Porphyrie und Hypertrichose – eine Triole, die immer dann angeschlagen wird, wenn der Beitrag nicht allzu sehr in die Tiefe gehen soll.

Das ist so ähnlich wie der geophysikalische Erklärungsansatz, der die angeblich rätselhaften Vorgänge im Bermuda-Dreieck auf Gas-Ausbrüche im Meeresboden zurückführen will: Im Bemühen darum, eine natürliche Erklärung für ein seltsames Phänomen zu finden, wird ohne groß darüber nachzudenken die erstbeste hergenommen.

Klar, die Idee vom Hypertrichose-Wolfsmenschen hat einen gewissen Charme.

Unter Hypertrichose versteht man nämlich das „Stigma der übermäßigen Behaarung“, wie auch der Focus im Sommer 2011 berichtete.

Allerdings:

Die angeborene Hypertrichose ist äußerst selten. Nicht einmal 100 Fälle wurden bislang weltweit dokumentiert. Die Wahrscheinlichkeit, den Defekt in sich zu tragen, beträgt eins zu einer Milliarde.“

Damit ist zugleich jeder Versuch zum Scheitern verurteilt, die mythische Gestalt des Werwolfs aus diesem Krankheitsbild heraus rational zu erklären. Denn die Singularität des „Werwolf-Gens“ steht zur weltweiten Verbreitung von Werwolfgeschichten in keinem Verhältnis.

Auf ähnlich wackligen Füßen steht die Tollwuttheorie, die der Tierarzt Joseph Claudius Rougemontim 18. Jahrhundert aufstellte, und die in den Medien immer noch nachgebetet wird, so auch vom Geo-Kinderheft Geolino:

Er wollte herausfinden, ob der Mythos vom Werwolf wirklich aus der Tollwutkrankheit entstanden ist. Es könnte tatsächlich so sein, denn bei genauerem Hinsehen gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen echten Tollwutkranken und den Werwölfen aus den Gruselgeschichten.“

Das mag schon sein, taugt aber trotzdem nicht als Deutungsmuster.

Weshalb nicht, legt der Mainzer Volkskundler Matthias Burgard am Beispiel des Historikers Utz Anhalt dar, dessen Magisterarbeit es 1999 zu einiger Publizität brachte, weil auch er auf eine Verbindungslinie zwischen Tollwut und Werwolferscheinungen rekurrierte:

 Nach Anhalt ergeben sich die Zusammenhänge zwischen Tollwut und Werwolfvorstellungen durch die Bedeutung des Bisses, der für die Übertragung verantwortlich ist. Der Autor vermischt hier aber Werwolf- und Vampirmotive. Die Vorstellung einer Übertragung durch einen Werwolfbiss besteht nämlich erst seit dem cineastischen Horrorklassiker Werewolf of London von 1935. Somit kann das Bissmotiv traditionelle Werwolfsagen nicht erklären.“

Werwolf- und Vampirmotive gehen nicht zuletzt in Sachen Porphyrie durcheinander, eine Krankheit, die sowohl „für die Gruselbilder des Vampirs als auch des Werwolfs Pate gestanden haben“ soll.

Dabei kommt auch diese „vielleicht älteste klinisch-naturwissenschaftliche Vampir-Theorie“ langsam „aus der Mode“, erklärt der Forensiker Dr. Mark Benecke vom GWUP-Wissenschaftsrat:

Tatsächlich sind die erbkranken Porphyrie-Patienten totenblass und lichtempfindlich – und somit nachtliebend. Sogar ihre Zähne können rot gefärbt sein.

Auf einem Gemälde von J.-F. Gueldry aus dem 19. Jahrhundert ist eine Reihe solcher Menschen dargestellt, die mit Ekel im Gesicht frisches Stierblut trinken müssen, um den durch innere Zersetzung und häufige Hautverletzungen bedingten Blutverlust wieder auszugleichen.

Ob Gueldry diese Menschen allerdings wirklich gesehen hat, ist fraglich: Bislang sind nicht einmal zweihundertfünfzig Porphyriefälle dokumentiert. Den Nörglern im Fach ist die Krankheit daher zu selten und zu passend, um wahr zu sein.“

Ursprünglich wurde Porphyrie auch zur Erklärung der „Ätiologie von Werwölfen“ herangezogen:

1963 stellte der Londoner Arzt L. Illis auf der Tagung der Royal Society of Medicine einen fürchterlichen Fall von Porphyrie vor, den er einem fotografisch untermauerten Bericht aus dem Jahr 1923 entnahm: Ein narbenübersätes Mädchen mit vom Licht verbranntem Kopf sitzt da traurig auf einem Stuhl und legt die verformten Hände in ihren Schoß. Die Veranlagung zum Werwolf liegt nach manchen Überlieferungen in der Familie, sagte Illis damals, genau wie bei der vererblichen Porphyrie.

Aber auch hier ist für unser Thema zu berücksichtigen:

Die schwerste Form von Porphyrie, die sogenannte CEP, ist zugleich auch die seltenste. Weltweit sind nur rund 200 Fälle dokumentiert – viel zu wenig, um ein Massenphänomen wie den Vampir- [und/oder Werwolf-] Glauben zu erklären“,
schreibt die Biologin Jasmin Barman im Skeptiker.
Somit hat der Wissen&Staunen-Autor zwar Recht:
 Das Gruselwesen beschäftigt Ärzte und Völkerkundler.“
 Nur sind deren Erkenntnisse nicht unbedingt deckungsgleich mit den Wissen&Staunen-Recherchen.
 Zum Weiterlesen:

5 Kommentare

  1. Hoffentlich verkraftet „Christoph“ unbeschadet die Einleitung zu diesem Artikel. Nicht auszudenken, wenn Christoph seine Beruhigungstropfen nicht findet…

  2. Ok, drei Krankheiten machen keinen Werwolf. Aber woher stammt der Mythos dann? Gibt es andere, schlüssigere Erklärungen dafür?

  3. <<Gemeint sind Tollwut, Porphyrie und Hypertrichose – eine Triole, die immer dann angeschlagen wird, wenn der Beitrag nicht allzu sehr in die Tiefe gehen soll.<<
    Tollwut, Porphyrie und Hypertriochse, die "satanische Dreifaltigkeit". :-)
    Schönes Video, aus einem meiner Lieblingsfilme…zum Glück sind Kinder noch keine "Skeptiker". ;-)

  4. Weiß jemand, wie alt die Werwolf Mythen sind?
    Wenn es diese bereits in der Antike oder dem frühen Mittelalter gab, wäre wohl die einfachste Erklärung die Beste. Dies ist aber nur eine rein spekulative Hypothese. Viele Stammesgesellschaften, ich rede jetzt primär von Europa, glaubten, dass mit dem Töten und Verzehren der oftmals auch religiös verehrten Tiergestalten eine besondere Kraft des Tieres auf die Menschen übergeht. Könnte es also nicht sein, dass Werwolf Mythen letztlich daher stammen, dass in Wolffelle gekleidete und Wölfe nachahmende Stammeskrieger andere Stämme oder Dörfer überfielen?

    Es ist nur eine Hypothese und ich habe bisher keinerlei Beweise für sie.

  5. Salat macht grün und Porphyrie blutdurstig. Zweifel?

    Die Existenz eines Fantasiewesens wird auch durch drei seltene Erkrankungen zusammen (?!) nicht gerade wahrscheinlicher, wie unser GWUP-Unfug-Wächter im Text oben schon richtig angemerkt hat. Die wissenschaftliche Widerlegung der These „Vampire-haben-doch-nur-´ne-Porphyrie“ könnte aber durchaus noch einige wesentliche Schritte weiter geführt werden:

    1. Lichtempfindlichkeit ist das Symptom einiger Formen von Porphyrie. Dracula dagegen kann bei Licht lediglich seine Gestalt nicht ändern und muss Mann oder FlederMaus bleiben. Sonst nichts. Über eine auf das Dunkle begrenzte Existenz ist bei Bram Stoker, dem Autor des Dracula- Romans, nichts zu lesen. Die Gefahr sich bei Sonnenkontakt in eine Rauchfahne aufzulösen wurde den Vampiren erst später angedichtet.

    2. Blut trinken, das würde Porphyrie-Kranken gar nichts nützen! Wegen dem genetischen Defekt stellt ihr Körper zu wenig roten Blutfarbstoff her, was eine leichte Anämie verursacht. Beim Trinken von Blut wird dieser Farbstoff aber in Magen und Darm in seine Bestandteile zerlegt – und ist damit für ein Recycling unwiederbringlich verloren. Deshalb ist es nicht nur fraglich, sondern ziemlich sicher, dass J.-F. Gueldry keine Menschen mit Porphyrie gesehen hat (s. link zu Abb. oben). Selbst wenn diese gerade ein weltweites Selbsthilfetreffen in der Nachbarschaft organisiert hätten…

    3. Welche Porphyrie darf’s denn überhaupt sein? Damit die lieb gewonnene Analogie Porpyrie=Vampir auch funktioniert, wird der passende Symptom-Mix halt aus den acht völlig eigenständigen Porphyrie-Erkrankungen zusammen gepanscht- nur einige der Formen gehen z.B. überhaupt mit Lichtempfindlichkeit einher. Und die häufigste Form, PCT (Porphyria cutanea tarda), wird sogar mit Aderlässen therapiert. Wären dies dann die Altruisten unter den Vampiren? ;-)

    4. Gendefekte sind keine blossen Kuriositäten. Es stecken Menschen mit teilweise sehr schlimmen Schicksalen dahinter. Für Betroffene ist es stigmatisierend und belastend, immer wieder auf eine scheinbare Verbindung mit diversen Monstern hin angesprochen zu werden. Das sollten Verfechter solcher „Theorien“ bitte im Hinterkopf behalten.

    Also, Dracula ist nicht mit Menschen mit Porphyrie verwandt, weil er nämlich gar nicht lichtscheu war. Porphyrie-Betroffene trinken kein Blut, auch nicht heimlich nachts. Wer jetzt noch behauptet, dass in jeder Pseudoargumentation ein Körnchen Wahrheit steckt, der muss zuerst einen grünen Vegetarier vorweisen. Warum? Weil der grüne Farbstoff der Pflanzen, das Chlorophyll, dieselbe chemische Grundstruktur besitzt wie der rote Blutfarbstoff Häm. Dann müsste man doch vom Salatessen …ja genau, grün werden.

    Eine ausführliche Diskussion der Thematik kann im Skeptiker-Artikel (2/2011) nachgelesen werden: „Genetik für Blutsauger- eine seltene Lichtkrankheit macht noch keinen Vampir“. Eine Textversion des Artikels findet sich auf: http://www.barman.de/Barman_2011_GenetikFuerBlutsauger.pdf

    Wer sich ein Bild vom Leben mit einer Porphyrie machen möchte findet auf den folgenden Seiten Infos aus erster Hand:
    http://www.epp-deutschland.de/
    http://www.porphyria.ch/

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