„Wissenschaft und Blödsinn“: Post-Truth-Politics oder Ist das Zeitalter der Fakten vorbei?

Wichtiges Thema bei Wissenschaft & Blödsinn: “post truth politics” oder “Das Zeitalter der Fakten ist vorbei”.

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Gelogen wurde in der Politik wohl immer schon. Aber wenn man ertappt wurde, fand man das zumindest irgendwie peinlich.

Nun aber ist ein neuer Trend zu beobachten: Politische Bewegungen, die sich nicht mehr um Fakten scheren und sich stattdessen ganz auf das Erregen von Bauchgefühlen spezialisieren, ähnlich wie Durchfallbakterien. Was sich hier ausbreitet, ist das genaue Gegenteil des aufgeklärten, wissenschaftlichen Denkens, auf dem unsere moderne Demokratie beruht – und das ist gefährlich […]

Das ist auch der Grund, warum es so wichtig ist, laut gegen Leute aufzutreten, die antiwissenschaftlichen Unfug erzählen: Chemtrail-Gläubige, Wunderheiler,  Impfgegner – sie alle wurden durch Fakten längst widerlegt, verbreiten ihre wirren Theorien aber noch immer […]

Nicht jede Meinung ist gleich viel wert. Wenn jemand wissenschaftlich erhobene Zahlen vorlegt und sein Gegner entgegenhält, dass seine Astrologin das anders sieht, weil der Saturn im zweiten Haus steht, dann diskutieren die beiden nicht auf gleichem Niveau.

Wir müssen uns gemeinsam darauf einigen, welche Sorte von Argumenten wir in der politischen Diskussion akzeptieren und welche nicht. Und dabei können wir uns nur an der Wissenschaftlichkeit orientieren.”

Zum Thema “Bedrohte Demokratie” hat der Berliner Wissenschaftsverlag Dunckler & Humblot gerade diese Publikation herausgebracht:

9783428550135

Angesichts globaler Krisen, die sich immer deutlicher auf innenpolitische Fragen auswirken, ist die Demokratie mehr gefordert denn je. Ihre Legitimität und Effektivität stehen auf einem neuen Prüfstand und es erweist sich als zunehmend schwierig, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen.

Wie es um den Zustand der Demokratie bestellt ist, wird in dem Sammelband “Bedrohte Demokratie” behandelt. Zwar ist eine Politisierung der Gesellschaft wahrzunehmen, doch äußert sich diese oft wenig konstruktiv. Unmutsbekundungen nehmen populistische Züge an und langfristiges Engagement in Parteien bleibt zusehends aus.

Auch im internationalen Miteinander scheint das demokratische Ideal fern. Statt Kooperation bestimmen meist Machtinteressen das zwischenstaatliche Handeln und hemmen Reformen internationaler Organisationen sowie die Zivilgesellschaften in vielen Teilen der Welt.

Doch die Autoren zeigen: Noch finden die Demokraten Antworten auf die Herausforderungen von Aktionisten, Autokraten und Aggressoren.”

Zum Weiterlesen:

  • Die Politik der Magensäfte, futurezone am 6. September 2016
  • Lügen: Die Erde ist eine Scheibe, Zeit-Online am 28. August 2016
  • Das Zeitalter der Fakten ist vorbei, Zeit-Online am 2. Juli 2016
  • Why Facts Don’t Unify Us, New York Times am 2. September 2016
  • Akute Aufklärungsunverträglichkeit, Novo-Argumente am 6. September 2016
  • Schneller als die Fakten erlauben, Spiegel-Online am 6. November 2012
  • Muss man eine andere Meinung stets akzeptieren? Mitnichten, GWUP-Blog am 28. Juli 2015
  • Einfach mal die Klappe halten, futurezone am 29. Dezember 2015
  • Esoterik und die Sache mit der Meinungsfreiheit, GWUP-Blog am 26. Dezember 2015
  • Ursula Männle (Hrsg.), Svea Burmester (Mithrsg.): Bedrohte Demokratie. Aktionisten, Autokraten, Aggressoren – Welche Antworten haben die Demokraten? Duncker & Humblot, Berlin 2016

6 Kommentare zu “„Wissenschaft und Blödsinn“: Post-Truth-Politics oder Ist das Zeitalter der Fakten vorbei?”


  1. 1 Pierre Castell 7. September 2016 um 21:09

    Schon lange befürchte ich, dass das Zeitalter der Fakten vorbei ist…

    Je besser sich jemand “verkauft” (präsentiert), umso mehr glaubt man ihm. So manche Ausstrahlung von zwielichtigen “Persönlichkeiten” hat schon zum Erfolg geführt und von Fakten oder Unfähigkeit abgelenkt. Schlimm, dass manche Gestalten so zu Macht und/oder Reichtum gelangt sind!

  2. 2 Ralf in Altersteilzeit 7. September 2016 um 21:54

    Ja, es scheint so, daß “the Dawn” des Populismus anbricht…

    Aber vielleicht sollte man das nicht nur negativ sehen, denn auch die etablierte “Wahrheit” ist es wert hinterfragt zu werden…vielleicht ist das Ganze eine Art Katharsis.

    Das Strohfeuer des Populismus wird schnell verbrennen, aber die etablierte “Wahrheit”, wird vielleicht dadurch gereinigt.
    Die Zukunft der Politik ist der Pragmatismus, nicht eine ideologisch gefärbte Politik, egal ob links oder rechts…

    …vielleicht kommt es aber auch ganz anders und wir erleben ein Zeitalter, das uns wieder in vor-aufgeklärten-Zeiten zurückführt.

    Was passiert, steht letztendlich in den Sternen ;-)

  3. 3 noch'n Flo 8. September 2016 um 06:33

    Was erwartet Ihr denn? Wir leben in einer Zeit, in der nicht nur die verschiedenen Medien immer mehr unser Leben bestimmen, sondern sich umgekehrt auch unser Leben immer mehr in die Medien hineinverlagert.

    Zwischen Realität und Illusion zu unterscheiden wird – vor allem für die unbedarfteren Zeitgenossen – immer schwieriger. Warum sich noch im realen Leben gross abrackern, wenn man in der virtuellen “Realität” mit wenigen Mausklicks der grosse Macker sein kann?

    Warum noch im realen Leben Freundschaften pflegen, wenn man hunderttausende Facebook-“Freunde” haben kann? Warum noch mit dem Nachbarn ein Schwätzchen halten, wenn man in derselben Zeit per Twitter die halbe Welt darüber auf dem Laufenden halten kann, was man heute zum Frühstück hatte, über welchen Arbeitskollegen man sich wieder aufgeregt hat und welche Konsistenz das Feierabend-Aa diesmal hatte.

    Warum noch – leben?

    Lebt Ihr noch, oder postet Ihr schon?

  4. 4 Martin 8. September 2016 um 09:43

    Mit dem Ideal der Demokratie ist das so wie mit dem reinen Glauben in der Kirche.
    Sobald Menschen sich solcher “Ideale” annehmen, werden sie mißbraucht, subjektiv ausgelegt und für eigene Machtinteressen bestimmt.

  5. 5 klauszwingenberger 8. September 2016 um 10:35

    Macht mal halblang, das geht auch wieder vorbei – jedenfalls wenn man es nicht einfach geschehen lässt, sondern für vernünftige Positionen eintritt. Solche “Zeitalter” dauern in unserer Zeit nicht viel länger als ein Jahrzehnt. Vierzig Jahre Romantik werden wir nicht noch einmal erleben.

    Ich bin alt genug, ein paar Jahrzehnte zu überblicken. Alle großen Zeiterzählungen sind alsbald wieder abgeebbt. In den Sechzigern bis zu den späten Siebzigern das Alles-geht-Gefühl, in den Achtzigern die malthusianisch-pessimistische Endzeitstimmung, in den Neunzigern die indolente Partylaune, in den frühen Zweitausendern die Auflösung aller Trends.

    In den Zehnern haben wir das Erstarken eines Neo-Mystizismus, der aus der Aufkündigung des Konsenses über die Vernunft wächst.

    Irgendwann wird auch noch der letzte Tropf feststellen, dass ohne diesen Konsens die “Wahrheiten” überhand nehmen und keiner mit dem anderen mehr etwas verbindliches bereden kann.

  6. 6 Bernd Harder 11. September 2016 um 09:19

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