Ein „Bund“ zwischen Ärzten und Heilpraktikern? Das freut nur die Pseudomediziner

Wieder einmal meint ein Medizinjournalist, für “mehr Aufgeschlossenheit” gegenüber “Alternativ”-Medizin werben zu müssen, diesmal sogar im renommierten DocCheck-Portal:

Vielleicht sollten Ärzte und Heilpraktiker einfach häufiger zusammenarbeiten [...]

Am Ende geht es sowohl Ärzten als auch Heilpraktikern darum, dem Menschen zu helfen. Vielleicht kann Ferrum phosphoricum bei einem Schnupfen tatsächlich bessere Dienste leisten als das Antibiotikum, das Patienten so oft von ihrem Arzt erwarten, obwohl es gegen virale Infektionen gar nicht wirken kann?

Vielleicht hilft die ausführliche, homöopathische Anamnese dem Patienten, sich ernst genommen zu fühlen und sich besser mit den Ursachen seine Erkrankung auseinander setzen zu können? Und möglicherweise steckt hinter den chronischen Abdominalschmerzen gar keine Darmentzündung, sondern eine Depression, die sich in 8 Minuten nicht so einfach diagnostizieren lässt?

Was spricht eigentlich dagegen, beide Heilansätze zu vereinen, sie mit gesundem Menschenverstand miteinander zu kombinieren und dem Patienten das Beste aus „beiden Welten“ anzubieten?

Sicher profitiert ein Krebspatient von einer gesunden Ernährung, allerdings erst nach der Tumoroperation.”

Gegenfrage:

Was spricht eigentlich dagegen, die “sprechende Medizin” besser zu vergüten, die Ärzteausbildung zu optimieren und zum Beispiel Psychoonkologen in die Behandlung von Krebspatienten einzubeziehen?

Denn die “zwei Welten”, von denen die Kollegin schreibt, sind lediglich in der Phantasie von Pseudomedizinern kompatibel:

Da gibt es zum einen die reale Welt, in der wir alle tatsächlich existieren und in der die uns bekannten Naturgesetze gelten. Und zum anderen eine Parallelwelt, in der alles Objektive und alle Beschränkungen auf wundersame Weise aufgehoben sind”,

erklärte der Allgemeinmediziner Dr. Werner Hessel im Skeptiker-Interview:

Wer sich ein solches Weltbild zu eigen macht, ist zugleich immun gegenüber jedweder vernünftiger Argumentation. Im Gegenteil, meistens muss ich mir dann sagen lassen, dass ich mit meiner „beschränkten“ und „eindimensionalen“ Sicht der Dinge arm dran sei.”

Deutlicher kann man die Unvereinbarkeit von evidenzbasierter Medizin und “alternativer” Medizin kaum darstellen.

Der Vorschlag der DocCheck-Journalistin wäre nur dann eine Überlegung wert, wenn Homöopathen, Heilpraktiker und Co. sich im Klaren darüber wären und akzeptieren würden, dass sie lediglich eine Wohlfühl-/Placebotherapie betreiben.

Eben dies ist aber nicht der Fall, sondern die “Alternativ”-Fraktion ist von der absoluten Richtigkeit ihrer Nonsens-Methoden völlig überzeugt – und allein diese Tatsache macht auch nur den Gedanken an eine “Integration” obsolet.

Wie die meisten Skeptiker engagierte Hessel sich nicht “gegen” Alternativmedizin, sondern für eine transparente und richtig angewandte wissenschaftsbasierte Medizin zum Wohle der Patienten.

Das ausführliche Gespräch mit ihm ist auch heute noch überaus lesenswert:

  • Was hat die GWUP gegen Homöopathie? Teil I, GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze, Teil II,  GWUP-Blog am 2. Februar 2011
  • Medizin ohne geistige Umweltverschmutzung,Teil III, GWUP-Blog am 3. Februar 2011
  • Homöopathie: Unmögliches muss man nicht erklären, Teil IV, GWUP-Blog am 4. Februar 2011

Aber auch bei anderen Experten hätte die DocCheck-Autorin sich umhören können, bevor sie ihr Plädoyer

Einen Versuch wäre es wert”

niederschrieb.

Etwa bei Prof. Edzard Ernst, der der Süddeutschen Zeitung sagte:

Gute Medizin besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Das eine ist die Kunst der Medizin, das andere die Wissenschaft der Medizin.

Gute Medizin besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Das eine ist die Kunst der Medizin, das andere die Wissenschaft der Medizin. Moderne Medizin ist vielleicht zu sehr fokussiert auf das wissenschaftliche Element. Alternativmediziner wie die Homöopathen konzentrieren sich dagegen fast ausschließlich auf die Kunst der Medizin. Die können mit den Patienten sehr gut umgehen.

Wenn eines der beiden Elemente fehlt, ist es keine gute Medizin. Das ist eine Kritik an der sogenannten Schulmedizin als auch an den sogenannten Alternativmedizinern.”

Fragen wir einfach mal:  Was wäre leichter und auch gesundheitspolitisch-strukturell umzusetzen?

Ärzten die Kunst der Medizin beizubringen? Oder Alternativmedizinern die Wissenschaft der Medizin zu vermitteln?

Die Antwort findet sich zum Beispiel hier oder hier – und sie zeigt anschaulich, dass ein “Bund” zwischen Ärzten und Heilpraktikern so sinnvoll wäre wie Schokolade, die nach Radieschen schmeckt.

Oder bei der internistischen Onkologin Prof. Jutta Hübner, die gegenüber Spiegel-Online klarstellte:

Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit in Nordrhein-Westfallen, fordert die Integration der Homöopathie in die Schulmedizin. Was halten Sie davon?

Schulmedizin ist eigentlich evidenzbasierte Medizin, also eine Medizin, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Will man dort die Homöopathie integrieren, müsste sie wissenschaftliches Denken anerkennen und mit klinischen Studien zeigen, dass sie funktioniert.

Aber allein aufgrund der Tatsache, dass in den Globuli nichts drin ist, wird das nicht passieren. Es gäbe die Möglichkeit, in Studien zu zeigen, dass der intensive Arzt-Patienten-Kontakt etwas bewirkt, sicherlich auch unabhängig von Globuli und dem dahinter stehenden Gedankengebäude.

Wenn wir also die Homöopathie in die evidenzbasierte Medizin integrieren wollen, lösen wir gerade diese Systeme auf. Solche Vorschläge laufen aber eher darauf hinaus, dass wir die Schulmedizin und die alternative Medizin, die eine ganz andere Grundlage hat, gleichberechtigt nebeneinander stellen – und sich beide Systeme auch noch gut vertragen sollen.

Das ist schädlich für unsere Patienten und ein Rückschritt von hundert Jahren.”

Wie könnte man dann mehr Menschlichkeit in die Medizin bringen?

Evidenzbasierte Medizin in einer fortschrittlichen Definition bedeutet, dass wir den Menschen als Ganzes betrachten und seine Bedürfnisse wahrnehmen müssen, nicht nur seine Krankheit. Davon ausgehend überlegen wir, welche Therapie optimal wäre.

Das ist die fortschrittlichste Medizin, die wir möglich machen können. Dann gibt es keinen Grund, etwas anderes daneben zu setzen.

Wir müssen aber die Fehlanreize korrigieren, die wir in unserem modernen westlichen Gesundheitssystem haben. Hier muss die Politik angreifen. Sie müsste die evidenzbasierte Medizin auch außerhalb der medikamenten- oder technikgeschützten Therapien unterstützen, statt über Alternativen zu spekulieren.”

Das sehen wir genauso.

Zum Weiterlesen:

  • Ärzte und Heilpraktiker: (K)ein Bund fürs Leben? DocCheck News am 18. Juni 2015
  • Heilpraktiker, Homöopathie und Impfen, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 13. März 2015
  • Heilpraktiker: “Irrationalismus und voraufklärerisches Denken”, GWUP-Blog am 16. Februar 2015
  • Kompetenzbefreite Heilpraktikerinnen im Doppelpack, dieausrufer am 16. März 2015
  • Homöopathie, Ganzheitlichkeit und die sprechende Medizin, GWUP-Blog am 20. April 2013
  • Homöopathie: Wenn Skeptiker Hoffnungen zerstören, GWUP-Blog am 18. April 2013
  • Skeptiker als Pharma-Söldner? GWUP-Blog am 21. April 2013
  • Alternativmedizin, Lebensqualität mit Krebs und die Schaden-kann-es-nicht-Hypothese, Fischblog am 19. April 2013
  • Die absurde finanzielle Ungleichbehandlung von Ärzten und Heilpraktikern, GWUP-Blog am 18. Juli 2014
  • Homöopathie: Nicht Globuli sind entscheidend, sondern die ärztliche Zuwendung, GWUP-Blog am 18. Juli 2014

28 Kommentare zu “Ein „Bund“ zwischen Ärzten und Heilpraktikern? Das freut nur die Pseudomediziner”


  1. 1 Dr. Hans-Werner Bertelsen 22. Juni 2015 um 09:59

    “Das Beste aus zwei Welten” – schönes Zitat aus der GEO.

  2. 2 Dr. Hans-Werner Bertelsen 22. Juni 2015 um 10:46

    @trixi

    Man wollte sich solidarisch mit dem Stern zeigen. Der hatte seine Tagebücher – GEO hatte die CAM. GEO schreibt so etwas wohl nie wieder.

    In der aktuellen GEO findet sich ein schöner Artikel zur Circumcision – welches in Afrika ernsthaft als Präventionsmaßnahme gegen die Weiterverbreitung von HIV propagiert wird. Da kommen sogar echte Urologen zu Wort.

    Ganz ohne Heilpraktikerinterview.

  3. 3 Bernd Harder 22. Juni 2015 um 11:09

    @Dr. Bertelsen:

    “In der aktuellen GEO findet sich ein schöner Artikel zur Circumcision – welches in Afrika ernsthaft als Präventionsmaßnahme.”

    Ich lese GEO nicht (mehr) – können Sie mich aufklären? Meines Wissens nach ist Beschneidung tatsächlich ein probates Mittel, um das Aids-Risiko zu verringern, und wird seit vielen Jahren auch von Urologen propagiert:

    http://www.stern.de/news2/studie-stuetzt-beschneidung-von-maennern-gegen-aids-3942170.html

    http://www.sueddeutsche.de/leben/kampf-gegen-aids-beschneidung-verringert-hiv-risiko-1.928039

    http://www.dw.com/de/beschneidung-als-aids-vorsorge-in-ruanda/a-17259383

    http://www.welt.de/gesundheit/article5749428/Warum-Beschneidung-vor-Aids-schuetzen-kann.html

  4. 4 Dr. Hans-Werner Bertelsen 22. Juni 2015 um 14:55

    @Bernd Harder

    …ich versuche es. Zunächst einmal:

    Danke für die links! Wunderschönes Beispiel für das allseits bekannte Sprichwort “Die Wissenschaft – sie ist und bleibt – was Einer, ab vom Anderen schreibt.”

    Es dürfte bekannt sein, dass der Hauptübertragungsweg von HIV über Körpersekrete definiert ist. Männern die Circumcision zu empfehlen, lässt in der Folge die Kondome verpackt und die Infektionsraten rapide ansteigen.

    Die zitierte Studie ist weder Papier noch Tinte wert und wird von Urologen verlacht. Das ist, bestens unterfüttert mit dem dazugehörigen Zahlenmaterial der unsinnigen Studie, wunderbar nachzulesen in der neuen GEO.

  5. 5 Dr. Hans-Werner Bertelsen 22. Juni 2015 um 15:19

    @trixi

    Hochverehrtes Trüffelschwein!

    Super Detektivarbeit…

    Also bis nach Wiki hat es dieser Humbug gebracht? Man könnte sich vor Lachen den Bauch halten, wenn es nicht so traurig wäre.

    @Bernd Harder – Wer schreibt den Leidartikel für den Skeptiker?

  6. 6 Bernd Harder 22. Juni 2015 um 15:20

    @Dr. Bertelsen:

    < < Wer schreibt den Leidartikel für den Skeptiker? <<

    Ich werde den Geo-Artikel mal lesen (allerdings ohne zu kaufen ...)

    Skeptisches gibt es allerdings auch hier:

    http://www.skeptiker-blog.ch/2012/07/die-sache-mit-der-vorhaut.html

    https://evidentist.wordpress.com/2012/07/19/beschneidung-gegen-hiv-des-kaisers-neues-kondom/

  7. 7 Joseph Kuhn 22. Juni 2015 um 15:23

    In dieser Diskussion gehen mehrere Stränge durcheinander, die man getrennt diskutieren sollte.

    1. Gibt es im alternativmedizinischen Spektrum Heilverfahren, die hilfreich sind und die man “als das Beste aus dieser Welt” anderen Heilverfahren zur Seite stellen kann?

    Die Antwort darauf hängt davon ab, was sich im Sack “Alternativmedizin” alles befindet.

    Wenn man damit z.B. auch pflanzenheilkundliche Methoden meint, wird man die Frage mit ja beantworten können, wenn man damit nur offenkundig unwissenschaftliche Methoden wie das Geistheilen meint, muss man sie mit nein beantworten.

    In jedem Fall stellt aber die evidenzbasierte Medizin das Verfahren dar, um die Spreu vom Weizen zu trennen, es gibt keine Metamethodologie zur Identifikation “des Besten aus beiden Welten”, die darüber stünde.

    2. Gibt es gegenüber der evidenzbasierten Medizin eine grundlegend andere Heilphilosophie, aus der man “das Beste” übernehmen könnte?

    Das kann man wohl auch verneinen, siehe den letzten Satz unter Punkt 1.

    Die evidenzbasierte Medizin wird dabei auch nicht davon infrage gestellt, dass ihr Methodenarsenal nicht für die Ewigkeit in Stein gemeißelt ist, sie würde nur infrage gestellt, wenn es ein überlegenes Verfahren zur Identifikation wirksamer Heilverfahren gäbe.

    3. Kann es Behandlungsverfahren geben, die nicht von Ärzten ausgeübt werden müssen, sondern z.B. von Heilpraktikern?

    Diese Frage würde ich mit ja beantworten, schon aus empirischen Gründen.

    Es gibt ja viele Bereiche, in denen Nichtärzte Heilbehandlungen durchführen, von der Psychotherapie bis zur Physiotherapie. Warum sollte man also diese Möglichkeit in Bezug auf Heilpraktiker grundsätzlich verneinen?

    Ceterum censeo: Das bedeutet allerdings nicht, dass damit auch unwissenschaftliche Heilmethoden zu akzeptieren sind.

  8. 8 Bernd Harder 22. Juni 2015 um 15:27

    @Joseph Kuhn:

    << Es gibt ja viele Bereiche, in denen Nichtärzte Heilbehandlungen durchführen, von der Psychotherapie bis zur Physiotherapie. Warum sollte man also diese Möglichkeit in Bezug auf Heilpraktiker grundsätzlich verneinen? <<

    Ich lehne mich zurück und warte gespannt auf den – zu Recht – empörten Aufschrei unserer Physiotherapeuten, die eine lange und anspruchsvolle Ausbildung absolvieren müssen, bevor man sie auf Patienten loslässt.

    Ein “Heilpraktiker” darf im Prinzip sogar operieren, ohne jemals auch nur einen Patienten gesehen zu haben.

  9. 9 Dr. Hans-Werner Bertelsen 22. Juni 2015 um 15:37

    Im Zuge der EU-Harmonisierung sollte schon vor 10 Jahren die Heilpraktikerausbildung in Deutschland gestoppt werden. Mein Nachbar Carsten Vilmar, ehemals BKV-Vorsitzender, sagte mir kürzlich lachend: “Die Heilpraktiker kriegen Sie in Deutschland nicht weg, weil da alle Politiker hinrennen und die alle privat versichert sind.”

    Wer schreibt etwas zur überfälligen EU-Harmonisierung?

  10. 10 Joseph Kuhn 22. Juni 2015 um 17:15

    @ Bernd Harder:

    Es wird keinen Aufschrei der Physiotherapeuten geben, weil hier vermutlich kaum welche mitlesen ;-)

    Beim Thema “Qualifikation” wäre zu fragen, ob es grundsätzlich keine legitimen Anwendungsfelder für eine “Laienheilkunde” gibt, auch nicht für Kneippanwendungen oder die Empfehlung eines Tees bei Blähungen.

    Kommt man zu diesem Ergebnis, gibt es auch keinen Platz für Heilpraktiker. Dazu müsste man sich aber einmal im Detail ansehen, was Heilpraktiker alles im Portfolio haben bzw. haben könnten. Und wie gesagt, es geht bei diesem Punkt nicht darum, ihnen einen Freibrief für offenkundig unwissenschaftliche Methoden zu geben, siehe oben.

    Das sind zwei verschiedene Problemebenen.

    Das gleiche gilt für Verfahren, für die sie offenkundig nicht qualifiziert sind, z.B. Operationen. Wobei das in der Praxis hoffentlich seine Grenzen schon darin findet, dass ein Heilpraktiker nicht (mit Betäubungsmitteln) anästhesieren darf.

  11. 11 Bernd Harder 22. Juni 2015 um 17:18

    @Joseph Kuhn:

    << Es wird keinen Aufschrei der Physiotherapeuten geben, weil hier vermutlich kaum welche mitlesen ;-) <<

    Doch, einer bestimmt …

  12. 12 Joseph Kuhn 22. Juni 2015 um 18:29

    “Doch, einer bestimmt …”

    Na dann: Showdown bei Sonnenuntergang, hinter dem Galgenbaum.

  13. 13 diabetiker 22. Juni 2015 um 19:25

    @j.kuhn,

    nein es kann keine heilmethode geben, die neben der wirklichen medizin durch hps ausgeübt werden kann — grund: Hps haben von medizin null ahnung, und fatalerweise müssen sie das auch garnicht haben.(in d) und genau da liegt der knackpunkt , es sind laien ohne praxis ohne jegliches wissen von medizin.

    die bezeichnung “heilpraktiker” ist also definitiv völlig falsch und suggeriert daß da jemand irgendwas an praktischer erfahrung hat, die einzige erfahrung ist das abzocken von dummen, mit sinnlosem kram.

  14. 14 gnaddrig 22. Juni 2015 um 21:08

    @ diabetiker: Klar, die Bezeichnung Heilpraktiker ist verfehlt, und da es keinen Ausbildungsstandard gibt und man keinerlei medizinische Qualifikation braucht, um den Heilpraktikerschein zu kriegen, ist ein Treppenwitz. Aber grundsätzlich ist die Frage nicht so dumm, ob es Raum für einen medizinischen Beruf gibt, der von den fachlichen Anforderungen und darum auch von der Ausbildung her deutlich unterhalb der Ärzte angesiedelt ist. Das könnte in Richtung Pflege gehen, Physiotherapie wurde genannt, die ja auch gewisse Überlappungen mit dem Medizinischen hat, Rettungsassistenten sind dort unterwegs.

    Also, jemanden, der Umschläge machen und unkritische Allerweltswewehchen behandeln kann, könnte schon seinen Platz haben. Das setzt natürlich eine sinnvolle Ausbildung voraus, in deren Folge die Leute wissen, wo ihre Grenzen sind und wo sie erkennen, wann sie den Arzt hinzuziehen müssen.

    Keine Ahnung, ob das machbar oder sinnvoll ist, aber überlegenswert finde ich es schon. Und wenn es nur dazu dient, das unsägliche Heilpraktikerwesen der Gegenwart abzuschaffen und durch einigermaßen qualifizierte Leute zu ersetzen…

  15. 15 rectus 22. Juni 2015 um 22:07

    @J. Kuhn,
    ” Es wird keinen Aufschrei der Physiotherapeuten geben, weil hier vermutlich kaum welche mitlesen ;-)”

    SCHREI!!!

    Und ich werde das den anderen melden! Jedenfalls denen, die einen Vergleich mit Heilpraktikern u.a. wegen der massiven Unterschiede in der “Ausbildungstiefe” als ehrabschneidend empfinden:-)

    Übrigens gibt es in meiner Branche ähnliche Lagerkämpfe, Fraktionen und Fraternisierungen wie unter Medizinern hinsichtlich alternativmedizinischer Methoden.

    Wobei letztere wenigstens gefühlt nach und nach Oberhand gewinnen, m.E. auch, weil GKVen physiotherapienahe Voodoomethoden durch Erstattung adeln, weiterhin werden immer öfter auch für Mumpitzmethoden Fortbildungspunkte vergeben

    Genug abgeschweift, ich erwarte Satisfikation!

  16. 16 Christian Becker 23. Juni 2015 um 06:44

    Ich weiß ja nicht, ob HPs – allein aufgrund ihres HPseins – keine medizinische Ahnung haben.

    Auch wenn für die Ausbildung angeblich keine gefordert wird, hält das ja niemanden davon ab, sich selbst zu bilden. Es soll ja z.B. Apotheker(innen) geben, die machen noch eine HP-Ausbildung; die müssten dann ja zumindest die Ahnung haben, die man im Pharmaziestudium erwirbt.

    In wiefern man mal so eben HP werden kann, weiß ich auch nicht. Die HPs selbst verweisen ja immer darauf, dass die Prüfung so schwierig sei (und viele Ärzte sie nicht bestehen würden).

    Andere wiederum sagen, dass man die aus dem Stand schaffen kann (eine Diskussion dazu gab es mal auf Norbert Austs Seite), ohne sich groß vorzubereiten. Ich weiß nicht, ob diese Tests, die man da machen kann, das gleiche Niveau haben, wie die HP-Prüfung an sich.

    Dass es aber so viele Humbug-HPs gibt, mag daran liegen, dass es eigentlich keinen Bedarf für evidenzbasierte HPs gibt – denn EBM gibt es auch beim Arzt und man muss sich um die Erstattungsfähigkeit nicht sorgen. Also liegt es Nahe, dass sehr viele HPs sich auf alternative Methoden verlegen.

    Wie dem auch sei, ich will hier nicht alternativ praktizierenden HPs das Wort reden. Ich denke nur, dass man mit Pauschalisierungen wie “Heilpraktiker haben alle keine medizinische Ahnung.” nicht gut ankommt (z.B. auch nicht bei denen, die man davon überzeugen will, dass diese alternativen Behandlungen Humbug sind).

    Daneben sollte man auch nicht vergessen, dass es doch recht viele Ärzte gibt, die fragwürdige Methoden anbieten. Ein besonders – meiner Meinung nach – abschreckendes Beispiel findet man, wenn man die Suchmaschine des Vertrauens mal nach MFBIT suchen lässt.

  17. 17 Dr. Hans-Werner Bertelsen 23. Juni 2015 um 07:59
  18. 18 Dr. Hans-Werner Bertelsen 23. Juni 2015 um 08:12

    @Bernd

    GEO S. 123: “Unter den unbeschnittenen Männern der Kontrollgruppe stellte Auvert 49 Fälle von HIV fest, hingegen nur 20 unter den Beschnittenen. Daraus leitete der Franzose jenes um bis zu 60 Prozent reduzierte HIV-Infektionsrisiko ab, das bald zum Mantra der WHO-Kampagne in Afrika werden sollte. (…) Kondome bieten doch einen viel höheren Schutz! Bis zu 95 Prozent! Die Männer lachen. Kondome beim Vaginalverkehr zu benutzen, sei, wie eine Süßigkeit in ihrer Plasitkverpackung zu essen: You can´t taste the sweet!”

    “Alles völliger Unsinn”, sagt Wolfgang Bühmann (Sprecher des Berufsverbands der Deutschen Urologen), und bezeichnet die Maßnahmen als “nicht nur sinnlos, sondern potenziell tödlich”.

  19. 19 klauszwingenberger 23. Juni 2015 um 08:26

    Falls noch zu wenige Physiotherapeten den Drang nach einem Aufschrei verspüren sollten:

    Gerade in dieser Berufsgruppe breitet sich der Komplementarismus doch epidemisch aus. Zeige mir eine(n) ohne Zusatz(schein)qualifikation in cranio-sakralen, osteopathischen oder chiropraktischen Handreichungen und Abreibungen, oder gleich mit dem “Heilpraktiker” auf dem Klingelschild – und ich gäbe ihm/ihr gerne meine schmerzenden Glieder hin.

    @ rectus: melde auch das bitte den anderen, dass ich darüber not amused bin.

    Und ceterum censeo: ich habe nichts gegen Komplementärmedizin, so lange sie sich nur um die Komplementärkranken kümmert.

  20. 20 Bernd Harder 23. Juni 2015 um 09:14

    @Christian Becker:

    Wir haben hier schon mal mit einer HP diskutiert, die uns ihre fabelhafte “medizinische Ausbildung” und entsprechende Kenntnisse vorführen wollte.

    Das Ganze erreichte nach kürzester Zeit Comedy-Niveau:

    http://blog.gwup.net/2012/11/13/heilpraktiker-noch-zeitgemas/

  21. 21 Bernd Harder 23. Juni 2015 um 09:30

    @klauszwingenberger:

    << Gerade in dieser Berufsgruppe breitet sich der Komplementarismus doch epidemisch aus. <<

    Da mag schon was dran sein, hat rectus in seinem Kommentar aber auch angerissen.

    << Zeige mir eine(n) ohne Zusatz(schein)qualifikation <<

    Ja – aber es ging erst einmal um die Frage der “Grundqualifikation” von HP vs. Physiotherapeuten, nicht um das Draufsatteln.

  22. 22 Joseph Kuhn 23. Juni 2015 um 18:59

    @ rectus:

    “Genug abgeschweift, ich erwarte Satisfikation!”

    Welche Waffen? Globuli oder Skalarwellen?

  23. 23 Ralf 23. Juni 2015 um 21:53

    @Christian Becker:
    Heilpraktiker-Prüfung ist ein “Witz”…ja klar, man muß etwas rechnereien; die Fragen sind aber – gewollt? – nicht sehr kompliziert.

    Beispiel gefällig?: http://likamundi.de/pruefungsfragen/heilpraktiker-pruefungen.html

  24. 24 Ralf 23. Juni 2015 um 22:57

    So, gerade mal – ernsthaft – eine Heilpraktiker-Prüfung gemacht, ohne Hilfe, das Ergebnis:

    Du hast alle 60 Fragen abgearbeitet. Hier Dein Ergebnis.

    Testname HP0510
    Fragenanzahl 60
    Zeit 58:33
    richtige Antworten 28 (47%)
    falsche Antworten 32 (53%)

    Ergebnis Ohje, durchgefallen. Ein bisschen Lerneinsatz und dann wird das schon klappen!

    Hier muß man anmerken, daß ich über keine medizinische Ausbildung verfüge, außer meinen “eignen Erkrankungen”, die ich auch richtig beantworten konnte ;-)

  25. 25 Bernd Harder 23. Juni 2015 um 23:57

    @Ralf:

    << richtige Antworten 28 (47%)
    falsche Antworten 32 (53%) <<

    Also in etwa ein Münzwurf-Ergebnis.

  26. 26 Joseph Kuhn 24. Juni 2015 um 06:16

    @ Bernd Harder:

    “Also in etwa ein Münzwurf-Ergebnis.”

    Ähem. “Ralf” war besser, sein Link führt zu einem Multiple Choice Test.

  27. 27 Dr. Hans-Werner Bertelsen 25. Juni 2015 um 08:24

    @trixi

    Da sehe ich enorme Chancen für das BIP. Man sollte das Schnippeln sofort in den Leistungskatalog der Heilpraktiker aufnehmen – flächendeckend kann die Urologie das sowieso nicht wuppen. Begleitend durch PR: “Schnippschnapp-Rabutium – Futsch ist das Präputium!” RTL 2 könnte Erfahrungsberichte senden. Das brächte Steuereinnahmen, z.B. für Entwicklungshilfe o.ä.

  28. 28 Ralf 27. Juni 2015 um 19:37

    @Bernd Harder
    Nein, es liegt doch um einiges oberhalb eines Münzwurfergebnisses…
    Der Test war sogar relativ anspruchsvoll, deshalb bin ich schon etwas “stolz”…aber hier sieht man wieder, daß auch medizinisch interessierte Laien es schaffen können.
    Wenn ich noch einige Tests machen würde und dann mich noch etwas “‘reinknien” würde, dann würde ich den Test bestehen.
    Was kostet es eigentlich so einen Schein zu machen? – Vielleicht versuche ich es einmal ;-)


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