Buch: Wie Esoterik die Köpfe leert und die Kassen füllt

Eine interessante Buchneuerscheinung ist für diesen Monat angekündigt:

New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt”

Aus dem Verlagstext:

Allein in Deutschland setzt die Esoterikindustrie geschätzte 20 bis 25 Milliarden Euro pro Jahr um. Räucherstäbchen und Alternativ-Chic waren gestern die Branche ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und bedient sich professioneller Geschäftsmodelle und moderner Marketingstrategien, um potenzielle Kunden anzusprechen.

Ob Engelsfestivals, Energiekristalle oder esoterische Selbstfindungsseminare: Der Psychologe und Esoterikexperte Johannes Fischler fühlt der Marketingdramaturgie kritisch auf den Zahn und macht so die Mechanismen der Szene transparent.

Anschauliche Vergleiche mit der bunten Markenwelt internationaler Konzerne, spannende Undercover-Recherchen und erschütternde Berichte von Aussteigern und Betroffenen verdeutlichen die Schattenseiten einer boomenden Industrie, für deren Verlockungen wir anfälliger sind als wir denken.

Mit einem Vorwort von Univ.-Prof. Dr. Heinz Oberhummer, theoretischer Physiker und Mitglied der bekannten Science Busters.”

Schon im vergangenen Jahr gab der Autor Johannes Fischler dazu dem Standard ein Interview:

Die Esoterik will die Probleme der Welt mit Engelssprays lösen”

 Ein Auszug:

Wenn ich in einem abstürzenden Flugzeug sitze, habe ich zu negativ gedacht?

Fischler: Im esoterischen Weltbild natürlich. Aber vielleicht war es auch Ihr schlechtes Karma, wer weiß? In der Psychologie wird das “Blaming the Victim” genannt. Es ist die Argumentation, mit der auch Vergewaltigungsopfer beschuldigt werden, sich zu aufreizend angezogen zu haben.”

Wenn trotz Fehlens eines Wirkstoffes eine positive Veränderung herbeigeführt werden kann, kann das keinen Nachteil haben. Oder ist dieser Zugang zu naiv?

Auf den ersten Blick ist am Placebo-Effekt nichts Schlechtes.

Wenn aber jemand glaubt, irgendwelche Energien hätten gegen ein Leiden geholfen, dann kann es schnell passieren, dass man sich das fatale Weltbild dahinter einkauft. Viele werden abhängig von Quantenfeldern und Geistenergien, verlieren die Eigenkontrolle und entwickeln eine Art “energetische Paranoia”. Sie sehen dann nicht mehr, dass sie die positive Veränderung durch die eigene Suggestion herbeigeführt haben.

Den Esoterik-Grundsatz “Wer heilt, hat recht” halte ich für mindestens sehr hinterfragenswürdig.”

Das Heil, die Heilung ist ein zentraler Punkt der Esoterik. Es scheint mir eine pessimistische Herangehensweise: Leid muss gelindert, Übel abgewendet, Einsamkeit oder Armut überwunden werden. Gibt es auch Esoterik mit positiven Vorzeichen?

Ich habe bisher alle Esoterik defizitorientiert wahrgenommen. Sie verkauft immer diesen Mangel, die ewige Sehnsucht nach der Glückseligkeit. “Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück”, heißt es schon bei Schubert.

Durch dieses Streben, ohne ankommen zu können, begeben sich viele in eine Unfreiheit.”

Parallel dazu gibt’s heute bei Spiegel-Online einen Beitrag über eine neue Konsum-Theorie, die auch mit dazu beitragen könnte, den massenhaften Konsum von esoterischen Waren und Dienstleistungen besser zu verstehen.

Und auch ein Korrespondent vom Humanistischen Pressedienst hat in Wien eine Esoterikmesse besucht und berichtet hier darüber.

Zum Weiterlesen:

  • “Die Esoterik will die Probleme der Welt mit Engelssprays lösen”, derStandard.at am 24. April 2012
  • Johannes Fischler: New Cage: Esoterik 2.0. – Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt. Molden-Verlag, Wien 2013
  • Neue Konsum-Theorie: Mein Duschgel ist asozial, Spiegel-Online am 15. April 2013
  • Die sich selbst belügen, hpd-online am 15. April 2013

6 Kommentare zu “Buch: Wie Esoterik die Köpfe leert und die Kassen füllt”


  1. 1 Pierre Castell 15. April 2013 um 15:51

    “Allein in Deutschland setzt die Esoterikindustrie geschätzte 20 bis 25 Milliarden Euro pro Jahr um.”

    Niemals hätte ich gedacht, dass die Umsätze SO hoch sind. Das nimmt ja gemeingefährliche Ausmaße an…

  2. 2 Markus Selter 15. April 2013 um 16:42

    “… neue Konsum-Theorie …”

    Habe ich das richtig verstanden? Auf der einen Seite die Konsumtrottel, auf der anderen der Kulturmensch der mittels Kulturtechnik korrekt konsumiert?

    “… Allein in Deutschland setzt die Esoterikindustrie geschätzte 20 bis 25 Milliarden Euro pro Jahr um. …”

    Ist diese Zahl belastbar? Gibt es eine Untersuchung? Bin da skeptisch, da die Zahl sagt, dass pro Bundesbürger (Baby bis Greis) 300 Euro für den esoterischen Bereich ausgegeben wird.

  3. 3 Randifan 15. April 2013 um 18:19

    Die Esoterikbranche sind im Vergleich mit den organisierten Kirchen reine Amateure. Sie kopieren derren Vermarktungsstrategie mehr oder weniger geschickt. Die können mit den Wallfahrten und den Reliquien der katholischen Kirche kaum etwas entgegensetzen, was annäherend so viele Menschen begeistern könnte.

  4. 4 Ralf 15. April 2013 um 22:42

    Als ehemaliger “Star-Trek-Hardcore”-Fan, erinnere ich mich an eine Folge, in der Außerirdische am Ende ihrer Zivilisation angekommen waren, da sie abhängig waren von einem Computer, der alles für sie regelte…aber es war auch keiner mehr da, der wußte, wie man den Computer repariert…

    Wenn ein Großteil der Gesellschaft wissenschaftliche Denkmodele ablehnt und diese durch “Esoterik” ersetzt, dann erreichen wir auch irgendwann den Punkt, daß wir unsere technischen Grundlagen nicht mehr verstehen.

    Leider leben wir nicht in einem rosa Märchenland, wo man Probleme mit einem “Engelsspray” lösen kann; sondern wir müßen täglich an unserem Fortschritt arbeiten und “Esoterik” ist ein eindeutiger Rückschritt.

    Auf die nachfolgenden Generationen werden Probleme zukommen, die nicht durch ein “Engelsspray” gelöst werden können…die Menschen in den westlichen Ländern werden immer älter…und die jüngere Generation immer weniger…es werden Krankheiten, wie Diabetes, koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall und Demenz zunehmen, alles Krankheiten, die teilweise einen erheblichen Pflegeaufwand erfordern…

    Wer soll das leisten? Haben darauf “Esoteriker” eine Antwort?

  5. 5 jilt 16. April 2013 um 08:42

    Das mit der Defizit-Orientierung von Esoterik finde ich einen spannenden Aspekt. Ist mir nie so bewusst aufgefallen, aber es stimmt voll und ganz. Interessant Perspektive und wieder ein gutes Argument gegen diese Heilsversprechen.

  6. 6 Bernd 30. April 2013 um 15:07

    Seit die Zeit der Jugendreligionen / Sekten / destruktive Kulte fast vorbei ist, nimmt der vielfältige “Esoterikglauben” zu, wie mehrere Sektenberater beobachten.

    http://www.agpf.de/Esoterik-Sekten.htm

    http://sekten-info-nrw.de/index.php?option=com_content&task=view&id=79&Itemid=46

    http://www.ekd.de/ezw/Publikationen_2743.php

    http://www.sekten.ch/ex-site/texte/stamm.htm

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