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„The storm that never arrives“: QAnon funktioniert auch ohne Q und trotz der Midterms-Schlappe und Trumps Ankündigung

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Wie schon kurz vor dem Abtreibungsurteil des Supreme Court im Juni tauchten auch um die Midterm Elections am 8. November herum nach längerer Zeit wieder Q-Drops im Netz auf:

Immerhin wollten Dutzende Kandidaten, die sich offen zur QAnon-Verschwörungsideologie bekennen, in den Kongress gewählt werden. Daneben ging es um weitere hochrangige Staatsämter, wie Gouverneurs- und Secretary of State-Posten.

Mehr noch: Die Zwischenwahlen sollten zum Vorboten des „Sturms“ geraten, der mit gewaltigem Getöse die Wahrheit über die „Deep State“-Verschwörung aufdeckt und die Pädophilenringe und Kinder-Folterer hinwegfegt.

Allerdings hatte Ron Watkins, der im Verdacht steht, hinter „Q“ und den Q-Drops zu stecken, seine Kongress-Kandidatur in Arizona bereits im Oktober beendet. Und auch die übrigen „QAnon supporters and candidates“ konnten am 8. November kaum reüssieren:

In the end, the midterms were less a Storm and more of a light breeze. QAnon lost the Midterms,

schreibt Vice.

Die Medienwebseite CNET berichtet:

Most of the QAnon candidates who were on the Republican ticket lost their races in the midterm elections.

„Die meisten“ – aber eben nicht alle.

Die verschwörungsgläubige Abgeordnete Marjorie Taylor Greene wurde in Georgia ebenso wiedergewählt

… wie die Waffennärrin und QAnon-Sympathisantin Lauren Boebert in Colorado.

In Ohio gewann der Risikoinvestor und Autor James David „J. D.“ Vance, der „auf seinem Twitter-Account zumindest andeutungsweise Verschwörungsmythen der QAnon-Sekte legitimiert“ (Süddeutsche).

Auch dem wiedergewählten Gouverneur von Florida und potenziellen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron DeSantis werden Verbindungen zu QAnon nachgesagt.

Der QAnon-Experte Mike Rothschild erklärt denn auch gegenüber Newsweek, dass die kruden Vorstellungen dieser Bewegung mittlerweile „part of the Republican mainstream“ seien:

Die Ideen hinter „Q“ spiegeln die mehrheitliche Einstellung der Republikaner wieder und sind weithin akzeptiert, auch wenn sie die Wählerbasis nicht so entflammen, wie wir vielleicht dachten.

Zum Beispiel behauptet eine Mehrheit der republikanischen Kandidaten (291 laut Washington Post), dass die letzte Wahl von den Demokraten gestohlen worden sei. Viele von diesen „Election Deniers“ konnten nun Sitze bei den Zwischenwahlen erobern. Andere zweifeln ihre Wahlniederlage öffentlich an, wie etwa die glühende Trump-Anhängerin Kari Lake in Arizona, die bei Twitter von Betrug raunt.

Ähnlich wie Rothschild äußern sich die Kommentatoren von daily dot („The conspiracy theory’s central claims are now central to Republican politics“), New York Times („QAnon Candidates Aren’t Thriving, but Some of Their Ideas Are“) und Vice:

Daneben weisen die Journalisten darauf hin, dass die Q-Drops praktisch keine Wirkung mehr entfalten und von der QAnon-Verschwörungsgemeinschaft weitgehend ignoriert würden. Mit dazu beigetragen hat wohl auch das lange Schweigen „Qs“ vom 8. Dezember 2020 bis zum 24. Juni 2022.

Aber auch das ist nicht unbedingt positiv zu deuten.

Anscheinend bräuchten die Anhänger keine kryptischen Rätselverse mehr, um sich an ihnen zu berauschen. QAnon sei zu einer verselbstständigten Bewegung geworden, getragen von einer wachsenden Anzahl treuer Gläubiger sowie einer Gruppe von Influencern, die davon profitiert, die Verschwörungserzählung am Leben zu erhalten – und nicht zuletzt von einflussreichen Persönlichkeiten der repubikanischen Partei, allen voran Donald Trump:

To say it simply: QAnon has grown beyond needing Q […] It’s obvious that while the QAnon movement has irreversibly impacted American politics, the Q poster themselves has lost impact.

Derzeit sind die QAnons indes nicht gut auf Trump zu sprechen.

Für den 15. November hatte der Ex-Präsident ein wichtiges Ereignis angekündigt und damit hohe Erwartungen geschürt. Als er dann bloß seine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft der USA erklärte, kam das in der QAnon-Szene „gar nicht gut an“, schreibt Josef Holnburger vom CeMAS:

Große Enttäuschung bei vielen Kanälen. Eine größere Enttäuschung als bei den vielen anderen fehlgeschlagenen Prognosen.

Denn: Eine Kandidatur Trumps für 2024 gilt als Eingeständnis seiner Wahlniederlage 2020.

US-Medien geben zum Beispiel diese Kommentare von QAnon-Fans wieder:

Trump pissed off a LOT of people tonight. Never thought my loyalty would be challenged by the Dems, but Instead from Trump himself.

We will NOT wait until 2024. Trump conceded tonight. It’s over. Trump being „one of them“ seems much more plausible now.

Wie geht es nun weiter?

Es gibt Anzeichen dafür, dass einige QAnon-Influencer (die erkannt haben, dass sie ohne „Q“ und dessen Nachrichten viel mehr Macht haben) versuchen, den Streit und Ärger über Trump zu unterdrücken:

Von ihnen hänge jetzt im Wesentlichen die weitere Dynamik der Bewegung ab, vermutet der Business Insider:

It’s all very much in flux without Q to guide the movement.

Entscheidend sei die Frage, wie lange die QAnon-Anhänger noch auf den „Sturm“ warten werden, der nie kommt.

Zum Weiterlesen:

  • Missing Link: QAnon – Verschwörungstheoretiker, Extremisten, Politiker, heise am 13. November 2022
  • QAnon Lost the Midterms, vice am 14. November 2022
  • Some QAnon believers are enraged by Trump’s 2024 announcement and have started ignoring ‚Q drops.‘ But experts say the movement is as fervent as ever, business-insider am 20. November 2022
  • False QAnon Conspiracies in Politics: Q Candidates Lose Big in Midterms, cnet am 14. November 2022
  • QAnon ‚Not Going Away Anytime Soon‘ Despite Poor Midterms Performance, newsweek am 16. November 2022
  • Almost all of the GOP’s QAnon-touting candidates lost their elections, dailydot am 9. November 2022
  • QAnon Candidates Aren’t Thriving, but Some of Their Ideas Are, New York Times am 25. Juli 2022
  • Q Is Dead, Long Live QAnon, vice am 15. November 2022
  • In election 2022, the party of Trump pays for being the party of Trump, Washington Post am 12. November 2022
  • Full List of Trump-Backed Candidates Who Lost Their Elections, newsweek am 9. November 2022
  • QAnon is furious that Trump has announced a presidential bid for 2024, indy100.com am 17. November 2022
  • Verschwörungstheoretiker sind enttäuscht über Trumps Ankündigung, BR am 16. November 2022
  • Understanding QAnon’s Connection to American Politics, Religion, and Media Consumption, prri.org am 27. Mai 2021
  • BBC-Podcast: The Coming Storm
  • „QAnon“ bei ADL
  • „QAnon“ bei Media Matters
  • „Q“ ist wieder da: Was bedeuten die neuen Botschaften des angeblichen Regierungsinsiders? GWUP-Blog am 26. Juni 2022
  • Ist „QAnon“ identifiziert? (Er ist jedenfalls kein hochrangiges Mitglied der Trump-Regierung), GWUP-Blog am 13. September 2020
  • Video: Hey Wolfi über die „Schwurblerkönigin bei TikTok“ aka malice in wQnderland, GWUP-Blog am 18. November 2022

10 Kommentare

  1. „Nächster Elon Musk-Doppelfail: Das Drama um Trumps Account“:

    https://www.volksverpetzer.de/aktuelles/elon-musk-doppelfail-drama-trump/

  2. Fazit:

    Wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung von God’s own Country in ein konspiratives Paralleluniversum verabschiedet, dann ist das Anlass zu größter Sorge. Das ist mehr als eine „Vertrauenskrise in das Establishment“, der Claim, mit dem damals Trump seinen ersten Wahlkampf begann.

    Wenn man sieht, dass heute die Gegenden, die Trump damals versprach wieder zu so einer Art „blühenden Landschaften“ zu machen, heute nicht besser dastehen als damals und gleichwohl verlässlicher Nährboden für Trump und Co sind, dann wird klar, dass es sich um eine grundsätzliche Abkehr von der Ratio handelt, einem kompletten Nachgeben gegenüber Bauchgefühl und Emotion.

    Und hierzulande? Nun, die sozioökonomischen Verhältnisse, die sind glücklicherweise hier nicht so wie im Coal Belt. Aber angekommen ist die Tendenz, staatliche Strukturen nur noch unter dem Verschwörerblick zu betrachten, längst auch hier.

    Wer wüsste das besser als Skeptiker …

    Höchste Aufmerksamkeit und poltisch-gesellschaftliche Klugheit sind vonnöten. Glücklicherweise haben wir derzeit jedenfalls keinen Kristallisationspunkt, wie ihn Trump irrwitzigerweise in den USA darstellt.

  3. „Von diesen Verschwörungstheorien sind die Amerikaner geradezu besessen“:

    https://de.starsinsider.com/lifestyle/441864/von-diesen-verschwoerungstheorien-sind-die-amerikaner-geradezu-besessen

  4. „USA: Trumps Comeback – Zerreißprobe für die Republikaner | auslandsjournal“

    https://www.youtube.com/watch?v=AK8ns3ygrnw

  5. „Trump, Kinderblut und der Deep State: Die QAnon-Verschwörung“:

    https://www.youtube.com/watch?v=hcp-AAbQCpk

  6. „Entscheidend sei die Frage, wie lange die QAnon-Anhänger noch auf den „Sturm“ warten werden, der nie kommt.“

    Wenn man sich andere Sekten (und nichts anderes ist QAnon) anschaut: wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit.

  7. Zeit-Online:

    ZEIT ONLINE: Okay, reden wir also nicht vom Heilen. Aber Sie haben Ihr Buch ja selbst Wie Demokratien sterben genannt, also auch eine Gesundheitsmetapher. Was würden Sie also der US-Demokratie nach dieser Wahl in die Patientenakte schreiben?

    Ziblatt: Dass sie krank ist, aber ihr Abwehrsystem auf Hochtouren läuft. Es gibt so viele demokratische Aktivisten, so viele Bürgerinnen und Bürger sind längst mobilisiert für den Kampf um die Demokratie. Die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner wollen die Demokratie verteidigen. Aber institutionell, in ihren Organen, ist die US-Demokratie geschwächt. Was wir also sehen, ist ein Fieber. Ja, das ist vielleicht das richtige Bild: Manchmal ist die Temperatur niedrig und alles scheint unter Kontrolle. Und manchmal, wie jetzt bei den Midterms, steigt das Fieber schlagartig an. Das sieht dann übel aus, aber das Fieber zeigt, dass der Körper gegen die Krankheit kämpft – dass die USA um die Demokratie kämpft.

  8. Und noch einer:

    QAnon and right-wing conspiracies won in Maryland Tuesday night as Dan Cox snagged the GOP nomination for governor.

    https://www.thedailybeast.com/qanon-whack-job-dan-cox-wins-republican-nomination-for-maryland-governor-despite-larry-hogans-opposition

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