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„This is not your show“: Der Verschwörungsideologe Alex Jones muss 50 Millionen an seine Verleumdungsopfer zahlen

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Über verzweifelte Eltern, die sich noch immer „Lügen“-Vorwürfe anhören müssen, weil Verschwörungstheoretiker nicht glauben, dass ihre Kinder wirklich bei einem Schulmassaker getötet worden sind, haben wir schon mehrfach berichtet – etwa hier und hier.

Aufgestachelt wurde dieser „Truther“-Mob maßgeblich von dem Radiomoderator Alex Jones, wie zum Beispiel Leonard Pozner (dessen Sohn Noah beim Amoklauf an der Sandy Hook Elementary Schoool am 14. Dezember 2012 erschossen wurde) schildert.

Mehrfach wurde Jones wegen Diffamierung und Verleumdung verklagt.

2019 etwa errangen sechs Opferfamilien einen juristischen Sieg, aber es kam nie zu einer öffentlichen Verhandlung, weil Jones sich weigerte, die erforderlichen Dokumente vorzulegen und auszusagen. Deshalb verlor er zwar die Fälle per Versäumnisurteil oder unterbrach sie mit Insovenzerklärungen, aber letztendlich ging es dabei nur um seine grundsätzliche Haftbarkeit und die Gerichtskosten.

Als Jones im April 2022 für seine Plattform Infowars Insolvenz anmeldete, geschah dies wohl im Zusammenhang mit einer Reihe von verlorenen Zivilprozessen. Nach eigenen Angaben will Jones in den vergangenen Jahren mehr als zehn Millionen Dollar an Gerichtskosten gezahlt und über 20 Millionen Dollar Schulden haben.

Allerdings strengten Sandy-Hook-Eltern drei weitere Schadenersatzprozesse an, von denen der erste jetzt zu Ende gegangen ist.

Ein Geschworenengericht in Austin/Texas hat Jones zur Zahlung von 4,1 Millionen US-Dollar Schmerzensgeld an die hinterbliebenen Eltern eines Opfers des Sandy-Hook-Schulmassakers verurteilt.

Dazu kommen 45 Millionen US-Dollar Strafschadenersatz.

Dieser Strafschadenersatz dient üblicherweise dazu, andere von solchen Delikten abzuschrecken. Im konkreten Fall soll es damit außerdem Jones unmöglich gemacht werden, sein Desinformations-Business fortzuführen. Im Schlussplädoyer appellierten die Klägeranwälte an die zwölfköpfige Jury:

Wir bitten Sie, eine sehr, sehr einfache Botschaft zu senden, und diese heißt: Alex Jones zu stoppen. Stoppen Sie die Monetarisierung von Fehlinformationen und Lügen. Bitte.

In dem Prozess hatte Alex Jones den Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School nicht mehr als „Hoax“ und „false flag attack“ geleugnet, sondern für „100 percent real“ erklärt.

Nichtsdestotrotz wurde er in einer kuriosen Szene als Lügner überführt.

Der Klägeranwalt Mark Bankston konfrontierte Jones im Kreuzverhör mit Textnachrichten von dessen Handy, die sich sowohl um Sandy Hook als auch um seine finanziellen Verhältnisse drehen und deren Existenz Jones zuvor in Abrede gestellt hatte:

Wie Bankston erklärte, hätten Jones‘ Verteidiger

… vor zwölf Tagen den Fehler gemacht […], mir eine vollständige digitale Kopie Ihres Handys inklusive all Ihrer Nachrichten zu schicken.

Wie es dazu kam, ist unklar. Anscheinend schickten die Anwälte von Alex Jones zwei Tage lang aus Versehen Textnachrichten an die Anwälte der Familien.

Jedenfalls musste die Richterin Maya Guerra Gamble Jones energisch auseinandersetzen, was die Begriffe „Wahrheit“ und „Meineid“ vor Gericht bedeuten:

Auch das könnte für Jones noch ein juristisches Nachspiel haben, der das Urteil für sich zu einem „major victory for truth“ umdeutet.

Im September sollen zwei weitere Prozesse gegen den Verschwörungsideologen stattfinden. Die US-Rechtsexpertin April Stockfleet sagte heute dem SRF:

Man kann in den Medien nicht rücksichtslos und wissentlich Lügen erzählen, ohne dass man dafür verantwortlich gemacht werden kann.

Zum Weiterlesen:

  • A jury finds Infowars conspiracy theorist Alex Jones should pay $45.2 million in punitive damages to the parents of a Sandy Hook shooting victim, cnn am 5. August 2022
  • Vier Millionen Dollar Strafe: Die bizarre Wendung im Prozess gegen Alex Jones, tagesspiegel am 5. August 2022
  • Alex Jones muss mindestens vier Millionen Dollar Schadensersatz zahlen, spiegel am 5. August 2022
  • Von Pizzagate bis Sandy Hook: Die menschlichen Kosten von Verschwörungstheorien, GWUP-Blog am 19. August 2021
  • Sandy Hook: Verschwörungstheoretiker laufen mal wieder Amok, GWUP-Blog am 9. Februar 2013
  • „Ghoulish“: Antwort auf die Sandy-Hook-Verschwörung, GWUP-Blog am 1. März 2013
  • Geistiger Amoklauf der „Truther“, Chemtrails und das Ende von HAARP, GWUP-Blog am 17. Mai 2014
  • Neu bei Hoaxilla: Alex Jones, der „shock jock“ des Internets, GWUP-Blog am 2. September 2018

5 Kommentare

  1. Es ist halt die Frage, wieviel davon, wenn überhaupt, seine Opfer nach seinen präventiven „Insolvenzen“ sehen werden. Es ist nicht sonderlich abwegig anzunehmen, dass er einen Großteil seines Vermögens gut versteckt hat.

    Und geschäftstüchtig wie er ist (ehemalige Mitarbeiter haben berichtet, dass er an den Mist gar nicht selber glaubt, sondern das Ganze nur zur Monetarisierung veranstaltet), wird er sicher einen Weg finden, weiterzumachen.

    Man kann eigentlich nur hoffen, dass er jetzt wegen Meineids angeklagt wird und im Gefängnis landet.

  2. @RainerO:

    Die Richterin hat ihm zumindest gesagt: „You may not tell this jury that you are bankrupt. That is also not true.“

  3. „Man kann in den Medien nicht rücksichtslos und wissentlich Lügen erzählen, ohne dass man dafür verantwortlich gemacht werden kann.“

    Ja. Toll. Aber nur, wenn die Kläger es schaffen, das Geld für einen Prozess aufzubringen. Man beachte, dass es im angelsächsischen Recht nicht üblich ist, dass der Verlierer die Anwaltskosten der Gegenseite übernimmt. Und sowas wie Prozesskostenhilfe kannste auch vergessen.

    Dazu kommt: Hierzulande wird man quasi automatisch verurteilt, wenn man wilde Behauptungen nicht belegen kann. In den USA muss der Verleumdete explizit nachweisen, dass die Behauptung falsch ist. Weia.

    Insofern: nett, aber ein Tropfen auf den heißen Stein, den zu feiern definitiv nicht angebracht ist.

  4. @Matthias U:

    Grundsätzlich – leider – vollkommen richtig. Aber in ein paar Details wäre doch noch was hinzuzufügen.

    In den USA entsteht ein gewisses Korrektiv zu den gesetzlichen Kostentragungsregeln dadurch, dass viele Anwälte – jedenfalls in lukrativ erscheinenden Fällen – gegen Erfolgshonorar Mandate übernehmen oder dass sich Anwaltskollektive, die gemeinnützig arbeiten, sich der einen oder anderen Sache „pro bono“ annehmen. Das ist natürlich keine Lösung.

    Immer wieder fordern z.B. solche Anwaltskollektive, bestimmte Sachverhalte, die bislang nur zivilrechtlich eingeklagt werden können, qua Gesetz zu „public matters“ zu erklären. In der Berichterstattung zu Jones taucht das auch immer wieder mal auf.

    Und das möchte ich mal sehen, dass ein deutsches Gericht mal eben „automatisch“ pro Wissenschaft in Verfahren über Tatsachenbehauptungen urteilt!

    Wir Skeptiker wissen, welches Risiko wir auch bei wissenschaftlich eindeutigen Dingen eingehen, kommt es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Erich Eder von der GKD musste in Österreich gegen Grander durch alle Instanzen klagen, bekam letztendlich Recht und blieb trotzdem auf 25.000 Euro Kosten hängen.

    In Auseinandersetzungen über die Homöopathie besteht immer das Risiko, dass die gesetzliche Wirksamkeitsfiktion vom Gericht höher bewertet wird als die wissenschaftliche Faktenlage (mehrfach so geschehen) oder dass sogar die persönlichen Präferenzen des Richters durchschlagen (sog.. Darmstädter HCG-Urteil).

    Wissenschaft und Gerichte – das ist ein besonderes Kapitel, da bewegt man sich schlicht in unerschiedlichen „Wahrheitskategorien“.

    Auf hoher See und vor Gericht ist und bleibt man in Gottes Hand. Notfalls steht Parteien, die über die entsprechenden Mittel verfügen, eben auch das „Totklagen“ durch Verzögerungen und allerlei Gutachten zu Gebote, das hoffentlich bald zumindest etwas unterbunden wird.

    Ohne eigene Ressourcen und Solidarität aus Skeptikerkreisen hilft das deutsche Rechtssystem auch nicht besonders viel weiter.

  5. Schöner Podcast zu Alex Jones, Sandy Hook und dem Prozess:

    https://knowledgefight.libsyn.com/

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