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Die „Querdenker“-Schule

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Am 22. September haben die Behörden eine mutmaßliche „Querdenker“-Schule in dem viereinhalbtausend Seelendorf Schechen im Landkreis Rosenheim (Oberbayern) geschlossen.

Dort waren in einem alten Bauernhof rund 50 Kinder und Jugendliche von einer verbeamteten Pädagogin einer oberbayerischen Grund- und Mittelschule unterrichtet worden, die seit Monaten krankgeschrieben ist.

Dem Bayerischen Rundfunk sagte die Frau, sie sei seit dem ersten Lockdown eine „aus dem System ausgestiegene Lehrerin“. Sie gab an, die Schule werde von einer russischen Stiftung namens „Freiheit braucht Mut“ betrieben. Daher sei der Hof russisches Hoheitsgebiet und unterliege weder den bayerischen Lehrplänen noch den Corona-Maßnahmen.

Nach einer Recherche der Regierung von Oberbayern existiert eine solche Stiftung jedoch nicht. Und selbst wenn, unterläge die Einrichtung dennoch deutschem Recht und würde zwingend eine Genehmigung der Landesregierung benötigen. Der Betreiberin stehen jetzt ein Verfahren wegen einer Ordnungswidrigkeit sowie dienstrechtliche Konsequenzen ins Haus.

Laut Süddeutscher Zeitung hätten den seit Schuljahresbeginn laufenden Unterricht neben Kräuterpädagogen und Schamanen noch weitere Lehrer gestaltet, die „aus dem System“ ausgestiegen seien:

Konsequenzen drohen den allermeisten Eltern und Schülern nicht. Denn nach wie vor steht es Eltern frei, ihre Kinder angesichts verpflichtender Corona-Tests in den Schulen vom Präsenzunterricht abzumelden.

Oder, wie der BR präzisiert:

Bei den Schülerinnen und Schülern [handelt es sich] um sogenannte „Testverweigerer“-Kinder. Das sind Kinder, deren Eltern die vorgeschriebenen Corona-Tests an Schulen ablehnen. Nach derzeitiger Rechtslage müssen diese Kinder deshalb zu Hause bleiben.

Sie müssen zwar in geeigneter Weise von der Schule weiterhin in Distanz unterrichtet werden, allerdings nur, soweit dies der Schule möglich ist. Derzeit bieten aber kaum noch Schulen richtigen Distanzunterricht an.

Offen ist auch die Frage nach der Weltanschauung hinter der mutmaßlichen „Querdenker“-Schule.

Der Sprecher der Regierung von Oberbayern, Wolfgang Rupp, sagte der Augsburger Allgemeinen, einige Schriftstücke gäben Hinweise auf die „Bewegung der Reichsbürger“. Auch in einem „Querdenker“-Kanal bei Telegram werde für das Schulkonzept geworben. Aber die einzige Person, die man greifbar machen könne, sei die selbsternannte Schulleiterin.

Fakt ist, dass der Naidoo-Sangeskumpan und Maßnahmengegner Dave Brych in einem aktuellen Video für das „interessante Modell“ wirbt. In dem 17-minütigen Clip gibt er an, mit „den Verantwortlichen“ persönlichen Kontakt zu haben.

Unter anderem erklärt Brych, die „ABC-Schüler“ hätten schon in den ersten acht Tagen des Unterrichts „alle 26 Buchstaben“ des Alphabets gelernt.

Welt-Online bringt (hinter Bezahlschranke) darüber hinaus noch die rechtsesoterische Anastasia-Bewegung ins Spiel. Dazu würde passen, dass die Schechener „Schulleiterin“ behauptet, sie hätte „Eingebungen von oben“ erhalten, die Bauernhof-Schule zu gründen. Mehr Hinweise auf Anastasia-Verbindungen gibt es indes nicht.

Einige Kommentatoren weisen darauf hin, dass bereits im Sommer eine „Querdenker“-Schule bei Hamburg gegründet werden sollte (der Antrag wurde schließlich zurückgezogen). Wenig später sollte eine gegenstaatliche „School of Bliss“ in Lüneburg entstehen. Seitdem hat sich im Telegram-Kanal der Initiative jedoch praktisch nichts mehr getan.

Natürlich wäre das für „Querdenker“ reizvoll, Kinder und Jugendliche in ihre eigenen Schulen zu ziehen, anstatt sie vor staatlichen Schulen zu belästigen. Aber wenigstens hier scheinen die Behörden aufzupassen.

Zum Weiterlesen:

  • Mutmaßliche Querdenker-Schule im Landkreis Rosenheim geschlossen, BR am 23. September 2021
  • Nach Schließung von „Querdenker“-Schule bei Rosenheim: Regierung gibt neue Details bekannt, merkur am 30. September 2021
  • Betreiberin der „Querdenker“-Schule droht Verfahren, Süddeutsche am 24. September 2021
  • Rätsel um „Querdenker“-Schule, Augsburger Allgemeine am 29. September 2021
  • Wenn „Querdenker“ und Staatsverweigerer ein eigenes Schulsystem planen, Welt+ am 30. September 2021
  • Gründung einer Querdenkerschule: Antrag zurückgezogen, taz am 14. Juni 2021
  • „Bombardiert sie mit Briefen“: Schulen im Fokus der Maskengegner, BR am 16. Dezember 2020
  • Querdenker belästigen & filmen Kinder vor Schule in Darmstadt, volksverpetzer am 21. Oktober 2020
  • Polizei: Querdenker-Szene vermehrt vor Schulen aktiv, Abendzeitung am 23. September 2021
  • „Querdenken“ auf Kinderfang, GWUP-Blog am 20. Dezember 2020
  • Lügen und Hetze im „Corona-Ausschuss“: Im Impfstoff ist „so etwas wie lebendige Kraken“, tagesspiegel am 2. Oktober 2021

3 Kommentare

  1. Das schlimmste, was einem Kind passieren kann, sind dämliche Eltern.

  2. Es wird Zeit, dass auch bei Waldorf-Schulen so genau hingeschaut wird.

    So sehr ich mich über den BREXIT ärgere, den Entzug der Fördergelder für Waldorfschulen in UK finde ich einfach geil.

  3. huch das is ja bei mir ums eck aber das hier in BY so manches im Argen liegt wundert mich seit diesem schönen podcast nimmer,ein bischen memetik, ein bischen (epi) genetik und dann wurde mir klar das sie sich nur unterm stein versteckt hatten…. so lang is ja manches rein evolutionsbiologisch nicht her…

    https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/bayern-zwischen-den-kriegen-von-der-boheme-zu-barbarei/1838201

    ich schäme mich wirklich für meine mitbürger und um so mehr geld sie haben um so mehr spinnen sie grad rum… traurig traurig

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