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Flacherdler und ihre vorgebliche Suche nach „Gegenbeweisen“

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Vice hat sich mit einem Schweizer Flacherdler unterhalten – offenbar der Admin der Facebook-Gruppe „Flat Earth Switzerland“, der von seinen deutschen Kollegen zu dem Interview beglückwunscht wird.

Interessant daran ist, dass dieser „Timothey“ die Forschungserkenntnis bestätigt, nach der Menschen an Verschwörungstheorien glauben, weil sie sich besonders fühlen möchten:

„Mit meiner Wahrheitssuche haben sich auch alle meine Prioritäten geändert. Früher war ich ziellos. Ich habe gearbeitet, Geld verdient, es wieder ausgegeben, habe Rechnungen bezahlt, führte dieses 08/15-Leben. Ich wusste ziemlich genau, wie die nächsten 40 Jahre ausschauen würden.“ Jetzt betreibe er lieber „Wahrheitsforschung“. „Wie alle, die gerne Abenteuer haben.“

Und natürlich bekundet er vollmundig „Offenheit“ für die Wissenschaft und speziell für Fakten, die seine Überzeugung widerlegen.

Vice: Würdest du dir wünschen, dass die Wissenschaft in diesen Bereichen zugänglicher wäre?

Ja klar! Wer es ehrlich meint, zeigt dir, wie du es prüfen kannst und schickt dich auf deinen eigenen Weg. Und wenn du Fragen hast, kannst du zurückkommen und sie stellen.

Vice: Du wünschst dir, dass jemand auf dich zukommt und sagt: „Hey, so habe ich herausgefunden, dass die Erde rund ist. Du kannst das gerne selbst ausprobieren“?

Das wäre genial. Du würdest etwas dabei lernen und hättest Action, das wäre witzig!

Vice: Und du wärst für diesen Diskurs offen?

Ja, im Grunde genommen ist es das Ziel, dass man die Wahrheit herausfindet. Wenn du schon einmal am Glauben gerüttelt hast, dass die Erde rund ist, kann man im schlimmsten Fall auch noch ein zweites Mal daran rütteln. Hauptsache, du findest das heraus, was stimmt.

Und das, lieber Timothey, glauben wir dir nicht.

Erstens gibt es auch in der Schweiz Skeptiker, die sich mit dir austauschen würden. Zweitens warten wir bis heute auf Antworten der Flat Earther auf die Fragen, die die Astrophysikerin Jenny Feige vor zwei Jahren hier im Blog an euch gerichtet hat. Drittens finden sich genau solche Anleitungen zum selbst Ausprobieren zum Beispiel im „Verschwörungsmythen“-Buch von Holm Hümmler (von den ganzen Experimental-Videos bei Youtube gar nicht erst anzufangen).

Und viertens schildert Lee C. McIntyre vom Center for Philosophy and History of Science an der Boston University in Newsweek eine bezeichnende Begegnung mit Flacherdlern bei der Flat Earth International Conference (FEIC) in Denver.

McIntyre versuchte mit einem der Hauptmoderatoren der Konferenz ins Gespräch zu kommen, der mal wieder ein Standard-„Argument“ der Szene präsentierte: nämlich das Foto der Skyline von Chicago, welches 2015 der Fotograf Joshua Nowicki aus einer Entfernung von über 80 Kilometern aufgenommen hat:

Bei einer gekrümmten Erdoberfläche sollte das unmöglich sein, oder?

Allerdings zeigt die Aufnahme nicht wirklich Chicago, sondern eine Luftspiegelung durch atmosphärische Refraktion, genannt „Superior Mirage“:

Willis Tower (früher Sears Tower): Deutlich zu erkennen ist, dass das Verhältnis von Höhe und Breite im rechten Bild stark verzerrt ist. Die grünen und gelben Linien sind jeweils gleich lang. Der blaue Balken im rechten Bild zeigt deutlich die langgezogene Turmspitze an […] Außerdem: Die unteren Teile der Gebäude sind nicht zu sehen, die Luftspiegelung reicht nicht aus, um sie über den Horizont zu heben. Auch dies sollte bei einer flachen Erde nicht auftreten.

Genau erklärt wird das Phänomen auch hier oder hier.

Von McIntyre mit dieser Erklärung konfrontiert, verfiel der prominente Flacherdler immerhin nicht auf die übliche Ausrede, eine Luftspiegelung müsse grundsätzlich auf dem Kopf stehen (was nicht stimmt). Er rechtfertigte sich sogar mit einem eigens durchgeführten Experiment: Er sei auf den Michigansee hinausgefahren und es sei ihm gelungen, eine nahezu identische Aufnahme wie die von Joshua Nowicki anzufertigen – aus 46 Meilen Entfernung. Eigentlich müsste bei etwa 45 Meilen die Skyline Chicagos mitsamt den höchsten Gebäuden vollständig hinter dem Horizont verschwinden.

Daraufhin stellte der Wissenschaftsvermittler McIntyre dem Flat Earther die entscheidenden Fragen: Wenn ihm schon die Lösung mit der Superior Mirage bekannt ist und er diese tatsächlich überprüfen wollte – aus welchem Grund hat er dann nicht an verschiedenen Tagen mit unterschiedlichen Wetterbedingungen Fotos gemacht und diese miteinander verglichen?

So wie auch der Fotograf Joshua Nowicki selbst es den Zweiflern an der Spiegelungs-Erklärung empfiehlt.

Oder dieser Youtuber:

Und vor allem: Warum ist der Flacherdler nur 46 Meilen auf den Michigansee hinausgefahren? Und nicht so weit, bis auch die Fata Morgana wegen der Erdkrümmung aus dem Sichtfeld verschwindet? Das wären etwa 100 Meilen gewesen, rechnete McIntyre aus. Die Antwort des Konspirologen:

He shook his head. „We couldn’t get the captain of the boat to go out that far.“

Also, folgerte McIntyre: Da widmet jemand – ganz ähnlich wie „Timothey“ – sein Leben der Suche nach Beweisen (oder eben auch Gegenbeweisen) für die Flache Erde. Und dann schreckt er knapp 50 Meilen vor dem Ziel davor zurück, weil der Bootsführer keine Lust mehr hat?

Harhar.

Anscheinend ist es doch eher so, dass der Glaube an die Flache Erde „a quasi-religious experience“ ist, wie McIntyre in seinem Neesweek-Artikel schreibt. Und ja – diese Menschen meinen es ernst:

Everyone I spoke to said that they used to believe in the global Earth but one day „woke up“ and realized that there was a worldwide conspiracy of people who had been lying to them.

Und angeblich hat „die absurde Bewegung der Wissenschaftsleugner, die einer tausendfach widerlegten Theorie aus dem Mittelalter anhängt“ (Welt-Online), jetzt auch einen eigenen Fußballverein:

Der Flat Earth FC aus Madrid ist wohl der einzige Verein, der auf eine Ideologie verweist, nicht auf einen Ort.

Wenigstens ist der Ball noch rund.

Zum Weiterlesen:

  • Flat Earthers, and the Rise of Science Denial in America, Newsweek am 14. Mai 2019
  • Wir haben einen Flat Earther gefragt, warum Verschwörungstheorien ihn überzeugen, Vice am 15. Juli 2019
  • Spanischer Klub als Sammelbecken für Verschwörungstheoretiker, Welt-Online am 18. Juli 2019
  • Apsidendrehung: Flacherdler fragen – Skeptiker antworten, GWUP-Blog am 7. Oktober 2017
  • „Flatlander – Das Spiel“ ist da, GWUP-Blog am 25. Juni 2019

11 Kommentare

  1. Theorie aus dem Mittelalter? Hä?

  2. @Mela:

    Ich schätze, man darf von Journalisten nicht allzu viel erwarten.

    Möglicherweise wissen sie es nicht besser – oder aber „Mittelalter“ ist für viele eine Art Synonym für alles „Finstere“ und Überkommene.

  3. Bernd, vielleicht sollte man bei der Chicago-Skyline besser „Brechung“ als „Spiegelung“ sagen.

    In dem oben verlinkten Artikel (https://www.abc57.com/news/skyline-skepticism-the-lake-michigan-mirage) spricht der Photograph Joshua Nowicki ganz richtig von refraction (nicht: reflection/reflexion). Das macht dann auch das Nicht-auf-dem-Kopf-Stehen der Skyline weniger erklärungsbedürftig.

    Der Nutzen des Links auf spektrum.de ist zwiespältig: Abbildung „Luftspiegelung 2“ beschreibt zwar genau unseren obigen Fall, aber der etwas unpräzise Text schaltet dann sofort auf die Erklärung „Totalreflexion“ um, was für diesen Spezialfall einfach nicht stimmt.
    Beste Grüße, Holger

  4. @Holger:

    Ok, danke für die Präzisierung.

  5. Zitat Artikel:

    „Kann man Menschen – und dazu gehöre auch ich – vorwerfen, dass sie wissenschaftliche Analphabeten sind? Oder wäre es nicht auch Aufgabe der Wissenschaft, die Kluft des Unwissens zu überbrücken und Informationen für alle verständlich aufzubereiten? Gäbe es weniger Verschwörungstheoretiker, wenn Wissenschaftlerinnen nicht in ihrem Elfenbeinturm sitzen würden und auf die Welt hinabblickten, sondern wenn sie sich mehr Mühe gäben, eine Sprache zu sprechen, die alle verstehen?“

    Das ist auch größtenteils auch meine Meinung (und das dürften auch die meisten Skeptiker unterschreiben)…

    … aber die Verschwörungstheoretiker dürfen nicht erwarten, daß die Wissenschaft sich bei jeder Erkenntnis oder Theorie darum Gedanken macht, wie man das Allen beibringt.

    Wissenschaft hat leider das „Geschmäckle“ kompliziert zu sein. Man kann vieles „herunterbrechen“, aber nicht alles und wenn jemand schon an der kugelförmigen Erde scheitert, wie soll dem noch geholfen werden?

  6. @Ralf i.V.:

    Das frage ich mich auch.

  7. @Ralf i.V. und Bernd Harder

    Es ist ja sogar andersrum. Eigentlich werden viele wissenschaftliche Erkenntnisse zum Verständnis von Laien heruntergebrochen, und diese Laien suchen dann irgendwelche Wege ins Unverständnis.

    Siehe den Flacherdler/“Forscher“, der nur bis dahin auf den See fährt, bis wohin seine Theorie nicht gefährdet wird.

    Ein echter Forscher/ Wissenschaftler würde suchen, bis wohin eine Theorie gute Vorhersagen liefert und wo sie versagt und dann versuchen, den Grund dieses Versagens zu finden.

    Das Vorgehen des genannten Flacherdlers erinnert mich an den Mathematiker/Physikerwitz

    Beweise, dass alle ungeraden Zahlen Primzahlen sind:

    Mathematiker: 3, ungerade, Primzahl, 5, ungerade, Primzahl, 7, ungerade, Primzahl, 9 ungerade, keine Primzahl; widerlegt

    Physiker: 3, ungerade, Primzahl, 5, ungerade, Primzahl, 7, ungerade, Primzahl, 9 ungerade, keine Primzahl, Messfehler, 11, ungerade, Primzahl, 13, ungerade, Primzahl. Daraus lässt sich extrapolieren, dass alle ungeraden zahlen prim sind. QED

    Ein echter Physiker würde natürlich eine größere Menge Daten erheben – jemand wie der Flacherdler gar nicht erst bis zur unangenehmen 9 prüfen, oder aber spätestens bei 13 aufhören.

  8. @Christian Becker

    Ja, Wissen muß/wird auf einen einfachen Nenner heruntergebrochen, da man es sonst nicht in Schulen vermittelt werden könnte…

    früher gab es noch die Volksschule, die der heutigen Hauptschule entspricht, die Schüler, die jetzt dort lernen, dürfen sich nur wenige Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhoffen, daß war zu meiner Schulzeit, die 40 Jahre zurückliegt (Grundschulzeit) noch anders, die Hauptschule war die „Brutstätte“ von vielen Facharbeitern im Handwerk, die heute dringend gesucht werden.

    Man kann aber auch nicht mehr die heutige Hauptschule mit der damaligen vergleichen, genauso, wie man das Abitur von heute nicht mehr mit damals vergleichbar ist…es war schon recht peinlich, wie die Abiturienten sich über das schwere Mathe-Abitur beschwerten… ;-)

  9. Der beste Spruch von Dieter Bohlen lautet:
    „Mach mal einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist“

  10. Frage mich, warum solchen Menschen überhaupt ein Forum dieser Art gegeben wird. Wenn, dann sollte man die oben genannten Beweise solchen Typen um die Ohren hauen und zeigen, wie ihr dummes Geschwätz nichts wert ist.

    Macht man hoffentlich nicht bei zB Holocaustleugnern, nicht dass die irgrndwo zum Interview geladen werden.

  11. @ Julius Senegal:

    Das ist nicht genau der Punkt. Man muss da unterscheiden:

    Wer sich darauf einlässt, sich z.B. auf Youtube mit solchen Leuten zu balgen, muss sein Augenmerk gar nicht in erster Linie auf die Video-Autoren legen, sondern auf das Publikum.

    Niemand wird als Flatearther geboren, aber viele erliegen der Verlockung, wenn sie sich in diesen Erleuchtetetnkreisen herumtreiben. Für die muss man eine klare und gut nachvollziehbare Gegenposition aufbauen, vom Optimismus des Wissens geprägt. Dann kann man den einen oder anderen Labilen noch retten.

    An den Propagandisten selbst ist Hopfen und Malz verloren. Wer erst einmal auf die Masche abgefahren ist, die Bibel und den Lieben Gott heranzuziehen, um dummes Zeug wie die flache Erde schönzureden, dem ist nicht mehr zu helfen.

    Wer als professioneller Journalist so eine P-nase interviewt, muss anders rangehen, dann kann es durchaus seine Berechtigung haben. Die Leserschaft der klassischen Medien braucht keine Lektion darüber, dass die Erde rund ist. Sie braucht etwas anderes:

    Information darüber, was für intellektuelle Subkulturen sich breitmachen und, das ist der entscheidende Punkt: wie sie untereinander im Zusammenhang stehen.

    Es ist kein Zufall, dass Flacherdkanäle auf Youtube ein auffallend stark vertretenes rechtsesoterisches Publikum haben. Ich bezweifle nur leider, dass diese okkulten Querverbindungen in den gängigen journalistischen Kreisen bekannt sind.

    Bereitet man das richtig auf, dann ist das schon ein relevantes Thema.

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