gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Aluminium, Angst und Alternativmedizin: ein Aluhut für das „ARD-Buffet“

| 7 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Julian Aé

Am 31. Oktober, pünktlich zu Halloween, hat sich die Servicesendung „ARD-Buffet“ im Ersten unter anderem dem kontroversen Thema „Aluminium“ gewidmet – und sich ordentlich in die Nesseln gesetzt.

Der Beitrag beginnt mit einer Bestandsaufnahme, die zeigen soll, in welchen alltäglichen Produkten Aluminium enthalten ist. Danach kommt ein Lebensmittelchemiker zu Wort. In Laugengebäck kommen mitunter erhöhte Aluminiumkonzentrationen vor und säurehaltige Lebensmittel soll man nicht in Alufolie packen. So weit, so gut – und vollkommen korrekt. Eine essentielle Information wird dem Zuschauer jedoch vorenthalten: Alu ist nicht gleich Alu.

Es ist völlig unklar, worauf der Beitrag sich überhaupt bezieht. Von elementarem Aluminium über Aluminiumsalze bis hin zu aluminiumorganischen Verbindungen gibt es unzählige Stoffe mit unterschiedlichen Eigenschaften und unterschiedlicher Toxizität. Aluminium ist das dritthäufigste Element in der Erdkruste und natürlicher Bestandteil des menschlichen Körpers – selbstverständlich sind wir täglich damit konfrontiert.

Akute Vergiftung oder gefährliche Akkumulation kommt bei Menschen mit gesunden Nieren nur extrem selten vor. Diese Informationen werden im Beitrag leider nicht vermittelt – es wird vielmehr suggeriert, dass man sich unbewusst vergiftet, wenn man nicht genau aufpasst.

Die Pointe jedoch kommt erst noch. Um sich die Gefahren des furchtbaren Metalls erklären zu lassen, sucht der Redakteur einen Dr. Rainer Mutschler (übrigens mit Psiram-Eintrag) im „BioMedical Center“ in Speyer auf. „Neue Medizin – neue Wege“ steht auf dem Praxisschild – skeptische Zeitgenossen ahnen bereits, was jetzt kommt.

Mutschler betet eine lange Liste an Beschwerdebildern herunter, die selbstverständlich und ohne Zweifel dem Aluminium anzulasten seien. Von Allergien über Entzündungen bis hin zu Erschöpfung ist alles vertreten. Doch Rettung naht! In der Privatpraxis, die „Zellen regeneriert und energetisiert“, kann man sich zufällig direkt vom vermeintlichen Übeltäter befreien lassen. So empfiehlt Mutschler die Anwendung von Chelatoren.

In der akademisch fundierten Medizin werden solche Substanzen – auch Komplexbildner genannt – aufgrund ihrer Nebenwirkungen nur bei ernsthaften Schwermetallvergiftungen angewendet.

Überhaupt scheinen die Verfahren, die in dieser Praxis Anwendung finden, alles andere als wissenschaftlich fundiert. Die Diagnosemethoden etwa, die unter der Rubrik „Biologische Zahnheilkunde“ auf der Webseite angegeben sind: Kinesiologie, Elektroakupunktur, Dunkelfeldmikroskopie, Kirlianfotografie – kuriose Klassiker der Alternativmedizin.

Das größte Kuriosum allerdings setzt der ganzen Geschichte endgültig den Aluhut auf. Die Zahnärztin des „BioMedical Centers“, die eben jene Methoden anwendet, ist nicht nur Zahnärztin, sondern (laut Sonnenstaat-Wiki): „Reichsministerin der Justiz“ im II. Deutschen Reich.

Ob noch amtierend oder nicht, ist unklar. Das jüngste Dokument, aus dem diese Information hervorgeht, stammt vom August 2014. Es bleibt zu vermuten, dass die Abrechnung in der Praxis trotzdem in Euro erfolgt.

Zusammengefasst:

In einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird unreflektiert die diffuse Angst vor Aluminium geschürt. Dann wird eine Praxis vorgestellt, deren Geschäftsmodell unter anderem die Behandlung von vermeintlichen Aluminiumbelastungen mit wissenschaftlich fragwürdigen Methoden ist. Während nebenan eine Reichsbürgerin Zähne zieht. Das Adjektiv „bizarr“ scheint der Situation, wiederum passend zu Halloween, angemessen.

Zumindest endet der Beitrag halbwegs versöhnlich, indem betont wird, dass Aluminium nicht per se schlecht ist und dass nicht jeder durch Aluminium krank wird. „Nahezu niemand“ wäre jedoch nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zutreffender gewesen.

Und jeder sollte in Zukunft darauf bestehen, dass Fernsehbeiträge – vor allem solche, die sich mit Risikobewertung und Verbrauchersicherheit befassen – gründlich recherchiert und ausgewogen umgesetzt werden. Und dass bei der Auswahl der Interviewpartner geschäftliche Interessen nach Möglichkeit ausgeschlossen sind.

Zum Weiterlesen:

  • Fragen und Antworten zu Aluminium in Lebensmitteln und verbrauchernahen Produkten, Aktualisierte FAQ des BfR vom 8. Juni 2017
  •  Aluminiumhaltige Antitranspirantien tragen zur Aufnahme von Aluminium bei, Stellungnahme Nr. 007/2014 des BfR vom 26. Februar 2014
  • Gesundheitliche Auswirkungen einer Aluminiumexposition, Dtsch Arztebl Int 2017; 114(39): 653-9
  • Hirtes „Impfratgeber“: Die Sache mit dem Aluminium, GWUP-Blog am 16. Oktober 2018
  • Angstschweiß wegen Deos? Die Alu-Debatte geht weiter, GWUP-Blog am 14. Mai 2014
  • Angst essen Verstand auf oder „Die Akte Aluminium“, GWUP-Blog am 5. August 2013

7 Kommentare

  1. In einem Spinner-Scharmützel von 2017, wer die echten und wahren Reichis sind und wer nicht, wird die Zahnärztin noch namentlich erwähnt:

    https://vk.com/dasdeutschereich1871?w=wall-138437437_7

  2. Irgendwie ist das Problem ja, dass in Sendungen jeder als Experte auftreten kann, der irgendwie mit einem Thema befasst ist – ohne dass diese Expertise irgendwie objektiv nachweisbar wäre.

    Man sollte sich doch eher an neutrale Toxikologen wenden als an Leute, deren Geschäftsmodell es ist, Menschen erst einzureden, sie wären mit Aluminium vergiftet, und sie dann zu „entgiften“.

    Ob die Zahnärztin nun Reichsbürgerin ist, ändert ja zunächst mal nichts an ihrer Qualifikation – etwas befremdlich wirkt es aber doch.

  3. Mööönsch, ARD-Buffet guckt man doch allenfalls wegen der Kochrezepte oder wegen des neckischen 360°-Quizzez am Schluss. Der Rest ist doch sowieso für die Tonne und die Hauptzielgruppe irgendwelche Rentner oder Singles ohne Job (weil alle anderen um die Zeit beim Mittagessen sitzen).

  4. Nicht zuvergessen die Deko-Tipps!
    Man kann Kleiderbügel so schön aufhübschen!
    Ihr glaubt es nicht!!
    Der dabei einsetzende Hirnschwund,einfach wunderbar…

  5. @ Martin Däniken:

    Gestern haben sie aus alten CDs, Glasmurmeln und jeder Menge Heisskleber wunderschöne Teelichte gebastelt.

    Ach ja, und der Nerd von der Reparaturwerkstatt mit seinem neckischen Pferdeschwänzchen ist natürlich Kult.

    Wobbel, wobbel, juchee – wo bleibt das Gelée?

  6. Da hätte ich eine tolle Geschäftsidee:
    „Wir“ kaufen den Heimverschönerer den angefangenen oder fetrigen Driss ab (Kilopreise,versteht sich) und verkaufen es dann stückweise teuer,sehr teuer an Heilpraktiker um ihre Aura zuverbessern oder was sonst so grade envogue in diesen Kreisen ist….
    Der Telemedial-Typ,Hornauer wäre perfekt als Propagandist….
    (könnten bei seinen Temprament eher Angstkäufe sein)
    Ich bin ja so böse,hihi
    Eben auf seiner Seite gewesen,mehr als perfekt!!!
    https://www.youtube.com/watch?v=UixLJ9WYMB4

  7. Ich dachte, ein Sieveking sei gerade genug.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.