Schweizer Studie: Ärzte verschreiben Globuli, glauben aber selbst nicht daran

Interessante Studie von einem Team des Instituts für Hausarztmedizin der Uni Zürich:

Die Forscher schrieben alle 4.072 ambulant tätigen Ärzte im Kanton Zürich an und präsentierten einen Fragebogen zum Verschreibungsverhalten. 1.550 Mediziner gaben Antwort.

Und siehe da: Rund ein Viertel gab an, in den Vormonaten schon homöopathische Mittel verschrieben zu haben (23 Prozent) […]

Bemerkenswert sind nun die Begründungen: Nur die Hälfte der besagten «Globuli-Verschreiber» wollte damit die in der homöopathischen Lehre besagten Wirkungen erzielen.

Nur 27 Prozent folgten den Verschreibungs-Regeln der Homöopathie. Und: Nach eigenen Angaben glaubten nur 23 Prozent, dass es ein wissenschaftliche Erklärung für die Wirkungen der Homöopathie gibt.

Das heisst umgekehrt: Von den Zürcher Ärzten, die Globuli verschreiben, glauben die wenigsten selber an die Lehre, die dahinter steht.

Dies bestätigten auch weitere Aussagen: Mit Abstand am meisten der Gruppe der «Globuli-Verschreiber» gaben an, dass die Alternativ-Arzneien gewisse Placebo-Effekte bewirken könnten.”

Udo Endruscheit kommentiert bei Keine Ahnung von Garnix:

Man darf hiernach sicher festhalten, dass von einem Rückhalt der Homöopathie in der Ärzteschaft zumindest bei dieser Untersuchung keine Rede sein kann.

Allerdings gibt es trotz dieses irgendwie ermutigenden Ergebnisses immer noch zuviel davon. Beispielsweise konzentriert in der Mitgliederschaft des Deutschen Zentralvereins homöopatischer Ärzte, was die Ärztekammern in die Lage versetzen könnte, Fortbildungen sehr gezielt anzubieten.”

Man muss indes dazusagen, dass auch der DZVhÄ sich schon mal in Richtung “Placebo-Medizin” verplapperte.

Aber auch bei einer damals angeregten Umbenennung in “Deutscher Zentralverein für Placebo-Medizin” blieben zahlreiche Fragen offen, mit denen wir uns hier schon mal beschäftigt hatten.

Zum Beispiel:

Wenn ich als Gesundheitswesen mit diesem Argument die Homöopathie finanziere, warum dann nicht Wunderheiler, Kartenleser, Auraheiler? Die versprechen ihren Kunden auch Hilfe.”

Oder:

Überschätzt man diese Trittbrettfahrer-Therapien, besteht das Risiko, dass eine notwendige, wissenschaftlich bewährte Therapie versäumt wird.”

Also auch als “Placebo mit Verfassungsschutz” (medinside) taugt Homöopathie im Grunde wenig.

Bedeutsamer erscheint da schon diese Erkenntnis:

In der Erhebung des Instituts für Hausarztmedizin sprachen sich 61 Prozent der befragten Zürcher Ärzte dagegen aus, dass homöopathische Mittel von der Grundversicherung bezahlt werden müssen.”

Denn diese Tatsache lässt den Homöopathen-Jubel um den Schweizer Volksentscheid pro “Komplementärmedizin” noch obskurer erscheinen, als ohnehin schon.

Zum Weiterlesen:

  • What’s worse? Doctors who believe homeopathy or just use it for placebo effect, arstechnica am 16. November 2017
  • Wir verschreiben Globuli, glauben aber nicht dran, medinside am 20. November 2017
  • Ärzte und Homöopathie – eine Reputation? Keine Ahnung von Garnix am 17. November 2017
  • Im Nachgefragt-Podcast: Natalie Grams über Pseudomedizin, GWUP-Blog am 19. November 2017
  • Bekennen sich die Homöopathen endlich zur Placebomedizin? GWUP-Blog am 2. Juni 2013
  • DZVhÄ bekennt sich zum Placebo (irgendwie), dieausrufer am 2. Juni 2013
  • Warum sollte man Homöopathie nicht einfach als Placebo-Medizin akzeptieren? GWUP-Blog am 14. Februar 2016
  • Trittbrettfahren mit Placebos, GWUP-Blog am 11. Dezember 2011
  • Ein „Bund“ zwischen Ärzten und Heilpraktikern? Das freut nur die Pseudomediziner, GWUP-Blog am 21. Juni 2015

19 Kommentare zu “Schweizer Studie: Ärzte verschreiben Globuli, glauben aber selbst nicht daran”


  1. 1 crazyfrog 20. November 2017 um 23:58

    Homeopathy vets must stop unnecessary animal suffering, Royal College warns:

    http://www.telegraph.co.uk/news/2017/11/18/homeopathy-vets-must-stop-unnecessary-animal-suffering-royal/

  2. 2 gnaddrig 21. November 2017 um 10:19

    Das mit den Potenzen muss man übrigens gar nicht so eng sehen. Eigentlich ist es wurscht, ob man D- oder C-Potenzen nimmt. Also, ob man Nescio quid D30 oder C30 nimmt.

    Kenner wissen aus Erfahrung, dass neben der Wahl der richtigen Ursubstanz eher die Zahl der Verdünnungsschritte wichtig ist und nicht so der Verdünnungsgrad. Aber Achtung: Q-Potenzen gehorchen in Sachen Wirkungsstärke ganz eigenen Gesetzen!einself! Quelle

  3. 3 borstel 21. November 2017 um 12:18

    Weil es doch zu schön paßt: Ich streife gelegentlich durch ein Beklopptenforum, einfach weil es so ein schön perverses Gefühl erzeugt, von Spinnern umgeben zu sein, und bin dabei auf folgendes Juwel gestoßen, das nicht nur Gnaddrigs Quelle stützt, sondern auch zeigt, wie ernst dieser Quark genommen wird: https://donotlink.it/xMoW

  4. 4 2xhinschauen 21. November 2017 um 13:03

    @gnaddrig
    @Alle

    Geschichte, Theorie und Praxis des Verdünnens, Schüttelns und Träufelns finden hier die verdiente ausführliche Würdigung:

    http://www.homöopedia.eu/index.php/Homöopedia:Artikelverzeichnis#Grundbegriffe_der_Hom.C3.B6opathie

    So einfach ist das nämlich nicht. Man kann da durchaus viel falsch machen.

  5. 5 Ursula 21. November 2017 um 14:09

    @borstel
    Nein, das ist zu viel! So starke Nerven hab ich nicht. Ein paar postings habe ich geschafft, dann war aus. Du liebe Zeit…

  6. 6 gnaddrig 21. November 2017 um 15:22

    @ 2xhinschauen: Das ist ja auch nicht neu, dass Homöopathieverfechter sich da gar nicht so gut auskennen, während viele Kritiker sehr tief in die Materie einsteigen.

  7. 7 noch'n Flo 21. November 2017 um 16:09

    Oha, also spätestens beim “Homöodot” habe ich verzweifelt in die Tischkante gebissen. Das ist ja nicht auszuhalten.

  8. 8 Christian Becker 21. November 2017 um 18:09

    @noch’n Flo
    Bist du nicht auch so’n schweizer Arzt? Verdächtig! :P

    Ja, dass D oder C eigentlich egal ist und es eher auf die Zahl dahinter ankommt, hat man mir auch schon mal erzählt.
    Ich würde sogar noch weiter gehen. D oder C ist vollkommen egal, die Zahl hinten dran auch, wenn sie nicht zwischen 0 und maximal 3 liegt.

  9. 9 gnaddrig 21. November 2017 um 19:25

    @ Christian Becker: Klar, dann muss man aber auch zugeben, dass die Ursubstanz ebenfalls völlig wurscht ist. Obwohl bei manchen wäre mir D3 noch zu grobstofflich…

  10. 10 Christian Becker 22. November 2017 um 07:43

    @Gnaddrig
    Richtig.
    D3 habe ich ja auch ausgeschlossen… wobei Globuli D3 für normale Menschen auch schon D5 sind – was bei manchen Substanzen dann aber auch grenzwertig ist, z.B. bei Quecksilberverbindungen, Kaliumdichromat und ein paar anderen.

  11. 11 noch'n Flo 22. November 2017 um 08:39

    @ C. Becker:

    “Bist du nicht auch so’n schweizer Arzt? Verdächtig!”

    Pscht! Doch nicht alles verraten! ;)

  12. 12 gnaddrig 22. November 2017 um 10:45

    @ Christian Becker: Stimmt. Aber D3 oder D4 – angesichts möglicher Schlampereien beim Verdünnen (wie bei dem Zahnungsmittel in den USA) hätte ich da grundsätzlich lieber mehr Sicherheitsabstand als weniger, also D-Potenzen mindestens zweistellig.

    @ noch’n Flo: Und an Globuli glaubst Du ja auch nicht, höchstverdächtig also…

  13. 13 noch'n Flo 22. November 2017 um 18:25

    Man hat mich enttarnt. Ich muss weg!

  14. 14 Christian Becker 22. November 2017 um 20:29

    @noch’n Flo
    Am besten verdünn(isiser)st du dich. :D

  15. 15 gnaddrig 22. November 2017 um 21:15

    Geschüttelt, nicht gerührt.

  16. 16 noch'n Flo 23. November 2017 um 08:51

    @ C. Becker:

    Verdünnisisern? Wattan dattan?

  17. 17 gnaddrig 23. November 2017 um 11:00

    Da war noch zuviel Auszugsmittel im Endprodukt ;)

  18. 18 Bernd Harder 23. November 2017 um 23:05

    Interessante Ergänzung:

    “Ist es moralisch haltbar, Homöopathie als Placebo zu verschreiben?”

    https://www.skeptiker.ch/homoeopathie-placebo-moralisch-haltbar/

  19. 19 Christian Becker 24. November 2017 um 07:56

    Verdünnisieren. Leider kann man seine Beiträge nicht mehr verbessern.

    Hm… für die Verschreibung von Placebos sehe ich enge Grenzen – und dann sollten das auch wirklich nur Ärzte tun, die beurteilen können, ob eine Scheinbehandlung nicht schaden könnte.

    Damit kämen wir dann zwangsläufig von Homöopathie raus aus der Apotheke zu Verschreibungspflicht für Homöopathie.

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