Sozialpsychologie versus „Verschränkung“: Lydia Benecke über Walter von Lucadou

Wir erinnern uns:

Kurz nach Weihnachten 2015 durfte sich Dr. Dr. Walter von Lucadou in der FAZ über “Parapsychologie im Sport” auslassen:

Das magische Wort heißt Verschränkung”

frohlockte die völlig überforderte Redakteurin und Fragenstellerin schon im Vorspann.

bes

Und in der Tat hob Lucadou …

… das freie und inkonsequente Phantasieren mit seiner Lieblingstheorie in neue, bisher kaum erahnte Höhen empor”,

merkte ein Kommentator zu unserem Blogpost an.

Im aktuellen Skeptiker (1/2016) analysiert die Psychologin Lydia Benecke vom GWUP-Wissenschaftsrat das Lucadou-Interview. Sie macht deutlich, dass die verschiedenen Situationen im Sport, auf die Lucadou sein quantenphysikalisches Prinzip der Verschränkung anwendet, auf …

… längst bekannte und gut erklärte Phänomene”

der Sozialpsychologie zurückgeführt werden können, die …

… mit der ominösen Verschränkung rein gar nichts zu tun haben.”

skeptiker-12016

Ein Auszug:

Walter von Lucadou behauptet schon zu Beginn seiner Ausführungen:

Der Ritus selbst, eine Katze zu verbuddeln, ist blöd. Aber wenn sie es machen, um die Bedeutung für die Gruppe zu erhöhen, und das macht man, wenn man gemeinsam ein Ritual macht, und im Fußball sind Rituale ja das A und O – dann erzeugt man Verschränkung.”

Was von Lucadou hier “Verschränkung” nennt, ist nichts anderes als ein verstärktes Gefühl von Verbundenheit innerhalb einer Gruppe – man kann es auch “gestärktes Teamgefühl” nennen.

Dieses wird in der Tat durch gemeinsame Rituale erzeugt, allerdings auf keineswegs paranormalem Wege […]

So einfach hätte es sein können, doch wahrscheinlich wäre ein solcher Artikel schlicht zu wenig sensationell gewesen. Da klingt “Parapsychologie” im Sportkontext doch viel interessanter, der Artikel bekommt mehr Aufmerksamkeit.

Somit wundert es nicht, dass der Rest des langen Textes zwar nach wissenschaftlich revolutionärem Wissen klingt, in Wirklichkeit aber lediglich wissenschaftlich unzulässige Vermischungen inkompatibler Modelle liefert, gewürzt mit esoterischen Theorien […]

 bess

Von Lucadou sagt weiter:

Mannschaften im Sport sind zum Beispiel Systeme, die sich verschränken können. Wenn es richtig gut läuft, dann weiß jeder, wie die anderen spielen, und man spielt gemeinsam. Das ist auch in der Musik so. In einem Orchester wird dann nicht mehr das Einzelinstrument gehört, sondern es ist eine gemeinsame Produktion. Ich habe mit Fußballspielern gesprochen, die sagen, es gibt so einen Moment, da weiß man einfach, wie die anderen reagieren.”

Das von ihm beschriebene Phänomen innerhalb aufeinander abgestimmter Gruppen ist zwar durchaus vorhanden, hat aber nichts mit der esoterisch durchsetzen “Verschränkungsthese” zu tun, sondern lediglich mit schlichter Sozialpsychologie.

Die Leistung von Gruppen setzt sich zusammen aus dem Leistungspotenzial der einzelnen Gruppenmitglieder und dem gruppenspezifischen Anteil. Was von Lucadou beschreibt, ist in der Sozialpsychologie längst erforscht und ausführlich beschrieben worden […] Man kennt den anderen, seine typischen Reaktionen und Verhaltensmuster. Somit wird es zunehmend einfacher, das eigene Verhalten auf das des oder der anderen abzustimmen […]

Meine persönliche Lieblingskuriosität entstammt dem letzten Teil, in dem es heißt:

“Pferd und Reiter – das ist ein typisch verschränktes System, wenn es gut läuft. Da weiß der eine, was der andere denkt.”

Wirklich? Reiter können die Gedanken ihrer Pferde lesen?

Ich reite nicht, kann dies also nicht beurteilen. Allerdings hatte ich acht Jahre lang ein Zwergkaninchen namens Hermine, das ich sehr gut kannte (und es sicher auch mich). Doch Hermines Gedanken lesen konnte ich bei aller gemeinsamen Erfahrungen und emotionaler Verbundenheit nicht.

Von Lucadou würde dies wahrscheinlich mit mangelhafter oder fehlender “Verschränkung” erklären.

Mein Erklärungsansatz geht eher in die Richtung einer stark ausgeprägten Realitätseinschätzung.”

Zum Weiterlesen:

  • Sozialpsychologie ist keine Magie, Skeptiker 1/2016
  • Es geht auch ohne Quark: Lydia Benecke demontiert die Teamgeist-Quantenverschränkung aus der FAZ, Relativer Quantenquark am 21. März 2016
  • Bullshit als „Wissenschaft“: Quantenquark mit Dr. Dr. Walter von Lucadou in der FAZ, GWUP-Blog am 27. Dezember 2015
  • Quantenquark in der Frankfurter Allgemeinen: Walter von Lucadou verschränkt den Bundestrainer, Relativer Quantenquark am 27. Dezember 2015
  • Parapsychologie im Sport „Eine Katze zu verbuddeln ist blöd“, FAZ am 27. Dezember 2015

8 Kommentare zu “Sozialpsychologie versus „Verschränkung“: Lydia Benecke über Walter von Lucadou”


  1. 1 Ralf 24. März 2016 um 21:15

    Es gibt ein wirklich fundamentales “Problem”:

    Die Gravitation ist wahrscheinlich, die erste der Kräfte, die nach dem Urknall “entstanden” ist (neben der starken Kernkraft), sie wirkt auf Alles im Universum; es ist also unbestritten, daß es eine Wechselwirkung aller Elemente im Universum gibt (nach der Allgemeinen Relativitätstheorie, gibt es keinen Unterschied zwischen träger und schwerer Masse)

    Unbestritten ist das Universum ein einheitliches System, das in sich geschloßen ist…Aber trifft das auch auf komplexe Systeme zu, die wiederum auch in sich geschloßen sind und in dem Gesamtsystem ‘Universum’ befinden?

    Ich glaube, daß ist nicht der Fall, denn jedes System ist “störempfindlich”, gegenüber seiner Außenwelt; eine ideale Verschränkung ist nur unter Elementarteilchen möglich.

    Zwar kann man jeder Masse eine Materiewelle zuordnen, aber dessen Wellenlänge im kaum messbaren Bereich befindet, für Massen in mesokopischer Größenordnung…Interferenzmuster sind hier eigentlich nicht mehr zu beobachten, dh, daß der Welle-Teilchen-Dualismus eine immer geringere Rolle spielt…und somit auch die “spukhaften” Wirkungen der Quantenmechanik.

  2. 2 Ralf 24. März 2016 um 22:35

    Vielleicht denkt jemand: Was hat eine Interferenz bzw Superposition mit dem Phänomen der ‘Verschränkung’ zu tun?
    Ich glaube ;-), daß jedwede Verschränkung auf dem Prinzip der Superpostion beruht…innerhalb der Verteilung der Wahrscheinlichkeiten, gibt es “Realitäten”, die sich innerhalb einer Messung manifestieren; das ist die “Verschränkung”…eine kausale Wirkung ist auszuschließen, denn alles erfolgt nach Wahrscheinlichkeiten innerhalb einer Superposition.
    Weiterführend: Unschärferelation…Kritiker mögen jetzt sagen: Ist ein Objekt nur “real”, wenn man es messen kann?…Jein, würde die Kopenhagener Deutungsagen…
    Zitat Wikipedia:

    Ferner wird in dieser Interpretation darauf verzichtet, den Objekten des quantentheoretischen Formalismus, also vor allem der Wellenfunktion, eine Realität in unmittelbarem Sinne zuzusprechen. Stattdessen werden die Objekte des Formalismus lediglich als Mittel zur Vorhersage der relativen Häufigkeit von Messergebnissen interpretiert, die als die einzigen Elemente der Realität angesehen werden.

    Die Quantentheorie und diese Deutungen sind damit von erheblicher Relevanz für das naturwissenschaftliche Weltbild und dessen Naturbegriff.

  3. 3 Groucho 25. März 2016 um 00:25

    @Ralf:
    Propulsierende Wortgerüste können keine Immanenz einfordern. Um mal in deiner Sprache zu bleiben. Deutungen sind Deutungen. Geschlossene Systeme geschlossen. Wenn man dann behauptet, geschlossene Systeme wären von außen offen, ist es halt kein geschlossenes System mehr.

    Was Du da in diesen zwei Kommentaren sagst, hat doch keinerlei Inhalt.Du glaubst irgendwas. Ja und? Schreib eine Formel auf, hier. Zeig, warum Du das glaubst.

    Triggerbegriffe wie “spukhafte Fernwirkung”, “Kopenhagener Deutung”, “Superposition” etc. … man – Du schwafelst.

    Diese Allmachtsattitüden sind doch nur dümmlich. Postmoderne Wissenschaft ist nun wirklich das letzte, was wir brauchen.

  4. 4 omnibus56 25. März 2016 um 09:59

    Wenn ich (Physiker) Parapsychologen oder andere Esoteriker von ‘Verschränkung’ reden höre, rollen sich mir die Fußnägel auf… Diese Leute haben entweder nicht die geringste Ahnung, wovon sie reden, dann gilt Nuhrs Satz “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten”, oder sie wissen sehr wohl, dass sie einen Begriff völlig sinnfrei missbrauchen, dann sind sie Betrüger. Welcher Seite man zuneigt, ist Sache der Meinungsfreiheit.

  5. 5 Groucho 25. März 2016 um 11:33

    @omnibus56:

    Die Nuhr’sche regel ist ein Paradoxon: Um zu wissen, dass man keine Ahnung hat, müsste man eine Ahnung davon haben, wovon man keine Ahnung hat :)

  6. 6 WoBa 29. März 2016 um 12:36
  7. 7 Ralf 29. März 2016 um 20:25

    @Groucho
    100 Punkte ;-)
    Endlich merkt jemand, daß ich eigentlich keine Ahnung habe und hier nur trolle…
    saubere Analyse, adieu :-)

  8. 8 Martin 17. Januar 2017 um 20:39

    Ich frage mich ,wie bei diesem Dr. Dr. Lucadou der eine Doktortitel mit dem anderen Doktortitel “verschränkt” ist.

    Die Evolution hat den Menschen vor Jahrmillionen als soziales Wesen geschaffen. Nur in der Gruppe ,also im Team,konnte er damals- vor der Erfindung des Fußballs- in der Wildnis überleben.Er war quasi zum “Teamwork” gezwungen.Dazu gehörten gemeinsames Jagen,Verteidigung vor wilden Tieren,Pflege der Kinder und Kranken…Solche Verhaltensweisen sind genetisch im Unbewussten(Emotionen) codiert.

    Fußball Teams arbeiten also meiner Ansicht nach -neben dem Geld verdienen-auch ein genetisch angelegtes Programm ab, in dem sie einem gemeinsam verbindendes Ziel anstreben.

    Aber auch Religionen und gesellschaftliche Strukturen basieren anscheinend darauf…

    Als Katzenfreund bin ich mit meiner Katze auch “verschränkt”.

    Will sagen,sie kennt mich besser als umgekehrt.Ein Falll für einen verschränkten Para-Psychologen…

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