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SkepKon-Rückblick: Wie tickt das Schaf? Skeptiker und Gläubige im Test

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Unter dem Sheep-Goat-Effekt versteht man laut Psychologie-Lexikon

… den Effekt, dass die durch einen Fragebogen gemessene positive oder negative Einstellung der Versuchsperson paranormalen Phänomenen gegenüber beziehungsweise ihr Glaube an Erfolg oder Misserfolg im Experiment das Ergebnis beeinflussen kann.“

Schafe sind also diejenigen, die an parapsychologische Phänomene (zum Beispiel Hellsehen, der Einfluss von Geist auf die Materie, Ahnungen) glauben, die Ziegen sind die, die nicht daran glauben beziehungsweise natürliche Ursachen vermuten, schrieb der Psychologe Prof. Wolfgang Hell im Skeptiker 2/2010.

Aber warum ist das so?

Was genau macht den Unterschied zwischen „Schafen“ und „Ziegen“ aus? Oder kurz gefragt:

Wie tickt das Schaf?“

So überschrieb Hell seinen Vortrag bei der SkepKon 2014 in München.

Der 2. Vorsitzende des GWUP-Wissenschaftsrats stellte die Ergebnisse von einem halben Dutzend Bachelorarbeiten seiner Studenten an der Universität Münster vor, die Klarheit in folgende Ausgangslage bringen sollten:

Seit langem interessieren sich Forscher dafür, worin sich Skeptiker und Para-Gläubige unterscheiden.

Ist es ein allgemeines kognitives Defizit bei Gläubigen? Vorweggenommene Antwort: Nein. Kommen Gläubige aus einer besonderen, randständigen sozialen Schicht? Nein.

Dient der Glaube an Übernatürliches einem psychischen Bedürfnis? Vielleicht. Ist die Grundlage einfach eine andere allgemeine Weltsicht? Vielleicht.“

An Theorien über das „Schaf“ kursiere unter anderem die Annahme eines kognitiven Defizits („illogical, irrational, credulous, uncritical, foolish“), die vorhandene Datenlage – vorwiegend aus den USA – lasse auf „Frauen, jünger, Weiße, geringere Bildung“ schließen.

Um dem nachzugehen, ließen die Münsteraner Psychologie-Studenten ihre Probanden verschiedene Listen ausfüllen, darunter die Revised Paranormal Belief Scale oder die Australian Sheep-Goat Scale oder das Belief in Astrology Inventory, sowie einen Fragebogen zur Alternativmedizin.

Außerdem mussten die Versuchspersonen Aufgaben aus dem Bereich der Kognitiven Täuschungen lösen.

Was kam dabei heraus?

Tatsächlich lösten in allen sieben Studien (184 bis 810 Teilnehmer, Median 441) „Ungläubige“ die Aufgaben statistisch signifikant besser als „Gläubige“.

Aber:

Die Unterschiede waren gering – und nur wegen der hohen Zahl von Teilnehmern statistisch signifikant – und wurden bei Korrektur offensichtlicher Störvariablen, zum Beispiel Geschlecht, Bildungsstand et cetera, noch geringer, als sie schon waren“,

sagte Hell:

Der Unterschied zwischen Skeptikern und Gläubigern ist bei der Lösung von Aufgaben zu Kognitiven Täuschungen deutlich geringer, als mancher Skeptiker sich vorstellen mag.“

Rechne man beispielsweise den Faktor „Geschlecht“ heraus, reduziere sich der Zusammenhang zwischen Para-Glaube und der Leistung bei Aufgaben zur Kognitiven Täuschung stark, beim Faktor „Bildungsstand“ immerhin ein wenig.

In diesem Zusammenhang beschrieb Hell, dass Frauen nicht „leichtgläubiger“ oder „esoterischer“ sind als Männer. Die gefundenen Unterschiede seien zwar signifikant, aber sehr gering und so eben gerade noch im Bereich der statistischen Signifikanz.

Eine Erklärung für diesen – wenn auch geringfügigen – Unterschied zwischen Frauen und Männern wollte Hell nicht abgeben, außer der Vermutung, dass dies an der Konzeption der Standarderhebungen liegen könnte: Je mehr „Männerthemen“ (Ufos, Parapsychologie, Kryptozoologie, Verschwörungen etc.) die Fragebögen enthielten, desto weniger sei ein Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Para-Gläubigkeit feststellbar.

Ein ausgewogener Fragebogen mit dem jeweils gleichen Anteil von „Frauenthemen“ (Horoskope, Feen, Pseudomedizin, Wellness etc.) und „Männerthemen“ würde vermutlich identische Werte bei Frauen und Männern bezüglich ihrer Affinität zum „Paranormalen“ erbringen.

Wäre mal ein spannendes Forschungsthema.

Aber wenn Geschlecht, Bildung, soziale Bezugsgruppe etc. nur marginale Unterschiede zwischen „Schafen“ und „Ziegen“ konstituieren – was ist dann der entscheidende Faktor?

Hells Erkenntnis aus der Studienauswertung:

Der Umgang mit dem Zufall unterscheidet die beiden Gruppen.“

„Gläubige“ haben eine stärkere Tendenz, Muster in zufälligen Ereignissen zu sehen, als „Skeptiker“.

Und das wiederum schaffe eine Kontrollillusion.

Schafe können kritisch denken, tun’s aber nicht“,

schlussfolgerte Hell lapidar.

Sein Fazit:

Schafe stellen zwischen banalen Zufällen des Alltags bedeutungsvolle Bezüge her – und haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Kontrolle.

Der Glaube an das Paranormale gibt ihnen Trost durch ein Gefühl des Verstehens von an sich unkontrollierbaren Lebensereignissen, was in der Fachsprache „niedrige Ambiguitätstoleranz“ heißt.

Oder anders:

Schafe sind gut im Generieren von Ideen, Ziegen im Testen von Ideen.“

Zum Weiterlesen:

3 Kommentare

  1. Wenn ich mich ganz dunkel an mein Studium zurückerinnere: Ist aber nicht illusion of control mediiert oder moderiert von Bildung? Kann aber auch sein, dass ich das mit der Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit nach Psychotherapie verwechsle…

  2. …und somit ist „Gläubigkeit“ auch eine Erziehungssache, denn man lebt seinen Kindern das vor.
    Wie ich hier schon schrieb, wurde ich katholisch erzogen, zwar war ich in meiner Pubertätszeit und auch danach ;-) kein (sehr)gläubiger Mensch, aber in meinen „Mitt-Zwanzigern“, fand ich wieder den Weg zum Glauben, der auch fast bis zu meinen Vierzigern anhielt. Erst seit ca. zwei Jahren, merkte ich wie der Glauben voller „logischer Fehlschlüße“ ist (obwohl ich das eigentlich wußte, aber mir nicht so aufschien).
    Erst die Welt der absolut irrationale Welt der „Privatoffenbarungen“ zeigte mir, gleichsam einer Satire, die logischen Unzulänglichkeiten der Religionen auf.
    „atheistisch erzogene“ können das vielleicht nicht verstehen, aber wie das der Artikel schon zeigt, ist es nicht nur ein „kognitives Defizit“…

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