Gefühllose Schaben und Typhus: Homöopathie zwischen Komödie und Tragödie

Dieser Tage habe ich mal wieder Pressemitteilungen eines Homöopathie-Verlags auf den Schreibtisch bekommen.

Na ja, zuerst habe ich die Texte für einen Jux oder Realsatire gehalten – aber die meinen das wirklich ernst.

Ein neues Buch heißt zum Beispiel “Der Erde entfliehen” und handelt von “Insekten in der Homöopathie”.

In der Ankündigung wird unter anderem behauptet:

Patienten, die ein Insektenmittel benötigen, wirken oft emotionslos, strukturiert und penibel. Sie stehen im ständigen Konkurrenzkampf und sind materialistisch […]

Der englische Homöopath Peter Fraser beschreibt die gefühllose Küchenschabe Blatta orientalis, die verwirrte Schlanklibelle Enallagma carunculatum, die reizbare Wüstenheuschrecke Schistocerca gregaria, den ängstlichen Totenkopfschwärmer Acherontia atropos und den hochtoxischen Pfauenspinner Lonomia obliqua.

Gekonnt zieht er Parallelen zwischen Verhalten und Lebensraum der Insekten und deren homöopathischen Eigenschaften. Dabei zeigt er bildhaft die oft kaum wahrnehmbaren Unterschiede zwischen den einzelnen Mitteln.

Die Schriftenreihe ,Zwischen Himmel und Erde’ umfasst Mittel wie Spinnen, Schlangen und Vögel, die sich zwischen Meer, Erde, Himmel und Unterwelt bewegen.”

Aha.

Küchenschaben sind also gefühllos und Libellen verwirrt.

Woher weiß Peter Fraser das?

Ist der Mann Insekten-Psychologe?

Beherrscht er die Sprache der Tiere, wie weiland König Salomo und Dr. Dolittle?

Oder schwebt er einfach nur völlig losgelöst “zwischen Himmel und Erde”, wo es ja angeblich mehr Dinge gibt, als unsere Schulweisheit … Bla, bla.

Für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, eine szenische Lesung aus “Der Erde entfliehen” bei der nächsten Skepkon zu veranstalten.

Aber vermutlich würde uns niemand glauben, dass es tatsächlich solche Homöopathiebücher gibt, und man würde uns mal wieder der “Verächtlichmachung der Homöopathen” zeihen.

Also versuchen wir ernst zu bleiben.

Deutlicher als Peter Fraser kann man kaum zum Ausdruck bringen, dass Homöopathie nichts weiter als eine Form von sympathetischer Magie und …

… ihr Ähnlichkeitsprinzip dem bei Naturvölkern verbreiteten Analogiezauber verwandt ist”,

wie Dr. Rainer Wolf vom GWUP-Wissenschaftsrat hier erklärt.

Das stellen übrigens auch herausgehobene Befürworter des Huschi-Fuschi-Verfahrens nicht in Abrede, wie etwa Prof. Harald Walach, der in einem Interview sagt:

Homöopathie ist meiner Meinung nach einfach sehr systematisierte Magie.”

Gut zu wissen.

Denn Homöopathie wäre im Grunde nur dann halbwegs akzeptabel, wenn ihre Anbieter sich genau darüber im Klaren wären, dass sie ihre Patienten mit “Insektenmitteln” etc. lediglich ein wenig bespaßen, bis die Erkrankung (sofern nicht chronisch oder lebensbedrohend) von selbst wieder verschwindet.

Das sind sie sich aber leider nicht – und hier beginnt die Tragödie.

Im aktuellen Spiegel (22/2013) finden wir auf Seite 55 die Geschichte “Nebenwirkungen” von Barbara Supp.

Die Autorin beschreibt darin, wie sie sich nach einer Asien-Reise plötzlich unwohl fühlt und einen Arzt aufsucht.

“Versehentlich” gerät sie auf dem Weg zur Arbeit an einen Homöopathen, “zum ersten Mal”.

“Zweifelnd” nimmt sie die weißen Kügelchen, die er verschreibt:

Dann kam das Fieber.

Er kam zum Hausbesuch, brachte Kügelchen mit.

Das Fieber stieg.”

Erst Supps Lebensgefährte …

… vertrieb den Homöopathen, holte eine schulmedizinische Hausärztin, die überwies mich sofort in eine Klinik. Wo man herausfand, dass ich an Typhus litt.”

An dieser Stelle könnte der Artikel eigentlich bereits zuende sein – und vielleicht das Internet-PortalWhat’s the harm in homeopathie?” um eine weitere Fallgeschichte reicher.

Aber die Spiegel-Autorin ist fair.

Denn natürlich gibt es auch in der wissenschaftsbasierten Medizin schlechte Ärzte und Fehldiagnosen.

Barbara Supp wird beim Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) vorstellig und schildert ihren Fall.

Dort versichert man der Journalistin, es habe sich um ein individuelles Fehlverhalten des Arztes gehandelt.

Der Fehler habe aber “nichts mit der Homöopathie zu tun”. Der Homöopath im Allgemeinen sei nicht so.

Auch hier könnte der Spiegel-Artikel wiederum enden, mit einer wohlfeilen Pseudo-Ausgewogenheit, wie wir es zum Beispiel 2011 bei der 10:23-Aktion in Köln erlebt hatten.

Dort lud der WDR flugs einen “homöopathischen Arzt” ins Studio ein, der die Globuli-Überdosis der Skeptiker “einordnen” sollte und wortreich erklärte, warum kein Effekt auftrat.

Natürlich dachte die Redaktion keine Sekunde daran, die lahmen Homöopathen-Ausreden ihrerseits nochmal kritisch zu hinterfragen.

Ganz anders Barbara Supp.

Sie wollte wissen, was von dem DZVhÄ-Statement und den “schönen Geschichten” der Homöopathen konkret zu halten ist.

Also fuhr sie Anfang Mai zum Deutschen Homöopathie-Kongress nach Weimar.

Dort erlebte die Journalistin Folgendes:

Und dann steht man an einem Verkaufstisch in dieser Weimarer Kongresshalle, neben sich eine Homöopathin, es gibt CDs und DVDs als Schulungsmaterial zu kaufen, zum Beispiel für die homöopathische Krebsbehandlung, es gebe sehr gute Krebsärzte unter den Homöopathen. Gute Heiler, sagte der Mann vom Stand.”

Dass es jemals einen homöopathischen Standesvertreter gegeben hätte, der dieses wahnwitzige Treiben “einordnet”, oder vielleicht sogar eine öffentliche Distanzierung der sich “seriös” dünkenden Homöopathenverbände von den Aktivitäten der Wurster, Frass und Co., wäre uns zumindest neu.

Von Gesundheitspolitikern gar nicht erst zu reden.

Und spätestens hier, abseits von reizbaren Wüstenheuschrecken und ängstlichen Totenkopfschwärmern, hört jeder Spaß auf.

Zum Weiterlesen:

  • Nebenwirkungen – Wie ich die Homöopathie nur knapp überlebte, Der Spiegel Nr. 22/2013
  • Ist die Wirksamkeit der Homöopathie endlich wissenschaftlich bestätigt? Oder: Heilt Homöopathie Krebs? skeptiker.ch am 24. April 2013
  • Gesamtschau der Studien zur Homöopathie, Detritus am 27. April 2013
  • Cancer patients who use alternative medicine die sooner, Edzard-Ernst-Blog am 18. April 2013
  • Homöopathie: Wenn Skeptiker Hoffnungen zerstören, GWUP-Blog am 18. April 2013
  • Was hat die GWUP gegen Homöopathie? Teil I, GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze, Teil II,  GWUP-Blog am 2. Februar 2011
  • Medizin ohne geistige Umweltverschmutzung,Teil III, GWUP-Blog am 3. Februar 2011
  • Homöopathie: Unmögliches muss man nicht erklären, Teil IV, GWUP-Blog am 4. Februar 2011
  • Skeptiker als Pharma-Söldner? GWUP-Blog am 21. April 2013
  • Homöopathie ist Irrtum, Psiram am 7. April 2013
  • In Sachen Homöopathie – Noch’n Buch, dieausrufer am 26. Mai 2013
  • Beurteilungskriterien zur Aussagekraft von wissenschaftlichen Studien zur Homöopathie, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 16. Mai 2013
  • Tödliche Erfahrungen, Der Nesselsetzer am 20. April 2013
  • Homöopathie: “Wer Zuckerpillen kauft, hat schon aufgegeben”, ZeitWissen am 4. Juni 2010
  • Eine anmaßende Gesundheitsministerin und ihr Problem mit der Naturwissenschaft, Plazeboalarm am 27. Mai 2013

 

 

26 Kommentare zu “Gefühllose Schaben und Typhus: Homöopathie zwischen Komödie und Tragödie”


  1. 1 Ralf 27. Mai 2013 um 22:04

    Der Beitrag Insektenmittel ist ein so großer Schwachfug…unglaublich…den sollte man wirklich gelesen haben.
    Zitat daraus:

    Insekten haben lange dünne Extremitäten und einen vergleichsweise kleinen Leib. Diese Besonderheit weisen auch Menschen auf, die ein Insektenmittel als homöopathisches Mittel benötigen. Sie haben lange Beine und einen vergleichsweise kurzen Oberkörper.

    …und die, die solche Mittel verabreichen, haben vergleichsweise ein paar Schrauben locker :-)

    Nun ja, was eine Fliege bewirken kann, wissen wir spätestens seit dem Film “Die Fliege”…also, Obacht! ;-)

  2. 2 Herr Jemine 27. Mai 2013 um 22:17

    … wenn ich dann ein Insektenmittel als homöopatisches Mittel benötige, dann wird das wohl auf einer Hummel basieren müssen. Gut zu wissen, die fliegen bei mir ja regelmäßig durch den Garten.

  3. 3 Ralf 27. Mai 2013 um 22:26

    Was man noch alles mit Küchenschaben machen kann, zeigt dieses Video:
    http://www.youtube.com/watch?v=Iy5E1qXLxt4
    Danach ist man bestimmt aufnahmefähiger für solche Theorien ;-)

  4. 4 Pierre Castell 27. Mai 2013 um 22:26

    Das sind ja kurz vor Mitternacht ccole Einträge…wir lachen uns hier schief.

    Toll, was Bernd Harder so immer “ausgräbt”!

  5. 5 Pierre Castell 27. Mai 2013 um 22:29

    @ Ralf

    Ralf, der Horrorspezialist (nicht nur in Sachen Musik…lol), hat wieder was Grauenvolles bei youtube entdeckt (ich klicke das besser nicht an, sonst kann ich vielleicht nicht einschlafen).

  6. 6 Ralf 27. Mai 2013 um 22:37

    @Pierre Castell
    Ne, das ist lustig und passt irgendwie zum Thema…also OnTopic ;-)

    Auch ein lesenswerter “Experten-Artikel”
    http://www.experto.de/b2c/gesundheit/homoeopathie/homoeopathische-mittel/radioaktive-elemente-in-der-homoeopathie-einsetzen.html

  7. 7 Michael 27. Mai 2013 um 22:42

    Dumm, größenwahnsinnig und geldgierig. So was muss sich doch irgendwann von selbst erledigen?!

  8. 8 Claudia G. 28. Mai 2013 um 06:36

    Es wird sicher jeden freuen, daß im Homöopathischen Arzneibuch, das jede Apotheke in Deutschland führen _muß_, genaue Anweisungen zum Verarbeiten dieser Insektentinkturen festgeschrieben sind.

    Tatsächlich steht darin, daß nur die orientalische Küchenschabe und keine andere Spezies verwendet werden darf, und wie man sie unterscheidet.

    Isset nich schön?

  9. 9 ratiogeraet 28. Mai 2013 um 07:32

    Wenn ich jetzt Wespen-Globuli esse, kriege ich dann eine Wespentaille?

  10. 10 Bernd Harder 28. Mai 2013 um 09:50

    @Ralf/Pierre Castell:

    Es ist ja nicht so, als dass es in Sachen Horror gar nichts zum Thema Schaben gäbe (vorsicht, muss man mögen):

    http://www.youtube.com/watch?v=Yob2uziCHaQ

  11. 11 S. K. Paden 28. Mai 2013 um 09:58

    @ ratiogerät
    “Wenn ich jetzt Wespen-Globuli esse, kriege ich dann eine Wespentaille?”

    Du hast aber auch gar nix kapiert!

    Au contraire! Für Wespentaille nimm Nilpferdglobuli!

  12. 12 hans 28. Mai 2013 um 10:18

    @trixi:

    “Auf dieser verlinkten Hirnfraß-Seite “Insektenmittel” heißt es:”

    Das Schlimme ist, dass diese Leute höchst wahrscheinlich nicht mal mehr ein Gefühl dafür haben, was für einen Schwachsinn sie da glauben – und was normale Menschen darüber denken.

    Das ist ein in sich geschlossenes Wahnsystem, so wie es rüberkommt.

  13. 13 nihil jie 28. Mai 2013 um 11:46

    @ratiogeraet

    nein… wenn du Wespen-Globuli bekommst, bekommst du automatisch ein Wespengehirn. was auch immerhin mehr wäre als das, was so manch ein Homöopath in seiner “Kristallkugel” innehat ;)

  14. 14 Pierre Castell 28. Mai 2013 um 11:58

    @ Bernd Harder

    Naja, dieses Schabenvideo war doch noch erträglich.

    Was mich nur wundert, ist, dass sich der Style der Wohnung (alles in weiß) eigentlich kaum verändert hat. Wenn ich´s richtig sehe, wurde das Video in den 80´zigern gedreht. Bis auf die Musikbox war alles topmodern, so, als wäre das Video gestern entstanden.

    Dachte immer, in den 80´zigern wären die Farben und Formen vieler Möbel ziemlich schrecklich gewesen.

  15. 15 Bernd Harder 28. Mai 2013 um 12:01

    @Pierre Castell:

    Fein beobachtet.

    Ja, das ist zumindest seltsam.

  16. 16 Ralf 28. Mai 2013 um 19:05

    @Pierre Castell
    wenn das für Sie erträglich war, dann steigern wir das ganze noch um den Faktor 1000 ;-)

    Das folgende Trailer-Video ist für Erwachsene unter 30 nicht geeignet ;-) (es ist wirklich extrem)

    http://www.youtube.com/watch?v=34MLNCh9zq0

    …und es ist immer noch “OnTopic”, da hier “Ähnliches mit Ähnlichem” geheilt wird – sozusagen ein “Homöopathie-Splatter”…Höhö…

  17. 17 Bernd Harder 28. Mai 2013 um 19:10

    @Ralf: Ich lasse denLink mal widerwillig stehen, obwohl das Ganze eigentlich nichts mit Schaben zu tun hat, sondern nur eine Zerstücklungsorgie ist. Muss man nicht sehen – auch wenn’s *nur* ein Film ist.

  18. 18 Pierre Castell 28. Mai 2013 um 19:12

    @ Ralf

    Ich ahnte es, Ralf wird was nachschieben.

    Aber, sorry Ralf, ich bin erst 29 (sehe nur wie 55 aus).
    Daher ist es mir leider verboten, dieses Video anzuschauen…

  19. 19 Ralf 28. Mai 2013 um 19:17

    @Bernd Harder
    Also, ich hätte es auch verstanden, wenn er nicht durchgegangen wäre…hab’ ich eigentlich fast gedacht.
    Aber das mit dem Knochenpulver gegen eine Knochenkrankheit hat doch schon etwas homöopathisches…
    Vielleicht ist das doch des Guten etwas zu viel….

  20. 20 Ralf 28. Mai 2013 um 19:26

    Naja, vielleicht hat etwas “Gutes” und Jemand von einem Jugendamt wird aufmerksam auf den Trailer, meldet den Film bei der BPjM und die setzt ihn auf Liste B und ein Amtsgericht, das nichts zu tun hat, beschlagnahmt ihn nach §131 StGb….und ich bin schuld ;-)

  21. 21 Pierre Castell 28. Mai 2013 um 19:38

    Ich ahnte es, Videotipps von Ralf sind heftig.
    Gut, dass ich mir das nicht angeschaut habe.

    Nach dem letzten Kommentar von Ralf (Ironie?) muss man ja anscheinend das Schlimmste befürchten – nichts für meine schwachen Nerven.

  22. 22 Ralf 28. Mai 2013 um 20:11

    @Pierre Castell
    Nein, das ist ein eindeutiger §131er in der ungeschnittenen Fassung es gibt tatsächlich eine von der FSK abgesegneten Fassung, die um sage und schreibe fast 23 Minuten gekürzt ist…ich glaube, das sagt schon alles. Das Machwerk “Fetus” – auch von MorbidVisions – ist erst gar nicht in Deutschland erschienen und die USA-DVD ist schon indiziert & beschlagnahmt (deshalb ist es um so verwunderlicher, daß “Bone Sickness” noch nicht einmal indiziert ist; da merkt man, daß bei den Ämtern die “Vollprofis” sitzen.

  23. 23 Pierre Castell 28. Mai 2013 um 20:33

    Was der gute Ralf immer so alles weiß…

    Naja, zumindest verschont er uns momentan mit seinen “Musik-Empfehlungen” im Hardcorebereich)….

    Oje, was habe ich da geschrieben. Nicht, dass der Gute jetzt doch noch was in der hintersten Ecke seiner Sammlung entdeckt….

  24. 24 Ralf 28. Mai 2013 um 23:00

    @Pierre Castell
    http://www.youtube.com/watch?v=S3WI-GUt2lk

    The greatest trick the Devil ever pulled was convincing the world he didn’t exist.

    Nun ja, religiös gesehen ist das richtig…aber “atheistisch” gesehen…was ist daran falsch? – Will der “Teufel” der Gesellschaft wirklich, daß es ihn nicht gibt? Oder ist er eine psychologische Wahrheit?
    OffTopic hier, aber (fast) OnTopic hier ;-)

  25. 25 Pierre Castell 28. Mai 2013 um 23:11

    @ Ralf

    Nein, wie gestern wieder so kurz vor Mitternacht – oje, sogar 12 Minuten danach – klicke ich keine Links von Ihnen an.

    Wer weiß, was da wieder hintersteckt;-)

  26. 26 excanwahn 31. Mai 2013 um 09:25

    Eigentlich ist man ja vorgewarnt, aber es überrascht doch immer wieder, wie kreativ der ganz normale Homöopathen-Irrsinn ist. Grenzen scheint´s im Hahnemannschen Paralleluniversum nicht zu geben.

    Andererseits, haben oder hatten sie eine Wahl?
    Sie müssen täglich frischen Irrsinn produzieren, mit Konkretem fallen sie auf die Nase.

    Spätestens seit durch die stürmische Entwicklung der wissenschaftlichen Medizin im ausgehenden 19. Jahrhundert klar wurde, dass im Organon und in den drögen Schwarten von Bönninghausen, Hering, Nash, Clarke, Allen oder Boericke nichts als Nonsens steht, weil diese alten Herren dem Placebo-Effekt und den vielfältigen Möglichkeiten der Selbsttäuschung begegneten, ihm und ihnen unterlagen und deswegen nicht begriffen haben, dass sie in einer Sackgasse gelandet waren, spätestens da musste der Irrsinn her.

    Und der kam auch prompt mit J. T. Kent, der gerade den Mystiker Swedenborg samt Theosophie entdeckt hatte, und fortan beschloss, den sogenannten „Geistes- und Gemütssymptomen“ der homöopathischer Mittel oberste Priorität einzuräumen – denn laut Swedenborg hat jede Krankheit zuerst und immer eine seelische Ursache.

    Dass der eine oder andere Zeitgenosse – trotz emotionaler Ausgeglichenheit und einem gerüttelten Maß an Lebensfreude – krank wurde, hat man einfach ignoriert oder auf zu wenig Anamnese zurückgeführt. Außerdem befand man sich gerade in der Spätromantik, da war eine erkrankte Seele geradezu Bürgerpflicht und gehörte quasi zum guten Ton…

    Jedenfalls: Durch diese „Umorientierung“ war der Acker für die Homöopathie neu bestellt und zugleich der Weg bereitet, vom fehlerhaften zum lächerlichen Verfahren avancieren.

    Was dann nämlich nicht nur in den nächsten Jahrzehnten folgte, sondern bis heute unvermindert anhält, dafür finden selbst Homöopathen deutliche Worte: Dario Spinedi beispielweise, schreibt 1996 in einem Vorwort zu einer neuen Kent-Übersetzung ganz und gar unmissverständlich: „Es hat ein gewisse Überlagerung der reinen Lehre Hahnemanns durch die Swedenborg-Philosophie stattgefunden, und dies hat dazu geführt, dass viele Homöopathen, sich auf Kent berufend – eben diesen Kent der Swedenborg-Periode -, den Geistes- und Gemütssymptomen eine übermäßige Bedeutung beimessen. Ein Trend, der heutzutage erschreckende Ausmaße angenommen hat und sicher nicht der Homöopathie Hahnemanns förderlich ist.“

    Und auch der bedeutende Schweizer Homöopath Künzli von Fimmelsberg vertrat die Auffassung: ”Bezüglich der Wertigkeit der Geistes- und Gemütssymptome ist eine Irrmeinung verbreitet. Viele halten die Gemütssymptome für die wichtigsten, dabei bezeichnet Hahnemann ausdrücklich die auffallenden Symptome als die wichtigsten.“

    Da aber Homöopathen mit Kritik, selbst wenn sie aus den eigenen Reihen stammt, nicht das Geringste anfangen können, wurde auch nach Kent fröhlich weiter gemacht.

    Nicht zuletzt wegen dem, was die Hardcore-Homöopathie wohl am meisten am Kent schätzen, nämlich den durch Kent aufgezeigten direkte Weg zur Esoterik und seine Legitimation des freischwebenden Fabulierens, die Möglichkeit, sich der Psychodynamik von weißem Marmor, des deutschen Wattwurms oder der potenzierten Hundescheiße hinzugeben, ohne dass man sich die Frage gefallen lassen muss, welche Drogen man eingeworfen hat, oder welches Medikament gerade mal nicht.

    Kent liefert die Argumente dafür, die blutleere Verstandeskultur der Aufklärung in die Schranken zu weisen, die empfindsame Seele über den rationalen Denker zu erheben, den Primat der Ratio in Frage zu stellen; und genau das sind die eigentlichen Absichten der Heiler auf Zucker im alltäglichen Kulturkampf gegen die Wissenschaftsmedizin.

    Nun wissen wir, dass in dieser Schlacht alle Mittel recht sind, auch wenn es beispielsweise die völlig dösige Signaturenlehre ist. Die nämlich, diese Mutter allen pharmakologischen Schwachsinns, hatten die Homöopathen wiederentdeckt.

    Wer mit dem Begriff jetzt nicht sofort etwas anfangen kann, hier ein kurzes Beispiel vom großen Rudi, dem Versteinerten, der selber sehr schnell begriffen hatte, dass die Signaturenlehre die wunderbare Möglichkeit bot, Arzneimittelfindung zu betreiben, ohne auch nur die geringsten naturwissenschaftlichen oder pharmakologischen Kenntnisse zu besitzen.

    Wie das funktioniert?

    Na, so halt: „Also sehen Sie, während wir beim Menschen vom Bauch zum Kopfe gehen müssen, von unten herauf, müssen wir bei der Pflanze den umgekehrten Weg machen. Die Wurzel der Pflanze ist mit dem Kopf verwandt. Wenn wir das bedenken, wird uns gewissermaßen ein Licht aufgehen über die Bedeutung der Wurzel. Denn die Kartoffel, die hat Knollen; das ist etwas, was nicht ganz Wurzel geworden ist. Man ißt also, wenn man viel Kartoffel ißt, vorzugsweise Pflanzen, die nicht ganz Wurzel geworden sind. Wenn man sich also beschränkt auf das Kartoffelessen und zuviel Kartoffeln ißt, kriegt man nicht genug in den Kopf hinein. Es bleibt unten im Verdauungstrakt. So daß es also so ist, daß mit dem Kartoffelessen die Menschen in Europa ihren Kopf, ihr Gehirn vernachlässigt haben. Diesen Zusammenhang sieht man erst, wenn man Geisteswissenschaft treibt. Da sagt man sich: Seit Europa diese Kartoffelnahrung immer mehr und mehr überhand genommen hat, seit der Zeit ist der Kopf des Menschen unfähiger geworden.“

    Man phantasiert sich irgendetwas zusammen und kommt zur Erkenntnis: Kartoffelessen macht blöd.

    Bei den Homöopathen klappt das auch ganz gut: „Berliner Mauer C30“ hilft gegen innere Blockaden, weil „Mauer“ eben „Begrenzung“ bedeutet, „Excrementum canium“ C200 hilft bei klammernden Kinder, weil Scheiße ja auch am Schuh klebt, wie nur Scheiße es kann, „Weißer Marmor C30“ – allerdings nur der aus Irland – ruft Träume von Feen hervor, weil Irland ja bekannt für seine „Fairies“ ist, und Grashüpfer am Rande der Erschöpfung sind eben geeignete Mittel für Burn-Out-Patienten.
    Wem das jetzt alles wie ein schlechter Witz vorkommt: es ist einer.
    Allerdings nicht für Homöopathen. Für die ist es Tagewerk.

    Deshalb sei allen Lesern, die mehr zufällig auf diesem Skeptiker-Blog gelandet sind, dringend empfohlen, mal kurz darüber nachzudenken, wie wohl die Begründung für das homöopathische Mittelchen lauten mag, das sich seit dem letzten Arztbesuch im Arzneischränkchen befindet.

    Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es eine Kopfgeburt im schlechtesten Sinne ist: Ausschließlich einer konzeptionellen Idee entstammend, zusammenphantasiert und ohne Bezug zur Wirklichkeit. Entstanden durch freie Assoziation, ungehemmtes Analogie-Denken und einer einzig und allein durch einen Homöopathen vorgenommenen Bedeutungszuschreibung.

    Nichts an den genannten – und vielen anderen – Substanzen, denen Homöopathen „Heilwirkung“ zuschreiben, ist greifbar, messbar, überprüfbar. Allein die homöopathische Deutung erzeugt die Realität. Das heißt, die eine Hälfte der Realität. Die andere Hälfte liefert der Patient, der seinem Homöopathen nicht sofort das Globulifläschchen an den Schädel wirft, als Strafe für die allzu offensichtliche Verarsche, sondern das Zeug schluckt.

    Fakt ist: Praktisch jedes Arzneibild, was die Homöopathie unter Zuhilfenahme der Signaturenlehre in den vergangen Jahrzehnten erforscht, nein, besser ist zu sagen, erfunden haben, reflektiert die Weltsichten Kents und Swedenborgs – und es ist den Homöopathen völlig egal, wie viel Unsinn sie damit in die Welt setzen.

    Erst der Mystizismus Swedenborgs und dessen konkrete Anwendung in der Homöopathie durch Kent, ermöglicht solche Spinnereien wie „Vakuum“, „Mondlicht“, „1000 D-Mark“, „Berliner Mauer“ oder den Feenträume erzeugenden „Marble white“ der Frau Dr. Ulrike Keim.

    Die einzige Antwort auf den gesammelten Quatsch: „Bazinga!“

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