Humbug im Hörsaal: GWUP im “Focus”

“Humbug im Hörsaal” ist ein Artikel im aktuellen Focus (Seite 130) überschrieben (noch nicht online).

Einige Auszüge:

Alternative Therapien etablieren sich mit Hilfe von Stiftungen an deutschen Universitäten. Wissenschaftliche Standards werden für sie außer Kraft gesetzt. [...]

Eine der treibenden Kräfte der Esoterisierung des deutschen Hochschulbetriebs ist die Karl und Veronica Carstens-Stiftung. Der inzwischen verstorbene Bundespräsident und seine Frau gründeten sie 1982. “Zweck der Stiftung ist die Förderung der wissenschaftlichen Durchdringung von Naturheilkunde und Homöopathie sowie unkonventioneller Methoden in der Medizin.” 23 Millionen Euro hat sie nach eigenen Angaben seit ihrem Bestehen im akademischen Betrieb verteilt.

Gefördert werden Promotionsarbeiten mit Titeln wie “Wirksamkeitsnachweis der chinesischen GuaSha-Münzmassage anhand des Krankheitsbildes chronischer Nackenschmerz” oder Studien zu “Handgesten in der homöopathischen Anamnese”. Auch die Berliner Charité verdankt der Stiftung eine Professur mit dem Forschungsschwerpunkt Komplementärmedizin.

Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) bietet sogar einen Masterstudiengang “Komplementäre Medizin – Kulturwissenschaften – Heilkunde” an. Mit dem Wahlpflichtmodul “Krankheit als ordnendes Prinzip”. Ein Coup des Instituts ist eine Ayurveda-Gastprofessur, finanziert von der indischen Regierung. Anfang 2012 sollen die Wissenschaftler am Lehrstuhl ihre Arbeit aufnehmen.

Der deutsch-indische Ingenieur Amardeo Sarma ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Er lastet der Viadrina an, die alternativen Heilmethoden nicht zu erforschen, sondern voreingenommen nur nach Belegen für ihre Wirksamkeit zu suchen. “Die Fans dieser unwissenschaftlichen Methoden verweisen dann wiederum auf den Umstand, dass die Verfahren an Universitäten gelehrt werden”, kritisiert er. Dies sei ein Teufelskreis.

Die Gütesiegel der universitären Forschung würden auf diese Weise missbraucht. Vor diesem akademischen Sittenverfall warnt Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin an der Universität Exeter in Großbritannen. Im Laufe seiner Arbeit als Wissenschaftler hat er den Glauben an die Homöopathie verloren.

Der gebürtige Deutsche greift den Leiter des Viadrina-Instituts, Harald Walach, an: “Er hat zwar die methodisch beste Studie zur Homöopathie gemacht, die ich kenne”, sagt Ernst, “aber die ist negativ ausgefallen.” Er kritisiert, dass Walach seine eigenen negativen Forschungsergebnisse ignoriert und weiter daran arbeitet, obskuren Lehren wissenschaftliche Weihen zu verleihen, als sei nichts passiert. Ernst über seinen Frankfurter Kollegen: “Für mich ist das Ausdruck eines fast religiösen Glaubens an die Therapieform, die man beforscht.”

Zum Weiterlesen:

  • Humbug im Hörsaal, Focus Nr. 41/10. Oktober 2011
  • Die Zeit nennt Unsinn schlicht “Unsinn”, GWUP-Blog am 31. Mai 2011
  • Warten auf 75 Nobelpreise, GWUP-Blog am 28. November 2010

4 Kommentare zu “Humbug im Hörsaal: GWUP im “Focus””


  1. 1 Benjamin M 10. Oktober 2011 um 22:50

    Ich habe letztens auf einem Fest in der Med. Uni Wien Plakate gesehen, die für das Wahlfach “Homöopathie” geworben haben.
    Hat eine Weile gebraucht bis ich mich abgeregt habe – so ein humbug darf an einer medizinisch-wissenschaftlichen Einrichtung verbreitet werden? Die Leute, die mich in ein paar Jahren behandeln werden, lernen so was? So ein Schmarn…

  2. 2 Skeptikus 11. Oktober 2011 um 22:03

    Ich finde das auch skandalös. Warum nicht Kreationismus bei den Biologen oder Astrologie bei den Psychologen. Wenn man das Phänomen soziologisch oder historisch untersuchen möchte, klar, aber diese schleichende Verdummung an den Universitäten hat nichts mit Offenheit zu tun, sondern mit Ideologie.

  3. 3 Wolfgang Steffens 17. November 2011 um 09:52

    Moin,
    wie schön, dass es den Fokus gibt. Nun habe ich endlich ein fundiertes Nachschlagwerk in dem Sinne: Einer für alle, denn der Fokus kann sich nicht irren! Da werden sich die Fliegen aber freuen.

    Mit freundlichen Grüßen – W. Steffens aus Hannover

  4. 4 007 18. November 2011 um 16:25

    @Wolfgang Steffens:
    Und was will uns der Künstler damit sagen?

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