Warten auf 75 Nobelpreise

Über den Trend zur Homöopathie in den Lehrplänen der Universitäten war schon gestern hier zu lesen.

Ein besonders krasses Beispiel hat nun Martin Lambeck, Physikprofessor und Mitglied im Wissenschaftsrat der GWUP, recherchiert: Das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften – kurz IntraG – an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder bietet nicht nur den Masterstudiengang “Komplementärmedizin” an, sondern unterhält auch vielfältige Verbindungen mit den Interessenverbänden der Komplementärmedizin, sprich: der Homöopathie, der anthroposophischen Medizin und anderer. Wenn sich all das, was dort behauptet wird, als wissenschaftlich haltbar erweist, sind 75 Nobelpreise fällig, schreibt Lambeck. Nachzulesen ist seine ausführliche Bestandsaufnahme im nächsten SKEPTIKER.

Vorab einige Beispiele:

Im wissenschaftlichen Beirat des Instituts sitzt Prof. Dr. Volker Fintelmann, Vorstand der anthroposophischen Carl Gustav Carus Akademie und Vorsitzender der Arzneikommission der Hufelandgesellschaft. Dort haben sich 20 000 Ärzte der „besonderen Therapierichtungen“ zusammengeschlossen, also derjenigen Verfahren, deren Präparate ohne jeglichen Wirksamkeitsnachweis auf den Markt dürfen.

Zu Fintelmanns Kollegen im IntraG-Beirat gehört Prof. Dr. Robert Jütte. Der ist Historiker, bekleidet einen Vorstandsposten im wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer und bringt im Interview mit der Ärztezeitung das Wirkprinzip der Homöopathie mit der Quantentheorie in Verbindung.

Ebenfalls im IntraG-Beirat ist die Medizinerin Dr. Ulrike Keim, Vizepräsidentin der Internationalen Gesellschaft für Homöopathie und Homotoxikologie. Keim will unter anderem herausgefunden haben, dass homöopathisch potenzierter Marmor (C30) bei Gesunden Träume von Feen hervorruft…

Da überrascht es auch nicht mehr, dass die erste Professur des IntraG mit Prof. Harald Walach besetzt wurde. Bekannt wurde Walach mit seiner „Schwachen Quantentheorie“, die unter anderem die Wirkweise von Hahnemanns Zauberkügelchen erklären soll. Warum das blanke Spekulation ist, hat Dr. Philippe Leick schon im SKEPTIKER 3/2006 erklärt.

Oder hat Walachs Theorie, wie die übrigen genannten Kuriositäten, am Ende doch das Potenzial zur wissenschaftlichen Revolution, fragt Martin Lambeck. Deren Vertreter nimmt er jedenfalls beim Wort: „In Frankfurt/Oder liegen 75 Nobelpreise zum Abholen bereit. Annette Schavan, übernehmen Sie!”

Den Artikel von Martin Lambeck lesen Sie im SKEPTIKER 4/2010, der am 6. Dezember 2010 erscheint.

Zum Weiterlesen:

  • Martin Lambeck (2006): Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik. Beck
  • Philippe Leick: Die “schwache Quantentheorie” und die Homöopathie. In: SKEPTIKER 3/2006.
  • Homöopathische “Überdosierer” kündigen weltweite Aktion an, GWUP-News vom 3. Dezember 2010
  • Aberglaube Homöopathie, Kritisch gedacht am 4. Juni 2008

8 Kommentare zu “Warten auf 75 Nobelpreise”


  1. 1 D 28. November 2010 um 22:45

    Nicht nur Frau Schavan muss übernehmen, sondern auch die Länderminister, denn es gibt sogar ganze sog. “Hochschulen”, die nichts anderes tun, als z.B. E*rythmie usw. zu “unterrichten”. Und die Tendenz der Anerkennung als “Hochschule” ist relativ neu, von daher könnte man das immer wieder auf die Agenda bringen. Allerdings wird’s auch nicht einfach, denn wir wissen ja, wer seine Kinder auf komische Schulen schickt (vgl. http://bit.ly/enwqpi) und irgendwo müssen die Lehrer ja ausgebildet werden ;)

    Beispiele für solche “Hochschulen” http://bit.ly/aamgGo

  2. 2 Philippe Leick 28. November 2010 um 23:48

    Mit 75 Nobelpreisen ist die Messlatte ganz schön hoch gelegen, wir wären ja auch mit deutlich weniger zufrieden. In einer Antwort auf einen meiner Beiträge schreibt Walach (H. Walach, Homeopathy 97:100-102, 2008) “But with hindsight, more openness, and some experimental intuition it is clear that there are too many anomalies to fit neatly into the box of the ‘modern scientific world view’.”
    Es wäre ja schon ein großer Fortschritt, wenn eine dieser Anomalien sorgfältig dokumentiert und beschrieben werden könnte. Mit “Anomalien” meint Walach Phänomene, die nicht ins moderne wissenschaftliche Weltbild passen und von denen auch anzunehmen ist, dass Erweiterungen heutiger wissenschaftlicher Theorien sie nicht beschreiben werden können. Als Beispiele würde er u.a. übersinnliche Wahrnehmung und Homöopathie nennen. Leider kennt aber niemand das Rezept, übersinnliche Wahrnehmung oder homöopathische Phänomene reproduzierbar zu erzeugen – obwohl seit annähernd 200 Jahren daran geforscht wird!

  3. 3 excanwahn 29. November 2010 um 00:43

    Was derzeit an der Viadrina abläuft, ist eine Schande für die deutsche Wissenschaft. Man gewinnt langsam den Eindruck, dass Pleuger, Schröder und Walach alles anziehen, was in der Schamanen-Gilde Rang, Namen und vor allem Geld hat.
    Hier wird eine Hochschule zur Mietuni für Quacksalber jeder Couleur, hauptsache sie bringen genug Kohle mit, den jeweiligen Irrwitz mit opportunistischen Studien “wissenschaftlich” zu adeln.

    Für Walach ist´s eine Maßnahme zur Arbeitsplatzsicherung, für Schröder ein ideologisches Anliegen, und Pleuger sonnt sich im Applaus der ganz speziellen Kundschaft.

    Die Leidtragenden sind nicht die IntraG-Master, sondern die Studierenden der anderen Fakultäten, deren Diplome von der “Eso-Uni” möglicherweise in Zukunft mit spitzen Fingern angefasst werden.

    Es wird Zeit, dass der Viadrina-Stiftungsrat mal darüber nachdenkt, welche Läuse er sich da in den Pelz geholt hat.

  4. 4 Paraphen 29. November 2010 um 21:09

    Ja, die Beiräte des IntraG sind in der Tat interessant:

    Dr. Manfred Kubny, Internationale Akademie für traditionelle chinesische Astrologie

  5. 5 W. 29. November 2010 um 22:00

    Den Vogel hat aber wohl der Tierarzt und Physiker Dietmar Cimbal abgeschossen. Simbal ist “astrologischer Ernährungs-, Gesundheits- und Lebensberater” und wird als Gastprofessor des IntrG an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder genannt.

    Cimbal wird auf diversen Webseiten als “Professor” bezeichnet, manchmal mit dem Zusatz RUS (für Russland) oder “Internationale Interakademische Union” (IIU). Bei der IIU handelt es sich um eine russische nicht akreditierte private Organisation, die wertlose Scheintitel und Orden verkauft. Gelegentlich wird bei Nennungen auch beim Dr. med vet das vet weggelassen. Cimbal ist auch für die Firma “Medprevent” tätig (Prognos Bioresonanzgerät).

    Cimbal ist auch Kosmobiologe. So nennt sich der merkwürdige Abschluss an einer Fernuniversität namens “seven rays” in Arizona.

    Cimbal hat eine eigene Webseite und auch einen Eintrag bei Esowatch.

  6. 6 skeptikus 29. November 2010 um 23:12

    Das traurige ist ja, dass die Befürworter die Skeptiker für verbohrte Wissenschaftsdogmatiker halten und sich selbst für die Avantgarde. Tja, wir werden sehen, ich unterstütze Lambecks Forderungen, beweist nur ein einziges der unzähligen Behauptungen und führt uns Skeptiker vor. Zeigt uns, dass wir uns geirrt haben, kein Problem, aber macht es endlich verdammt noch mal ;-))

    Leider scheinen sich unwissenschaftliches Gedankengut weiter in den Wissenschaften zu verbreiten, schaut euch mal die Reaktion von Prof. Michael Frass von der Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie (ÄKH) an, der es nicht erträgt, dass die GWUP Homöopathie mit Esoterik in Verbindung bringt http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2010/11/anmerkungen-zur-homoopathie-replik-frass.php

    Den Anhängern der Homöopathie kann man fast kein Vorwurf machen, die wissen nicht was sie da schlucken, aber wenn Wissenschaftler den Schwachsinn in der Homöopathie nicht erkennen können oder wollen, dann fasse ich mir an den Kopf. naja, aber bald wird dann noch der Kreationismus an den Unis gelehrt, jedem Fach seine Parawissenschaft.

  7. 7 Philippe Leick 29. November 2010 um 23:29

    excanwahn:

    […] dass Pleuger, Schröder und Walach alles anziehen, was in der Schamanen-Gilde Rang, Namen und vor allem Geld hat.

    Naja, der Kreis der forschenden Komplementärmediziner ist kein sehr großer… Angesichts dessen, dass viele alternative Methoden sich auf Jahrhunderte altes Wissen berufen, auch nicht ganz überraschend. Wozu nach Neuem forschen, wenn unsere Urahnen das richtige Rezept schon kannten?

    Es wird Zeit, dass der Viadrina-Stiftungsrat mal darüber nachdenkt, welche Läuse er sich da in den Pelz geholt hat.

    In der Tat. Ich denke, die Uni muss schon von sich aus zu dieser Einsicht kommen, und daher sind treffende und ironische Artikel wie in der letzten Ausgabe des Spiegels genau das richtige. Nicht, dass sie nicht auch im Skeptiker willkommen wären, aber dessen Einfluss ist gegenüber dem des Spiegels doch etwas limitiert.
    Von der Politik ist nichts zu erwarten, da die alternative Medizin auch ein Wahlkampfthema. Vielleicht ist das aber auch besser so, denn mir ist bei dem Gedanken an eine wie auch immer geartete Behörde, die entscheiden kann, welche Forschung ihr genehm ist, nicht ganz wohl.

  8. 8 skeptikus 12. Dezember 2010 um 22:10

    Ulrich Berger hat anlässlich des Skandals der Universität Frankfurt/Oder im Zusammenhang mit der Einführung des Masterstudiengangs “Komplementärmedizin” einen Beitrag veröffentlicht: http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2010/12/akademische-esoterik-der-fall-viadrina-13.php.

    Wo bleibt eigentlich der Aufschrei der Wissenschaftler????

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