gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Eine „Kriegserklärung“ an die Archäologie: Die Pseudodoku „Ancient Apokalypse“ von Graham Hancock bei Netflix

| 11 Kommentare

„Eine Art britischer Erich von Däniken“ gräbt alte Kamellen aus – und löst damit weltweit Empörung in der Wissenschaftsgemeinde aus, während „Alternativmedien“ und Verschwörungsgläubige ihm zujubeln.

Die Rede ist von Graham Hancock und seinem Netflix-Hit „Ancient Apokalypse“ (hierzulande umbenannt in „Untergegangenen Zivilisationen auf der Spur“).

Worum geht es in der achtteiligen Serie?

Im Grunde um „Hancockismus“, wie ihn der 72-Jährige schon seit den 1990ern betreibt. Umgekehrte, auf den Kopf gestellte Science-Fiction à la Däniken – nur ohne Außerirdische.

Hancock schaut sich überall auf der Welt nach „Fingerabdrücken der Götter“ um, so der Originaltitel seines 1995 erschienenen Weltbestsellers.

Der Journalist und Schriftsteller geht davon aus, dass alle großen Monumente der alten Welt – einschließlich der Sphinx und der Pyramiden in Ägypten und Mittelamerika – von einer Kultur erbaut oder zumindest geplant wurden, die unserer nahezu ebenbürtig war und vor etwa 12.000 Jahren durch eine Naturkatastrophe plötzlich endete, möglicherweise ein Kometeneinschlag oder ein Klimaereignis.

Eben die „Ancient Apokalypse“.

Allerdings:

Bevor sie ausstarben, konnte Angehörige dieser von nicht näher benannten „Göttern“ angeleiteten Superzivilisation an verschiedenen Punkten auf der Welt Spuren und Landmarken für die Nachwelt hinterlassen. Zudem hätten die Überlebenden dieser untergegangenen Hochkultur à la Atlantis auch den damaligen Jägern und Sammlern Landwirtschaft, Architektur, Astronomie, Kunst, Mathematik und vieles mehr beigebracht.

Nur mit Hilfe solcher „Agenten“ seien Menschen überhaupt erst auf die Idee gekommen, Pyramiden zu bauen oder Kultorte wie Göbekli Tepe zu errichten, gibt sich Hancock zum Beispiel in Folge 5 überzeugt.

Das Problem damit:

Die von Hancock vertretene Theorie kommt ohne wirkliche Fakten und Beweise aus, widerspricht dafür aber zahlreichen Erkenntnissen und Befunden der archäologischen und historischen Forschung,

schreibt der Standard.

Die Geschichtswissenschaft datiert etwa die ersten Staatengebilde auf 3200 bis 2800 v. Chr., als zwischen Mittelmeer und Persien durch Zusammenschlüsse Stadtstaaten mit einem König oder Priesterkönig an der Spitze entstanden. Als erste Hochkultur werden die Sumerer um 3000 v. Chr. im Süden Mesopotamiens angesehen.

Und weil das so ist,

faselt Hancock ständig von „Mainstream“-Archäologen, die nur in „konventionellen“ Mustern denken wollen, um ihre eigenen Theorien nicht zu gefährden.

Auf einen feurigen Brief der Society for American Archaeology mit der Forderung, die Netflix-Serie wenigstens als Science-Fiction zu labeln,

reagierte Hancock vorhersehbar:

Denn natürlich braucht er für sein gut konsumierbares Produkt aus dem spirituellen Supermarkt die Gegnerschaft der Scientific Community und die Selbstinszenierung als „heldenhafter Aufdecker und Opfer einer Mainstreamwissenschaft, die die Wahrheit aus Eigennutz vertuschen will“:

Fertig ist eine lukrative pseudowissenschaftliche Theorie, garniert mit Verschwörungserzählungen, mit der sich Bestseller füllen lassen. Oder eine Netflix-Serie.

Apropos Bestseller:

Offenbar gehört Graham Hancock zu den unsinkbaren Gummienten des Para- und Pseudo-Zirkus, denn seine Hauptideen aus „Fingerprints of the Gods“ (die er zum Teil von Charles Hapgood, Robert Bauval und anderen übernahm) sind schon vor fast 30 Jahren widerlegt worden.

  • Die Karte des Piri Reis

Angeblich zeigt die Seekarte des türkischen Admirals Piri Reis von 1513 eine eisfreie Antarktis. Was einigermaßen verblüffend wäre, denn

  • die Antarktis wurde erst 1820 offiziell entdeckt
  • die geographischen Details der Karte aus der osmanischen Palastbibliothek stimmen anscheinend genau mit dem Küstenverlauf vor der Vergletscherung des antarktischen Kontinents etwa 4000 v. Chr. überein.

Der Navigator Reis müsste demnach eine eisfreie Antarktis vor Augen gehabt haben, was wiederum bedeuten würde, dass er seine Kenntnisse von den Seekarten einer frühen Hochkultur kopiert hat – nämlich von Hancocks verschollener Super-Zivilisation.

Allerdings zeigt die Piri-Reis-Karte mitnichten eine eisfreie Antarktis, vielmehr steckt sie voller Ungenauigkeiten und Verzerrungen, erklärt ein ausführlicher Beitrag bei Astrodicticum simplex.

Auch hier im Blog gibt es eine Zusammenfassung.

  • Der Gürtel des Orion

Hancock zufolge sind die drei großen Pyramiden von Gizeh (Cheops, Chephren und Mykerino) so angeordnet, dass sie die Konstellation der drei Gürtelsterne des Orion wiedergeben – allerdings nicht zum Zeitpunkt ihrer Erbauung (ca. 2550 – 2484 v. Chr), sondern so wie das Sternbild aufgrund der Erdpräzession etwa 8000 Jahre davor am Himmel zu sehen war, also um 10.500 vor Christus.

Darauf folgert Hancock, dass die Pyramiden bereits während des elften vorchristlichen Jahrtausends, vor dem Ende der letzten Eiszeit, geplant wurden. Natürlich von seiner verschwundenen antarktischen Super-Zivilisation.

In einem legendären BBC-Streitgespräch zwischen Hancock und dem Astronomiehistoriker Edwin C. Krupp im Dezember 2000 wurde auch dieser Gedanke debunked. Die angebliche Kongruenz existiert nicht.

Wie leicht man solche Übereinstimmungen zwischen dem Orion-Gürtel und beliebigen Punkten auf der Erde herbeifantasieren kann, zeigte Quarks und Co. vor einigen Jahren am Beispiel des Kölner Doms und der beiden Kirchen Groß St. Martin und Maria Himmelfahrt.

  • Der große Sphinx von Gizeh

Die Skulptur in der ägyptischen Wüste ist stark verwittert. Darin sieht Hancock einen Beweis, dass der liegende Löwe mit Menschenkopf wesentlich früher gestaltet wurde, als von der Archäologie angenommen (um 2500 v. Chr.).

Die Erosionsformen könnten nur durch Wasser entstanden sein, daher müsse die gigantische Skulptur bereits in der Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren existiert haben, bevor die Sahara zur Wüste wurde.

Aber auch diese Folgerung ist nicht zwingend. Denn bei Verwitterungsvorgängen spielen viele Faktoren eine Rolle. Der Geologie-Professor James A. Harrell von der University of Toledo in Ohio geht davon aus, dass die Risse am Sockel des mythischen Mischwesens durch Salzexfoliation entstanden sind.

Kleinere Regenfälle gab es um 2300 v.Chr. häufig in Ägypten. Das versickernde Regenwasser löste aus den oberen, weichen Kalksteinschichten Salze, die bei den Nilfluten mit dem Grundwasser wieder an die Oberfläche transportiert wurden.

Kapillare könnten dieses Wasser bis zu zwei Meter hoch in den Sockel der Sphinx geleitet haben, wo sich die gelösten Salze ablagerten und kristallisierten. Dadurch entstand in den Poren des brüchigen Sandsteins Druck. Und somit brachen immer wieder kleine Brocken heraus. Besonders geschah dies in Zeiten, in denen der Sphinx von Sand bedeckt war, da der Sand die Feuchtigkeit länger halten kann.

  • Die Kokain-Mumien

1992 veröffentlichte die Toxikologin Dr. Svetlana Balabanova den Fachartikel „First identification of drugs in Egyptian mummies“. Darin berichtet sie über die erstmalige Identifizierung von Kokain, Nikotin und Haschisch in Haaren, Knochen und Gewebeproben von neun über 3000 Jahre alten ägyptischen Mumien. Ihre Publikation erregte großes internationales Aufsehen, denn „nach klassischer Lehrmeinung lässt sich ein transatlantischer Handel erst nach Christoph Columbus (1492) begründen“.

Anders gesagt:

Bis zu Balabanovas Forschungen galt es als erwiesen, dass diese Pflanzen vor Kolumbus nicht außerhalb Amerikas anzutreffen gewesen waren. Die Koka-Pflanze etwa soll erst 1569 durch den spanischen Arzt Nicolas Monardes in die Alte Welt gekommen sein.

Woher also kannte die uralte Hochkultur am Nil diese Drogen? Gab es womöglich Kontakte zwischen Völkern, die die Wissenschaft bis dato völlig unabhängig voneinander, getrennt durch einen unüberwindlichen Ozean, betrachtet hatte?

Nicht unbedingt.

Zu dieser These sind zahlreiche Einwände vorgebracht worden, zum Beispiel von Wissenschaftlern des Instituts für Anthropologie und Humangenetik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Demzufolge gibt es in Afrika Tausende von Pflanzenarten, deren Inhaltsstoffe noch nicht erforscht sind. Einige könnten Kokain und andere pharmakologische Stoffe enthalten und von den Ägyptern zur Mumifizierung verwendet worden sein.

Eine ausführliche Analyse findet sich in dem Blog Archaeology Review.

Alles schon vergessen?

Es sieht so aus, denn anno 2022 reüssiert Hancock nun mit einem Streaming-Hit,

während seriöse Archäologen rechtschaffen dagegenhalten:

Der britische Guardian schreibt sogar von der „gefährlichsten Netflix-Serie“, denn „sie flüstert dem Verschwörungstheoretiker in uns allen etwas zu“:

Hancock goes to a place and says: “They want you to think it’s this, but actually it’s that,” over and over again. I once got trapped at a party with a Flat Earther. It was a very similar experience to watching this.

Was man den „Ancient Apokalypse“-Fans indes wohl vordringlicher vermitteln müsste:

Tatsächlich wären Archäologinnen und Archäologen ziemlich angetan, hätte Hancock statt spektakulären Behauptungen und Beleidigungen irgendwelche belastbaren Fakten parat. Jeder Archäologe, den ich kenne, wäre begeistert, eine bisher unbekannte Kultur der Eiszeit zu entdecken,

zitieren sowohl das Online-Magazin Slade als auch der Standard den amerikanischen Archäologen Carl Feagans, der in seinem Blog alle Folgen von „Ancient Apokalypse“ reviewed.

Oder, wie Flint Dibble von der Cardiff University es ausdrückt:

It isn’t that we “hate him” as he claims, it is simply that we strongly believe he is wrong.

Zum Weiterlesen:

  • „Ancient Apocalypse“ auf Netflix: Atlantis als Material für eine Verschwörungserzählung? Deutschlandfunk Kultur am 28. November 2022
  • „Ancient Apocalypse“: Problematische Pseudoarchäologie als Netflix-Hit, derStandard am 3. Dezember 2022
  • Netflix-Serie „Ancient Apocalypse“: Agenten aus Atlantis, spiegel.de am 4. Dezember 2022
  • Archeologists Call Fun Police On Netflix Doc In Hilariously Hypocritical Letter, Daily Caller am 8. Dezember 2022
  • Attack of the Archaeologists, medium.com am 8. Dezember 2022
  • The Greatest Buried Mystery on Earth, medium.com am 12. Dezember 2022
  • Neue Hit-Serie löst kontroverse Diskussionen aus, moviepilot am 26. November 2022
  • Netflix’s Ancient Apocalypse is the best case for publicly funded TV yet, The Independent am 26. November 2022
  • Ancient Apocalypse is the most dangerous show on Netflix, The Guardian am 23. November 2022
  • With Netflix’s Ancient Apocalypse, Graham Hancock has declared war on archaeologists, phys.org am 21. November 2022
  • The Ancient Absurdities of „Ancient Apocalypse“, slate.com am 18. November 2022
  • Atlantis Reborn Again, BBC am 14. Dezember 2000
  • Die Karte des Piri Reis – das mysteriöse Meisterwerk, Astrodicticum simplex am 8. Oktober 2018
  • Die Karte des Piri Reis: das ewige Spekulationsobjekt, GWUP-Blog am 19. Juni 2017
  • Buchtipp: „Archäologie vs. Pseudowissenschaft“, GWUP-Blog am 6. August 2019

11 Kommentare

  1. Sachma, Atlantis… Antarktis… merkt Ihr das auch gerade?

  2. „Critiquing every episode of Ancient Apocalypse (Hancock has no evidence)“:

    https://www.youtube.com/watch?v=341Lv8JLLV4

  3. Meine Nase für Humbug ist inzwischen wohl ganz gut – ich fand schon den Titel so verräterisch, dass ich gar nicht erst gucken wollte…

  4. Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen ZDF-Serie:

    https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/ancient-apocalypse-100.html

  5. Auf breiter Front bedienen auch FreeTV- bzw. Streaming-Sender wie n24Doku oder TLC dieses irre Segment – mit immer neuen Formaten.

    Einige halten sich wenigstens dabei zurück, gleich mit Behauptungen zu beginnen und die angeblichen Belege nachzuschieben, richten oft ihr Augenmerk durchaus auf interessante Fragestellungen. Dies scheint aber zu schwinden und ganz bewusst und gezielt Formaten zu weichen, die mit dem Anspruch seriöser Dokumentationen daherkommen.

    Entsetzlicherweise lassen sich in meinem Umfeld etliche Leute zumindest davon faszinieren – und man kann merken, wie nach und nach der Rest kritischer Distanz zu diesem Quatsch schwindet.

    Ich weigere mich ab einem bestimmten Punkt inzwischen, darüber Diskussionen zu führen, als reine Notwehrmaßnahme. Das geht nicht auch noch …

    Wenn mich in einer TV-Vorschau als erstes Däniken anschaut, dann hilft nur noch Tee und Haferbrei.

  6. In der FAZ dazu im Interview mit dem Grabungsleiter von Goebekli Tepe, Necmi Karul, zu der Thematik. Er stellt einiges (bewußt) falsch Wiedergegebene richtig.

    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/goebekli-tepe-die-ersten-monumentalbauten-der-welt-18530789.html?premium

    (Paypal)

  7. Das gehört hier überhaupt nicht zum Thema – Entschuldigung! – aber ich wollte mich trotzdem fix für den Tipp mit den unsinkbaren Gummienten bedanken, die im Text erwähnt werden.

    Hab mir Chris Brookmyres Roman gekauft und über die Feiertage verschlungen – herrliches Lesevergnügen! (Wenn auch mit niederschmetternden Wahrheiten drin.)

    Liebe Grüße aus Wales und all den klugen Köpfen hier einen Guten Rutsch.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.