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Unfassbar: Drei Suizide von Patientinnen an psychiatrischer Klinik wegen „Satanic Panic“?

| 10 Kommentare

Wir haben es seit der SkepKon 2018 immer wieder vorausgesagt:

Wenn man nur einmal in die Filterbubble der „Satanic Panic“ hineinsticht, platzt das ganze Konstrukt der Verschwörungsideologie vom „satanistisch-rituellen Missbrauch“ wie eine faule Frucht.

In der Schweiz jagt eine Enthüllung die nächste – in Deutschland wird das Narrativ umso vehementer bei diversen „Fachtagungen“ vertreten.

Jüngster Bericht aus unserem Nachbarland:

Das Gesundheitsamt des Kantons Bern hatte im Mai 2022 eine Untersuchung im Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) angeordnet. Anlass waren Medienberichte über systematischen Zwangsmaßnahmen in der Einrichtung.

Außerdem wurde publik, dass dort mehrere Psychiaterinnen arbeiten, die der sektenähnlichen Kirschblütengemeinschaft angehörten. Der Ärztliche Direktor der Klinik wurde daraufhin im Sommer dieses Jahres entlassen.

Die aktuellen Untersuchungsergebnisse zeigen indes, dass im PZM noch einiges mehr im Argen liegt:

Eine Sekte – die Kirschblütengemeinschaft – sei verjagt worden, in deren Windschatten habe sich aber eine andere, möglicherweise noch gefährlichere Sekte breitmachen können,

berichtet die NZZ.

Gemeint sei damit ein Phänomen,

… das unter dem Begriff „Satanic Panic“ immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hat. Es handelt sich um Patientinnen, die überzeugt sind, Opfer satanistischer Rituale geworden zu sein – und darin von manchen Therapeuten noch bestärkt werden. Das war auch in Münsingen der Fall.

Bei einer auffallend hohen Anzahl von Patientinnen wurde eine „dissoziative Identitätsstörung“ festgestellt, also ein Zustand, in dem zwei oder mehrere Identitäten in derselben Person alternieren sollen. Es ist eine der umstrittensten Diagnosen der Psychiatrie.

Und manche Betroffene haben vermeintliche Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse, die plötzlich wieder hochkommen.

In dem 46-seitigen Bericht der Gesundheitsbehörde heißt es:

Noch einmal die NZZ:

Zwar tauchen die Begriffe „Satanismus“ oder „ritueller Missbrauch“ in den Münsinger Patientenakten nicht auf. Aber immer wieder ist von „Tätern“ die Rede, welche die Frauen entführt, vergewaltigt oder in sadistischen Handlungen missbraucht hätten und sie weiterhin permanent überwachen würden.

Diese Täter würden so raffiniert vorgehen, dass sie keine Spuren hinterliessen. Die Patientinnen seien ihnen wegen emotionaler Abhängigkeit oder manipulativer Techniken ausgeliefert und müssten vor ihnen geschützt werden, so die Überzeugung mancher Therapeuten.

Und das ist schlicht gesagt der Hammer, denn:

Kann man diese Liste auf Seite 25 des Berichts anders interpretieren, als dass es drei Suizide von Patientinnen gab, die von ihren Therapeuten wegen angeblicher „Täterkontakte“ isoliert worden waren?

So direkt formuliert der Gutachter das nicht.

Aber er schreibt:

Therapeutinnen der DID-Intensivpatientinnen glauben, dass die Patientinnen von Tätern und Tätergruppen über lange Zeit ihres Lebens intensiv verfolgt, bedroht, überwacht und misshandelt werden […] Die Patientinnen seien diesen Tätern wegen emotionaler Abhängigkeit, Erpressungen oder wegen manipulativen Techniken (mind control) ausgeliefert.

Die Aufgabe der Therapeutinnen bestehe darin, die Patientinnen vor diesen Tätern zu schützen, z.B. indem sie an sichere Orte gebracht werden. Bei dieser Überzeugung handelt es sich um Vorstellungen, die nach meinem Eindruck wesentlich stärker bei den Therapeutinnen ausgeprägt sind als bei den Patientinnen selbst.

Dass das ein unglaublicher Skandal ist, der weit über die Schweiz hinaus bekannt werden muss, scheint weder dem Gutachter noch den Berichterstattern wirklich klar zu sein.

Zum Weiterlesen:

  • Satanic Panic, Nötigung und überlange Isolation – haarsträubende Zustände an einer der grössten psychiatrischen Kliniken des Landes, NZZ am 22. November 2022
  • Mangelhafte Führung im Psychiatriezentrum Münsingen, srf am 18. November 2022
  • The woman who believed her family was part of a satanic cult, BBC am 29. September 2017
  • Video: „Psycholyse und die Kirschblütengemeinschaft“ im Bayerischen Fernsehen, GWUP-Blog am 18. Oktober 2017
  • „Der Fall Nathalie“: Wie sich ein angeblicher ritueller Missbrauch als Satanic Panic herausstellte, GWUP-Blog am 12. November 2022
  • Wie die DIS-Historie verfälscht wird, dissoziationen.de am 15. November 2022

10 Kommentare

  1. Ich sitze hier wieder mit offenem Mund und kann es nicht fassen.

    Erst einmal ein Kompliment. Eine klasse Recherchearbeit. Für Nora und mich erneut ein Thema, was wir uns zur Brust nehmen.

    Ich frage mich ernsthaft, was hier in D ausbricht, wenn man – wie in der Schweiz – die Blase zum Platzen bringt. Ich mag es mir kaum vorstellen.

    Übrigens – auch wenn man es kaum versteht, dass ausgerechnet ich das sage:

    Man sollte die DIS Diagnose tatsächlich von Grund auf noch einmal unter die Lupe nehmen.

    Die Wissenschaft wird sich damit wohl noch ein bisschen Zeit lassen, Nora und ich aber sind täglich dabei. Es ist eine Mamutaufgabe, jedoch habe ich auch eine ganz persönliche Motivation, diese Diagnose umzukrempeln.

    Ich wünschte, man hätte den Begriff der Hysterie niemals versucht abzuschaffen. Solange man der Hysterie nach ging, hat man sich nach vorne orientiert. Die Wissenschaft hat sich rasant entwickelt. Seit aber aus dem riesigen Spektrum der Hysterie die Dissoziativen Identitätsstörung „erblüht“ ist, entwickelt sich die psychologische Wissenschaft zurück.

    Ein Jammer!

  2. Ich entnehme dem erstmal, dass ich mich bis auf weiteres von Psychologen fernhalten sollte. Ich hab schon bei den letzten 13/14 Mal kein wirklich positiven Erfahrungen gemacht.

    Leider habe ich so meine Schwierigkeiten, bei denen ich durchaus Hilfe gebrauchen könnte.

  3. Supervision versagt, wenn die Supervisoren selbst Supervision dringend brauchen würden.

    Jenseits der Polemik, dafür ist auch das Thema viel zu ernst: Solche Vorkommnisse zeigen doch tatsächlich, dass (zu) viele Therapeuten eben nicht „lege artis“ arbeiten, sondern ihre eigenen Vorurteile in der praktischen PatientInnenarbeit aktiv bestätigen (wollen).

    Das halten sie womöglich auch noch für „wissenschaftliche Erkenntnis“. Habe ich von einem Huber-Fan mal in voller Überzeugung gehört.

    Dabei sollte doch gerade die psychologische Profession stets der Vulnerabilität ihrer Klientel bewusst sein, mehr als jeder Hausarzt.

    Ein Lob der Schweiz, wo sich die Kammer ja zu solchen Praktiken klar abgegrenzt hat. Was hierzulande Stand der Dinge ist, ja, das würde mich auch wohl vom Besuch therapeutischer Sitzungen abhalten.

    Die Crux: Es bedarf gleichzeitig der Ausweitung von Psychotherapieplätzen (was bekanntlich nicht am Mangel an ausgebildeten TherapeutInnen liegt) und andererseits einer Art Bereinigung der Szene und einer Super-Supervision der Kammern, bis hin zum ausdrücklichen Ausschluss bestimmter „Therapie“-Ansätze.

    Stattdessen scheint die reale Situation eher zu sein, dass die Selbstbestätigungsblasen dubioser bis patientenfeindlicher Ansätze hierzulande mehr statt weniger Einfluss gewinnen.

    Insofern ist jede Öffentlichkeit zu diesen Dingen, und sei es im Nachbarland, von großem Nutzen.

  4. Dazu die Realität:

    Kindesmissbrauch und Pädophilie mit Lydia Benecke im „Nachgefragt“-Podcast.

    https://nachgefragt-podcast.de/2022/11/24/ngf57-wissen-kindesmissbrauch-und-paedophilie/

  5. Beim Wort Täterkontakt sträuben sich bei mir mittlerweile die Nackenhaare.

    DIS und (satanisch) rituelle, organisierte Gewalt scheinen automatisch zusammenzugehören. Alle benutzen das gleiche Vokabular, so als hätte irgendeine Fabrik sie produziert.

    Ist es nicht möglich, als Betroffene eigene Worte zu benutzen und nicht nur wie auswendig gelernte Begriffe, Beschreibungen, wie sie in der jeweiligen Fachliteratur stehen?

    Eine DIS ist anscheinend sehr schwer zu diagnostizieren, das können nur speziell geschulte Personen.

    Welcher Psychiater, Psychologe braucht mehrere Jahre, um die Diagnose Depression, Angststörung, Psychose zu stellen?

    Die DIS gilt bei Experten als schwerste Traumafolgestörung, soll im Hippocampus zu Zellminderung führen und dadurch zu Problemen mit Erinnerungen. Das soll man im MRT sehen können. Viele Betroffene durchlaufen aber normal Schule und sogar Studium. Und sie können sogar ganz viele Persönlichkeiten im Gehirn entwickeln, was eine Höchstleistung wäre.

    Wie ist das möglich mit einem geschädigten Hippocampus? Da wäre doch global das Gedächtnis gestört und nicht nur in bezug auf traumatische Erfahrungen, oder?

    Es gibt doch keine Extrazellen für Trauma im Gehirn, oder?

    Eigentlich ist es doch so, dass das Gehirn versucht Energie zu sparen. Ich würde eher ein „Herunterfahren“, sprich Herabsetzung der (Gedächtnis-)Funktionen erwarten und nicht, dass neue „Netze“ von Persönlichkeiten erzeugt werden, die dann einfach nebeneinader herlaufen und man damit schwupp die wupp normal funktionieren kann.

  6. Soviel auch zu der These, dass vermeintliche Missstände in einem Beruf durch Akademisierung beseitigt werden können.

    Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall.

  7. Das macht mich gerade nicht wütend, sondern einfach nur betroffen! Die armen Menschen, die in diese Klinik geraten sind.

  8. @Nicole:

    „Welcher Psychiater, Psychologe braucht mehrere Jahre, um die Diagnose Depression, Angststörung, Psychose zu stellen?“

    Die „jahre-, jahrzehntelange Erfahrung“, die es allein ermögliche, fachlich korrekt und überlegen zu urteilen, ist ein klassisches Totschlagargument „alternativer“ Methoden. Das hört man auch überall bei z.B. Homöopathen (die damit versuchten, Natalie Grams die Kompetenz abzusprechen) oder auch bei Akupunkteuren (wo ausdrücklich dazu geraten wird, sich „erfahrene“ Therapeuten zu suchen).

    Was insgesamt wissenschaftlichem Denken (Objektivierung durch Leit- oder Kernsymptome) Hohn spricht und versucht, die gute (?) alte „Erfahrungsmedizin“ wieder auf die Bühne zu holen.

    Ohnehin besteht die Tendenz, das sehen wir auch bei den Homöopathen, Befindlichkeiten, Alltagszustände, einmalig auftretende Ereignisse und dergleichen zu „pathologisieren“ und der jeweiligen Therapiemethode „zuzuführen“.

    So erweitern z.B. die homöopathischen ADHS-Therapeuten beliebig und schlanker Hand die Diagnosekriterien der Autismusspektrumstörung nach ICD / DSM und verweisen dann auf „Erfolge“ in diesen unmaßgeblichen Erweiterungen.

    In der Tat leisten Zersplitterungen und damit ständige Erweiterungen von Diagnosekriterien, wie sie @Marvel Stella zur Hysterie erwähnt, dem Vorschub.

    Die American Psychiatric Society ist auch schon vielfach dafür kritisiert worden, ich erinnere nur an die massive Ausweitung der Diagnosekriterien für „Trauer“, was nach dem DSM V bereits zwei Wochen (!) nach dem auslösenden Ereignis als pathologisch angesehen werden soll.

    Ähnliches gilt für die Einführung einer Zusatzdiagnose einer „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ als Form einer ADHS.

    In den USA gibt es auch immer wieder Prozesse gegen Scharlatane der Szene, in denen dann zur Rechtfertigung vorgetragen wird, man sei selbst im Besitz fortschrittlichen Wissens und die APA sei eben noch nicht so weit. Mir scheint, eher ist das Gegenteil der Fall.

    @2xhinschauen:

    Word.

  9. Ich habe heute das Gutachten gelesen. Diese Klinik hat ja nun wirklich alles falsch gemacht, was man machen kann.

    Sehr wichtig in dem Kontext ist auch der Bezug zur malignen Regression.

    Zu dem Thema werde ich die Tage auf jeden Fall etwas schreiben, vor allem, weil sich die Dis-Bubble entschieden vom Thema Regression distanziert (kürzlich auf einen privaten Blog wieder gelesen).

    Diese Menschen wissen gar nicht, wie mächtig eine Regression ist/sein kann. Sie denken, dass man sich im Falle einer Regression mal ein bisschen kindisch fühlt und das wars. Das ist, so deren Meinung, ja was ganz anderes, als wenn man „richtige Kinder“ in sich hat.

    Man kann den Leuten noch nicht einmal einen Vorwurf machen. Es sind die (besagten) Therapeuten, die vermitteln, wie echt die Personen im Inneren sind. Das ist wirklich crazy!

    Ganz wichtig ist auch das, was auf Seite 26 im Gutachten steht. Die Betroffenen haben Bindungsstörungen. Und nun fördern Therapeuten die Bindung innerhalb des psychologischen Umfelds, was erhebliche Abhängigkeiten erzeugt. Und was lernen die Betroffenen?

    Ich zitiere:

    Sie «lernen» so, durch dysfunktionalen Handlungen intensiv in Beziehung mit Fachpersonen zu treten und Jeweils innert kurzer Zeit höchste Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.

    Die Trauma-Therapeuten tun genau das, was sie sich von einer Möchtegern-Psychiaterin namens Cornelia B. Wilbur abgeschaut haben. Diese Psychiaterin ist diejenige, die sich in den 70ern mit Flora Rheta Schreiber zusammen tat und das Buch Sybil kreierte.

    Und was predigte die Wilbur damals? Die DIS-Betroffenen benötigen eine Nachbeelterung!

    Fatal ist an der ganzen Sache, dass sogar Putman in den 90er Jahren in seinem Handbuch für Dissoziative Identitätsstörungen das Buch Sybil empfohlen hat und dass man dieses Buch heute noch – unverändert trotz Neuauflage – als Fachbuch betrachtet.

    Ganz klar:

    Therapeuten sind KEIN Ersatz für Eltern und können/dürfen es auch niemals sein. Man kann die Zeit nicht mehr aufholen/nachholen, man kann es durch einen regressiven Marathon NICHT korrigieren! Vor allem nicht bei Menschen, die ohnehin kein kohärentes Ich haben und ständig dissoziieren.

    Die Spaltung wird hier durch maligne Regressionen massiv verstärkt. Davon erholen sich manche Menschen ein ganzes Leben lang nicht!

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