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Satanic Panic: Wie Familien an Falscherinnerungen zerbrechen

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Im NZZ-Podcast „Akzent“ berichtet die Journalistin Aline Wanner von ihren Recherchen über die neue „Satanic Panic“.

Die Folge (zirka 14 Minuten) gibt es auch bei Spotify, Apple Podcasts und Castbox.

Wanner hatte im Mai in der Neuen Zürcher Zeitung über den Fall Cornelia Widmer berichtet, deren Tochter während einer psychiatrischen Behandlung unversehens behauptete, von ihrem Vater in einem satanistischen Zirkel rituell missbraucht worden zu sein.

Im Gespräch mit Nadine Landert erklärt Wanner die Problematik von „eingepflanzten Erinnerungen“:

Ich habe eine Familie gesehen, die sehr zerrüttet ist und stark stark unter dieser Situation leidet – und die ihre Tochter verloren hat.

Ende August veröffentlichte der Schweizer Bundesrat eine Stellungnahme zu dem Thema „satanistischer Verschwörungsmythos in der Psychiatrie“. Darin heißt es:

Dem Bundesrat ist die in den entsprechenden Medienberichten dargelegte Problematik bekannt. Er ist der Ansicht, dass solche Theorien und Falschinformationen bei Betroffenen grossen Schaden anrichten können. Der Bundesrat verurteilt entsprechende Praktiken. Auch die nationalen Verbände der Psychiatrie und Psychotherapie halten fest, dass für missbräuchliches Verhalten im therapeutischen Kontext eine Nulltoleranz gelte.

Der texanische TV-Sender KSAT hat zwei Videos über Melvin Quinney produziert, der 1991 wegen „rituellen Missbrauchs“ zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Hauptbelastungszeuge war sein zehn Jahre alter Sohn John, der sich in mehreren Therapiesitzungen an die angeblichen Taten seines Vaters „erinnerte“.

Quinney wurde 1999 wegen guter Führung vorzeitig entlassen, musste sich aber als Sexualstraftäter registrieren lassen. Im Sommer 2022 widerrief John (Foto) seine damalige Aussage. Die Missbrauchs-„Erinnerungen“ seien ihm von seiner Mutter und anderen Erwachsenen aufgeprägt worden.

Neben Melvin Quinney geht es in dem Film um weitere Opfer der „Satanic Panic“, darunter die Betreiber der McMartin-Vorschule sowie Dan und Frank Keller.

Letztere verbrachten 21 Jahre im Gefängnis, bis sie schließlich 2017 rehabilitiert und mit 3,4 Millionen Dollar vom Staat entschädigt wurden.

Und auch die kanadische Rundfunkgesellschaft CBC hat einen Podcast zum Thema „Satanic Panic“ herausgebracht, in dem es um den Martensville satanic sex scandal in den 1990ern geht.

Throughout the 1980s, Satanic cults were widely believed to be preying on children — torturing and terrorizing them as part of dark rituals. Across North America, there were hundreds of false allegations, scores of unjust criminal trials and countless lives torn apart.

But never any real proof.

By the early 90s, the panic reached the tiny Prairie town of Martensville, Saskatchewan. And nearly 30 years later, the people touched by it all are still picking up the pieces.

Zum Weiterlesen:

  • Podcast: Wenn sich eine Frau nach Jahren erinnert, vom Vater sexuell missbraucht worden zu sein – der schwierige Umgang mit plötzlich erlangten Erinnerungen, NZZ Akzent am 15. September 2022
  • Der Glaube an satanistischen Missbrauch breitet sich in der Schweiz aus, NZZ am 21. Mai 2022
  • Verschwörungsmythen: Der Teufel mitten unter uns, SRF am 16. Dezember 2021
  • Erschreckend: Die Wiederkehr der „Satanic Panic“ in den USA, GWUP-Blog am 17. September 2022
  • Schweizer Psychiater warnen vor „Satanic Panic“ und induzierten Scheinerinnerungen, GWUP-Blog am 20. Juni 2022
  • Video: Q&A mit Lydia Benecke zur Doku „Jetzt reden die Opfer – Satanic Panic in der Schweiz“, GWUP-Blog am 24. Mai 2022
  • SRF-Doku: „Jetzt reden die Opfer“ von induzierten Erinnerungen an satanistisch-rituellen Missbrauch, GWUP-Blog am 17. Mai 2022
  • Explaining satanic panic: South Texas Crime Stories, ksat.com am 18. Oktober 2022
  • Man who accused father of sex assault, satanic worship now seeks his exoneration 30 years later, ksat.com am 17. Juni 2022
  • Videovortrag mit Lydia Benecke: Ritueller Missbrauch, Satanic Panic, falsche Erinnerungen, GWUP-Blog am 1. November 2020
  • Paranoia, dissoziationen.de am 2. Oktober 2022
  • Bernd Harder über „dissoziationen.de“, dissoziationen.de am 16. Oktober 2022

7 Kommentare

  1. Gerade habe ich zufällig einen Beitrag der Uniklinik Freiburg zum Thema Dissoziation (inkl. Dissoziative Identitätsstörung, DID) entdeckt, in dem auch von „DID als Folge ritualisierter Gewalt“ die Rede ist.

    Den Vortrag gibts unter dem Titel „Seele – Körper – Geist: Dissoziation als Überlebensstrategie“ auf YouTube.

    Was ist davon zu halten? Dort wird davon gesprochen, dass DID sozusagen „programmiert“ bzw. bewusst herbeigeführt werden könne und eine Verknüpfung zu Pädokriminalität & Co. hergestellt.

    Es ist natürlich unstrittig, dass es Pädokriminalität gibt und in diesem Kontext Kinder durch Einzeltäter auch für deren Zwecke manipuliert werden. Aber inwieweit das etwas mit einer (bewusst herbeigeführten) dissoziativen Identitätsstörung zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht wirklich.

  2. @ Ben: ab Zeitmarke 53:01. – Die Referentin ist Mitglied des Trauma Instituts Mainz (https://traumainstitutmainz.de/gegen-rituelle-gewalt), welches auch auf den bei Dissoziationen kritisch behandelten Verein „Lichtstrahlen Oldenburg e.V.“ verlinkt. Klingt zumindest zweifelhaft.

  3. Ich verweise auf die Seite dissoziationen.de.

    Da gibt es einige Artikel zum Thema, aus denen hervorgeht, dass man eine DIS nicht jemandem „einprogrammieren“ kann, z.B.:

    https://dissoziationen.de/news/verschwoerungstheorien-im-fachbuch/

  4. In diesem Zusammenhang vielleicht ebenfalls interessant und zum Reinhören geeignet, wenn auch schon etwas älter:

    Die Zeit – Verbrechen
    „Wie das Jugendamt den ahnungslosen Müllers ihr Kind entriss“ (17.07.2018, Dauer: 42 Minuten)

    https://castbox.fm/episode/Wie-das-Jugendamt-den-ahnungslosen-M%C3%BCllers-ihr-Kind-entriss-id1375948-id85631086

    In diesem Fall war eine Nachbarin suggestiv beteiligt und es ging um angeblichen „normalen“ (sexuellen) Missbrauch … ganz ohne Satanismus, aber wieder typisch was solche Therapeuten betrifft.

    Mich würde es freuen, wenn die deutsche Politik sich ebenfalls klar gegen solche Behauptungen positionieren würde anstatt Arbeitsgruppen zu finanzieren, die diesen Mist weiter kultivieren.

  5. @Ben

    Es ist nicht möglich eine DIS intentional zu erzeugen; das ist lediglich eine Behauptung im Rahmen der Mind Control-Narrative, die innerhalb der SRA-Verschwörungsszene kursieren.

    Gelegentlich wird auch behauptet oder gemutmaßt, die ominösen Tätergruppierungen könnten, zusätzlich zur DIS bzw. als deren Basis, eine Autismus-Spektrum-Störung bei ihren Opfern absichtlich hervorrufen, um diese dann zu irgendwelchen Zwecken für ihre angeblichen Programmierungen zu nutzen. Auch das ist so nicht möglich.

    Auf der von Bernd Harder verlinkten Website und über die Links unter den Einträgen zur Satanic Panic hier im Blog wirst du eine Vielzahl von Informationen zur DIS und zum SRA-Verschwörungsmythos finden.

    Hohe Wirkungsgrade beim Durcharbeiten!

  6. Der «Fall Nathalie» – die Hölle im Kopf
    Die Geschichte von Nathalie entsetzte: Ein kleines Mädchen, das vom eigenen Vater missbraucht worden sein soll. Was dahintersteckt.

    https://www.tagesanzeiger.ch/der-fall-nathalie-die-hoelle-im-kopf-734515579503

    «Es gibt Therapeuten, die Patientinnen Ideologien überstülpen»
    Die Schweiz im Griff einer Verschwörungs­erzählung. Psychiater Frank Urbaniok erklärt die Mechanismen dahinter.

    https://www.tagesanzeiger.ch/es-gibt-therapeuten-die-patientinnen-ideologien-ueberstuelpen-402136272389

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